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Leselupe.de > Erzählungen
Ein dreister Coup
Eingestellt am 10. 09. 2007 17:15


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Raniero
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Ein dreister Coup

„Und nun meine Damen und Herren“ lächelte Carmela Tomer, die charmante Moderatorin des lokalen Fernsehsenders in die Kamera, „erreicht uns soeben noch eine etwas ungewöhnliche Meldung über eine dreiste Tat, die sich vor gut einer Stunde in einem südlichen Stadtbezirk zugetragen hat.
Nach Informationen der Polizei wurde heute Morgen gegen zehn Uhr einer älteren Dame die Handtasche geraubt.
Entsprechend den ĂĽbereinstimmenden Aussagen mehrerer Tatzeugen wurde die Frau, als sie im Begriff war, eine StraĂźe zu ĂĽberqueren, von hinten von einem Motorroller gestreift, wobei ihr der Fahrer des Rollers im Vorbeifahren die Handtasche entriss.
Hierbei stürzte das Opfer zu Boden, zog sich zum Glück aber keine äußeren Verletzungen zu. Dennoch erlitt die Frau einen leichten Schock und wurde daher vorsorglich in ein Krankenhaus eingeliefert.
Bei dem Täter soll es sich um eine männliche Person im Alter von“ hier stockte die Stimme der Fernsehmoderatorin und kam ins Stottern, „im Alter von – wenn ich das hier richtig lese – von schätzungsweise fünfundneunzig Jahren handeln.“
„Weitere Tatzeugen“ fuhr die Moderatorin fort, wobei sie krampfhaft bemüht war, nicht vor Lachen loszuplatzen, „sagten aus, dass der unbekannte Täter ungefähr zweihundert Meter hinter dem Tatort sein Zweirad zu stehen brachte, die Handtasche durchwühlte, irgend etwas entnahm und die Tasche danach zu Boden schleuderte.
Anschließend drehte er sich kurz zu seinem Opfer um, wobei einige Zeugen ein höhnisches Lächeln bei ihm bemerkt haben wollen, und fuhr mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Stadtmitte davon.
Aufgrund dieser Tatsache, so die zuständige Staatsanwaltschaft, läge eine einigermaßen brauchbare Personenbeschreibung vor, nach der im Laufe des Tages eine Phantomzeichnung angefertigt werde.
DarĂĽber hinaus, so die Staatsanwaltschaft weiter, wĂĽrde die GroĂźfahndung nach dem FlĂĽchtigen landesweit ausgedehnt.
Meine Damen und Herren“, verabschiedete sich die Fernsehdame mit überaus gewinnendem Lächeln, „das wär’s für den Moment. Wir halten Sie selbstverständlich über die weitere Entwicklung in diesem Fall auf dem Laufenden.“


Die Nachricht von dem ungewöhnlichen Handtaschenraub schlug ein wie eine Bombe, bei alt und jung gleichermaßen, in der Stadt wie auch in den benachbarten Regionen.
Bei den Alten vor allem deshalb, weil viele von ihnen an der heutigen Jugend kein gutes Haar ließen und das bekannte Vorurteil pflegten, zu ihrer Zeit sei alles besser gewesen, und nun das; ein fünfundneunzigjähriger Handtaschenräuber, dazu noch motorisiert!
Die Jungen hingegen zeigten sich fasziniert darüber, dass einer von der älteren Generation, die ihnen im Allgemeinen nur Vorhaltungen mache, mit diesem Überfall allen zeige, dass kriminelle Energie auch im biblischen Alter vorhanden sein könne.
Manch einer der frustrierten Kids brach gar in wahre Begeisterung aus:
„So einen Opa hätte ich auch gerne“, während die lokalen Printmedien eine Sondermeldung herausbrachten, mit der Überschrift:
‚Opa Cool; der dreisteste Räuber der Stadt!’


Bereits zwei Stunden später wartete die gleiche Moderatorin des Lokalsenders mit dem gleichen gewinnbringenden Lächeln mit neuen Erkenntnissen über die Missetat, welche die Stadt in Atem hielt, auf:
„Meine Damen und Herren, im sogenannten Fall ‚Opa Cool’ gibt es offenbar neue Erkenntnisse.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft handelt es sich bei dem Opfer des Handtaschenraubes um die zweiundneunzigjährige Hausfrau Herlinde S., wohnhaft im Süden unserer Stadt.
Wie die Staatsanwaltschaft weiter ausführt, hat Herlinde S. mittlerweile ihren Schock weitgehend überwunden und war auch schon zu einer Aussage gegenüber den ermittelnden Beamten, die sie im Krankenhaus aufgesucht hatten, bereit. Zum Tathergang selbst konnte sie nichts sagen, da der Unhold sie von hinten angegriffen habe, doch beim Durchsuchen ihrer Handtasche, die der Räuber zurückgelassen hatte, stellte sie sofort fest, dass vom Inhalt nichts fehlte, außer ihrem Schlüsselbund für Haus und Wohnung.
Bei dieser Mitteilung, so die offizielle Verlautbarung weiter, hätten die Beamten die Befragung sofort abgebrochen und seien sofort, um Schlimmeres zu verhindern, aufgebrochen; im Moment befänden sie sich, verstärkt durch eine Hundertschaft von Polizisten, auf dem Weg zu der Wohnung der Geschädigten.
Das, meine Damen und Herren, ist der aktuelle Stand der Dinge.
Um Sie weiterhin unmittelbar auf dem Laufenden zu halten, sind wir im Moment im Begriff, vor dem Haus des Opfers eine Standleitung einzurichten, und mein Kollege Klaus Sahm wird Sie, liebe Zuschauer, sobald es etwas Neues gibt, sofort von da aus life unterrichten.
Hier im Studio aber haben wir unterdessen eine kleine Ad hoc Kommission von Spezialisten, so möchte ich diese einmal bezeichnen, eingeladen, die vielleicht Auskunft auf die Frage geben kann, die uns wohl allen am meisten unter den Nägeln brennt, die Frage, die da lautet:
Wie kommt ein fünfundneunziger Greis dazu, einer unschuldigen Frau die Handtasche zu entreißen?“




Sofort nach dieser AnkĂĽndigung setzte eine lebhafte Diskussion ein, unter den Experten, wobei zuerst der Hinweis auf die allgemeine demographische Entwicklung ins Spiel gebracht wurde.
Bezug nehmend darauf vertrat einer der Teilnehmer die These, dass eine solche Tat ja geradezu vorhersehbar war, weil dem stetig steigenden Anteil älterer Zeitgenossen im Lande immer weniger vernünftige Beschäftigungen geboten würden.
Ein anderer Fachmann nahm diesen Gedanken auf und rechnete hoch, in wie viel Jahren man mit Handtaschenräubern rechnen könnte, die bereits die Hundert überschritten hätten, während ein dritter dafür plädierte, aus diesem Grunde den Personen über neunzig, zumindest den männlichen unter ihnen, dauerhafte Fahrverbote für Motorroller zu erteilen.
Ein besonders pfiffiger Experte der Runde aber hielt sich gar nicht erst lange mit der Ursachenforschung auf, sondern bezeichnete den Handtaschenraub geradezu als genialen Coup, wenn auch unter anderem Vorzeichen:
„Wer, meine Herrschaften“ richtete er das Wort in die Kamera, „käme schon auf eine so verrückte Idee, einen derart betagten Mann als Lockvogel einzusetzen, denn das ist er ja wohl, nach Lage der Dinge. Jawohl, ich wiederhole es ungeniert, für mich ist dieser Alte der Lockvogel einer größeren Diebesbande; Sie werden sehen, wenn die Polizei in der Wohnung eintrifft, ist die Bude längst leer geräumt. Stellt sich für mich nur noch die Frage, ob die Drahtzieher nicht sogar noch älter sind, als der Lockvogel selbst…“
Sodann richtete die Expertenrunde ihr Augenmerk auf die ungewöhnliche Tatsache, dass der hoch betagte Gangster darüber hinaus die Kaltblütigkeit besaß, unmittelbar nach dem Raub, noch in Sichtweite des Tatortes anzuhalten, um in aller Ruhe die Beute zu durchsuchen.
Auch hierfür hatte der pfiffige Experte bereits eine Erklärung parat.
„Ja, meine Damen und Herren, was will uns der Räuber mit dieser Geste sagen, mit einer Geste, die er noch mit einem höhnischen Lächeln unterstrich? Die Erklärung liegt auf der Hand. ‚Seht alle her, ich bin noch längst nicht abgeschrieben, ich bin noch da! Die Generation Silber lebt!’ Das will er uns damit sagen, eindeutig und stellvertretend für eine ganze Bevölkerungsgruppe, die so manche, und da denke ich nicht nur an die Politiker aller Couleurs, am liebsten abschreiben möchte.“

Plötzlich wurde die Diskussion im Studio durch eine Regieanweisung aus dem Hintergrund unterbrochen.
„Meine Herren“ sagte die offensichtlich nervös gewordene Moderatorin, „soeben erhalten wir die Nachricht, dass sich vor Ort etwas tut.“



Sogleich wurde zur AuĂźenaufnahme hinĂĽbergeschaltet, und die Kamera zeigte vor dem Haus, in welchem sich die Wohnung des Opfers befand, eine Hundertschaft von bewaffneten Polizisten in akuter Bereitschaft.
Auf den umliegenden Dächern waren Scharfschützen postiert.
Des weiteren standen einige Notarztwagen bereit, und zusätzlich hatte man noch einige Rollstühle herbeigestellt, da man unter den Hintermännern des Coup einige Personen vermutete, die noch älter als der eigentliche Räuber selbst seien könnten.

„Hallo Carmen, hallo liebe Zuschauer daheim an den Bildschirmen“ schrie der Außenreporter ins Mikrofon, „wie ich soeben vom Einsatzleiter der Polizei erfahren habe, steht die Erstürmung des Gebäudes, in dem der Handtaschenräuber sowie weitere Hintermänner vermutet werden, in Kürze bevor. Noch ein allerletztes Mal aber soll den Gangstern eine Möglichkeit gegeben werden, sich freiwillig zu stellen.“
Gleich darauf hörte man über Lautsprecher eine barbarisch klingende Polizeistimme, die einen letzten Appell an die Vernunftbereitschaft der mutmaßlichen Diebesbande richtete:
„Hier spricht die Polizei. Das Gebäude ist umstellt. Jeder Fluchtversuch ist zwecklos. Geben Sie auf und kommen Sie heraus, mit erhobenen Händen!“
Doch auch dieser Appell verhallte ungehört.

Schon wollte der Einsatzleiter zum Sturm blasen, als sich plötzlich der gesuchte Fünfundneunzigjährige an einem Fenster im Obergeschoss zeigte:
„Wollen Sie etwas von mir“ rief er mit piepsiger Greisenstimme und hielt einen Schlüsselbund sichtbar in die Höhe, „suchen Sie den vielleicht? Das ist mein Schlüsselbund. Jedes mal, wenn sie ausgeht, meine Herlinde, steckt sie ihn ein, aus Versehen, wie sie immer sagt, aber ich glaube ihr das nicht mehr. Diesen Denkzettel“ verzog der Alte sein Gesicht zu einem höhnischen Grinsen, „den hat sie wirklich verdient. Hahaha.“

Während Polizei und Staatsanwaltschaft unverzüglich die Erstürmung des Hauses abbrach und auf weitere strafrechtliche Maßnahmen verzichtete, löste sich ebenso schnell die Expertenrunde im lokalen Fernsehsender auf.
Die Fernsehmoderatorin Carmen Tomer aber, so wurde später berichtet, erlitt einen mittelgroßen Schock, da sie in dem Gesuchten ihren eigenen Tanzpartner aus dem Salsakurs erkannt habe.

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