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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Ein geregeltes Leben und was daraus werden kann
Eingestellt am 03. 08. 2001 22:58


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Jean-Claude
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2001

Werke: 14
Kommentare: 2
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Der f├╝nfte Schl├╝ssel am Bund

Um Punkt siebzehn Uhr drei├čig verriegelt Ludwig G├╝bler die Schreibtischschublade und verl├Ąsst, wie schon seit zwanzig Jahren, die Debitorenabteilung um genau siebzehn Uhr f├╝nfunddrei├čig.
Bevor er aber das Gesch├Ąft verl├Ąsst, wirft er einen kritischen Blick in den Spiegel der Herrengarderobe. Er durchk├Ąmmt seine aalglatten, mit Brillantine behandelten Haare, bis der Seitenscheitel einwandfrei sitzt, schn├╝rt den Mantelg├╝rtel seines lehmfarbenen Regentrenchcoats ganz eng und f├Ąhrt schlie├člich mit den H├Ąnden ├╝ber seine transparente Gesichtshaut, um zu pr├╝fen, ob da nicht kleine Stoppeln seine glatte Rasur vom Morgen ruinieren.

Mittwochs ist Einkaufen angesagt. Das ist ein eisernes Naturgesetz, von dem sich Ludwig nicht einmal durch dringende Auftr├Ąge des Abteilungsleiters abwenden l├Ąsst. Nach den t├Ąglichen Kontrollen seines Aussehens und seiner Kleidung, verl├Ąsst er endg├╝ltig das Gesch├Ąft und besteigt den Bus. Es ist genau siebzehnuhrf├╝nfundvierzig.
Zum Gl├╝ck ist sein angestammter Platz, hinter dem Busfahrer noch frei. Es ist der Ort im Bus, an welchem er sich nicht abgelenkt f├╝hlt. Direkt hinter dem Busfahrer kann er sich am besten konzentrieren; Keine Fahrg├Ąste w├╝rden ihn bei der Lekt├╝re der Tageszeitung st├Âren. Eine Viertelstunde Fahrt, bis zum kleinen Laden von Frau Kramer.
Um achtzehn Uhr betritt er Frau Kramers Laden. Es sieht so aus, als w├╝rde die gute Frau schon seit f├╝nf Minuten hinter dem Ladentisch stehen und auf Ludwig warten.
ÔÇ×Guten Tag Herr G├╝bler. Ich habe ihre Einkaufst├╝te, genau wie sie es w├╝nschen zusammengestellt.ÔÇť
ÔÇ×Guten Tag! Was bin ich ihnen schuldig?ÔÇť Ludwig verliert keine Zeit mit nutzlosen Gespr├Ąchen, wie er das nennt. Er ├Âffnet den Geldbeutel, mit dem genau abgez├Ąhlten Betrag und dem Einkaufszettel f├╝r die n├Ąchste Woche, ├╝berreicht alles ÔÇô Geld und Zettel ÔÇô Frau Kramer, schnappt sich die T├╝te und verl├Ąsst den Laden.
Frau Kramer ist nicht ├╝berrascht, denn schon seit zwanzig Jahren kennt sie ihn. Sie wei├č genau, dass jeder Kunde anders ist. Manche plappern gerne und w├╝rden den ganzen Vormittag im Kr├Ąmerladen verbringen und andere sind einsilbig wie Herr G├╝bler. In all den Jahren hat sie gelernt, auf die Wehwehchen ihrer Kundschaft einzugehen. Sie h├Ârt einfach den Geschichten zu, gibt aber niemals gute Ratschl├Ąge.
Ludwig biegt in die Blumenackerstrasse ÔÇô wo sich seine bescheidene Dreizimmerwohnung befindet ÔÇô, gr├╝belt nach den Hausschl├╝sseln in der Aktentasche und ├╝bersieht dabei seinen Nachbarn, der kopfsch├╝ttelnd seiner Wege geht, weil Ludwig ihn erst gar nicht beachtet hat. Fas wie Frau Kramer k├╝mmert er sich nicht um die Geschehnisse im Haus. Obwohl das Haus nur drei Mietparteien beherbergt, kennt Ludwig die Namen nur von den Briefkastenbeschriftungen. Klar, er hat die Namen gut studiert, k├Ânnte aber konkret keinen Namen mit Gesichtern verbinden. Er ist zu sehr mit sich und seinem Leben besch├Ąftigt, als dass er sich auch noch mit den Problemen anderer befassen k├Ânnte. Er begegnet allen mit Respekt ÔÇô abgesehen davon, dass er mal vergisst, jemanden zu gr├╝├čen -, aber dann hat sichÔÇÖs.
Die Wohnung wird jeden Samstag feins├Ąuberlich gereinigt. In Teppichen, so sagt Ludwig, w├╝rden sich nichts als Staub, Schaben und Milben niederlassen. Alles Krankheitserreger, denen man besser aus dem Wege geht. Das war nicht immer so, denn vor einiger Zeit hatte Ludwig noch echte Orientteppiche, aus dem Iran, China, aus Baku, Dagestan und selbstverst├Ąndlich anatolische Teppiche in seiner Wohnung; bis er - an einem Samstag - frohgemut mit dem Staubsauger ├╝ber einen der Perser fuhr und im Sonnenstrahl, der sich in die Wohnung verirrte, eine gro├če Wolke Staubpartikel aufwirbelte. Noch am gleichen Tag sammelte Ludwig alle Teppiche ein, und warf sie im Hinterhof in den Abfallcontainer. Er h├Ątte die Teppiche auch nicht verschenkt, denn schlie├člich wollte er niemanden damit schaden.
Bevor er nun den Mantel auszieht entledigt er sich seiner Lederschuhe und schl├╝pft in die warmen Hauspantoffeln, damit er den gebohnerten Parkettboden nicht verunreinigt. Danach knipst er in der ganzen Wohnung das Licht ein. Bei diesem Rundgang, durch sein Reich, legt er die Hausschl├╝ssel und die Tageszeitung auf den Clubtisch im Wohnzimmer, zieht sich um, r├Ąumt die Eink├Ąufe gezielt und ordentlich an die daf├╝r vorgesehenen Pl├Ątze und bereitet sich das Abendessen zu. Nicht nur jeder Schritt in der Wohnung ist berechnet, nein, jedes Gramm ist berechnet und stimmt genau mit den Vorgaben im dicken Kochbuch, das er von seiner Mutter vor nun zwanzig Jahren, zum drei├čigsten Geburtstag erhielt. Notgedrungen! Ja, das Kochbuch ist ein altes Familienst├╝ck, das von einer Generation zur anderen weitergegeben wurde und da Ludwig der einzige Junge in der G├╝blerschen Sippschaft war, der noch f├╝r Nachfolger sorgen konnte, ├╝bergab ihm seine Mutter ÔÇô zwar mit geteilten Gef├╝hlen, aber der Tradition gehorchend ÔÇô das gute alte Rezeptbuch. Die G├╝blers taten sehr viel, einfach brav gehorchend, auch wenn durch den Akt eindeutig ein Nachteil daraus entstand. Sie war ├╝berzeugt, dass hier bei ihrem Sohn, eine alte Tradition abbrechen w├╝rde und das Buch eines Tages auf irgendeinem Tr├Âdlermarkt seinen weiteren Weg gehen w├╝rde. Das letzte Drittel des Rezeptbuches bestand aus leeren Seiten, in welche jede Generation, auch Ludwigs Mutter, ihre neuen kulinarischen Errungenschaften eintrugen, so dass eine ziemlich gro├če Sammlung an Rezepten ├╝ber all die Jahre zusammenkam.
Ludwig hat so seine Lieblingsrezepte: Preiselbeerauflauf oder gratinierte Zwiebelsuppe aber auch ein Schweinskotelett mit Bier-K├╝mmel-Sauce schmecken ihm ganz gut. Nur einfach mussten die Kochanleitungen sein. Schnelle Zubereitung ist f├╝r Ludwig das Wichtigste. Er hat keine Zeit, oder will keine Zeit f├╝r aufwendige Rezepte verschwenden. Also, kein ÔÇ×Kalbsfilet mit Basilikums├Â├čle und Tomatensp├ĄtzleÔÇť wie es in einem von Mutters Rezepten stand; Zubereitungszeit, mindestens vierzig Minuten. Da h├Ątte er Lorbeer, Nelken, Thymian, Knoblauch, Lauchstange, M├Âhren, Sellerie, Petersilienwurzel, Schalotten, Cr├Ęme fra├«che, badischen Riesling und nat├╝rlich Kalbsfilet kaufen m├╝ssen. Nie w├╝rde er eine solch exorbitante Sammlung an Gem├╝se, kalorienreichen Milchprodukten und Alkohol nach Hause schleppen wollen, nein, da blieb er ganz einfach bei einer Omelette mit Schnittlauch, so wie heute Abend. Trotz der Einfachheit ist zur Zubereitung f├╝r Omeletten schickliche Gewissenhaftigkeit angebracht. Nein, da darf man nicht einfach schlampen. Zum Essen gibt es dann ein Glas k├Âstlichen Burgunder Sp├Ątlese trocken, der einzige Wein, den Ludwig an Vorrat in seinem Keller gelagert hat.
Nach dem Abendessen und Abwasch schaut Ludwig - wie jeden Abend - die Tagesschau. Pflichtgetreu, immer auf dem gleichen staatlichen Kanal. Also, er bildet sich ein, es sei seine Pflicht und schlie├člich bezahlt man daf├╝r auch noch Steuern. Meist konzentriert er sich auf den Sprecher. Sprecherinnen, findet er, geh├Âren nicht in die Tagesschau, da Politik etwas f├╝r M├Ąnner sei. Was sollen sich Frauen mit diesen schweren Themen auseinandersetzen, von denen sie sowieso nichts verstehen? Bei solchen Gedankenspr├╝ngen verliert er sich leicht in einem Gewirr von Unordnung in seinem Kopf, dass er dann nur noch den Fernsehapparat ausschalten kann und geschlagen ins Bett f├Ąllt. Damit es aber gar nicht dazu kommt, muss er sich besonders auf den Bericht konzentrieren.
Nachdem der Sprecher seine Themen pr├Ąsentiert hat, und die Tagesschau von l├Ąstiger Werbung abgel├Âst wird, reflektiert Ludwig noch vor sich hin. Was heute auf dieser Welt alles geschieht! War es denn fr├╝her nicht doch besser? Man kann sich ja kaum mehr auf die Strasse wagen, ohne ausgeraubt oder attackiert zu werden. Fr├╝her hatte man einfach mehr Ehrfurcht vor den Menschen; da galt der einzelne noch etwas. Aber heute ist alles so kurzlebig und wertlos geworden. Trotzdem muss jeder Mensch selber an seinem Befinden arbeiten, heute mehr denn je; Und wenn er sich in seiner Haut nicht wohlf├╝hlt, dann ist er eben selber schuld. Bei solchen Gedanken sitzt Ludwig angespannt auf dem Sofa vor dem Clubtisch und spielt mit irgendeinem Gegenstand, den er gerade auf dem Tischchen findet. Es befinden sich zwar nicht viele Gegenst├Ąnde auf dem Tisch, aber irgendetwas gibt es immer. Sein Schl├╝sselbund. Seine Handinnenfl├Ąche ist wegen der angespannten Betrachtung schon ganz feuchtklebrig geworden, und jeder Schl├╝ssel wurde schon einzeln durchgequetscht und begutachtet. Doch, pl├Âtzlich bemerkt er, dass ein Schl├╝ssel nicht an seinen Schl├╝sselbund geh├Ârt, oder, dachte er das blo├č? Das kann doch nicht sein! Da ist der Haus-, der Briefkasten-, der Fahrrad- und der Garderobenschl├╝ssel vom Gesch├Ąft. Was ist denn der f├╝nfte Schl├╝ssel? Noch einmal geht er alle durch, aber er findet kein Schloss, dass zu dem f├╝nften Schl├╝ssel geh├Ârt. Ich muss mich einfach besser konzentrieren, denkt er. Wenn er sich intensiv konzentrieren will, hat er einen Trick. Er holt sich ein frisches Glas Sprudelwasser. Andere Leute stecken sich eine Zigarette oder etwas S├╝├čes in den Mund, wenn sie sich konzentrieren wollen oder eine Aufgabe erledigen m├╝ssen, die besondere Aufmerksamkeit von ihnen abverlangt. Aber nicht Ludwig! Klares Wasser sorgt f├╝r klare Gedanken. Quellwasser sprudelt aus eigener Kraft zwischen den Steinen hervor, tritt mit immanenter Kraft ans Sonnenlicht; trotz dieser Wucht und nat├╝rlichen M├Ąchten, bewahrt es Reinheit, Klarheit und seine Frische ÔÇô solange der Mensch nicht Hand anlegt! Ludwig verfolgt, in auswegslosen Situationen, den Weg zum Ursprung des Wassers zur├╝ck. Die reinigende Kraft, die zarte Frische seines Duftes und die Weichheit von tausend pflegenden H├Ąnden haben nicht nur Kneipp beeindruckt, nein, auch Ludwig ist von der Kraft des Wassers ├╝berzeugt; wie es sich den Weg durch schier unbezwingbare Gesteinsbrocken bahnt; Zeit spielt ├╝berhaupt keine Rolle! Genau! Zeit spielt keine Rolle und ich werde den Weg des Schl├╝ssels zur├╝ckverfolgen, bis ich genau wei├č woher er kommt. Also, besorgt er sich welches.
Wo mag er blo├č den Schl├╝ssel her haben? Minuzi├Âs durchst├Âbert er alle Gegebenheiten, alle Erlebnisse der letzten Tage ÔÇô es sind nicht sehr viele, denn Ludwig hat einen systematischen Alltag, einen geplanten Rhythmus. Trotz dieses unverr├╝ckbar ├╝bersichtlichen Einerleis, was sein Leben ist, findet er nichts, dass ihm die Existenz dieses verflixten Schl├╝ssels an dem Bund rechtfertigen k├Ânnte.
V├Âllig aufgebracht und verzweifelt geht er um einundzwanzig Uhr f├╝nfundvierzig zu Bett, denn das geh├Ârt auch zu seiner Regelm├Ą├čigkeit. Er ist ├╝berzeugt, dass der Mensch den ges├╝ndesten Schlaf immer zwei Stunden vor Mitternacht findet, das sei der segensreichste und heilkr├Ąftigste Schlaf; Irgendwie steht das im direkten Zusammenhang mit der Konstellation der Gestirne; hat er einmal in einem Buch gelesen. Aber heute ist das f├╝r ihn nicht der Fall. H├Ątte er blo├č f├╝r einmal statt des Wassers ein Glas Himbeergeist getrunken, dann l├Ąge er jetzt durch den Alkohol bet├Ąubt im Bett und k├Ânnte schlafen.
Schon Mitternacht vorbei, und er hat noch kein Auge geschlossen. Ludwig w├Ąlzt sich von einer Seite auf die andere. Sein Herz pocht in der Brust, und seine Gedanken rasen durch das Hirn, als kommunizierten alle hundert Milliarden Nervenzellen gerade jetzt miteinander und sie wollten damit nicht aufh├Âren. Bilder von Schl├╝sseln, von Schl├Âssern, von verschlossenen T├╝ren berieseln ihn in seiner n├Ąchtlichen Hilflosigkeit. Alles t├╝rmte sich vor seinen Augen auf. Die m├Ąchtigen Tore, die ihm jeden Einlass verweigerten, und alle schmalen Durchl├Ąsse scheinen sich gegen ihn verschworen zu haben. Seine d├╝nnen Glieder, die knochigen H├Ąnde mit seinen spitzigen Fingern, sein ganzer asthenischer K├Ârper ist von jeder Kraft beraubt. Mit aller Kraftanstrengung versucht sich Ludwig aus dem b├Âsen Traum zu befreien, in den er schutzlos gefallen ist. Er ist angekettet. Tonnenschwere Last dr├╝ckt ihn tief in die Matratze nieder. Doch pl├Âtzlich schnellt sein schwei├čgebadeter Oberk├Ârper hoch, und aus seinem trockenen Mund entweicht ein panisches ÔÇ×NeinÔÇť. Ludwig schnappt nach Luft; jemand hat ihm die Kehle zugeschn├╝rt, hat ihn gew├╝rgt. Seine Glieder zittern. Er erhebt sich und will in der K├╝che ein Glas Wasser holen. Nein, blo├č kein Wasser! Vier Uhr. Noch nie hatte er getr├Ąumt und noch nie kam es vor, dass er mitten in der Nacht erwachte. Meist schlief er traumlose N├Ąchte durch, und meist erhob er sich erholt und frisch f├╝r den neuen Tag. Aber eines war jetzt sicher, er w├╝rde nicht mehr ins Bett gehen. Er durfte sich nicht mehr hinlegen. Nein, er w├╝rde ganz klar und deutlich den f├╝nften Schl├╝ssel an seinem Bund demaskieren k├Ânnen. Es brauchte nur ein bisschen Konzentration. Er wusste, dass hinter allem eine erkl├Ąrbare, plausible Wahrheit steckt; seine Gedanken waren im Moment einfach getr├╝bt und gel├Ąhmt, er musste einfach eine Viertelstunde warten, bis sein Gehirn wieder auf Rationalit├Ąt schalten konnte. Aber wieso sollte er eine L├Âsung herbeisuchen? Ja, gibt es ├╝berhaupt eine? Es gibt, und es wird kein passendes Schloss geben, das ist doch klar. Ludwig wei├č was er besitzt, kann immer alles zu ordnen und wieso sollte es pl├Âtzlich nicht mehr so sein! Es kann nur ein Versehen sein, oder irgend jemand hat ihm einen schlechten Scherz gespielt und den Sch├╝ssel an seine Bund geh├Ąngt. Vielleicht ist es ein Versehen und jemand vermisst jetzt den Schl├╝ssel. Vielleicht kann der Besitzer jetzt auch nicht schlafen und sucht verbissen nach dem Schl├╝ssel?
Dass Ludwig aber so vernunftwidrige Gedanken hegt, ist ihm unverst├Ąndlich, denn Irrationalit├Ąt hatte bislang keinen Raum in seinem Buchhalterleben. Sein Leben war eher eine Gleichung mit einer Unbekannten. Es war genau und berechenbar zu gleich. Ein physikalisches Gesetz. Und jetzt? Ein gew├Âhnlicher Schl├╝ssel konnte es in einer Nacht aus seinen gewohnten Bahnen werfen. Das durfte einfach nicht sein. Ludwig war bereit zu k├Ąmpfen. Er w├╝rde einfach nicht mehr schlafen gehen und nachdenken.
Zwar ging Ludwig nicht mehr schlafen, aber er war alles andere als frisch und erholt, als er um f├╝nfuhrdrei├čig seine Wohnung verlie├č. Gedankenversunken eilte er zur Bushaltestelle und war sich nicht mehr sicher, ob er seine Wohnungst├╝r verriegelt hatte? Ich wei├č es ganz einfach nicht mehr genau. Komisch, sonst geh├Ârt er doch nicht zu den Menschen, die immer noch einmal pr├╝fen, ob die T├╝r wirklich verriegelt ist, nachdem sie den Schl├╝ssel gedreht haben.
ÔÇ×Herr G├╝bler, wieso haben Sie die Rechnung von Klein & S├Âhne noch nicht abgebucht?ÔÇť Herr Dinkernagel, der Abteilungsleiter stand mit gehobenem Zeigefinger vor im und fuchtelte heftig mit einer ├ťberweisungsbest├Ątigung in der linken Hand. J├Ąhlings fuhr Ludwig aus seinen Gr├╝beleien auf. Das war ihm doch noch nie passiert. Er hatte einfach vergessen, die bezahlte Rechnung auszubuchen. Ein solches Fehlverhalten, k├Ânnte ihm die Arbeitsstelle kosten. Das war unverzeihlich, nun wird die Firma seinetwegen eine Mahnung erhalten. Das w├Ąre doch alles nicht so schlimm, wenn er nur w├╝sste, was mit dem f├╝nften Schl├╝ssel los war. Er wollte seine Arbeitskollegin fragen; man wei├č ja nie, vielleicht geh├Ârt er ihr.
ÔÇ×Na, klar! Das ist doch... ja, nat├╝rlich. Das ist der Schl├╝ssel zu meinem G├Ąstezimmer. Wo hast du ihn denn her?ÔÇť
ÔÇ×Eh! Er... er war einfach an meinem Schl├╝sselbund!ÔÇť Ludwig sp├╝rt, wie sein Herz pocht. Eine unangenehme W├Ąrme kriecht durch seinen ganzen K├Ârper, bis unter die Haarwurzeln.
ÔÇ×Da, bitte, bitte...ÔÇť Er l├Âst dieses Unding vom Ring des Schl├╝sselanh├Ąngers und streckt es ohne lange zu ├╝berlegen Gertrud entgegen. Ludwig ist erleichtert. Als w├╝rden sich alle Tore pl├Âtzlich mit dem Schl├╝ssel ├Âffnen lassen, als w├╝rde ihm eine untr├╝gerische Klarheit durch all die offenen Tore entgegenstr├Âmen und sich Gl├╝ck ausbreiten, da wo vorher noch Beklemmung, seine Brust beengte. Der Schl├╝ssel offenbart sich jetzt wie ein geheimer Kodex. Die Macht, die verschlossenen T├╝ren anhaftet, zerfiel vor Ludwigs Augen, wie ein loses Kartenhaus. Er hatte die L├Âsung. Ihm ├Âffneten sich nicht nur all die verschlossen T├╝ren und Tore, nein, er glaubte pl├Âtzlich auch den Ausweg aus seinem schmalen Durchgang, der sein Leben bislang war, gefunden zu haben. Am liebsten h├Ątte er Gertrud gek├╝sst, sie zu ÔÇ×Kalbsfilet mit Basilikums├Â├čle und Tomatensp├ĄtzleÔÇť eingeladen, aber schlie├člich musste man sich doch beherrschen. Was h├Ątte Gertrud blo├č von ihm gedacht? Dieser pl├Âtzliche Wandel. Wahrscheinlich h├Ątte sie geglaubt, er sei nun v├Âllig ├╝bergeschnappt.

Dieser Donnerstag verlief, trotz dem besonderen Ereignis, schlie├člich doch wie schon gehabt. Den Feierabend verbrachte Ludwig vor seinem Fernsehapparat, mit einem leichten Essen und... Nat├╝rlich, sagt sich Ludwig, ein Glas Burgunder Sp├Ątlese, w├Ąre nun ideal, um diese verr├╝ckte Geschichte mit dem Schl├╝ssel abzuschlie├čen.
Eigentlich schon komisch? Wie kam denn der Schl├╝ssel an seinen Schl├╝sselbund? Hat ihn Gertrud aus Versehen drangeh├Ąngt? Er h├Ątte sie fragen m├╝ssen!
Ach, was sollÔÇÖs! Jetzt ist doch alles wieder in Ordnung. Ich werde die Flasche Wein holen und genie├čen. Dabei schnappte er sich den Schl├╝sselbund, lief in den Keller und wollte die T├╝r zum Kellerabteil ├Âffnen. Aber... wo war den der Schl├╝ssel?

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Herzliche Gr├╝sse

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