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Leselupe.de > Erzählungen
Ein neuer Rucksack
Eingestellt am 13. 07. 2009 14:36


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Raniero
Textablader
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Ein neuer Rucksack

Als Joachim Möllmatte probeweise den neuen Rucksack anlegte, strahlte er vor Glück wie ein Kind.
Ein solch leichtes und außerordentlich praktikables Stück hatte bis dato noch nicht in den Händen gehabt, geschweige denn auf den Schultern.
„Schau mal, Hilde, was für ein schöner Rucksack. Da muss ich erst so alt werden, um in den Genuss eines so schönen Stückes zu kommen“, schwärmte er seiner besseren Hälfte vor, „da hätte ich auch eher drauf kommen können.“
„Was du nicht sagst“, bemerkte seine Frau spitz, „das liegt doch an dir. Den hättest du dir doch schon längst zulegen können.“
Joachim ließ sich nicht beirren.
„Gefällt er dir nicht auch, Schatz? Ich würde vorschlagen, wir nehmen ihn.“
„Na gut, von mir aus“, stimmte Hilde zu, du musst ihn schließlich tragen, es ist ja dein Rucksack. Aber mein Lippenstift“ drohte sie scherzhaft mit dem Finger, „den darf ich doch wohl noch da rein tun?“
„Darfste, Hildchen“ zeigte Joachim sich generös, „von mir aus sogar noch ‚nen Lidstiftzieher, oder wie heißt das Ding? Wo ist denn hier die Kasse?“
„Dahinten, Schatz. Geh du schon mal dahin, ich sehe mich noch nach einem neuen Lippenstift um, und ‚nem Lidstift.“
Beide mussten lachen, und leichten Fußes strebte Joachim der Kasse entgegen.

Es war nicht der erste Rucksack, den Joachim Möllmatte sich zulegte.
Als gelegentlicher Bergwanderer hatte er schon zwei von ihnen zerschlissen,
bei gemeinsamen Urlauben im Gebirge.
Diesmal jedoch handelte es sich nicht um einen Rucksack für die Berge, sondern um einen kleinen Ableger eines solchen, eher ein Rucksäckchen, so eines, das man für Städtetouren benutzt.
Bisher nämlich hatten sie sich beide, seine Frau und er, bei solchen Ausflügen immer mit Provisorien begnügt, in der Art wie Hildes übergroßer Handtasche, die Joachim tragen durfte, oder irgendwelcher schlabbernden Baumwolltaschen, die fast über den Asphalt schliffen, um das Nötigste wie Stadtpläne, leichte Trinkflaschen oder Kosmetika für Hilde darin zu transportieren.
Auf diese Weise aber war in Joachim, mehr noch als in seiner besseren Hälfte, so langsam aber sicher der Wunsch herangereift, sich endlich einen vernünftigen Stadtrucksack zuzulegen. Nun war es endlich soweit.

Als er das gute Stück an der Kasse bezahlte, bat er darum, den Rucksack gleich aufbehalten zu können.
„Da muss ich aber vorher das Preisschild abmachen“, lächelte die nette Kassiererin, „sonst kommen Sie hier nicht heil raus.“
„Natürlich“ pflichtete Joachim ihr bei, „um Gottes Willen, das wäre mir aber peinlich.“
„So, hier Ihr Kassenbon, den müssen Sie gut aufbewahren, wegen der Garantiefrist.“
„Wegen der Garantiefrist?“ runzelte Joachim die Stirn.
„Ja, schauen Sie doch mal, die steht doch auf dem kleinen Schild da.“

Erst jetzt bemerkte Joachim etwas, was ihm vorher im Eifer des Gefechts entgangen war, so sehr hatte ihn der Erwerb seines ersten Stadtrucksacks in Atem gehalten; ein kleines Schild baumelte da herab mit der Aufschrift:

30 Jahre Garantie

Joachim Möllmatte verschlug es die Sprache.
30 Jahre Garantie!
Es war nicht die ungewöhnlich lange Garantiefrist, die ihn sprachlos machte, sondern etwas anderes. Er selbst zählte gerade sechzig Lenze und das bedeutete, nein, das durfte doch nicht wahr sein.
Auf der anderen Seite aber fand er den Gedanken schon reizvoll, gemeinsam mit seinem Stadtrucksack älter zu werden, und mit Hilde natürlich auch, aber dreißig Jahre, dann war Hilde neunzig, und er noch zwei Jahre älter!
Wie viele Touren würde er da noch mit ihr machen müssen? Gut, dass es nur ein Stadtrucksack war, und keiner fürs Gebirge.
Plötzlich aber reifte ein Entschluss in ihm.
‚Das schaffen wir’, sagte er sich.

Im gleichen Moment sah er seine Frau auf die Kasse zukommen.
„Huhuh, Hilde“, winkte er ihr zu und schwenkte nicht den Rucksack, sondern das kleine Schild mit der Garantie, „schau mal, was ich habe.“
„Was ist denn mit dir, Joachim, du siehst ja so komisch aus.“
Wortlos drückte er ihr das Garantieschild in die Hand.
Hilde tat einen spitzen Schrei:
„Dreißig Jahre Garantie! Für den Rucksack? Das erleben wir nie. Nie und nimmer. Wir müssen ihn den Kindern vererben, in absehbarer Zeit. Der muss ins Testament, der Rucksack!“
„Von wegen, den Kindern vererben! Sollen sie sich selbst einen kaufen. Nein, Hildeschatz, die Garantiezeit, die packen wir. Verlass dich drauf, und in dreißig Jahren stehen wir wieder hier.“
„Ist das dein Ernst, Joachim?“
„Mein voller!“

Nicht Dreißig, sondern genau neunundzwanzig Jahre später fanden sie sich wieder ein, Hilde und Joachim, an gleicher Stelle, dieses Mal mit Sohn und Schwiegertochter, die beide jetzt genauso alt waren, wie sie damals.
Die freundliche Dame an der Kasse war nicht mehr da, sie genoss schon seit Jahr und Tag ihren Ruhestand.
Eine andere Kollegin hatte ein offenes Ohr.
„Sagen sie mal, junge Frau“, wollte Joachim wissen, „kann ich die Garantiezeit für meinen Rucksack eigentlich auch übertragen, auf ihn da?“, wies er auf seinen zweiundsechzigjährigen Sohn.
Die Frau musterte misstrauisch den uralten Kassenbon.
„Geht in Ordnung“, bestätigte sie schließlich, „die Garantiezeit gilt noch ein Jahr und ist nicht personengebunden.“
Dann warf sie einen Blick auf den neunundzwanzigjährigen Stadtrucksack, übersäht mit Schildern und Plaketten aus aller Herren Ländern resp. Städten, und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
„Mein Gott, wo der so überall gewesen ist. Wladiwostok sogar. Und Peking. Donnerwetter!“
„Ja, da staunen Sie, junge Frau, nicht wahr“, strahlten Joachim und Hilde um die Wette. „aber heute wechselt er den Besitzer.“


Überglücklich nahm der Sohn vom Vater den alten Rucksack in Empfang; gleich am nächsten Tag sollte es auf eine große Städtetour gehen, die Vereinigten Staaten, für mindestens ein Jahr.
Während Sohn und Schwiegertochter ihr vorzeitiges Glück kaum fassen konnten, begab sich Hilde wie dazumal in die Abteilung für Make-up, ein neuer Lidstift war mal wieder fällig.
Joachim aber nahm die nette Kassiererin zur Seite.
„Sagen Sie mal, haben Sie nicht einen neuen Rucksack für mich, etwas kleiner als der alte, und, im Vertrauen, mit nicht ganz so langer Laufzeit, ich würde sagen, so an die fünfzehn Jahre…?“

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