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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Eine Geschichte
Eingestellt am 10. 09. 2005 23:23


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Alexander Kongegaard
Festzeitungsschreiber
Registriert: Apr 2002

Werke: 13
Kommentare: 37
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Ich habe einen linken Schuh. Es ist ein guter linker Schuh. Schwarz, mit ziemlich viel Leder und einer grossen, fetten Lasche zwischen mir und dem SchnĂŒrsenkel. Die Sohle ist aus Hartgummi und am hinteren linken Eck schon ziemlich abgelaufen. Es sieht aus, als ob irgendjemand einen Tetraeder aus der Ferse herausgeschnitten hĂ€tte. Das stört mich aber nicht. Im Gegenteil: Ich freue mich darĂŒber, dass mir das Wort ”Tetraeder” eingefallen ist. Ich musste nicht einmal wirklich nachdenken!
Ich ziehe den linken Schuh aus und schaue ihn mir genau an.
Hm...
Vielleicht sollte ich wirklich nach dem rechten Schuh suchen.
Heimdal hat heute morgen diesen Vorschlag gemacht.
”Warum?” habe ich gefragt.
”Warum nicht?” hat Heimdal zurĂŒckgefragt. Danach hat er den Hamster gespielt und nach einem Laufrad gesucht, glaube ich. Zumindest hat er ziemlich ausgiebig vor mir herumgeturnt. Wahrscheinlich dachte er, das wĂŒrde mir seine Idee noch ein klein wenig nĂ€herbringen.
Es hat gewirkt.
Ich greife zum Telefon und wĂ€hle Heimdals Nummer. Er hat Lust, mir zu helfen. Wir verabreden uns fĂŒr den Nachmittag.
Am Nachmittag dann sitze ich zuhause und warte auf Heimdal. WĂ€hrend ich versuche, Kaffee aus einer Tasche zu schlĂŒrfen donnert es plötzlich. Die Glasscheiben in meinen Fenstern zittern, mein Tisch zittert, ich zittere. Heimdal ist da. Er hat wie ĂŒblich darauf verzichtet zu klingeln. Ich habe dafĂŒr
VerstĂ€ndnis. Mit einer Fanfare auf dem eigenen Kleinbus wĂŒrde ich auch nicht an der HaustĂŒr klingeln.
Ich gehe hinaus und schaue mir den Kleinbus an. Er sieht noch genau so aus, wie ich in Erinnerung habe: Völlig belanglos was Farben und alles andere angeht. Lediglich ein Horn prangt auf dem Dach ĂŒber dem Fahrersitz. ’Giallar’ steht auf der Seite des Horns mit roter Farbe geschrieben.
”Wo hast Du den linken Schuh gefunden?” fragt Heimdal.
”Im Wald.” sage ich.
Wir fahren in den Wald.
”Ich geh’ nach links und Du nach rechts!” sagt Heimdal.
Er geht nach links und verschwindet recht bald im Unterholz. Ich gehe nach rechts und komme nicht so recht hinein ins Unterholz. Deswegen drehe ich um und warte an Heimdals Kleinbus.
Heimdal ist der kĂŒrzeste Wikinger, den ich kenne. Er hat
aber meines Wissens noch niemanden mit der Axt erschlagen oder vergewaltigt. Das macht ihn sympathisch, finde ich. Ausserdem ist er wie geschaffen dafĂŒr, im Unterholz
herumzustreunen und nach dem rechten Schuh zu suchen. Ich beneide ihn fast. Denn an Heimdal ist alles kurz. An mir ist nichts kurz. Ich kann nicht im Unterholz herumstreunen und nach dem rechten Schuh suchen. Ich kann dafĂŒr ĂŒber Heimdals Kleinbus hinwegsehen. Auf der anderen Seite des Busses ist Wald.
Plötzlich höre ich jemanden einen recht ungeĂŒbten Mezzosopran in die BĂ€ume hineinkreischen! Ich drehe mich um. Eine fette, grĂŒne Raupe wackelt einen Zweig entlang. Sonst bewegt sich nichts. DafĂŒr schreit schon wieder jemand.
”Oh, Bariton!” denke ich laut und beginne allmĂ€hlich, mich auf die Szenerie vor mir zu konzentrieren.
Die Raupe hat schon fast das Ende des Zweiges erreicht. Die Schreierei hört jetzt gar nicht mehr auf. Ich halte mir die Ohren zu und kneife die Augen zusammen. Mein Nacken drĂŒckt den SchĂ€del darĂŒber langsam aber sicher nach vorne.
WĂ€hrend dies geschieht, wird es mit einem Mal doch wieder ruhig im Wald, und ich nehme die HĂ€nde von den Ohren. Ich höre ein schĂŒchternes 'plop', als die Raupe auf die Erde klatscht. Der Zweig war kĂŒrzer als das arme Tier erwartet hatte.
Da! Ich erkenne einen Schatten zwischen den StrÀuchern. Heimdal hat tasÀchlich den Weg wieder heraus gefunden.
Als er ins Freie tritt, hat er ein breites Grinsen im Gesicht.
”Hallo!” sagt er.
”Hallo.” sage ich auch.
Er hat etwas in den HĂ€nden, das er mir zeigt.
”Hier!” sagt er und streckt mir seine Arme entgegen.
Ich nehme die Schuhe an mich und schaue sie mir genau an.
Keiner der beiden ist schwarz, oder aus Leder, oder hat eine grosse, fette Lasche an irgendeiner Stelle. Ein Tetraeder fehlt auch nirgends.
”Nein, die gefallen mir nicht!” entscheide ich.
”Es sind aber immerhin zwei Schuhe!” meint Heimdal.
”Stimmt.” sage ich und lege die beiden Schuhe ins Gras am Wegesrand.
”Zwei gute Schuhe!” sagt Heimdal.
”Du kannst sie gerne haben!” biete ich ihm an.
Er lehnt freundlich aber bestimmt ab.
”Wo hast Du denn die Schuhe gefunden?” frage ich.
”Oh, frag’ lieber nicht!” sagt Heimdal.
Diesen Wunsch kann ich ihm nicht mehr erfĂŒllen.
”Tut mir leid.” sage ich.
”Hm...” macht Heimdal. ”...da lagen vier FĂŒsse in der Gegend ‘rum. Zwei davon hatten Schuhe dran.”
”Muss ulkig ausgesehen haben!” sage ich.
”Hat’s auch!” sagt Heimdal.
Dann steigen wir in seinen Kleinbus und fahren nach Hause.

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axel
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 14
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Hallo Alexander
Deine kleine Episode hat mir gut gefallen. Ich mag solche AbsurditÀten.
Mehr ist nicht zu sagen.
Schönen Gruß von Axel
__________________
Bis hierhin vielen Dank!
(Friedrich KĂŒppersbusch)

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Alexander Kongegaard
Festzeitungsschreiber
Registriert: Apr 2002

Werke: 13
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Hallo Axel,

Freut mich, dass es Dir gefÀllt. Dass Du nicht mehr sagen möchtest, ist auch in Ordnung. "Eine Geschichte" ist eine Geschichte.

GrĂŒssle,
Alex

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