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Leselupe.de > Erzählungen
Eine Katzengeschichte
Eingestellt am 01. 09. 2006 10:05


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HFleiss
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"Adenauer, komm, komm zu Herrchen.“ Jupp Mierenbach saß auf der Couch und lockte das Tier mit einem Keks. Adenauer, der dicke schwarze Kater mit den bernsteingelben Augen, blinzelte nur und rührte sich nicht von der Stelle.
.
„Na, komm schon, du Rabenaas. Onkel Doktor wartet schon.“ Adenauer warf Jupp einen herablassenden Blick zu und verschwand mit gravitätischem Schritt in die Küche.

Jupp gab auf. Pech für Adenauer, Jupp würde heute nur mit Süßmuth, der weißen fünfjährigen Katze, und dem Nachwuchs, Katerchen Schröder, zum Tierarzt gehen können. Mit Adenauer würde er sich Zeit lassen. Geld, den Doktor zu bezahlen, hatte er sowieso nicht, er würde anschreiben lassen müssen. Jupp stöhnte, als er die beiden Tiere in ihren Tragekörben die Treppe hinuntertrug. „Friss nicht soviel, Süße. Wirst mir immer fetter. Fürs Fettabsaugen reicht die Stütze nicht.“

Vorsichtig setzte Jupp die Füße auf der Treppe, seine Prothese knarrte bei jedem Schritt. Schröder, den engen Tragekorb noch nicht gewohnt, miaute. „Und dass ihr mich beim Doktor nicht blamiert, sonst gibt es drei Wochen lang Lidl-Futter!“

Jupp ärgerte sich noch immer. Gestern klingelte die Dame vom Wohlfahrtsverband und fragte ihn inquisitorisch, wann er seine Viecher das letzte Mal hatte impfen lassen. Wenn er sie nicht impfen lassen würde, kämen sie eben doch ins Tierheim, das Wohl der Tiere ginge vor. Mit spitzen Fingern hatte sie ihm dann ein paar Scheine zugeteilt, zuwenig zum Leben mit den drei Katzen, zuviel zum Verhungern. Ungeimpfte Tiere seien eine Gefahr für Mensch und Tier, hatte sie doziert, und Jupp, der nicht wusste, wovon er die Spritzen bezahlen sollte, hatte leichtsinnigerweise versprochen, mit ihnen gleich morgen zum Tierdoktor zu gehen.

Seit dem Unfall vor zehn Jahren war er ein Pflegefall geworden. Deshalb kam Frau Heckenball, die Betreuerin, wöchentlich einmal zu Jupp, inspizierte argwöhnisch die Sauberkeit von Bad und Küche und teilte ihm die Stütze zu, nicht ohne einen missbilligenden Blick auf die Katzen.

„Und was sind das eigentlich für Namen? Reine Provokation, Herr Mierenbach!“

Jupp war friedlich geblieben. „Das lassen Sie mal meine Sorge sein, Frau Heckenball“, hatte er gesagt, aber seine Augen hatten gefunkelt und die Heckenball war ein bisschen zurückgewichen.

Und als es dann drei waren, weil damals weder Adenauer noch Süßmuth kastriert waren, wurde ihr Blick feindselig. Jupp hatte da schon etwas geahnt. Die Heckenball, das verfluchte Aas, hatte auf dem Amt gepetzt: Stütze und drei Katzen - das Amt wollte ihm die Stütze kürzen. Vierzig Euro bekam er für die Tiere. Er hatte nachweisen müssen, dass ihm durch die Tierhaltung nichts vom Leben abging, Quittungen vorgelegt, beteuert, wie gut die Katzen es bei ihm hätten. „Und mir geht es auch gut, allerbestens“, hatte er hinzugefügt. Das Schlecker-Futter, hatte er herausgefunden, war das billigste. Dafür, doch das durfte er nicht an die große Glocke hängen, aß er Billigdosengemüse und pappiges Billigbrot und rauchte den billigsten Discounter-Tabak. Der Herr vom Amt palaverte hin und her und musste schließlich einsehen, dass die Katzen sowieso ihr Futter kosten würden, egal, ob man sie ihm ließ oder ins Tierheim steckte. Aber Jupp hatte erst drohen müssen, sich das Leben zu nehmen, weil die Katzen seine einzige Gesellschaft waren. „Niemanden sonst hab ich, keinen guten Freund und keine Verwandtschaft.“ Jupp war es gelungen, sich zwei Tränen abzuquetschen. Erst da beruhigte sich der Beamte.

Aber etwas Gutes hatte die Heckenballsche Gemeinheit am Ende doch, denn jetzt waren alle drei, Adenauer, Süßmuth und Schröder, behördlich genehmigt. Nicht, dass man ihm die Stütze erhöht hätte – mit so viel Mitleid mit seinen Katzen rechnete Jupp nicht -, aber dass die Heckenball ihre Wut auf die Tiere in sich hineinfressen musste, das belustigte Jupp doch.

Adenauer, vor ein paar Jahren, war der Heckenball an die Wade gesprungen und hatte sich darin verbissen. Sie kreischte auf, als würde sie ein Löwe angefallen haben, und verlangte von Jupp Schmerzensgeld und den Ersatz ihrer lächerlichen Strumpfhose. Die Strumpfhose hatte er grinsend bezahlt, aber das Schmerzensgeld hatte sie sich abschminken können. Seitdem sah Jupp die Heckenball lieber gehen als kommen, auch wenn sie ihm die paar Piepen auf den Tisch legte und dieser Tag jedesmal ein Feiertag für die Katzen war. Dann humpelte Jupp,
neuerdings hatte die Krankenkasse einen Krückstock genehmigt, bis zur Schleckerfiliale zwei Querstraßen von zu Hause und kaufte das sündteure Sheba-Futter ein, schon aus Daffke, auch wenn er dafür auf ein Päckchen Tabak verzichten musste.

Das Wartezimmer war voll. Neben Jupp mit seinen Katzen saß ein junger Mann, auf dem Fußboden vor sich einen verfetteten Schäferhund. Das Tier war unruhig und zerrte an der Leine. „Der interessiert sich für meine Süßen“, sagte Jupp verärgert. Der junge Mann grinste, straffte aber die Leine und gab dem Hund einen geknurrten Befehl. Endlich, mehr als eine Stunde war vergangen, hörte Jupp aus dem Behandlungszimmer seinen Namen rufen.

Doktor Scherbarth untersuchte das Katerchen. Jupp war mit ihm das erste Mal beim Tierarzt.

„Muss entwurmt werden“, brummte Doktor Scherbarth. Jupp widersprach nicht. Egal, was der Doktor mit den Tieren anstellte, er würde ihn heute sowieso nicht bezahlen können. Aber so weit war es noch nicht.

Das Katerchen wand sich und fauchte und schrie wie ein Säugling auf. Doktor Scherbarths Angestellte, die das Tier während des Spritzens auf den Behandlungstisch gedrückt hatte, ließ Schröder los und rieb sich die Schramme am Arm. „Ein bisschen widerspenstig, nimm Jod auf den Kratzer“, beruhigte der Doktor seine Gehilfin. „Wenn der mal krank sein sollte, Herr Mierenbach, seh ich schwarz.“

Jupp grinste. Das Katerchen kam nach seinen Eltern. „Solange mir das Amt die Katzen nicht wegnimmt, werden sie nicht krank. Nicht bei mir, Herr Doktor.“

Doktor Scherbarth schwieg verdrossen und gab Süßmuth die Spritze. Die erfahrene Süßmuth gab beim Einstich keinen Mucks von sich. Ihre grünen Augen schillerten wie Smaragde, und Jupp streichelte sie wegen ihres guten Benehmens.

Doktor Scherbarth saß am Computer. „Dreiundsiebzig Euro fünfunddreißig“, sagte er. „Zahlen Sie bar oder mit Karte?“

Jupp stieg das Blut zu Kopf. „Gar nicht, Herr Doktor.“ Jupp ärgerte sich, weil es ein bisschen kleinlaut geklungen hatte.

Doktor Scherbarth sah ihn fragend an. „Wie meinen Sie das?“

„Na, ich kann nicht, Herr Doktor.“

„Wie, Sie haben kein Geld mit? Na, dann können Sie doch die Tiere nicht behandeln lassen! Bin doch kein Wohlfahrtsverein!“

„Tut mir schrecklich leid, Herr Doktor. Das Amt, es hat gedroht, mir die Katzen wegzunehmen, wenn ich nicht ...“

Doktor Scherbarth war trotz seiner Profession Tierfreund geblieben. Er überlegte einen Moment. „Dann bezahlen Sie, wenn Sie können“, sagte er mürrisch. „Das hätten Sie mir aber auch vor den Spritzen sagen können, Herrr Mierenbach.“

„Ich hab mich nicht getraut, Herr Doktor.“

Doktor Scherbarth winkte ab. „Schon gut, Herr Mierenbach. Das nächste Mal, aber dann will ich Geld sehen! Sonst hol ich es mir von Ihrem Amt!“

„Bloß nicht, Herr Doktor! Die Heckenball kastriert mich!“

Auf der Straße, in jeder Hand einen Tragekorb, humpelte Jo zum Imbiss-Stand. Das Katerchen miaute schon wieder. „Kusch“, sagte Jupp freundlich und stellte die Körbe ab, aufs Straßenpflaster.

„Mein Sonntags-nachmittags-Ausgeh-Bier, Giselle.“ Giselle, die Dicke, stellte wortlos das volle Glas vor Jupp hin. Himmel, das Bier schäumte.

Jetzt miauten beide Katzen. „Kusch“, sagte Jupp noch einmal. „Bestien!“

(2006)



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flammarion
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ja,

was soll man zu so einem hunde - äh, katzenleben sagen? sehr gut erzählt. bitte mehr davon.
lg
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Old Icke

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