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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Eine Kulturgeschichte der Schulden - sollte sehr kritisch gelesen werden
Eingestellt am 25. 05. 2012 19:07


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Winfried Stanzick
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Rezension zu:

David Graeber, Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Klett-Cotta 2012, ISBN 978-3-608-94767-0

Seit der Erfindung des Kredits vor 5000 Jahren treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie.
Graeber packt das Problem der Schulden an der Wurzel, indem er bis zu ihren Anfängen in der Geschichte zurückgeht. Das führt ihn mitten hinein in die Krisenherde unserer Zeit: Von der Antike bis in die Gegenwart sind revolutionäre Bewegungen immer in Schuldenkrisen entstanden.
Graeber sprengt die moralischen Fesseln, die uns auf das Prinzip der Schulden verpflichten. Denn diese Moral ist eine Waffe in der Hand der Mächtigen. Die weltweite Schuldenwirtschaft ist eine Bankrotterklärung der Ökonomie. Der Autor enttarnt Geld- und Kredittheorien als Mythen, die die Ökonomisierung aller sozialen Beziehungen vorantreiben. So sieht er sich selbst, der Ethnologe David Graeber, spiritus rector der Occupy-Bewegung.

Obwohl er im ganzen Buch über mit konkreten politischen Vorschlägen geizt, macht der am Ende des Buches doch einen: „Ich habe den Eindruck, ein Ablassjahr nach biblischem Vorbild ist überfällig, für Staatschulden wie für Konsumschulden. Ein genereller Schuldenerlass wäre nicht nur heilsam, weil er menschliches Leid lindern könnte. Er riefe uns auch in Erinnerung, dass Geld nichts Geheimnisvoll-Unvergleichliches ist und dass das Begleichen von Schulden nicht das Wesen der Sittlichkeit ausmacht. All dieses Vorstellungen sind menschliche Erfindungen, und in eine richtigen Demokratie hätten alle Menschen die Möglichkeit, ihre Gesellschaft anders zu organisieren.“

Es ist bei aller Brillanz seiner Argumentation doch immer wieder seine politische Überzeugung, die dem Anarchisten Graeber ideologisch im Wege steht und die ihn manche Quellen nicht beachten lässt, weil sie ihm nicht ins Konzept passen. So habe ich etwas schon im Theologiestudium gelernt, dass das sogenannte Sabbatjahr zwar eine schöne Idee war, in der Praxis aber selten funktioniert hat. Denn die Schuldner haben ihre Verträge oft so verfasst, dass ihre Tilgung genau im Jahr dersSchuldenerlasses angestanden hätte. Die Folge: niemand hat mehr Kredite vergeben, weil er nicht wusste, ob er sie zurückbekommen würde. Keine Kredite bedeutete aber für viele Bauern der Ruin. Und mit der notleidenden Kreditwirtschaft kam oft die gesamte Wirtschaft zum Erliegen. Hauptleidtragender; der einfache Mann, den Graeber so oft auf seinen Schild hebt.

Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass bei einer politischen Umsetzung eines Schuldenerlasses genau die wieder profitieren würden, die für die Anhäufung der Schulden verantwortlich waren. Würde etwa in Griechenland, in Spanien oder Italien auch nur irgendetwas besser, wenn diese Länder ihre Schulden erlassen bekämen?

Die Grundeinstellung Graebers, das marktwirtschaftliche Gesellschaften nicht anderes seien als versklavenden Schuldgesellschaften kann ich nicht teilen. Ich möchte jedenfalls nicht in einer Gesellschaft leben, die von sentimentalen Sehnsüchten nach der einfachen Welt, nach der einfachen Gesellschaft regiert wird.

Dennoch: wegen seines großen Materialreichtums und des weiten kulturgeschichtlichen Bogens, den es spannt, ist das Buch unbedingt lesenswert. Man muss sich aber dringend mit den kaum benannten, aber immer mitgedachten ideologischen Wurzeln seines Ansatzes auseinandersetzen. Denn eine immer stärker werdende Bewegung nicht nur junger Menschen an vielen Orten der Welt, glaubt solchen einfachen Lösungen.


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