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Leselupe.de > Erzählungen
Eine Straßenbahn - Eine Gesellschaft
Eingestellt am 27. 06. 2002 22:04


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Cora Horn
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Eine Straßenbahn.
Ein leises Rollen auf schmalen Schienen, fast schüchtern in der Mitte der breiten Straße. Aber angesichts des grauen Schweigens dieser straße ist sie laut die Bahn. Helles, persönlich-gelbes Licht beleuchtet weiche Polsterstühle. Monotones Grollen des elektrischen Getriebes.
Funken sprühen; Die Leitung über der Bahn ist durchgerissen. Unbeachtet sprudelt goldener Funkenregen auf das Blechdach. Die Bahn fährt weiter - Diese kleine Lücke im Leitungssystem interessiert sie nicht.
Sie rollt.
Dann bleibt sie stehen. eine Haltestelle? Kleiner Zwischenfall. Dann rollt sie weiter.
Sie rollt, rollt wie das Leben, stetig weiter, nur mit kleinen Zwischenstopps. Sie rollt wie die Maschinerie, in der ein kleines Störwerk im Innern von den großen Rädern übergangen wird, die sie betreiben. Das kleine Steinchen stört sie nicht besonders, jedenfalls nicht lange.
Die Bahn rollt weiter, weiter wie die Erde - dreht sich weiter, egal, was geschieht. Für einige dreht sie sich weiter, doch für einige da bleibt sie plötzlich stehen. Manchmal schwingt sie noch ein paar Mal vor und zurück die Weltkugel. dann bleibt sie stehen, aber nur für einige.
Einige Tausend. Täglich.
Die Bahn fährt weiter.
Das gelbe Licht flackert, und Funken prasseln weiter auf das Dach, und beides taucht das Innere der bahn in wechselhaftes Licht. Hier zuckt ein Lämpchen auf, das die Dunkelheit der Welt draußen durchdringen will, aber allein schafft es das Kleine nicht, es ist zu schwach gegen die große Dunkelheit, die Übermacht. Dafür bedarf es mehrerer Lichter, wenn auch nicht allzu vieler - ein paar Schatten über den Neonreklameschildern wären schon ein guter Anfang. Aber diejenigen, die diese Schatten sein könnten, sitzen drinnen in der Bahn und schauen bestenfalls hinaus.
Denn hier drinnen stört sie nicht, die Dunkelheit, sie ist dort draußen, nicht hier drinnen in der Bahn. In der Bahn ist es hell und warm, denn eine Heizung zwingt die eisigkalte Luft zu fiebern und zu schwitzen.
Denn da draußen an der Plastikfensterscheibe kleben sie, die kleinen Schweißtropfen, tausend winzige, feuchte Tropfen. In dem Aufblitzen der Neonschilder erscheinen sie rot. Sie zittern im kalten Fahrtwind und verdecken minimal die Sicht auf Filmplakate und Reklameschilder. Rot wie Blut und nass wie Tränen trommeln die Tropfen an die Scheiben, laut wie Schreie. Aber die scheiben sind dicht, lassen sie nicht hinein, die roten Tropfen, dämpfen die Geräusche.
Die rollende Bahn schließt alles aus: Die Nacht, die Kälte, die Tropfen, die Welt.
Plötzlich von der Gegenseite her eine andere Bahn. Der gleiche Typ von Bahn - eine Bahn wie Millionen andere auf der Welt -, aber mit Plastiksitzen und mit Holzofen. Die beiden fahren aneinander vorbei, sehen sich in die herzen.
Weißes, steril wirkendes Licht trifft auf künstlichen Sonnenschein, und schwarzer Rauch auf bunte Neonfarben der Sesselbezüge. die andere Bahn ist weiß gestrichen, nicht in warmem Gelb; weißlich-grau, wie eine Geisterbahn, inmitten der so grauen Straße.
Und vorbei sind sie.
Entsetzen in der gelben Bahn. Mitleid mit der kleinen, schmutzig-weißen bahn, die kalt, staubig und ungemütlich wirkt.
Aber sie ist vorbei, ist schon weit weg.
Die gelbe Bahn fährt weiter.
Sie gleitet auf ihrem weg die graue Straße entlang, die still ist, weil sie sich nicht von den anderen grauen Straßen unterscheiden will, die auch still sind, weil sie es müssen. Nein, sie müssen nicht. Sie tun es nur. Bleiben ganz still, denn lauter als still ist ja keiner. Laut ist keiner hier,alle sind still. Obwohl sie nicht still sein müssen.
Sie sind still.
Die gelbe Straßenbahn fährt weiter.
Auch die kleine Geisterstraßenbahn fährt weiter - weiter über die grauen Straßen, die ihr hinterher sehen. Aber sie sind still und sagen nichts Lautes über die kleine bahn, die hässlich ist und armselig und ganz erfroren.
Unsere gelbe Straßenbahn fährt weiter.
An den Neonschildern weiter vorbei, aus denen sich die hier herrschende Dunkelheit zusammensetzt, die jeden Schatten verschlucken und die zu überleuchten kein einzelnes Lebenslicht stark genug ist. Die bunte Dunkelheit, die Übermacht; das grelle Licht auf grauer Straße.
Aber unsere gelbe Bahn fährt weiter, so wie immer, nur etwas geblendet von der leuchtenden Dunkelheit. denn unsere Bahn ist schön. Alles ist schön, denn alles ist wie immer - unverändert, ungestört, stabil.
Sicher?
Unsere Bahn wartet auf ihren Absturz. Muss sie erst entgleisen, damit Leute aufstehen und aussteigen?!

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Cora Horn
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dieser Text soll niemanden persönlich beleidigen, und ich hoffe, er wird nicht so aufgefasst.
Bis neulich.

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Gerhard Hübl
Schriftsteller-Lehrling
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Hallo,

wen sollte der Text beleidigen? - Versteh' ich nicht -. Aber egal, man muss ja schließlich nicht alles verstehen.

Gut zu lesen is' er, was, zumindest was meinen Anspruch betrifft, schon mal das wichtigste ist. Geschichte is' das allerdings keine, eher eine Momentaufnahme, - für jeden nachzuvollziehen und die Stimmung gut widergebend -, wenn man auch bisweilen den Eindruck hat den Entwurf eines Werbetextes für die Stadwerke zu lesen ("Die Bahn rollt und rollt und rollt"). Die einzigen Dinge, an denen ich mich etwas gerieben habe sind die "nassen Tropfen" und die stehenbleibende Weltkugel, sowie vielleicht noch die durchgerissene Leitung (dann wär' nämlich Schluss mit Rollen). Begeistert haben mich "die bunte Dunkelheit", die "erfrorene" andere Bahn, das sich in die "Herzen sehen" der einander passierenden Bahnen, und die "Strassen die ihr hinterher sehen".

Bedeutung jedoch kann ich dem Text keine rechte einräumen. Ist es die Verschlafenheit der Leute, ihre Ergebenheit in die Umstände, die du mit dem letzten Satz heraus stellen willst? - Vermutlich. Das müsste dann aber noch deutlicher ausfallen. Ausserdem, aber das ist jetzt wirklich rein subjektiv, auf mich bezogen, brauche ich um solche Anprangerungen ernst nehmen zu können Alternativen, die mir zumindest umreissen, wie es anders laufen könnte. Als Stimmungsbild allerdings gefällt mir der Text.

Schöne Grüße,

Gerhard

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Cora Horn
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Hallo, Gerhard,

ich hatte schon mal ne blöde Bemerkung von der Seite bekommen, deshalb war ich etwas vorbelastet.

Dass viele meiner Texte eigentlich nicht in die Rubrik Kurzgeschichten oder Erzählungen gehören, wurde mir schon oft gesagt, aber ich weiß nicht, wo ich sie in der Leselupe sonst hinstellen sollte.

Das mit der Alternative leuchtet mir ein, hast du vielleicht einen Vorschlag?
(Ich persönlich bin so der Typ Stimmungsbilder, wie du so schön formuliert hast, dann können Leser selbst nachdenken.)

Bis neulich.

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