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Wer weit ausholt, so sagt man, beginnt bei Adam und Eva. Aber genau dort muss man ansetzen, denn mit diesem Schöpfungsmythos beginnt die hoministische, sprich die ausschließlich auf den Menschen bezogene Religion. Vorher erschuf Gott Sonne, Mond und Sterne, Pflanzen und Tiere, aber das hatte mit Religion noch nichts zu tun; Gott hat sie sozusagen als Kulisse gemacht und damit der Mensch etwas hatte, worüber er herrschen konnte. Aber davon später.
Obwohl selbst heutige Kirchenväter die Apfelgeschichte aus dem Garten Eden mehr als Gleichnis auffassen denn als wahres Ereignis, so muss sie doch sorgfältiger untersucht werden, als es einem bloßen Märchen zukäme, weil die kirchliche Lehre trotz allen wissenschaftlichen Erkenntnissen immer noch auf diesem ersten Sündenfall basiert, ja in ihm eine unverzichtbare Grundlage des Glaubens sieht.
Gott erschafft Adam aus einem Lehmkloß und haucht ihm Leben ein. Ein Schöpfungsmythos unter vielen. Was kann er uns modernen Menschen schon bedeuten? Kann man ihn nicht vernachlässigen? Keineswegs! Denn noch heute wirkt nach, was das Alte Testament ausgebrütet hat: der erste Mensch war ein Mann! Wieviel männliche Selbstgerechtigkeit resultiert bis auf den heutigen Tag aus dieser chauvinistischen Schöpfungs-Saga: Mensch gleich Mann. Aus seiner Rippe schuf Gott dann die Frau. Ein Märchen? Gewiss, aber eins mit fürchterlichen Folgen für die Frau. Paulus, der ureigentliche Schöpfer des Christentums, leitete später daraus ab: der Mann ist der Abglanz Gottes, die Frau ist der Abglanz des Mannes. Mit patriarchalischer Selbstbeweihräucherung begann es, wurde es in zweitausend Jahren Kirchengeschichte fortgesetzt, zementiert und verinnerlicht. Bis auf den heutigen Tag.
Muss man noch erwähnen, dass Gott selbst männlich gedacht ist? Als Schöpfer, als Herr der Heerscharen, als Rächer, als Vater? Von dieser männerverherrlichenden Doktrin ist die Kirche bis heute nicht abgerückt.
Man sollte auch nicht meinen, sie sei vom Mythos Lehmkloß abgerückt. Spricht nicht der Pastor am Grab jedesmal die tröstlichen Worte: Aus Staub bist du gemacht, zu Staub sollst du wieder werden? Nichts ist der Kirche zu verstaubt, um es nicht als ewige Wahrheit zu verkünden.
Dass die Frau schon im Paradies der minderwertige Mensch war, erweist sich bald. Denn nicht der standhafte Adam lässt sich von der Schlange verführen, sondern die leichtfertige Eva. Und was bringt sie der Menschheit dadurch? Die Erbsünde! Die Schlechtigkeit in der Welt haben wir also der Frau zu verdanken. Machos aller Länder, bedankt euch dafür und seid guten Mutes, eure Vorherrschaft ist göttlich abgesegnet.
Nebenbei, auch andere Religionen sind frauenfeindlich, aber das soll nicht der Inhalt dieses Aufsatzes sein.
Die Apfelgeschichte ist wirklich lästig, aber man darf sie nicht übergehen, denn wesentliche Aspekte des christlichen Glaubens sind in ihr verankert. Da ist die ewige Frage nach Gut und Böse. Wie war das doch? Wir erinnern uns: Adam und Eva haben bei ihrer Erschaffung von Gott zwar einen freien Willen bekommen, aber nicht die Erkenntnis für Gut und Böse. Inwiefern konnte ihr Wille dann frei sein? Wofür sollten sie sich entscheiden, wenn sie die Alternative Gut/Böse gar nicht kannten?
Die Schlange sagte: Ihr werdet sein wie Gott und Gut und Böse erkennen, WENN ihr den Apfel esst. Gegen das Gebot Gottes pflückt Eva den Apfel und beißt ab. Sie ist ungehorsam. Ungehorsam gegen Gott ist etwas Böses, aber woher sollte sie das VOR dem Abbeißen wissen? Diese Erkenntnis (!) kann ihr doch erst nach dem Apfelgenuss gedämmert haben. O pardon, man darf hier keine Logik erwarten.
Warum könnte Eva also gegen das Gebot Gottes gehandelt haben? Wahrscheinlich aus Neugier. Woher kam Evas Neugier? Hat sie diese irgendwo gefunden oder auch vom Baum gepflückt? Nein, es muss eine Eigenschaft gewesen sein, mit der Gott sie von Anfang an beseelt hatte, als er sie aus Adams Rippe formte.
In der ganzen Paradiesgeschichte häufen sich die unlogischen Begebenheiten. Gott (wer sonst?) erschafft extra einen Teufel in Form einer Schlange, damit er den Menschen verführt. Was für ein charismatischer Charakterzug! Das einzige Böse im Paradies war also mit Gottes Zustimmung anwesend. Und er lässt es los auf ein unwissendes Geschöpf wie Eva. Erschwerend kommt hinzu, dass Gott beides, die Neugier und den Teufel, erschaffen hat. Wenn das eine Gehorsamsprüfung sein sollte, so war sie lächerlich. Der Allwissende hatte von Anbeginn gewusst, dass der Teufel es schaffen wird, den Menschen zu verführen. Trotzdem lässt er ihn gewähren und tut dann ganz erstaunt und empört, dass Eva ihm nicht gehorcht hat. Dann straft er dafür die gesamte Menschheit, ja die ganze Schöpfung mit der Erbsünde. Was für eine Farce!
Hätte Gott den Teufel nicht zugelassen, würden die Menschen heute noch im Paradies leben, und er hätte sich später nicht so über die Menschheit ärgern müssen, dass er sie durch die Sintflut vernichtete. Aber wir werden sehen, dass es für den Menschen ein Segen war, aus dem Paradies zu fliegen.
Jeder Mensch fragt sich nach dem Sinn des Lebens. Welchen Sinn hatte das menschliche Leben vor dem Sündenfall? Was für eine Rolle sollte der Mensch auf der Erde oder vor Gott spielen? Ohne die Erkenntnis von Gut und Böse waren Adam und Eva Gottes Marionetten, doch gerade diese Erkenntnis wollte Gott dem Menschen verwehren. An was für ein Zwitterwesen hatte Gott denn gedacht? Vollkommene Wesen, die Engel, hatte er schon. Unbewusst dahin lebende Wesen, die Tiere, gab es auch schon. Was sollte der Mensch verkörpern? Da er Gott absoluten Gehorsam schuldet, war sein Los von Anbeginn das eines Sklaven. Eines glücklichen Sklaven vielleicht, aber mehr nicht. Wenn ich mit meinem Schöpfer aufgrund meiner Gottähnlichkeit (er schuf den Menschen nach seinem Ebenbild) nicht furchtlos reden, streiten und handeln kann, sondern mich ständig in Anbetung üben soll, was bin ich dann vor ihm? Hat Gott womöglich nur Wesen schaffen wollen, die ihn anbeten? Und war er zu diesem Zweck gezwungen, ihnen auch Verstand zu geben, weil sie ihn sonst wie die Tiere weder erkannt noch angebetet hätten? Der Verdacht drängt sich auf.
Richtig ist: Adam und Eva sind erst nach dem Sündenfall richtige Menschen geworden. Denn nur ein Geschöpf, das um das Böse weiß und es dennoch meidet, kann edel und stark genannt werden. Im Paradies konnte es keine guten Menschen geben. Gegen wen hätten Adam und Eva gütig sein sollen? Es gab ja kein Leid, das sie hätten lindern, nichts Böses, das man hätte bekämpfen müssen. Erst als Eva der Schlange gehorchte, tat sie einen selbstbewussten eigenen Schritt nach vorn und befreite sich aus diesem verschwommenen Zustand, der weder Fisch noch Fleisch war. So gesehen, ist nicht die Erbsünde, sondern die Freiheit durch die Frau in die Welt gekommen.
Denn auch der Mut, sich gegen Gott aufzulehnen, dieses neue Selbstbewusstsein, das den Menschen erst zum gottähnlichen Wesen macht, waren ihr von Gott verliehen. Von wem sonst? Hat Gott sich also durch seine eigene Schöpfung selbst ausmanövriert? Selbst ein Agnostiker wie ich traut Gott mehr zu. Wenn er dem Menschen Selbstbewusstsein und Mut verliehen hat, so muss er damit einen Zweck verfolgt haben. Er gab dem Menschen von seiner eigenen göttlichen Kraft, die ihn befähigte, sein Leben kühn und frei selbst zu meistern. Das hätte er im Paradies weder gekonnt noch nötig gehabt. So gesehen, war der Apfelgenuss keine Sünde, sondern ein menschlicher Fortschritt. Ein Fort-Schreiten von Gott, ja. So wie ein Kind dem Elternhaus entwächst. Welcher Vater will denn, dass seine Kinder ihm ewig am Rockzipfel hängen? Es muss eigene Wege gehen.
Hatte Gott ein verstandes- und vernunftbegabtes Wesen geschaffen, nur um es im paradiesischen Zustand zu belassen, wo alle diese Gaben nichts wert sind, weil er sie nie benutzen muss? Woran hätte Adam seinen Verstand denn schärfen sollen? Womit seinen Geist erweitern? Und wozu? Für einen Menschen ist das Paradies die Hölle der Langeweile. Und wenn er sich nicht gelangweilt hat, weil er nichts anderes kannte, dann war er kein höheres Wesen, sondern glich dem Tier, das froh ist, wenn es zu essen und zu trinken hat und eine Behausung, wo es Schutz findet. Es kann mithin nur in Gottes Absicht gelegen haben, die Menschen Gut und Böse erfahren zu lassen und sie dann aus dem Paradies zu jagen, weil sie es darin gar nicht mehr ausgehalten hätten.
Draußen mussten sie zwar arbeiten und allerlei Lasten tragen, aber es begann auch der Weg menschlichen Erfolgs und menschlicher Triumphe. Leider auch der menschlichen Irrtümer, des menschlichen Größenwahns, gewiss. Das ist stets der Preis, den man für die Freiheit zahlen muss. Entweder man hängt an göttlichen Marionettenfäden, oder man ergreift die Fackel des Prometheus. Nach seinem Rauswurf begann doch erst der Aufstieg des Menschen. Und den Menschen dabei zu begleiten, muss auch für Gott weitaus interessanter gewesen sein, oder nicht? Die Friede-Freude-Eierkuchen-Pampe des Paradieses war dem menschlichen Streben unangemessen.
Betrachten wir nun den Menschen nach seinem Rausschmiss. Geht es ihm schlecht? Nein. Ist Gott sauer auf ihn? Nein. Er gibt dem ungehorsamen Menschen noch obendrein als Belohnung die Herrschaft über die Erde – seid fruchtbar und mehret euch und macht euch die Erde untertan. Das spricht dafür, dass Gott den Apfelgenuss nicht als Sünde, sondern als Fortschritt betrachtet hat. Leider hat er dann den Bock zum Gärtner gemacht. Jeder Personalchef würde gefeuert, wenn er einen so unfähigen Manager einstellen würde, der den ganzen Laden ruiniert. Gott tat es, obwohl er im voraus wusste, dass der Mensch sich zum Krebsgeschwür der Erde entwickeln würde und damit nicht nur sich selbst, sondern auch der übrigen Schöpfung unermessliches Leid zufügen wird. Lebewesen, die nicht vom Apfel gegessen haben.
Hatte die Erde überhaupt einen Herrscher wie den Menschen nötig? Das Gegenteil ist der Fall. Jeder weiß, dass die Tier- und Pflanzenwelt dort am besten gedeiht, wo sie sich selbst überlassen ist. Pflanzen und Tiere lebten bereits Millionen von Jahren vor dem Menschen auf der Erde und ohne ihn viel vortrefflicher. Wo immer der Mensch aufgetaucht ist, hat er die Erde als sein persönliches Eigentum betrachtet und sie ausgebeutet. Er hat sie behandelt, als habe er noch einige Erden in Reserve. Seid fruchtbar und mehret euch wird heute angesichts von sechseinhalb Milliarden Menschen zum Fluch.
Irgendwie frage ich mich, wem kann ich das alles in die Schuhe schieben?
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