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Leselupe.de > Erzählungen
Einfach nur leben (Teil 1)
Eingestellt am 22. 02. 2002 16:14


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liveforever
Festzeitungsschreiber
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Sarah preßte ihren Zeigefinger auf die unterste Klingel des Mehrfamilienhauses und wartete. Ihr Atem ging schnell, denn sie war den ganzen Weg gerannt. Nach ein paar Sekunden drückte sie erneut auf den Klingelknopf, diesmal länger als zuvor. Gehetzt blickte sie auf die Straße. Sie rechnete jeden Augenblick damit, daß der blaue VW um die Ecke kommen würde. Natürlich war das unmöglich, denn als sie aus dem Haus gegangen war, war er noch gar nicht zu Hause gewesen. Nur ihr kleiner Bruder, dem sie einen Abschiedskuß gegeben hatte.
Endlich hörte sie das Summen der Öffnungsanlage und drückte hastig die Türe auf. Sie lief die kurze Treppe hoch. Marco stand an der Tür und als er sie sah, mit ihrem Rucksack auf dem Rücken und tränenverschmiertem Gesicht, wurde er ganz bleich. Sarah fiel ihm weinend um den Hals. „Es tut mir leid !“ wimmerte sie immer wieder. „Es tut mir leid !“
Marco drückte sie an sich und sagte erst einmal gar nichts. Dann nahm er sie an die Hand und führte sie in die Wohnung.


4 Wochen vorher

Liebes Tagebuch,
ich bin verzweifelt. Ich weiß nicht mehr was ich tun soll. Jedesmal, wenn er mich ansieht, mich anspricht, vermute ich dahinter dieses lauernde Etwas. Das er wieder zu mir kommt. Das er es wieder tut. Ich habe solch eine Angst. Wie soll ich das nur aushalten. Dieses ewige Spiel. Es ist wie ein Spiel. Nur daß er die Regeln bestimmt und ich sie nicht kenne. Ich weiß nur, daß ich hart bestraft werde, wenn ich gegen sie verstoße.
Wie kann ich diesem Leben entfliehen ?
Deine Sarah

Sarah klappte ihr Tagebuch zu und legte es zurück in das Versteck. Eine kleine Nische zwischen dem Bett und dem Nachttisch, die sie vor ein paar Monaten entdeckt hatte. Niemand durfte es finden, denn was sie in ihr Tagebuch schrieb, überstieg alles faßbare. Manchmal zweifelte sie ja schon an sich selbst. Ihre Zimmertüre wurde aufgestoßen.
„Sarah, ich hab dich gerufen !“ rief ihre Mutter.
„Ich hab dich nicht gehört. Komme schon !“ rief Sarah zurück. Schnell lief sie in die Küche, wo ihre Mutter vor dem Herd stand.
„Schäl die Kartoffeln !“ sagte sie. Sarah nahm schnell daß kleine Messer aus der Schublade und setzte sich mit dem Kartoffelsack und einer Wasserschüssel an den Küchentisch. Sie schälte die kleinen Kartoffeln zuerst, auch wenn es viel schwieriger war, als die großen zu schälen. Aber Jochen mochte die kleinen lieber und so wurden die großen Kartoffeln nur dann gegessen, wenn er nicht da war.
„Mach es ordentlich. Dein Vater möchte keine Schalenstücke in seinem Essen finden.“ mahnte ihre Mutter.
„Ja Mama !“ sagte Sarah und achtete darauf, daß die Kartoffeln sauber geschält waren, bevor sie sie in die Wasserschüssel gleiten ließ. Als es an der Haustüre klingelte, hatte sie schon fünf Kartoffeln geschält und ihre Finger waren schon ganz aufgeweicht. „Geh aufmachen !“ sagte Mutter. Sarah stand auf, nahm sich das Geschirrtuch um sich die Hände sauber zu machen und lief schnell zur Tür. Es war Jochen.
„Hallo mein Zuckermäuschen !“ rief er fröhlich und gab Sarah einen Klaps auf den Po. Als er in die Küche trat küßte er seine Frau auf den Mund und sah in die Töpfe auf dem Herd.
„Hm, Sauerkraut mit Speck und ah, Kartoffeln.“ Die letzten Worte waren an Sarah gerichtet gewesen, die ihre Arbeit wieder aufgenommen hatte.
„Mein Zuckermäuschen macht ihre Arbeit hoffentlich ordentlich.“
„Ich hab ihr gesagt, daß sie die Kartoffeln sauber schälen soll.“ sagte Mutter. Sarah folgte der Hand, der großen, harten Hand, die sich eine Kartoffel aus der Wasserschale fischte und sie begutachtete. „Ja, ich muß sagen, mein Zuckermäuschen versteht sich aufs kartoffelschälen.“
Jochen ließ die Kartoffel wieder ins Wasser plumpsen und ging ins Wohnzimmer. „Beeile dich ein Wenig !“ sagte Mutter und Sarah schälte schneller. Aus dem Wohnzimmer drangen die Geräusche des Fernsehers.
Jochen sah Fußball. Jochen liebte Fußball und heute war ein wichtiges Spiel. Heute würde Jochen vor dem Fernseher essen, während sie in der Küche saßen. Jochen verpaßte nie ein wichtiges Spiel, was auch dazwischen kommen sollte. Sarah hatte die letzte Kartoffel ins Wasser gleiten lassen und stellte nun die Schale neben den Herd. Ihre Mutter schenkte ihr ein Lächeln. „Deck doch mal den Tisch. Die Kartoffeln brauchen nicht so lange.“ sagte sie. Sarah nahm Teller und Besteck und fing an den Tisch zu decken, als Tim, ihr siebenjähriger Bruder durch die Küche gelaufen kam. Er spielte irgendwas mit Außerirdischen, denn er schrie andauernd : „Die Marsmännchen kommen !“ Immer den gleichen Satz und dabei schoß er wie wild mit seiner Spielzeugpistole auf imaginäre Wesen, die ins Wohnzimmer zu flüchten schienen, denn Tim lief genau dort hin. Sarah hielt den Atem an. Und schon kam das Erwartete.
„Kann man hier noch nicht einmal in Ruhe ein Spiel ansehen ? Clara, schaff diese Nervensäge aus dem Zimmer.“ Sarahs Mutter lief schnell ins Wohnzimmer und schnappte sich den heulenden Tim. „Ich hab dir gesagt, daß Papa nicht gestört werden will, wenn er fernsieht.“
Tim kreischte und schrie. „Der ist nicht mein Papa !“
Mutter hielt den Atem an und dann klatschte es. Tim bekam eine Ohrfeige, was dazu führte, daß er noch lauter weinte.
„Von wem hast du diesen Unsinn ?“ schrie Mutter nun. „Von Sarah, von Sarah !“ schrie Tim weinend. Mutter setzte ihn ab und Tim rannte in sein Zimmer. Sarah saß stumm am Tisch.
„Wie kannst du es wagen, so etwas zu sagen ?“ flüsterte Ihre Mutter drohend. Sarah sah auf die Tischplatte. „Er ist ja auch nicht unser richtiger Vater.“ sagte sie ganz leise. Mutter ging zur Wohnzimmertür und schloß sie. „Das braucht dein Vater nicht mitzubekommen. Solch undankbare Kinder. Er tut alles für euch. Er bringt das Geld, er versorgt euch. Ohne ihn säßen wir noch immer in der alten Zweizimmer Wohnung. Und außerdem liebt er uns. Wie kannst du es also wagen, zu behaupten, er wäre icht dein Vater. Schlimm genug, daß du ihn beim Vornamen nennst. Warum mußt du Tim so einen Blödsinn einflößen ? Er liebt seinen Vater und das solltest du besser auch tun.“ Dann nahm Mutter den Topflappen vom Tisch und wandte sich zum Herd um. Sarah deckte den Tisch zu ende.
„Das Essen ist fertig. Ruf deinen Bruder.“
Sarah rief nach Tim, der sofort kam. Er hatte sich wieder beruhigt und setzte sich still an den Küchentisch.
„Und jetzt bring deinem Vater sein Essen.“ sagte Mutter.
Sarah nahm den Teller mit dem dampfenden Essen und ging rüber ins Wohnzimmer. Jochen saß vor dem Fernseher und schien sie gar nicht zu bemerken. „Dein Essen ist fertig.“ flüsterte Sarah. Jochen deutete auf den Tisch und sie stellte es schnell ab. Sie wollte sich umdrehen und gehen, doch er rief sie zurück. „Komm her.“ befahl er. Er deutete auf seinen Schoß und Sarah setzte sich gehorsam. Jochen hatte seine Hand auf ihrem Knie liegen und drückte es leicht. „Was sollte das denn grade ?“ fragte er drohend. „Gar nichts !“ wimmerte Sarah. Jochen ließ Seine Hand höher gleiten. „Es tut mir leid !“ wimmerte Sarah. „Was tut dir leid ?“ fragte Jochen, ließ seine Hand nun aber liegen.
„Daß ich das gesagt habe.“ antwortete Sarah. Jochens Hand fuhr weiter ihren Oberschenkel hinauf.
„Du bist mein Vater.“ schluchzte sie nun. „Ich wollte Mama nicht weh tun.“
„So ist es gut.“ sagte Jochen, nahm seine Hand aber noch immer nicht zurück. „Denn was sollte deine Mutter niemals erfahren ? Hm, was ist unser kleines Geheimnis ?“
„Das, das du und...das du und ich..:“ Sarah schluchzte auf, Jochens Hand war zwischen ihren Beinen angelangt. „Das... wir uns lieben.“ wimmerte sie.
„So ist es gut.“ sagte er und nahm seine Hand zurück. „Es würde deine Mutter furchtbar wütend machen, wenn sie erfährt, daß ihre eigenen Tochter ihren Vater liebt. Und daß willst du ja nicht, oder ?!“
Bisher hatte seine Stimme leise und eindämmend geklungen, jetzt wurde sie hart. „Also sage nie wieder solche Sachen, daß ich nicht dein Vater wäre. Wenn deine Mutter auch nur Verdacht schöpft ist es auf, und sie steckt dich in ein Heim. Verstanden ?!“
Sarah nickte und Jochen deutete ihr jetzt aufzustehen. Er gab ihr einen Klaps auf den Po und sagte : „Guten Hunger mein Zuckermäuschen !“
Sarah wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und ging in die Küche. Sie setzte sich zu ihrer Mutter und ihrem Bruder an den Tisch und aß ihre Kartoffeln.
„Hat dein Vater also doch mitbekommen, was du schlimmes gesagt hast !“ sagte Mutter. Sarah sah zu ihr hoch.
„Richtig, daß er dich zum weinen gebracht hat. So was verdient man, wenn man seinen Vater verleugnet. Hoffentlich hat er ordentlich mit dir geschimpft.“
Sarah aß weiter, ohne ein Wort zu sagen.

Die Bücherei war ungewöhnlich leer, so daß Sarah vollkommen ungestört hinter dem kleinen Schreibtisch sitzen konnte um daß neuste Buch zu lesen. Normalerweise hatte sie freitags immer was zu tun, denn irgendwelche Leute wollten immer etwas von ihr wissen, wußten nicht wo ein bestimmtes Buch steht oder störten einfach nur durch ihre reine Anwesenheit Sarah beim lesen. Doch an diesem Freitag war Sarah alleine, wenn man von Frau Hoffmann im oberen Trakt absah.
Sarah war so vertieft, daß sie die näher kommenden Schritte erst spät bemerkte. „Darf man stören ?“ fragte eine Stimme. Sarah sah von ihrem Buch auf. „Natürlich, dazu bin ich ja hier, nicht wahr ?“ sagte sie in ihrer gewohnten freundlichen Weise, wie sie mit Kundschaft umzugehen pflegte.
„Das ist wohl wahr.“ sagte der Junge, oder wohl eher der junge Mann, der ihr gegenüber stand.
„Was kann ich denn für sie tun ?“
„Ich suche ein Buch.“ Sarah lächelte. „Davon gibt es hier genügend.“
Der Mann lächelte auch. „Deswegen bin ich ja hier.“ sagte er. „Nein, im ernst. Ich suche das Buch von Jostein Gaarder. Es heißt, äh Moment.“ Er kramte in seiner Jackentasche und entnahm ihr einen kleinen Zettel.
„SofiesWelt. Ja, so heißt es.“ sagte er triumphierend.
„Ich schaue mal eben nach, wo es steht.“ sagte Sarah und tippte auf die Computertastatur ein. Einige Augenblicke später stand sie auf und deutete dem Mann, mitzukommen. Sie mußten bis zum Ende der ganzen Bücherregale laufen, in den Teil, der mit Philosophie überschrieben war.
Sarah bückte sich und zog ein dickes Buch aus dem untersten Regalbrett. „Hier ist es auch schon.“
„Oh, vielen Dank. Was hätte ich nur ohne sie getan. In Büchereien fühle ich mich immer so hilflos.“ sagte der Mann.
„Das geht vielen so. Aber wenn man sich erst einmal auskennt, ist daß alles keine Problem mehr.“ Sie waren wieder zurück zum Schreibtisch gelaufen.
„Und außerdem habe ich ja auch den hier.“ sagte Sarah lächelnd und klopfte auf den Computerbildschirm.
„Ja ja, die Technik. Sie wären also auch verloren ohne das Ding ?“
„Nein, nicht verloren, aber es würde einfach nur länger dauern.“
„Dann kann ich ja froh sein, daß es nur ein paar Minuten gedauert hat, das Buch zu finden. Ich brauche es nämlich ganz furchtbar dringend. Ich soll eine Arbeit über den Umgang mit der Philosophie zur heutigen Zeit schreiben. Aber das interessiert sie sicher herzlich wenig.“
Sarah lächelte ihn an. Sie wußte nicht, was sie noch sagen sollte.
„Viel Spaß beim lesen.“ meinte sie schließlich.
„Dann werde ich wohl mal nach oben gehen um mir das Buch auszuleihen.“ sagte der Mann.
„Auf wiedersehen.“ rief ihm Sarah hinterher, als er sich schon umgedreht hatte.
„Hoffentlich.“ meinte er und lächelte sie an.
Sarah setzte sich wieder auf ihren Stuhl und versuchte ihr Buch weiter zu lesen. Doch irgendwie konnte sie sich nicht mehr so recht konzentrieren.
Als sie am Abend nach Hause kam, war die Tür des Schlafzimmers von ihrer Mutter und Jochen verschlossen und es drangen gedämpfte Laute heraus. Sie lief schnell in ihr Zimmer und versuchte einzuschlafen.

Liebes Tagebuch,
wieder ist es passiert. Ich hab gedacht, daß er Ruhe gibt, wenn es mit Mama klappt. Aber er ist am selben Abend noch zu mir gekommen. Ich hab mich schlafend gestellt, doch, oh mein Gott, wenn ich daran denke, wird mir ganz schlecht. Aber ich muß es aushalten, ich habe es ausgehalten. Ich werde schon nicht sterben. Er macht es ja auch nicht oft.
Diesmal hat er auch nicht viel gewollt. Nur, daß ich IHN streichele und drücke. Am liebsten hätte ich ganz feste zugedrückt, aber ich hab Angst, daß er dann wütend wird und mir weh tut. Was soll ich nur tun ? Mein Leben ist kaputt, aber es ist meine Leben. Ich sollte wohl froh sein, daß ich genug zu essen habe und nicht verhungere, wie die Kinder in der dritten Welt. Man muß immer die positiven Aspekte sehen. Ich versuche es, doch es klappt nicht immer.
Deine Sarah

„Sarah, ich hab dir doch gesagt, daß du heute auf Tim aufpassen mußt. Dein Vater und ich fahren zum Kegeln. Du hast es mir versprochen.“
Sarah hatte gar nichts versprochen, genau sowenig wie ihre Mutter ihr gesagt hatte, daß sie an diesem Abend zu Hause bleiben mußte um auf ihren Bruder aufzupassen. Aber sie fügte sich.
„Ich hab doch gesagt, daß ich es mache. Dann sag ich Chrissi halt ab.“
„Jetzt werfe mir nicht vor, daß du deine Verabredung absagen mußt. Daran hättest du vorher denken sollen.“ sagte Mutter. Sarah nickte.
Dann lief sie zum Telefon und wählte die Nummer ihrer Freundin.
„Hallo !“ ertönte es am anderen Ende der Leitung.
„Hallo, hier ist Sarah.“
„Hey, warum rufst du an ? Wir sehen uns doch gleich.“ rief Chrissi.
„Ich fürchte, daraus wird leider nichts.“
„Warum das denn ?“
„Ich muß auf meinen Bruder aufpassen. Meine Eltern gehen kegeln, ich hab’s vergessen.“
„Och Mensch Sarah. Hättest du nicht früher daran denken können ? Jetzt ist mein Abend doch auch gelaufen.“
„Es tut mir echt leid !“ sagte Sarah.
„Telefoniere nicht immer so lange !“ schrie Jochen aus der Küche.
„Ich leg gleich auf.“ rief Sarah zurück. „Du Chrissi, ich muß auflegen. Tut mir echt leid. Ruf doch Nina an. Die hat bestimmt Zeit. Und dann gehst du halt mit ihr ins Kino, statt mit mir.“ schlug Sarah enttäuscht vor.
„Ich werd’s versuchen. Trotzdem schade. Ich wäre gerne mit dir gegangen.“
„Tschüs Chrissi, wir sehen uns am Montag in der Schule.“ sagte Sarah schnell und hängte ein, bevor Jochen sie noch mal ermahnen mußte.
In dem Moment kam er ins Wohnzimmer rein.
„Wie oft hab ich dir schon gesagt, daß du nicht so lange telefonieren sollst. Heutzutage kostet das ein Schweinegeld.“
„Ich hab doch höchstens...“ begann Sarah, doch Jochen unterbrach sie.
„Ich hab doch nur, ich hab doch nur...“ machte er sie nach. „Ich bin früher mit dem Rad zu meinen Freunden gefahren, wenn ich mit ihnen sprechen wollte.“ sagte er.
„Aber ich muß doch hier bleiben.“ entfuhr es Sarah und sie hätte es am liebsten sofort wieder zurück genommen.
„Hör auf mir zu widersprechen, hast du gehört ? Denk an letzte nach !“
Sarah nickte. In dem Moment kam Mutter rein.
„Was habt ihr beiden noch zu besprechen. Komm Jochen, wir müssen los.“
„Ich komme Liebes.“ sagte er. „Mach keine Dummheiten mein Zuckermäuschen.“ meinte er zu Sarah und ging hinter Mutter her.
Als Sarah die Haustüre zufallen hörte ließ sie sich erschöpft auf das Sofa fallen. Ruhe für einen Abend. Hoffentlich würde es spät werden.
Sie stellte den Fernseher an und schaltete von Programm zu Programm, bis sie schließlich an einen Film hängenblieb.
Sie verfolgte die Handlung auf dem Bildschirm nur mit halben Interesse, denn sie war immer noch sauer und traurig, daß sie ihre Verabredung hatte sausen lassen müssen. Tim konnte genauso gut auch alleine bleiben. Schließlich schlief er doch.
In der Pause machte sie sich eine Schüssel Popcorn und etwas zu trinken.
Grade als die Werbung vorbei war, klingelte das Telefon.
„Hallo.“ sagte sie, als sie abgenommen hatte.
„Halli Hallo !“ rief Chrissi in den Hörer.
„Hey, gehst du doch nicht weg ?“
„Ich hab mir gedacht, daß es doch scheiße ist, wenn du alleine zu Hause sitzt und ich mich vergnüge. Also komme ich vorbei.“
„Was ?!“ rief Sarah entsetzt. „Das geht auf keinen Fall.“
„Wieso ? Hast du etwa heimlich einen Jungen bei dir und wolltest deshalb nicht mit mir weggehen ?“
„Ach Quatsch, aber wenn meine Eltern das merken, gibt es Zoff.“ Zoff war wohl untertrieben, dachte Sarah. Aber sie konnte ja schlecht erzählen, daß dann Jochen wieder... nun, daß sie sich dann bei ihm entschuldigen mußte.
„Ich geh halt vorher wieder.“ meinte Chrissi. Sarah hörte ihr die Enttäuschung an und mußte einfach JA sagen.
„In Ordnung. Komm vorbei. Ich hab grade Popcorn gemacht. Wenn du dich beeilst, ist noch was da, wenn du hier bist.“
„Ich fliege !“ rief Chrissi und hatte aufgelegt.
Sarah überlegte, ob ihre Entscheidung richtig gewesen war. Würde Jochen herausbekommen, daß Chrissi hier gewesen war, würde er mächtig sauer werden. Aber wahrscheinlich würde es früher oder später sowieso wieder dazu kommen. Dann halt früher.
Zwanzig Minuten später klingelte Chrissi. Sie hatte noch eine Tüte Chips mitgebracht und zu zweit machten sie es sich nun auf dem Sofa gemütlich und sahen den Film im Fernsehen.
„Ist doch viel besser als Kino. Und noch dazu viel billiger.“ scherzte Chrissi.
„Stimmt. Auch wenn es eine Wiederholung ist. Aber ist ja auch egal.“
Um zehn war der Film zu Ende.
„Du solltest vielleicht besser gehen. Meine Eltern müßten jeden Augenblick wiederkommen.“ meinte Sarah.
„Och, sie werden dir schon nicht den Kopf abreißen.“ rief Chrissi und sprang auf das Sofa. „Oder etwa doch ? Komm, laß uns eine Kissenschlacht machen.“ Noch bevor Sarah irgend etwas erwidern konnte, hatte sie ein Kissen im Gesicht und mußte sich gegen den Ansturm ihrer Freundin wehren. „Chrissi, hör auf. Es geht wirklich nicht. Du mußt echt gehen.“
rief sie lachend, mit einem Kissenzipfel im Mund.
Als Chrissi sich wieder beruhigt hatte, meinte Sarah ernst : „Geh jetzt besser.“ Ihre Freundin sah sie an und stand auf. „Wie du meinst. Manchmal weiß ich echt nicht, was ich von dir halten soll. Es ist doch erst zehn Uhr. Was sollen deine Eltern denn machen, wenn du dir eine Freundin einlädst ? Ich glaube eher, daß du nicht mehr meine Freundin sein willst.“
Damit ging sie in den Flur und zog sich ihre Schuhe an.
„Aber warte doch. Das stimmt doch gar nicht. Ich will dich doch gar nicht rausschmeißen. Aber du kennst halt meine Eltern nicht. Mein Stiefvater macht mir die Hölle heiß. Versteh mich doch. Chrissi !“
„Ist schon gut. Ich geh ja schon. Das nächste mal, wenn du mich sehen möchtest, nimm dir mal mehr Zeit.“ Chrissi stieß die Haustüre auf und lief nach draußen. Im selben Moment kamen Jochen und Mutter nach Hause.
Sarah war wie versteinert. Warum hatte sie immer so ein Pech ?
„Wer war das ?“ fragte Jochen.
„Chrissi !“ antwortete Sarah leise.
Sie gingen ins Haus und zogen ihre Mäntel aus. Sarah folgte ihnen.
„Chrissi also. Der Chrissi, der du heute abgesagt hast ?“ Sarah nickte.
„Liebes, geh doch schon mal ins Schlafzimmer. Ich habe noch ein Wort mit Sarah zu reden.“ sagte Jochen zu Mutter. Sie ging.
„Komm, komm mit. Wir gehen in dein Zimmer.“ sagte er. „Oh, ich sehe ihr hattet eine kleine Privatfeier.“ Er deutete auf die leere Chipstüte.
Sarah schwieg. In ihrem Zimmer angekommen, schloß er die Türe und kam langsam und bedrohlich auf sie zu.

Liebes Tagebuch,
ich weine noch immer. Warum tut er so was ? Ich versuche es zu begreifen. Aber ich verstehe es nicht. Ich müßte lernen, was es heißt, zu gehorchen, hat er gesagt, als er IHN in... ich kann es gar nicht zu ende denken, geschweige denn aufschreiben. Es hat furchtbar weh getan. Er hat es ja schon öfters so richtig getan, aber diesmal war es so brutal. Ich habe geweint und ihn gebeten aufzuhören, doch er meinte nur : „Du mußt lernen zu gehorchen.“
Und bei jedem Wort hat er IHN weiter in mich gestoßen. Ich hatte solch eine Angst. Ich habe noch immer Angst. Bitte lieber Gott, laß ihn auf der stelle tot umfallen. Warum hilft mir denn keiner ? Muß ich mir etwas alleine helfen ? Aber wie ???
Deine Sarah

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LG, liveforever

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Gagamello
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hallo

der Versuch.. Trost zu spenden wäre am falschen Platz.. und käme auch zu spät.. ich bin einfach nur erschüttert..

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Des Menschen Verhängniss ist,
dass er vergisst

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liveforever
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keine wahre Begebenheit

Ich hoffe ihr habt diese Geschichte nicht als wahres Erlebnis, welches ich erlebt habe, gesehen. Ich habe mich eine Zeit lang nur sehr intensiv mit dem Thema Mißbrauch beschäftigt und habe dann diese Geschichte geschrieben. Auch vielleicht, um das Gelesene und Gehörte zu verarbeiten.

LG, liveforever

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Gagamello
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puuuuuhhhhhhh...

dann fällt mir ein Stein von Tonnenschwere vom Herzen..wenngleich solche Dinge (leider) in der Realität viel häufiger vorkommen als man denkt..
mfg
achim
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Eberhard
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wirklich aussergewöhnlich....

Hallo ähem liveforever oder wie auch immer du heißt,

also ich bin durch Zufall in dein Profil gestolpert und habe mir von dort mal deine Sachen anschauen "wollen". Bin aber hier bereits fasziniert hängengeblieben, wenn das mit deinen Stücken so weitergeht, kann das ja noch ganz schön dauern bis ich die alle durch habe. Denn ich MUSS sie lesen. Mich hat die Geschichte in ihren Bann gezogen.

Nun zuerst bin ich mal für dich froh, dass du nicht dies alles aus eigener Erfahrung schreibst..puh
Allerdings tun mir die "wirklichen" Opfer leid...

Zum zweiten, ach was kurz gesagt..der Wahnsinn die Story, der Hintergrund ist schwer, aber die Story einwandfrei. Sie zeugt von sehr großem Können. Ich dachte Anfangs, sehr erwachsene Wortwahl, der Schreibstil im Tagebuch, aber später bin ich dann drauf gekommen, dass Sarah schon etwas älter sein muß. Sie arbeitet bereits, leider habe ich hier kurz die Orietierung verloren, wie alt ist denn Sarah eigentlich?

Nein, es gibt nichts zu mäkeln, die Story ist wirklich gut geschrieben. Die Szenen die du erzeugst sind mit geballter Brutalität und wahnsinniger Hilflosigkeit gezeichnet. Irgendwie sehr harmonisch die Sätze zueinander und ich finde gerade das ruhige, nicht aufbrausende, gibt dem allen einen derart gräßlichen und bitteren Geschmack...also ehrlich bin hin und weg.

Aber so einem starken Mädchen, meine Güte wenn ich mir vorstelle das es sowas gibt...schrecklich.

Also ich kann es nur nochmal und nochmal schreiben...riesige Anerkennung so und nu schaue ich mir mal die anderen Sachen von dir an....Bis denne mal.

Ach je ich vergaß, wegen deiner Recherche für den Historischen Roman bin ich auf dich gestossen, denn ich bin auch an einer solchen Geschichte dran...aber verglichen, was in deiner Geschcichte steht oder die Art wie du es schreibst, kann ich meinen ja gleich vergessen, da trennen uns Welten...here is a new fan to you
__________________
Simply Eb!

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liveforever
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Alter

Hallo Eberhard!

Sarahs Alter hattest Du angesprochen. Sarah ist noch nicht sehr alt, sie ist gerade auf der Schwelle zum Erwachsenenwerden. Ich denke, sie ist 17 Jahre alt. Das Alter hatte ich mir zumindest immer vorgestellt, als ich die Geschichte geschrieben habe.
Was die erwachsene Wortwahl in ihren Tagebucheinträgen betrifft, so denke ich, dass die Erlebnisse sie einfach viel zu früh haben erwachsen werden lassen. In vieler Hinsicht ist sie reifer als andere 17jährige. Sie geht, wie Du schon angesprochen hast, arbeiten, auch um dem zu Hause (und damit Jochen) zu entfliehen. Aber in anderen Situationen verhält sie sich wie ein Kind, natürlich bedingt durch Jochen. Sie darf nicht zu spät nach Hause kommen etc.
Achja, auch hier noch mal allerliebsten Dank für das dicke Lob!!!

Gruß, live
__________________
LG, liveforever

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