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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Einmal ist genug (Lebends/Leidensgeschichte)
Eingestellt am 24. 10. 2002 03:04


Autor
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JojoBrown
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2002

Werke: 3
Kommentare: 4
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Mein Leben begann im kalten Monat Januar des Jahres 1956. Es ist der 3. Tag dieses Monats und des Jahres. Ich habe logischer Weise keine Erinnerung an diese K├Ąlte und die neue Erfahrung, au├čerhalb des ach so warmen Mutterleibes existieren zu m├╝ssen. Ich entwickelte mich bis November pr├Ąchtig, wie ich sp├Ąter aus Erz├Ąhlungen erfuhr. An einem Morgen, gegen Ende des Jahres, zog meine Mutter mich an, und wollte mich in den Laufstall stellen. Dort blieb ich aber nicht wie sonst immer am Gitter stehen, sondern sank immer wieder zusammen, so oft meine Mutter mich auch wieder aufrichtete. Ich mu├č meine Mutter unbewu├čt in Angst und Schrecken versetzt haben, denn in ihrer Verzweiflung wollte sie sogleich einen Arzt benachrichtigen. Dieses Vorhaben versteht man, wenn man sich vor Augen h├Ąlt, da├č junge M├╝tter einen siebten Sinn entwickeln, wenn sie entweder ein Kind unter ihrem Herzen tragen, oder ein eigenes Kind schon geboren haben, und es geschieht etwas ungew├Âhnliches. Sie lief also in ihrer Not zum Nachbarn, der zur damaligen Zeit, ich glaube der Einzige war mit Telefon. Sie rief den Kinderarzt an, und schilderte ihm ihre Beobachtung. Diese waren eben, da├č ich nicht mehr auf meinen kleinen Beinchen stehen konnte und leise wimmerte. Wenn ich mich recht auf die Erz├Ąhlung meiner Eltern besinne, mu├č dieser Kinderarzt wohl schon nach zwei bis drei Tagen zu uns nach Hause gekommen sein, um mich kurz in Augenschein zu nehmen. Nach dieser ach so gr├╝ndlichen Untersuchung meinte er dann: Das Kind hat einen schweren Katarrh. Kein Grund zur Beunruhigung. Das gibt sich wieder. Mit diesen Worten lie├č er meine Mutter ziemlich besorgt zur├╝ck und zog von dannen. Meiner Mutter lie├č das aber keine Ruhe und sie sprach an einem der n├Ąchsten Tage mit ihrer Chefin Frau F. ├╝ber mich und dem Untersuchungsergebnis des Arztes. Diese war auch sogleich beunruhigt und sie ├╝berlegten zusammen, wie sie sich Gewi├čheit verschaffen konnten. Frau F. war mit der Kinder├Ąrztin, die sie wegen ihrer Tochter schon mehrfach konsultiert hatte sehr zufrieden. Sie bot sich an, diese sofort anzurufen und ihr meine Lage zu schildern und um Rat zu fragen. Meine Mutter nahm das Angebot ├╝bergl├╝cklich an, denn sie wollte so schnell wie m├Âglich Klarheit haben. Das Telefongespr├Ąch verlief allerdings nicht so wie sich die beiden Frauen das vorgestellt haben. Es ergab sich wohl die M├Âglichkeit, da├č mich diese Kinder├Ąrztin gr├╝ndlich untersuchen wollte, aber mit dem Hinweis, da├č sie in dem Ort in dem meine Eltern mit mir wohnten nicht praktizieren d├╝rfte. Aber auch daf├╝r wurde schnell eine L├Âsung gefunden. Ich wurde daraufhin, wahrscheinlich schon am n├Ąchsten Tag zu Frau F. in die Nachbarstadt gekarrt, was sich als schwierig herausstellte, da meine Eltern damals noch kein Auto besa├čen. Aber auch dieses Problem wurde irgendwie gel├Âst. In der Wohnung von Frau F. wurde ich dann von der sehr netten Kinder├Ąrztin Frau Dr. H. eingehend und gr├╝ndlichst untersucht. Das vorl├Ąufige Ergebnis war f├╝r meine Mutter und Frau F. niederschmetternd. Man mu├č es wohl der ├ärztin angemerkt haben, da├č es ihr nicht leicht viel ├╝ber ihre Erkenntnisse zu reden. Die Untersuchung hat ergeben, da├č ich an Kinderl├Ąhmung erkrankt sei und um noch so viel wie m├Âglich zu retten, m├╝sse ich so schnell wie m├Âglich nach Krefeld in die Kinderklinik. Meine Mutter mu├č bei dem Wort Kinderl├Ąhmung in Tr├Ąnen ausgebrochen sein, sp├Ątestens aber bei den Worten, da├č ich so schnell wie m├Âglich und mit 11 Monaten allein in diese Kinderklinik sollte. Zu allem ├ťbel dann auch noch ohne Auto. Aber auch daf├╝r gab es dann schnell wieder eine L├Âsung: Frau Dr. H. erkl├Ąrte sich bereit, meine Mutter und mich mit ihrem Privatauto in die Klinik zu fahren.
An dieser Stelle m├Âchte ich mich bei denen, die mich am Liebsten bei meiner Erinnerung unterbrechen und verbessern m├Âchten entschuldigen, aber die ganze Geschichte begab sich nunmehr vor ca. 44 Jahren, und ich mu├čte sie mir von verschiedenen Verwandten, Bekannten und Freunden meiner Eltern in den verschiedensten Versionen immer und immer wieder anh├Âren. Es ist daher durchaus m├Âglich, da├č der ein oder Andere sich nicht so ganz an die Tatsachen gehalten hat, oder da├č ich selber einen Fehler in meiner Erinnerung habe.
Auf jeden Fall hat sich in mein Ged├Ąchtnis eingebrannt, da├č ich zu diesem Zeitpunkt, vor der Erkrankung, bereits laufen konnte und meinen Kinderwagen, vor allem im Park, sehr gerne selber schieben wollte. Ich habe sogar noch leichte Erinnerungen an den Kinderwagen, aber nicht mehr daran, wie es war normal zu laufen. Frau Dr. H. hatte bei mir festgestellt, da├č beide Beine und beide Arme gel├Ąhmt waren, weiterhin war meine Zunge angegriffen. Ich glaube, da├č man damals in der Kinderklinik zu dem gleichen Resultat kam wie Frau Dr. H.. Von dieser Klinik ist bei mir nur der Eingangsbereich und die kalten und hei├čen G├╝sse in Erinnerung geblieben. Den Eingangsbereich habe ich im Alter von etwa 23-24 Jahren bei einem Besuch sofort wiedererkannt. Noch mehr sogar, denn bevor wir dort ankamen, habe ich das Haus original beschrieben. Meine Eltern meinten damals, da├č das nicht sein k├Ânne, mu├čten aber ihre Meinung revidieren. Die G├╝sse zeigten auf jeden Fall Erfolg. Ich denke mir, da├č man auch eine medikament├Âse Behandlung gemacht hat. Auf jeden Fall haben sich die diagnostizierten Symptome soweit gebessert, da├č man oberfl├Ąchlich sagen konnte, da├č nur noch mein rechtes Bein von der vorangegangenen Kinderl├Ąhmung gesch├Ądigt war und bleiben w├╝rde. Mittlerweile ist mein rechtes Bein 13,5 cm k├╝rzer als das Linke. Au├čerdem habe ich am linken Fu├č Schuhgr├Â├če 41, und rechts 36. Diesen gro├čen Unterschied sieht man angezogen aber nicht, dank meines St├╝tzapparates. Die Aussage, da├č nur am rechten Bein etwas zur├╝ckgeblieben war, traf damals zwar zu, hat sich aber Mittlerweile ver├Ąndert. Darauf komme ich zu einem sp├Ąteren Zeitpunkt noch einmal zur├╝ck.
Ich wei├č nicht ob es stimmt, aber mir wurde einmal berichtet, da├č Ende 1956 in den Niederlanden die Kinderl├Ąhmung ausgebrochen war und daher Ausreiseverbot bestand f├╝r Niederl├Ąnder. Eine Verwandte, selbst Deutsche, in den Niederlanden verheiratet und Gastst├Ąttenbesitzerin, bekam seltsamerweise eine Ausreisegeneh-migung, besuchte ihre Verwandten, zu denen leider auch meine Oma geh├Ârte. Da ich an diesem Tag bei meiner Oma zu Besuch war, hat mich diese nette Frau auch auf dem Arm gehabt. Ich will damit nat├╝rlich nichts gesagt haben, aber es kommen doch ab und zu seltsame Gedanken in einem hoch. War das Alles etwa nur Einbildung?
Nach meinem Aufenthalt in Krefeld kam ich dann noch in eine andere Kinderklinik in unserer N├Ąhe, allerdings nur, weil meine Mutter sich wegen eine/r gr├Â├čeren Operation selbst in ein Krankenhaus begeben mu├čte. Da mein Vater arbeiten mu├čte, konnte er sich nicht um mich k├╝mmern. So war die M├Âglichkeit mich f├╝r diese Zeit in einem Kinderheim unterzubringen und mich nicht bei Oma und Opa zu lassen, eigentlich der beste Weg. Wie gesagt: EIGENTLICH. Was zu dem Zeitpunkt noch keiner auch nur ahnen konnte, war zum Einen, da├č ich Heimweh bekam, was meiner Meinung nach v├Âllig legitim war, und da├č in diesem Kinderheim ein Feuer ausbrach. Nachdem dieses Feuer die gute Klinikbekleidung vernichtet hatte, zog man uns blau/wei├č gestreifte Kleidung an. Dieses wei├č ich nur von Erz├Ąhlungen meines Vaters und von Bildern. In dieser, wie Str├Ąflingskleidung aussehenden Verkleidung, traf mich mein Vater an, als er mich kurz nach dem Brand mit unserem Untermieter mit Hilfe seines Autos besuchte. Unser Untermieter, Herr R., der mich viel sp├Ąter als „mein Wickelkind“ begr├╝├čte, hielt mir eine gesch├Ąlte Banane hin und ich mu├č mich total ausgehungert dar├╝ber hergemacht haben. Aus diesem Grund, und wahrscheinlich wegen der ├Ąrmlich aussehenden Str├Ąflingskleidung hatten die beiden M├Ąnner mit mir ein Einsehen. Nachdem Herr R. und mein Vater meine mitleidigen Augen gesehen hatten, beschlossen sie kurzerhand mich mit nach Hause zu nehmen. Dieses Vorhaben lie├č sich aber nur in die Tat umsetzen, weil die beiden M├Ąnner sich mit meiner Beaufsichtigung abwechseln wollten bis meine Mutter aus dem Krankenhaus entlassen wurde. „Gedacht, getan“. Mein Vater unterrichtete die Klinikleitung von seinem Vorhaben, und nachdem die Papiere fertig waren, hie├č es f├╝r mich raus aus dem Str├Ąflingslager und den Klamotten. Zu Hause angekommen, wurden auch Oma und Opa informiert. Nachdem meine Mutter erfuhr, was die beiden M├Ąnner angerichtet hatten, ging es mit ihrer Heilung schnell voran.
Dazu sei noch angemerkt: Als sie von den widrigen Umst├Ąnden erfuhr, hatte sie vollstes Verst├Ąndnis f├╝r die beiden M├Ąnner. Sie h├Ątte in dieser Situation genauso reagiert. Sie war den Beiden richtig dankbar f├╝r ihr Verhalten. Allerdings machte sie sich jetzt Gedanken wegen meiner Versorgung. Ich kann dieses heute nicht mehr und konnte es damals noch nicht beurteilen, allerdings wenn ich heute dar├╝ber nachdenke, war es sicherlich f├╝r mich das Beste was mir passieren konnte. Nachdem meine Mutter dann irgendwann gesundet war, ging es mit Arztbesuchen meinetwegen los. Zu dieser Zeit befand sich immer noch kein Auto in unserem Besitz. Das hie├č also f├╝r meine Mutter, alle Wege mu├čte sie mit mir per Bus oder mit dem Fahrrad erledigen. Au├čerdem hie├č es mich zu tragen, da ich ja nicht mehr laufen konnte. Abhilfe schaffen sollte und wollte der orthop├Ądische Arzt Dr. F., der seine Praxis aber nicht bei uns im Ort hatte, sondern in einem Ort der von uns aus etwa 30 Busminuten entfernt war. Mit dem Fu├čweg war also grob gesch├Ątzt daf├╝r etwa 60 bis 90 Minuten weg, allerdings nur f├╝r einen Weg. Dazu kam dann noch die jeweilige Wartezeit beim Arzt und die Wartezeiten auf den jeweiligen Bus. Alles in Allem, ziemlich stre├čig f├╝r meine Mutter. Irgendwann hatte Dr. F. dann f├╝r meine Eltern und mich die rettende und hilfreiche Idee mit dem St├╝tzapparat. Dieses Teil sollte mir die M├Âglichkeit geben wieder auf meinem gel├Ąhmten Bein selbst├Ąndig zu stehen und sogar zu laufen. Meine Mutter ging also voller Hoffnung mit mir zu einem Orthop├Ądie-Fachgesch├Ąft in der nur etwa 5 bis 6 Km entfernten gr├Â├čeren Stadt. Nach etlichen Sitzungen und Beratungen kam der Filialleiter Herr L., der Techniker Herr E. mit meinen Eltern ├╝berein, da├č man es versuchen wolle. Um dieses hilfreiche Teil f├╝r mich zu fertigen, mu├čte aber noch die ├ťbernahme der Kosten durch die Krankenkasse meines Vaters eingeholt werden. Das hie├č f├╝r meine Mutter wieder mal Laufereien und Scherereien, zumal zu den Kosten f├╝r meinen St├╝tzapparat auch noch Kosten f├╝r orthop├Ądische Schuhe ├╝bernommen werden mu├čten. Das Alles, hie├č f├╝r meine Mutter unsagbar viele Wege und Verhandlungen mit der Krankenkasse und ├ämtern, die f├╝r die Kosten├╝bernahme in Frage kamen. Heutzutage k├Ânnte man sich beraten lassen, wer einem da weiterhelfen k├Ânnte. Zum damaligen Zeitpunkt gab es so etwas noch nicht und meine Eltern mu├čten Amt f├╝r Amt abklappern, um irgendwann eine Stelle zu finden, die bereit war, die Kosten zu ├╝bernehmen. Als die Kosten├╝bernahme gekl├Ąrt war, ging es wieder zum Orthop├Ądieladen und man machte einen Termin aus, f├╝r meinen ersten Gipsabdruck. Diesem Ersten sollte in meinem Leben bis heute noch viele folgen.
Einige Wochen vergingen bis mein St├╝tzapparat und die Schuhe fertig waren und wir zur ersten Anprobe hin konnten. Ich wei├č heute nicht mehr wie es ablief, denn die beiden Teile wurden in zwei verschiedenen Gesch├Ąften gefertigt. Der orthop├Ądische St├╝tzapparat kam aus einem Orthop├Ądie-Fachgesch├Ąft, die Schuhe von einem Orthop├Ądie-Schuhgesch├Ąft. Heute hat man vielerorts diese Sachen unter einem Dach. Die ersten Laufversuche waren mit Sicherheit nicht einfach f├╝r meine Eltern, aber f├╝r mich bestimmt auch nicht. Ich kann mich heute nicht mehr daran erinnern. In meiner Erinnerung geblieben ist nur noch das Aussehen und die Stimmen von Herrn L. und Herrn E. ebenso das Aussehen der Ladeneinrichtung und der R├Ąumlichkeiten. Nach langer Zeit der Eingew├Âhnung kam ich mit meinem Hilfsmittel einigerma├čen zurecht. Nach einiger Zeit konnte ich sogar ein wenig rennen. Auch das Fahrradfahren erlernte ich ziemlich schnell. Ich wei├č heute leider nicht mehr wer daf├╝r gesorgt hatte, da├č die St├╝tzr├Ąder von meinem R├Ądchen entfernt wurden, aber ich denke mir, da├č es meine Mutter war, die meinen Vater dazu gebracht hat, sie abzumachen. Von dem Moment an gab es f├╝r mich keinen Tag mehr ohne mein R├Ądchen. F├╝r mich war es einfach ein Freund, der es mir erlaubte die Welt kennenzulernen, f├╝r mich auf jeden Fall einfacher und leichter als wenn ich das Alles h├Ątte laufend machen m├╝ssen. Dieser „Freund“ (Fahrrad) sollte in meinem sp├Ąteren Leben, bis zur Berufsschule, auch mein Einziger bleiben. Die Zeit im Kindergarten hat mir deutlich gezeigt, da├č Kinder grausam sind. Ich wurde von den Meisten wegen meines Laufens geh├Ąnselt und gemieden. So kamen zum Beispiel Sachen wie Humpelbein und Wackelpeter, die sich dann nachher in der Schule fortsetzten und wiederholten, oder sogar noch getoppt wurden. An eine Situation kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es war in einer Pause in der Hauptschule, auf unserem Schulhof. Ich stand da, und sah mir die Anderen an, wie sie dort herumtollten. Pl├Âtzlich standen etwa 6 bis 7 Mitsch├╝ler um mich herum und fingen an, mich aufs Gemeinste zu h├Ąnseln und hin und her zu schubsen. Dieses Treiben hielt einige lange Minuten an und ich versuchte nach einem Lehrer Ausschau zu halten. Mit Lehrern scheint es so zu sein, wie mit Polizisten, wenn man mal einen braucht, ist keiner da. Ich merkte also sehr schnell, da├č ich mir selber helfen mu├čte. Ich hatte Gl├╝ck, da├č ich bis hierher noch nicht gefallen war. Dieses wurde mir schlagartig bewu├čt und ich baute darauf meinen Plan auf. Als die Anderen mich mal wieder schubsten und ich sehr schnell sicher stand, ri├č ich mit beiden H├Ąnden mein rechtes Bein, das hei├čt meinen St├╝tzapparat in die H├Âhe, lie├č das Kniegelenk gerade eingerastet. Nun folgte etwas, womit wahrscheinlich keiner gerechnet hatte. Ich hielt meinen rechten Fu├č etwa in Kopfh├Âhe und drehte mich so schnell ich konnte, auf dem linken Bein h├╝pfenderweise im Kreis. Ich merkte nur noch mehrmals einen dumpfen Schlag gegen meinen Fu├č, was ich jedesmal als einen Treffer gegen meine Gegner verbuchte. Dieses schien sich auch zu best├Ątigen, denn der Kreis um mich herum wurde gr├Â├čer und bald darauf l├Âste er sich komplett auf und ich stand mal wieder ganz alleine da. So und ├Ąhnlich ging es mir immer in der Schulzeit. F├╝r mich ist es daher nicht verwunderlich da├č meine Leistungen eigentlich nicht immer den Anforderungen entsprachen. Mit ├Ąhnlichen Angriffen ging es dann auf der Realschule weiter. Das war dann die Zeit des Kurzschuljahres. Aber das 2 mal zu machen ist ein normales Schuljahr, oder? Na egal, die Hauptschule sah mich also kurz darauf wieder. Meine Hoffnung, da├č der Peter, Volker, Harald, Charly und Bernd nun nicht mehr an dieser Schule waren best├Ątigte sich zwar, aber daf├╝r erwarteten mich: Siggi, Horst, Martin, Ren├ę und Helmut. Bei meinem ersten Schultag in dieser neuen Klasse, sp├╝rte ich f├Ârmlich die Blicke der Anderen auf meinem K├Ârper. Sie suchten und fanden sehr schnell meine Schwachstellen heraus. Ich rechnete mir meine Chancen aus, bis zum Ende des heutigen Tages ohne Angriff zu ├╝berstehen. Man mag verstehen da├č mir fast die Tr├Ąnen kamen als ich das Ergebnis meiner Schnellsch├Ątzung vor Augen hatte.
Mittlerweile, also nach vielen Jahren, ist mir Bewu├čt, da├č es egal ist, wie jemand hei├čt. Es liegt in der Natur des Menschen, vor Allem in der Natur des jungen Menschen, sich immer den Schw├Ącheren auszusuchen, um selber gut dazustehen, wenn man gezeigt hat, da├č man besser ist. Aber was hat das mit besser zu tun? Es ist schade, da├č sich dieses in jeder Generation wiederholt. Aber das geh├Ârt wohl zum Erwachsenwerden dazu.
Nach Abschlu├č meiner ach so leidvollen Schulzeit, hing ich noch ein Jahr Berufsfachschule hintenan. Dieses tat ich nur, weil man mir versprochen hatte, mir nach Ablauf dieser Zeit, eine Lehrstelle als Zahntechniker zu geben. Dieses erf├╝llte sich aber leider nicht, und ich mu├čte mir selbst eine neue M├Âglichkeit suchen eine Lehre zu machen. Dieses Mal hatte ich Gl├╝ck, denn es verging nicht viel Zeit, da hatte ich eine Lehrstelle zum Augenoptiker in der Tasche. Dieses erf├╝llte mich mit Stolz, da ich diese Stelle alleine ohne meine Eltern gefunden hatte. Die 3 ┬Ż Jahre Lehrzeit, in der ich in der Berufsschule meinen sp├Ąteren Freund und sp├Ąteren Patenonkel unserer Tochter kennen lernte, waren f├╝r mich wie eine Erholung, denn diese Zeit verlief ohne Angriffe auf meine Person. Das erste Jahr konnte ich mein Gl├╝ck kaum fassen und ich war immer noch auf der Hut, was meine Aufname des schwierigen Lehrstoffes etwas bremste. Nach Ablauf der Lehrzeit absolvierte ich die Gesellenpr├╝fung mit der Note 3,5. Diese Note war besser als ich erwartet hatte, und ich klopfte mir daf├╝r auf die Schulter. Nach meiner Pr├╝fung konnte ich, f├╝r einige Zeit in dieser Firma weiterarbeiten, bis es dann nach ca. 1,5 Jahren zu einem unsch├Ânen Ende f├╝hrte. Nach einer Arbeitslosigkeit von nur knapp einem Monat konnte ich dann in einer anderen Stadt neu anfangen. In einem der darauffolgenden Jahre lernte ich dann meine sp├Ątere Frau kennen. Etwa 2 Jahre sp├Ąter wurde geheiratet und wir zogen in das Haus meiner Eltern in die erste Etage. Vor unserer Heirat hatte ich mit Hilfe meines Vaters innerhalb von ca. 1,5 Jahren den Speicher ausgebaut. Dort oben entstanden wie von Geisterhand ein Badezimmer mit Dusche, WC und Waschbecken, ferner ein Kinder- und ein Schlafzimmer. Alle Holzarbeiten gingen auf meine Kappe. Erst als dieses Alles fertig war, wurde geheiratet. Anfangs verlief alles harmonisch, aber dann wurde ich arbeitslos und es war zu der Zeit keine Aussicht auf eine neue Arbeitsstelle. Trotz meiner Behinderung schlo├č ich mich als Verk├Ąufer einer Staubsaugerfirma an. Nach weiteren 1 ┬Ż Jahren mu├čte ich allerdings feststellen, da├č der Job k├Ârperlich zu schwer f├╝r mich war, da das Vorf├╝hrger├Ąt mit dem gesamten Zubeh├Âr gewichtsm├Ą├čig auf Dauer meine Wirbels├Ąule sch├Ądigte. Auch stand der Verdienst in keiner Relation zu dem Aufwand. Da sich in dieser Zeit au├čerdem herausstellte, da├č wir Nachwuchs erwarteten, habe ich alles drangesetzt, um wieder in meinem Beruf zu arbeiten. Dieses gelang mir dann auch nach m├╝hevoller Suche in einer benachbarten Kleinstadt, auf der anderen Rheinseite. Das war gut so, denn unsere Tochter wurde geboren als ich bei dieser Firma mein t├Ągliches Brot verdiente. Das war in einem Gesch├Ąft, dessen Besitzer eine ├Ąltere Dame und Witwe war. Innerhalb meiner Zeit dort mu├čte mir noch der Blindarm heraus genommen werden, der bis zum Bersten angeschwollen war, und bei der Operation platzte. Er sorgte im Nachhinein noch f├╝r viel Aufregung, denn etwa 2 Jahre sp├Ąter mu├čte ich noch einmal unter das Messer, wegen eines Narbenbruches an der gleichen Stelle. In dieser Firma arbeitete ich, bis diese Chefin sich mit ca. 65 Jahren zur Ruhe setzte. Ich begleitete sie noch tatkr├Ąftig durch den R├Ąumungsverkauf, bis zum bitteren Ende dieser Firma. Auch nach dieser Zeit verband mich noch etwas mit Frau S.. Wir besuchten uns in lockeren Abst├Ąnden gegenseitig zum Beispiel zum Kaffee. Ich wei├č nicht, warum das so war, vermuten tue ich einfach mal, weil ich bei ihr f├╝r die Optik alleine zust├Ąndig war und dr├╝ben in der Schmuckabteilung auch noch einiges getan habe. Dort dr├╝ben habe ich gelernt Gravuren auszuf├╝hren, Quarzuhren mit neuen Batterien zu versorgen, Ringe zu weiten oder zu verkleinern und wie man Perlen auf eine Schnur aufzieht und sichert.
Dies Alles war ein weiterer Meilenstein auf meinem beruflichen Werdegang und ich m├Âchte keinen Tag davon missen. Allerdings auf das Folgende h├Ątte ich gerne verzichten k├Ânnen, aber es geh├Ârt wohl irgendwie dazu. Gemeint ist damit die erneute Arbeitsuche. Da├č es f├╝r einen Behinderten ungleich schwerer ist, als f├╝r einen Gesunden, merkt man deutlich, wenn man als eben solcher die Schwelle des Arbeitsamtes ├╝berschreitet. Wenn man es soweit geschafft hat, ist man schon ziemlich fertig vom Treppensteigen vor dem Amt. Da liegt der Gedanke nicht fern, da├č die Planer dieser Geb├Ąude dieses mit voller Absicht so gestalten, um die Leute mit einem Handicap davon abzuhalten, die Schwelle zu den Gesunden zu ├╝berschreiten. Dieses ist nat├╝rlich nicht so, wie man mir oftmals versuchte glaubhaft zu machen. Hinter der Schwelle ins Geb├Ąude schl├Ągt einem Behinderten dann soviel Vitalit├Ąt und Gesundheit ins Gesicht, da├č man sich echt fehl am Platze vorkommt, und es sehr stark bereut, heute mit den eigenen Problemen in die ach so heile Welt der Gesunden eindringt. Ja es ist eine andere Welt, in die man sich einfach erdreistet rein zu gehen. Wenn man auch dieses unbeschadet ├╝berstanden hat, sitzt man dann meistens einem Berater gegen├╝ber, der einem nicht viel Hoffnung macht, da man ja behindert ist und dadurch schlechter zu vermitteln ist. Da├č ich diesen Ausspruch mittlerweile vor und r├╝ckw├Ąrts pfeifen kann, sage ich ihm nat├╝rlich nicht, sondern zeige ihm meine Papiere von der letzten Arbeitsstelle. Ich denke mir, es war bei dem Punkt, an dem Frau S. deutlich gemacht hat, da├č ich ein absolut zuverl├Ąssiger Angestellter war, und ihr noch bis zur letzten Minute geholfen habe und ihr zur Seite stand, als er die Augenbrauen hochzog und dann kooperativ wurde. Dieses hatte zur Folge, da├č ich mit einer Adresse das Haus verlie├č, wo ich es mal versuchen solle. Selbiges tat ich dann auch sofort, denn vor dem Arbeitsamt befand sich eine Telefonzelle, mit dem Resultat, da├č sich schon jemand vor mir dort beworben hatte. Der Chef konnte mir noch nichts N├Ąheres sagen. Das war zumindest kein NEIN. Jetzt kam mein Sternzeichen voll zum Einsatz. Man sagt denen unter dem Sternzeichen „Steinbock“ geborenen nach, da├č sie einen Dicksch├Ądel haben, und da├č sie das, was sie sich vornehmen, auch schaffen. OK, nach vielen Verhandlungen kam es dann dazu, da├č ich angenommen wurde. Im Nachhinein tut es mir leid, da├č ich die junge Frau, die sich dort kurz vor mir beworben hatte, ausgestochen hatte. Aber ich hatte den Job, und das war ein super Gef├╝hl. Ich habe mich voll in die neue Aufgabe gest├╝rzt, um den Anforderungen gerecht zu werden. Ziemlich schnell lebte ich mich dort ein, und neben der Optik lernte ich hier alte Kameras zu reparieren. Dieses Gebiet war sehr spannend und interessant. Leider kann ich das heute nicht mehr, denn innerhalb der Zeit, als ich bei dieser Firma arbeitete, erkrankte ich, einige Tage nachdem unsere Tochter eingeschult war, zu der Kinderl├Ąhmung auch noch an MS. Das ist die Krankheit mit den 1000 Gesichtern und hei├čt: Multiple Sklerose. Sie wurde festgestellt, im Krankenhaus mit zum Teil sehr fiesen Untersuchungsmethoden. Angefangen hat das Ganze mit Doppelbildern, beim Reden mit Lallen und beim Laufen mit Gleichgewichtsst├Ârungen. Das hei├čt schwanken beim Laufen. In der Klinik wurde ich mit Cortison behandelt und zu Hause mu├čte ich die Therapie noch eine gewisse Zeit fortsetzen. Die Beschwerden hielten auch nach der Behandlung noch einige Zeit an. Nach dem Krankenhaus konnte ich dann aber bald wieder arbeiten gehen. Die Beschwerden bildeten sich irgendwann komplett zur├╝ck. Trotzdem riet mir mein Neurologe, mich einmal in eine spezielle MS Klinik zu begeben und mich dort mal etwa 4 Wochen zu erholen und die Annehmlichkeiten wie Krankengymnastik, Massagen und Fangopackungen zu genie├čen. Nach einigen ├ťberlegungen mit meiner Frau, stimmte ich endlich zu. Der Arzt riet mir zu der Kamillus-Klinik im Westerwald, und leitete alles in die Wege. Dort angekommen, merkte ich ziemlich schnell wie gut es mir doch ging, aber ich erkannte auch wie dreckig es mir vielleicht irgendwann gehen w├╝rde. Das Leid der Anderen jeden Tag vor Augen zu haben, ist brutal und niederschmetternd zugleich. Ich versuchte, immer das Beste daraus zu machen, aber wie macht man das wenn man erkennt da├č das Damoklesschwert ├╝ber einem schwebt? Ich glaube, da├č ich nicht mehr daran gedacht habe, oder zumindest daran geglaubt habe, da├č soetwas nicht mit mir passiert. Ich sprach auch mit dem hauseigenen Psychologen dar├╝ber, er best├Ątigte mir, da├č ich die Erkrankung teilweise verdr├Ąnge und so versuche damit fertig zu werden. Er riet mir aber die Krankheit nicht zu verdr├Ąngen, sondern sie zuzulassen und so zu bek├Ąmpfen. Ein Erfolgsrezept direkt k├Ânne er mir allerdings auch nicht nennen. Na prima, da war ich wieder am Anfang, und genau so schlau wie vorher.
Wieder zu Hause angekommen, wurde ich bald darauf von meinem „Holzbeinschnitzer“, das ist die Firma die mir die St├╝tzapparate baut, eingeladen zu einer REHA-MESSE. Ich fuhr mit meiner Frau und unserer Tochter zu dem Termin dorthin, und sah dort das Fahrrad meiner Begierde. Ich sah es nicht nur, ich durfte es sogar probefahren. Da stand f├╝r mich fest: Das mu├č ich haben. Es handelt sich bei diesem Fahrrad um ein Dreirad. Allerdings nicht um ein normales mit normalem Sattel, sondern mit einem Sitz, fast wie ein bequemer Gartensessel, nur ohne Beine. Das Rad ist ca. 2 Meter und 13 cm lang, ca. 73 cm breit, hat 21 G├Ąnge, 2 Scheiben- und eine Trommelbremse, Standlicht, 2R├╝ckspiegel und einen gro├čen Einkaufskorb hinter dem Sitz. Dieses Rad wollte ich also haben und zwar in BLAU. Als mir der Verk├Ąufer von der Herstellerfirma den Preis von 6.500,-- DM sagte, war ich nicht mehr so ├╝berzeugt da├č ich es unbedingt haben wollte. Als er mir allerdings sagte, da├č die Krankenkassen in bestimmten F├Ąllen die Kosten ├╝bernehmen, war mein Kampfgeist geweckt. Ich lie├č mir also dieses Fahrrad kurzerhand von meinem Hausarzt verordnen, und reichte dieses Rezept zur Krankenkasse zur Genehmigung ein. Damit nahm das Schicksal seinen Lauf. Als ich 3 Tage nach dem Ende der REHA zu meinem „Holzbeinschnitzer“ in die Filiale kam um meinen Rollstuhl neu einstellen zu lassen, kamen wir so ins Gespr├Ąch ├╝ber das TRIO.
Ich berichtete ihm, da├č ich die Verordnung schon zur Genehmigung zur Krankenkasse eingereicht habe. Er sagte mir darauf, da├č es noch bis Morgen bei ihnen in der Werkstatt steht. Ich traute meinen Ohren nicht, und sagte ihm, da├č es mich freuen w├╝rde, noch einmal mit dem Teil zu fahren. Er durchschaute mich sofort und sagte: Das glaube ich dir sofort und ich wei├č auch wo du hinfahren w├╝rdest, n├Ąmlich nach Hause, stimmt’s? Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. Er kannte mich zu gut. Daher konnte er meiner Bitte auch nicht lange widerstehen. „Meinst du denn du schaffst den Weg hin und zur├╝ck? Das Rad mu├č sp├Ątestens heute Abend wieder hier sein.“ „Na klar. Kurz nachdem eure Mittagspause vorbei ist, steht das TRIO wieder bei euch in der Werkstatt.“ „Sag mal, wieviel Kilometer sind das etwa hin und zur├╝ck?“ „Etwa 40 sch├Ątze ich mal.“ „Oje, da hast du dir ja was vorgenommen, und das alles komplett ohne Training. Viel Spa├č.“ Ich dachte nur: Steinbock l├Ą├čt gr├╝├čen. Also schob er mir das TRIO nach drau├čen und gab mir noch einen schmalen Gurt, mit dem ich meinen rechten Fu├č am Pedal fixieren konnte. Lachend und Kopfsch├╝ttelnd w├╝nschte er mir noch eine gute Fahrt, worauf ich mich mit den Worten BIS GLEICH von ihm verabschiedete. Ich trat so kr├Ąftig in die Pedale, da├č ich fast immer im h├Âchsten Gang gefahren bin. Als ich zu Hause auf unser Haus zufuhr, bet├Ątigte ich die Klingel und drehte auf der Stra├če noch eine Ehrenrunde. In dem Moment ging bei uns oben auch schon das Badezimmerfenster auf. Einen kurzen Moment sp├Ąter stand unsere Tochter neben mir auf der Stra├če. Sie hat damit gerechnet da├č ich mit dem Fahrrad komme. Jetzt wollte sie aber fahren. Nun gut, ich wollte ja auch erst mal etwas essen. Auf der R├╝ckfahrt wollten mich meine Frau und unsere Tochter mit ihren R├Ądern begleiten. Gesagt, getan. Die R├╝ckfahrt war f├╝r mich niederschmetternd, ich hab es fast nicht geschafft. Aber nur fast. Als ich den Laden betrat, fiel den Angestellten fast die Augen raus, vorneweg meinem Bekannten, der mir vor nicht allzulanger Zeit das TRIO freundlicherweise zur Verf├╝gung gestellt hat. „Jetzt sag nur noch da├č du wirklich zu Hause warst." „Tja, mein Freund. Ich war nicht nur zu Hause, ich hab sogar noch ausgiebig zu Mittag gegessen.“ Er verstand die Welt nicht mehr.
Nach etwa 1 ┬Ż Jahren hatte ich den Gerichtsstreit gegen meine Krankenkasse gewonnen und ich bekam mein blaues TRIO. Zu Anfang habe ich oft darauf gesessen und bin gefahren. Ich fing sehr langsam an, mit kleinen Rundfahrten um unsere Siedlung. Ich merkte sehr schnell, da├č ich am linken Oberschenkel starken Muskelkater bekam, genauso wie damals als ich mir kurz vor Mittag bei meinem Holzbeinschnitzer das Vorf├╝hrrad ausgeliehen habe, um mal eben nach Hause zu fahren. Daran merke ich immer wieder, da├č auch mein linkes Bein nicht vollkommen gesund ist. Zum Einen hat es doch noch etwas zur├╝ckbehalten von der Kinderl├Ąhmung, zum Anderen ist es von der MS angegriffen. Aber trotzdem steigerte ich mein Pensum immer mehr. Dabei war es mir auch sehr hilfreich, da├č ich einige Bekannte hatte, die ich dann und wann besucht hatte. Wiederum Andere habe ich in der Stadt getroffen, um mit ihnen ein Bier zu trinken, oder einfach nur um zu quatschen. Das waren Stunden die ich sehr genossen habe, auch wenn meine Frau nie mitkam, weil ich in ihren Augen zu langsam fuhr. Klar, sie hat ein Fahrrad ich glaube mit 5 oder 7 G├Ąngen, und zwei sehr kr├Ąftige und gesunde Beinen. Sie tritt daher immer kr├Ąftig in die Pedale.
Den Herrn, der mich vor mittlerweile ca. 20 Jahren mal mit „mein Wickelkind“ begr├╝├čt hatte, haben meine Frau und ich w├Ąhrend eines unserer vielen Schwarzwaldurlaube aufgesucht. Seit diesem Tage nannte ich ihn scherzeshalber manchmal „mein Wickelpapa“. Es wurde damit eine langj├Ąhrige und innige Freundschaft, auch zu seiner Frau, die aber viel zu fr├╝h, ein j├Ąhes und ersch├╝tterndes Ende nahm. Mit seiner Frau, oder besser gesagt: Witwe, haben wir immer noch Kontakt.
Wir schreiben heute den 28. M├Ąrz. 2001. Im September dieses Jahr, hat die MS bei mir 10 j├Ąhriges Jubil├Ąum. Ich wei├č aber noch nicht, ob ich das feiern soll. Grund h├Ątte ich zwar, n├Ąmlich da├č ich nach 10 Jahren MS, in meiner Wohnung immer noch herumlaufen kann. Und zwar au├čer meiner Beinprothese ohne weitere Hilfsmittel. OK, wenn ich sehe, wie schnell die MS bei anderen Betroffenen schlimmer wird, h├Ątte ich einen Grund zu feiern, weil es bei mir sehr langsam geht. Zwar langsam, aber stetig. Aber habe ich deswegen einen Grund zu feiern? Eher nein, wie ich finde. Denn mal ehrlich, welcher realistisch denkende Mensch h├Ątte in meiner Situation noch Lust zu feiern? Ich kann darauf nur sagen: Irgendwann ist genug... Das schreibe ich nicht nur so, das meine ich auch so.
Wenn ich dar├╝ber nachdenke, da├č es f├╝r meinen Verlauf der Krankheit keine verl├Ą├člichen Medikamente gibt, frage ich mich ernsthaft wie es mit mir weitergehen soll. Ich wei├č es nicht. Soll ich doch wieder auf Medikamente zur├╝ckgreifen, die zwar keine Wirkung haben, au├čer da├č sie die inneren Organe sch├Ądigen?

Auch bei meinen beiden n├Ąchsten Besuchen in der MS-Klinik war ich wieder bei dem Psychologen und sprach mit ihm ├╝ber ein anderes Problem. Am Abend zuvor hatte ich mit einer anderen Patientin ein sehr langes Gespr├Ąch, in diesem Verlauf haben wir uns sehr innig gek├╝├čt. Ich wollte das nicht, aber es ist nunmal passiert. Auf jeden Fall war es wundersch├Ân und doch so erschreckend. Meine Partnerin bemerkte meine Ver├Ąnderung und sprach mich darauf an. Ich berichtete ihr von meinen Bedenken und meinem schlechten Gewissen meiner Frau gegen├╝ber. Nach einer Zigarette und einer eiskalten Cola sagte sie zu mir: Dich trifft doch absolut keine Schuld. Ich hab dich doch ├╝berrumpelt. Obwohl du geflirtet hast, was das Zeug h├Ąlt. Denk nicht dr├╝ber nach und genie├če einfach. Nach anf├Ąnglichem Z├Âgern tat ich das dann auch. Mein schlechtes Gewissen lie├č mich diese Nacht so gut wie gar nicht schlafen, und sagte mir dann am n├Ąchsten Morgen, ich soll meiner Frau alles beichten, was ich dann auch tat. Klar, sie war geschockt und entt├Ąuscht, aber ist irgendwie und irgendwann dar├╝ber hinweggekommen. Ich habe mich nach diesem Abend oft gefragt, wie es ├╝berhaupt dazu kommen konnte. Einige Zeit sp├Ąter habe ich f├╝r mich erst die Antwort erkannt. Wenn es in einer Beziehung an irgend etwas fehlt, dann ist es vorprogrammiert, und auch eine feste Beziehung wie eine Ehe, dann zum scheitern verurteilt, oder man mu├č sich so sehr zusammenrei├čen, bis an sein Lebensende, um eine solche durchzustehen. Aber wenn man alles in sich hineinfri├čt, kann das gesund sein? Oder l├Âst man damit etwa sogar unheilbare Krankheiten aus?
Ob in dieser Richtung geforscht wird, wei├č ich nicht, w├Ąre aber vielleicht mal eine Anregung.
Mittlerweile, nach 18 Ehejahren, habe ich mich von meiner Frau getrennt, was mir f├╝r unsere Tochter sehr leid tut. Direkt nach der Trennung von meiner Familie, zog ich zu meinem geliebten Schwarzwald, mit einer neuen Frau zusammen. Diese junge Frau hatten wir drei zusammen in unserem letzten Urlaub im Schwarzwald kennen gelernt. Ich hatte Abends noch oft von zu Hause mit ihr telefoniert. Wir hatten uns beide ineinander verliebt. Ich wei├č, da├č es f├╝r einen Au├čenstehenden schwer zu verstehen ist, wie ich mich zu dem Zeitpunkt gef├╝hlt habe. Ich fasse noch einmal zusammen: Ich, 44 Jahre, doppelt behindert, verheiratet, Fr├╝hrentner und ein Kind. Sie, 27 Jahre, seit 7 Jahren verlobt, kein Kind, aber gut bezahlte N├Ąherin in einer renommierten M├Âbelfabrik.
Doch diese Beziehung hielt nur ca. ein ┬ż Jahr, wobei ich sagen und einsehen mu├č, die Partnerin war zu jung f├╝r mich. Obwohl, ich h├Ątte mir so gew├╝nscht da├č es gut gegangen w├Ąre.
Ich packte also Z├Ąhneknirschend wieder meine Sachen, und lie├č mich von einem neuen Bekannten zur├╝ck in die Heimat bringen.
Mal ehrlich gesagt: gefehlt hat sie mir nicht, die Heimat. Was ist ├╝berhaupt Heimat? Ist es wirklich zwangsl├Ąufig da wo man geboren wurde? Ist Heimat nicht vielmehr dort, wo man sich wohl f├╝hlt? Dann bin ich momentan auf jeden Fall nicht in der Heimat! Wohl gef├╝hlt habe ich mich auf jeden Fall im Schwarzwald, obwohl ich da nicht viel Sch├Ânes erlebt hatte, in dem einen Jahr.
Was mir aber heute tats├Ąchlich fehlt, ist meine junge ehemalige Partnerin. An dieser Stelle m├Âchte ich mal deutlich sagen, da├č sie mir in der guten Zeit das gegeben hatte, was ich zu Hause nicht hatte. Oder ist mein Empfinden nur so, weil ich mich ├╝berhaupt nach einer liebevollen Partnerin sehnte, der meine Behinderung nichts oder nicht viel ausmacht, und mich um meiner selbst Willen liebt. Und da ich jetzt schon seit langem total alleine bin, in meiner kleinen Wohnung im Rheinland, denke ich nat├╝rlich h├Ąufiger daran, wie sch├Ân es ab und zu, auch in meinem Leben war. Weiterhin ├╝berlege ich immer h├Ąufiger, ob das nun schon alles war.
Aber keiner kann die Zeit zur├╝ckdrehen. Ist das nun gut, oder nicht?
Ob das gut oder weniger gut ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich denke nur, da├č es gerecht ist, dann wird wenigstens hier kein Unterschied gemacht, ob Behindert oder nicht Behindert, ob Mann oder Frau, ob Dick oder D├╝nn, ob Gro├č oder Klein, ob Blond oder Schwarz, ob Arbeitend oder Rentner, ob Arm oder Reich. Ob, Oder, Ob, Oder. Man k├Ânnte diese Reihe noch endlos fortsetzen. Denn solange es um uns Menschen geht, wird es auch immer um Unterschiede gehen. UND DAS IST GUT SO!!! Denn gerade diese Unterschiede, und seien sie auch noch so klein, machen uns dem Anderen gegen├╝ber doch so interessant.
Mittlerweile haben wir das Jahr 2002, und ich befinde mich etwa 450 Km von meinem Geburtsort entfernt. Ich lebe hier mit meiner neuesten Partnerin und ihrer Tochter zusammen, und bin sehr gl├╝cklich. Letztes Jahr sind meine Frau und ich geschieden worden, sehr zum Leidwesen unserer Tochter Stefanie. Aber gerade wegen ihr, mache ich mir Gedanken. Sie ist jetzt bald siebzehn Jahre alt, und eigentlich sehr verst├Ąndnisvoll. Ich w├╝nsche mir, da├č sie meine Vorgehensweise irgendwann versteht und akzeptiert, wenn sie es nicht schon l├Ąngst getan hat.

F├╝r mich selbst w├╝nsche ich, da├č mein Zigeunerleben hier ein Ende gefunden hat, und mich, meine Krankheit, noch lange laufen l├Ą├čt.

__________________
Jojo Brown

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gladiator
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Was soll das sein?

Ein Schicksalsbericht? Dann ist dieser Text hier deplatziert.

Eine Erz├Ąhlung? Dann gen├╝gt sie grunds├Ątzlichen Anforderungen nicht und muss dringend ├╝berarbeitet werden.

Gru├č
Gladiator
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Die Raben fliegen in Scharen, der Adler fliegt allein.

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Renee Hawk
???
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Hallo Jojo und Willkommen in der Lupe,

das Leben schl├Ągt jedem gewaltig in den Nacken.
Ich bin ehrlich und sage dir, dass ich deinen Text quer gelesen habe. Aus zwei Gr├╝nden:
- er ist zu lang und
- gleich im ersten Teil wurde der Zeigefinger gehoben.
Ich bin Leser und es intressieren mich die Schicksale der Protagonisten und nicht die Meinung des Autors, auch wenn deine Geschichte autobiographisch ist.
Es gibt verschiedene Techniken, die es einem erleichtern einen autobiographischen Text zu schreiben, z.B.: die Erz├Ąhlform der dritten Person. Dialoge lockern den Text etwas auf und macht das ganze real. Zahlenangaben sind sch├Âner ausgeschrieben. Vielleicht versuchst du es einfach nochmal und ├╝berarbeitest den Text. Die Lupe hat eine extra Rubrik f├╝r pers├Ânliche Erlebnisse. Das Forum "Tagebuch" findest du unter "Verscheidenes/weitere Texte".

liebe Gr├╝├če
Rene├Ę

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herb
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leiden

wei├čt du, ich leide seit ├╝ber zehn Jahren an starken Tinnitus, das sind Innenohrger├Ąusche, manchmal, gerade Nachts unter bestimmten Wettereinfl├╝ssen, dr├Âhnt es in meinem Kopf so laut, als w├╝rde neben mir ein Flugzeug starten, ausserdem leide ich unter Schallschwerh├Ârigkeit, da hei├čt in einem Raum wie in einer Kneipe, wenn mir jemand vom Nachbartisch und sei es noch so laut, etwas zuruft klingt es in meinen Ohren, wie "normale" Menschen vielleicht einen defekten Bahnhofslautsprecher h├Âren, also ich verstehe nichts, bei Stress und auch wieder ung├╝nstigen Wettereinfl├╝ssen ├╝berf├Ąllt mich gelegentlich ein Drehschwindel, man kann mich also auf der Stra├če dann auf allen Vieren hocken sehen, und die Welt f├Ąhrt Karussell um mich herum, ich muss warten bis es vorbeigeht, und die Menschen machen einen Bogen und denken, Mann ist der besoffen, dann geht es wieder
Nicht viel ausf├╝hrlicher schreibe ich es meinem Rentengutachter.
Nun habe ich deine Geschichte gelesen.
Ja, sehr traurig und sehr, sehr ausf├╝hrlich.
Ich schreibe hier auch hin und wieder Geschichten, aber nicht von meinem Leiden, au├čer ab und an in humoristischer Form, kannst du gern mal welche lesen.
Denn ich frage mich, wenn ich mein Leiden schildere, wie hier in der Antwort eigentlich schon viel zu lang, was soll der Leser damit anfangen? Kann er mir helfen? Nein, da bin ich lieber ein Drachen

herzlich
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hier Es gibt nichts Gutes, au├čer man tut es. K├Ąstner

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Renee Hawk
???
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Hallo ich noch mal,

ja genau, Herb's Africa Geschichte, ohne jetzt den alten Drachen (wie er sich selbst gerne nennt) in Verlegenheit bringen zu wollen, doch beim ersten Kapitel wu├čte ich das es autobiographisch ist. Jojo, er hat einen wunderbaren Kompromis gefunden mit der Vergangenheit fertig zu werden ohne dabei den Leser zu erschrecken, Herb erz├Ąhlt einfach.
Auf die Frage "Wie geht es dir?" antworte nicht mit der Wahrheit, denn 70% der Menschen interessiert es nicht und 30% freuen sich, dass es dir schlecht geht. <-- Das hat mir mal ein Dozent gesagt, als wir ├╝ber Marketingkonzepte aus Japan sprachen, und ich muss gestehen, die Japaner wissen warum sie immer nur l├Ącheln *gg*.
Ich freue mich darauf diesen bewegenden Inhalt in neuer Technik lesen zu k├Ânnen.

liebe Gr├╝├če
Rene├Ę

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Zefira
???
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Liebe Renee und andere,
die Anekdote kommt in mein Zettelk├Ąstchen
Im ├╝brigen kann ich meinen Vorrednern nur zustimmen.
Gru├č,
der andere Drachen

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herb
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nicht immer

mmmhhhmmh, damit ich ich nicht falsch verstanden werde, nicht immer ist mir schwindlig, und wenn die richtige prinzessin kommt, ist ihr, glaub ich mein tinnitus egal, hauptsache f├╝r sie, und ich gestehe, auch f├╝r mich, etwas versch├Ąmt, bleibt, sie ist ein leckerbissen.*gggg

herzlich

PS wenn ich Jojo richtig verstanden habe, hat er auch schon einige leckerbissen hinter sich, smile
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