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Leselupe.de > Erzählungen
Eis
Eingestellt am 20. 04. 2004 19:12


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zora feldman
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2004

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f√ľr christoph, zum dank f√ľr eine sanfte landung

Der See liegt starr und gl√§sern zwischen den erfrorenen Gr√§sern. Die Luft steht so still √ľber den flachen Wiesen, da√ü der Mann am Ufer das Gef√ľhl hat, wie eine S√§ule in den blassen Himmel zu ragen; die K√§lte scheint jedes Ger√§usch zu ersticken.
Der Mann verharrt am Rand der Eisfl√§che. Seine Augen gleiten √ľber den Horizont, er atmet tief ein, saugt die K√§lte in seine Lungen, sp√ľrt die eisigen Spitzen in seinem Brustkorb. Dann hebt er bed√§chtig die Spitzhacke auf, die neben ihm im Gras liegt, und betritt mit vorsichtigen Schritten das Eis.
In der Mitte des Sees angekommen, läßt er sich auf die Kniee nieder und betrachtet die Schwärze unter sich. Er kann nicht sehr weit in die Tiefe sehen, das Wasser ist zu dicht; die darin eingeschlossenen Blasen wirken wie in der aufsteigenden Bewegung gebannt: sobald die Wärme der Sonne wieder bis zur Erde hinuntergelangt, werden sie ihren Weg fortsetzen.
Der Anblick verzaubert den Mann. Allein auf dem See, unter dem wolkenlosen Himmel, in der regungslosen Kälte scheint auch die Zeit eingefroren, diese Sekunde könnte ewig andauern. Nach einem Moment entschließt er sich, faßt den Griff der Hacke mit beiden Händen und schlägt die Spitze hart in das Eis. Eben noch durchsichtig, splittert es jetzt weiß, pulverig unter dem Metall.
Die Stille gewährt ihm seinen eigenen Rhythmus. Sein Keuchen wechselt sich ab mit dem knirschenden Aufprall, nur langsam bildet sich ein Loch unter seinen Schlägen. Als er endlich die starre Oberfläche durchdrungen hat und das Glucksen des Wassers hört, dampfen seine Haare vom Schweiß. Nachdem er die Hacke zur Seite gelegt hat, ruht er sich einen Moment aus, die Beine angezogen, die Arme um die Knie geschlungen. Das Schweigen um ihn herum ist ihm bewußt; er genießt die Abwesenheit jeglicher Lebenszeichen. In dieser Einsamkeit gehört alles ihm, nur er ist hier, um den See, die Wiesen, den Himmel und die Sonne wahrzunehmen, es ist jetzt sein ungeteilter Besitz.
Schlie√ülich beginnt er sich auszuziehen. St√ľck f√ľr St√ľck gibt er seine Haut der kalten Luft preis; diese K√§lte schleicht sich behutsam an und dringt langsam in die Knochen. Als er nackt ist, blickt er konzentriert auf die √Ėffnung im Eis vor sich. Nochmal atmet er tief ein, versucht, in den kleinen Wellen, in der Dunkelheit unter der Oberfl√§che den Schock vorauszusehen. Dann beugt er sich √ľber das Loch, greift nach dem gegen√ľberliegenden Rand und l√§√üt seinen K√∂rper schnell in die bei√üend kalte N√§sse sinken.

Wie ein st√§hlerner Mantel legt sich das Eiswasser um seinen K√∂rper. Seine Haut kann die K√§lte nicht aufhalten, sie dringt ohne eine Sekunde der Gnade durch seine Muskeln bis auf die Knochen. Seine Hoden ziehen sich zu gl√§sernen Murmeln zusammen, seine Lunge gibt sto√üweise den eingehaltenen Atem frei. Er √∂ffnet die Augen und kann sehen, wie die Blasen aufsteigen, sich unter der Eisdecke sammeln und schlie√ülich den Weg durch das √ľber ihm liegende Loch hinaus finden. Die Wucht des Eintauchens hat seine Gedanken, seine ganze Existenz zusammengepre√üt, er f√ľhlt sich schneidend klar und pr√§zise. In dem gr√ľnblauen Raum kann er sich leicht, schwebend bewegen, die Unendlichkeit tr√§gt ihn.
Er sieht, wie er herabsinkt; die gerade Linie des Eises entfernt sich stetig von ihm. Lange fällt er gemächlich in der dichten Kälte, bis er unter sich eine andere Grenze wahrnimmt. Wie eine Wolkendecke verändert sich der Grund, auf den er zutreibt, die Leichtigkeit seines Falls spiegelt sich in dem Spiel der Substanz. Als er darin eintaucht, zerstäubt der Schleier. Er hinterläßt in dem Nebel Ringe, die sich ausbreiten, immer flacher werden, bis keine Spur mehr zu sehen ist von seinem Durchdringen.
Eine weitere Unendlichkeit erschlie√üt sich ihm. In dem hellen, glasklaren Raum verliert er seine Empfindung von Bewegung; nachdem auch die Wolkendecke √ľber ihm nicht mehr wahrzunehmen ist, scheint er stillzustehen.
Er beginnt, seinen K√∂rper in der Schwerelosigkeit zu erkunden: er hebt die Arme, streckt die Beine und dreht seine Schultern erst in die eine, dann in die andere Richtung. Es scheint ihm, als haben seine Gliedma√üen noch nie so sehr zu ihm geh√∂rt, als sei sein K√∂rper noch nie wirklich, wie jetzt eins gewesen mit dem intensiven, exakten Bewu√ütsein seines Ich. Aus seinem nackten Brustkorb str√∂mt warmes Lebensgef√ľhl. Sich in dieser Leere und Einsamkeit vollst√§ndig zu finden, erf√ľllt ihn mit einer ruhigen, sicheren, schwebenden Freude.
Und aus der Freude wächst der Entschluß, diesen klaren Raum nicht mehr zu verlassen. Die Präzision seines Seins ist gebunden an das Nichts im Eis, in der Welt dahinter wird er sich wieder auflösen in ein Kaleidoskop von Bildern, zersplitterten Projektionen. Er weiß nicht mehr, wie es war, tausendfach zu sein; er weiß nur, er will den glatten, kompakten Körper seiner Existenz nicht wieder zerbrechen.
Sein Entschlu√ü hat lange gebraucht, um absolut zu werden. Wie eine Luftblase sich langsam durch einen Spalt dr√ľckt, ist seine Sicherheit angewachsen, bis sie jetzt als eine perfekte Kugel in seiner Empfindung schwebt.
Er hat gerade genug Zeit, den Moment der Vollendung zu erfassen, dann sp√ľrt er pl√∂tzlich, wie er von einem Sto√ü um sich selbst gewirbelt wird. Er sp√ľrt keinen Hauch, dennoch wird sein K√∂rper wie von heftigem Wind erfasst, willenlos in taumelnde Bewegung versetzt. Gleichzeitig entdeckt er, wie sich in dem Nichts, das ihn umgibt, Formen bilden, die ebenso taumelnd um ihn tanzen.
Zuerst nur schemenhaft, kann er bald die Umrisse von Eiskristallen erkennen, Schneeflocken von der Gr√∂√üe seiner H√§nde. Er versucht, seine umhertreibenden Arme in seine Gewalt zu bringen, um nach diesen scharfkantigen Juwelen zu greifen; ihre Facetten glitzern im quellenlosen Licht, das den unendlichen Raum erhellt. Immer wilder toben die Eisblumen um ihn, immer weniger ist es ihm m√∂glich, seine Arme seinem Willen gef√ľgig zu machen. Ein Spielball eines lautlosen, bewegungslosen Sturmes, ein verzweifelter T√§nzer im Bodenlosen, kann er nicht aufh√∂ren, mit seinen Gliedma√üen zu ringen.
Schlie√ülich ersch√∂pft sich seine Kraft und er gibt sich den Wirbeln hin, l√§√üt seine Arme und Beine h√§ngen und folgt nur noch mit den Augen dem Taumeln der Kristalle. Seine Lider sinken herab. Im Eis verl√§√üt ihn sein Wille, er w√ľnscht sich nur Stille, K√ľhle und Sicherheit. Fast vergeht eine Ewigkeit, in der er an nichts mehr festh√§lt, nach nichts mehr greift; die Geschliffenheit seines Ich bleibt.
Er hat die Ruhe nicht wahrgenommen, die um ihn herum eingekehrt ist, dennoch öffnet er wieder die Augen. Die Eisblumen schweben gelassen, als wären sie schon immer in ihrer Reglosigkeit verharrt. Wie in einem Schneesturm, im Raum einer Sekunde festgehalten, treibt er inmitten ihrer vielfachen Einzigartigkeit.
Vorsichtig zieht er die Arme an seinen K√∂rper, aber kein Sturm erw√§chst aus der Bewegung. Nur ein Kristall, bereits dicht vor seinem Gesicht, scheint n√§her heranzutanzen und kommt dicht vor seinen Augen sachte drehend zum Stehen. Er kann die glatten, schillernden Fl√§chen, die pr√§zisen Winkel und scharfen Kanten betrachten. So klar, so exakt ist ihre Sch√∂nheit, da√ü sie ihm schmerzhaft ins Bewu√ütsein schneidet; trotzdem versucht er erneut danach zu fassen. Wie spielerisch weicht die Schneeflocke von ihm, gerade au√üer Reichweite seiner H√§nde, die er sofort wieder sinken l√§√üt. Kaum greifen seine Finger nicht mehr nach ihr, taumelt sie zur√ľck vor seine Augen, dreht sich um ihre Achse und glitzert lockend.
Er gibt auf; er will nichts mehr, er l√§√üt den Kristall und sich selbst in der schwebenden Richtungslosigkeit sein. Nur seine Augen erforschen weiterhin die Linien der Flocke, aber nicht, um zu erfassen, nur um zu schmeicheln, um √ľber die gl√§serne Brillianz zu streichen.
Immer genauer kennt er die Form dieses Kristalls, von allen Seiten, in jedem Winkel hat sich das Juwel vor ihm gezeigt, mit sachten Bewegungen hat es sich seinen Blicken hingegeben. Nichts daran ist ihm noch unbekannt, wenn sein Geheimnis ihm auch noch immer unerschlossen bleibt. So sehr hat er den Umriß seines Kristalls verinnerlicht, daß er glaubt, in einen Spiegel zu sehen; er ist dieser klare Körper, diese vollkommene Form ist er.
Er breitet seine Arme aus, streckt seinen ganzen K√∂rper, √∂ffnet sich zu seinem Spiegelbild hin, als ahme er die f√ľnfzackige Struktur nach, als wolle er die √Ąhnlichkeit vollst√§ndig machen. Und auf diese ganz und gar aufgebende Gest reagiert der Kristall: er n√§hert sich ihm, treibt langsam auf die Mitte seines K√∂rpers zu, die er ihm darbietet.
Die eisige K√§lte, die gnadenlose Sch√§rfe des Eisjuwels dringt in ihn ein und er empf√§ngt sie dankbar, gibt sich in sie hinein wie sie sich in ihn. Er opfert das Innerste seiner Existenz, den Kern seines Ich und erh√§lt beides durch das Opfer der Schneeflocke zur√ľck.
Im Moment der absoluten Vereinigung beginnen die anderen Kristalle wieder zu tanzen und zu taumeln; auch er wird wieder vom Sturm erfasst, doch dieses Mal hat der Sturm eine Richtung: er wird zur√ľck hinauf getragen. Noch immer mit ausgebreiteten Gliedern, sieht er √ľber sich die Wolkendecke herannahen, er durchst√∂√üt sie erneut, aber er sieht es nicht. Mit geschlossenen Augen empfindet er die Pr√§zision des Kristalls gleichzeitig, gleichr√§umig mit der Pr√§zision seines eigenen Seins. Erst, als das glei√üende Licht √ľber ihm sich zu einem Punkt verdichtet, sieht er wieder aus seinem Inneren hinaus, hinauf zur Eisdecke und dem Loch, durch das die Sonne, die zu dieser √§u√üeren Welt geh√∂rt, ihre gebrochenen Strahlen auf ihn niedersinken l√§√üt. Auf diesen Lichtpunkt treibt er zu, die Arme nach oben gestreckt, den Kopf in den Nacken gelegt.

Fast sofort, nachdem seine Finger den scharfen Rand des Eislochs erfa√üt haben, durchst√∂√üt sein Gesicht die Wasseroberfl√§che. Der Auftrieb hebt ihn soweit √ľber die Fl√§che, da√ü er sich aufst√ľtzen und herausheben kann; mit einem ersch√∂pften Seufzer gleitet er aus der √Ėffnung und sinkt der L√§nge nach auf das harte Eis. Kaum l√§nger als eine Sekunde hat ihn die eisige Fl√ľssigkeit umschlossen, dennoch empfindet er Wehmut, eine melancholische Sehnsucht, als habe er gerade einen warmen, sch√ľtzenden Scho√ü verlassen.
Er kann sich nur kurz der sanften M√ľdigkeit hingeben, dann dringt die kalte Luft zu schneidend auf ihn ein. Er greift nach dem Handtuch, mit dem er die glitzernden Tropfen von seiner ger√∂teten Haut reibt; das Blut, das in seine Gliedma√üen f√§hrt, macht seine Haut, seine Wahrnehmung sensibel. Als s√§he er sie zum ersten Mal, betrachtet er seine lebendigen Arme und Beine, den Rumpf, in dem er sich selbst sp√ľrt.
Noch mehr jedoch pocht in seinem Herzen, seinem Kopf das Leben, die reine Freude an der eigenen Existenz; dazu die Gewi√üheit, gewappnet, gest√§rkt zu sein. Als h√§tte das kurze Abtauchen unter das Eis alle √ľberfl√ľssigen Gedanken, Empfindungen, Wahrnehmungen abgesp√ľlt und ihn gegl√§ttet und verdichtet wieder hinausgesto√üen.
Bedächtig zieht er sich an, schultert die Spitzhacke und verläßt mit von Zweifel befreiten Schritten das Eis.

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