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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Endstation
Eingestellt am 11. 06. 2008 09:12


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Retep
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Endstation

Es war Mai, heute hatte er Geburtstag, 86 Jahre war er alt geworden.
Und Paul Höfer war da angekommen, wo er eigentlich nie ankommen wollte:
Im Altersheim. Pflegeheim hieß das jetzt.
Da saß er nun in seinem Sessel und schaute aus dem Fenster. Es regnete leicht, nieselte, die Tropfen rannen an den Fensterscheiben herunter wie TrĂ€nen. Er hörte Autos vorbeifahren, atmete den typischen Geruch alter Menschen ein, seinen Geruch. Ein Vogel saß auf dem Sims vor dem Fenster.
Er hatte ihn schon öfter gesehen, eine KrÀhe, sie schaute ihn an.
Sein Zimmernachbar schlief noch, röchelte ab und zu, schnarchte vor sich hin. Er bekam nie Besuch, war so alt wie er, konnte nicht mehr aus dem Bett aufstehen.

Einfach weggegangen war sie, nicht mehr aufgewacht, hatte ihn alleine gelassen. Und da stand er nun in der KĂŒche und versuchte mit seinen zitternden HĂ€nden Eier zu braten, stand wacklig auf seinen alten Beinen.
60 Jahre hatten sie zusammen gelebt, lange Zeit. Sie fehlte ihm, ihm fehlte sogar ihre Nörgelei und ihr Sauberkeitswahn. Ihm fehlten die GesprĂ€che mit ihr, auch wenn sie oft nicht sehr tiefgrĂŒndig gewesen waren, ihm fehlten die Streitereien um nichts. Sie fehlte ihm, er war jetzt allein.
Auf dem KĂŒchentisch stand jetzt nur noch ein Teller, stand nur noch ein Glas.
Vor zwei Wochen hatten sie sie beerdigt, sein Sohn und seine Tochter waren gekommen, hatten alles geregelt.

Heute gegen 15.00 Uhr wollten sie kommen, mit ihm sprechen, wie sein Sohn am Telefon gesagt hatte.
Er saß in seinem Sessel am Fenster, hatte gelesen, sein ganzes Leben hatte er gelesen, dachte er.
Den Garten mĂŒsste man mal wieder machen. FrĂŒher hatte er um diese Jahreszeit die Oleander lĂ€ngst aus dem Keller geholt. Sie waren jedes Jahr schwerer geworden, schließlich hatte er sie draußen gelassen. Er hatte sie im Winter nicht mehr in den Keller gebracht, sie waren erfroren.

Jetzt war es schon 17.00 Uhr, es klingelte an der TĂŒr.
Er ging langsam zur TĂŒr, öffnete sie, es war sein Sohn, er kam alleine.
Er setzte sich an den KĂŒchentisch.
Sein Sohn setzte sich auf einen Stuhl vor ihn, schien nach den richtigen Worten zu suchen, rutschte unruhig hin und her.
„Erika und ich haben uns in der letzten Woche Pflegeheime angeschaut. Nach lĂ€ngerem Suchen haben wir etwas Gutes gefunden. Ein modernes Haus, FahrstĂŒhle, freundliche Zimmer, sympathisches Personal. Es ist ja auch nur fĂŒr kurze Zeit. Du wĂŒrdest dann bei mir zu Hause wohnen.“

Er konnte es nicht glauben, glaubte sich verhört zu haben, er in einem Altersheim!
Er wollte in seinem Haus bleiben, nicht mit anderen zusammen wohnen.

„Ja, nur eine Übergangslösung“, fuhr sein Sohn fort, „nur eine kurze Zeit. Du hast doch gemerkt, dass du hier alleine nicht zurecht kommst. Morgen werde ich dich hinbringen. Du wirst schon sehen, es gefĂ€llt dir sicher.“

Georg hatte Schwierigkeiten, seinen Vater anzusehen, immer wieder schaute er an die WĂ€nde, als suchte er etwas.

Er sah seinen Sohn hilflos an, konnte es immer noch nicht fassen, konnte sich nicht wehren, fĂŒhlte sich in der Falle und konnte nichts tun.
Georg wollte möglichst schnell wieder weg, das merkte er, weg zu seiner Familie, weg von ihm, weg von allen Schwierigkeiten hier.

„Also gut, dann bis Morgen“, sagte er mĂŒde.


Seit zwei Monaten war er nun schon hier. Alles war geregelt, alles festgelegt, die Zeit zum Aufstehen, die Zeit zum Waschen, die Zeit um aufs Klo zu gehen, die Zeit zum Essen und zum Schlafen, wenn man denn schlafen konnte. Ab 21.00 Uhr wurde das Licht ausgemacht. Er war gewohnt gewesen, abends zu lesen, das ging jetzt nicht mehr.
Er saß mit ein paar Leuten am Mittagstisch, unterhalten konnte er sich mit niemanden.
Ihm gegenĂŒber saß Frau Wotleb, sie konnte alleine essen, ihre GesichtszĂŒge waren verzerrt, sie schrie manchmal. Neben ihm war Frau Stubinski, sie musste meistens gefĂŒttert werden, spuckte ab und zu das Essen wieder aus. Auf der anderen Seite, Herr Gutmann, er murmelte ununterbrochen vor sich hin, man verstand aber kein Wort.
Etwas abseits vom Tisch saß Frau Koch in einem Rollstuhl, sie aß nicht, ließ sich auch nicht fĂŒttern, sprach kein Wort, schaute aus dem Fenster und schĂŒttelte öfter den Kopf.


Einige Patienten hatte Windeln, sie brauchten nicht mehr zur Toilette gebracht werden, Zeit konnte eingespart werden.
Jemanden wurde ein Zahn vom Pflegepersonal gezogen, der Zahnarzt hatte keine Zeit zu kommen.
Menschen, die kamen und alleine laufen konnten, waren spĂ€ter nicht mehr dazu in der Lage, man hatte sie im Bett gelassen, es war zu wenig Personal da, um sie anzuziehen und mit ihnen herumzugehen; sie wurden kĂŒnstlich ernĂ€hrt, weniger Zeitaufwand.

Aggressive Heimbewohner wurden mit Medikamenten „ruhig gestellt“.
Auf den GĂ€ngen saßen alte Menschen im Rollstuhl, wurden morgens dahin geschoben, starrten die Wand an. Radio und TV waren zwar da, wurden aber nie eingeschaltet.
Irgendwann hatte er einmal einen Mann gesehen, er saß im Rollstuhl, seine Hose war herunter gelassen, durchnĂ€sst, sein Gebiss lag auf der Sessellehne.

Mit dem LĂ€rm hier hatte er nicht gerechnet, hier war es nicht wie in einem Krankenhaus. Es kam ihm vor wie im Irrenhaus.
Die Menschen versuchten mit allen Mitteln, auf sich aufmerksam zu machen, ein bisschen Zuwendung zu erhalten, aus ihrer Einsamkeit herauszukommen. Sie jammerten laut, schimpften, schrieen, beschmierten WĂ€nde mit ihren Exkrementen, riefen nicht selten: „Schwester, helfen sie mir, ich kann nicht mehr, ich möchte sterben.“

Ab und zu kam eine BeschÀftigungstherapeutin, da wurden Heimbewohnerinnen zu sinnlosen Arbeiten angehalten, sie nahmen nur teil, um nicht ganz so einsam zu sein.

Die Eskimos setzen ihre Alten aus, die Indianer gehen zum Sterben in die Einsamkeit, hatte er einmal gelesen. Wir sperren alte Menschen ein, geben ihnen Zeit, mit der sie nichts anfangen können und halten sie solange am Leben, wie es nur geht. Sie werden entsorgt, statt versorgt................, dachte er.

Er fĂŒhlte sich alleingelassen, Besuch kam immer seltener. Er hatte keine Freunde und konnte mit niemanden reden.


Er fĂŒhlte sich bevormundet, hatte versucht mit dem Leiter des Pflegeheims zu sprechen, aber der hatte keine Zeit.

Neu beginnen mĂŒsste man können, aber das kann man nur an dem Punkt, an dem man gerade jetzt eben ist, dachte er.
Neu zu beginnen, hieß weiter machen fĂŒr ihn.

Raus wollte er hier, nichts wie raus, raus aus der Bevormundung, raus aus allem. Er war ein Gefesselter, ein Behinderter, war schwach, konnte nur noch sehr langsam gehen, ja, aber geistig klar war er noch.
Einmal hatte eine Pflegerin ihm einen Rollstuhl gebracht, er könne sich dann schneller bewegen, hatte sie gemeint.
Warum schneller, hatte er sie gefragt, er habe doch Zeit.
Sie aber nicht, hatte sie gesagt.

So hatte er sich das frĂŒher nicht vorgestellt.
Er hatte gedacht, er mĂŒsste vorsorgen, damit er nicht eines Tages im Bett lĂ€ge, vielleicht im Koma, dass er nicht eine Last fĂŒr sich und andere wĂ€re.
Jetzt war er hier in einem Zweibettzimmer untergebracht, lebte noch, wĂŒrde bald nur noch mit Windeln im Bett liegen, kĂŒnstlich ernĂ€hrt werden.
Das wĂŒrde Zeit einsparen.

Kein Mensch kĂŒmmerte sich um ihn, auch seine Kinder nicht. Sie kamen selten und wenn sie kamen, gingen sie bald wieder, so schnell sie konnten, verließen den Geruch von Urin und Putzmitteln, der hier herrschte.

Nach mehreren Wochen kam sein Sohn eines Abends alleine, hatte eine Aktentasche in der Hand.
Er war ĂŒber den Besuch ĂŒberrascht, hatte Georg lĂ€ngere Zeit nicht gesehen.

„Hallo, Papa, wie geht’s?“, fragte er.
„Ganz gut“, log er.
„Ich konnte nicht frĂŒher kommen, musste lĂ€nger arbeiten. Wie gefĂ€llt es dir denn hier, hast du dich langsam eingewöhnt?“
„Ja, ja, das geht schon.“

Er dachte, dass sein Sohn und seine Tochter vor acht Wochen von einer Übergangslösung gesprochen hatten, der Aufenthalt im Altersheim wĂŒrde nur kurze Zeit dauern, dann wĂŒrde er bei seinem Sohn wohnen. Immer wieder hatte er seinen Sohn gefragt, wann er denn endlich zu ihm ziehen wĂŒrde. Ausweichend geantwortet hatte er, ihn vertröstet.

Bei den letzten Besuchen hatte niemand mehr davon gesprochen, und er hatte gedacht, dass es besser sei, nicht weiter zu drĂ€ngen, hatte geahnt, dass eine ehrliche Antwort, ihn Ă€rmer zurĂŒckgelassen wĂŒrde.

Seine HĂ€nde zitterten, er schaute auf den Tisch.

„Ja, wir haben alles noch einmal genau ĂŒberlegt, hier bist du doch am besten aufgehoben, hast ein schönes Zimmer, ein Doppelzimmer, kannst dich unterhalten, bist nicht alleine und wirst gut betreut. So schön hĂ€ttest du es bei uns nicht. Ich arbeite den ganzen Tag, komme spĂ€t heim, bin auch oft tagelang unterwegs, GeschĂ€ftsreisen.
Meine Frau muss sich um die Kinder kĂŒmmern, hat dann noch ihren Fitness-Kurs, hat also auch wenig Zeit. Die Wohnung von deiner Tochter Erika ist viel zu klein, sie hat auch gerade Theater mit ihrem Ehemann.“

Das war es dann wohl, dachte er. Es wĂŒrde niemals so sein, wie es einmal war, als seine Frau noch da war. Könnte er doch die Zeit zurĂŒck drehen. Das hatte er sich einmal anders vorgestellt, ganz anders.
Es war sinnlos zu widersprechen.

„Ja, du hast schon recht“, sagte er.

Georg machte seine Aktentasche auf.

„Hier habe ich einige Papiere dabei, die mĂŒsstest du unterschreiben.“

„Um was handelt es sich?“

„Wir haben gedacht, dass du ja nun in diesem Heim bleiben wirst. Das Haus, ja das Haus könnten wir dann verkaufen, das steht nur rum. Es mĂŒsste auch renoviert werden. Ich könnte einen guten Preis dafĂŒr erzielen, die Gelegenheit ist also gĂŒnstig. Da sollte man auch nicht zu lange warten, die Preise fĂŒr Immobilien könnten wieder sinken. Und du brauchst ja jetzt das Haus nicht mehr. Ich habe schon alles geregelt.“

Sein Sohn hatte immer schneller gesprochen und seine HĂ€nde geknetet, war aufgestanden und hatte sich wieder hingesetzt. Fast sah es so aus, als ob er sich selber mit seinen Argumenten ĂŒberzeugen wollte. Nicht ein einziges Mal hatte er ihn angeschaut.

Er holte aus seiner Aktentasche einige Papiere, legte sie vor ihm hin, einen Kugelschreiber daneben.

Das Haus verkaufen, dachte er, das Haus in dem er und seine Frau so viele Jahre gewohnt hatten, das sie beide geplant hatten, eingerichtet hatten, das Haus, in dem seine Kinder aufgewachsen waren, wo sie gespielt hatten.
Er erinnerte sich an Treffen mit Freunden, an endlose Diskussionen, an gutes Essen und guten Wein.

Alles geregelt hatte er schon, hatte sein Sohn gesagt.

Er hatte immer noch ein wenig gehofft, eines Tages wieder zurĂŒckkehren zu können, in seinem Haus wollte er seine Lebenszeit beenden, so hatte er sich das vorgestellt.

Auf einmal war er sehr mĂŒde, nahm den Kugelschreiber und unterschrieb den Verkauf.
„Ich bin heute ziemlich mĂŒde“, sagte er, „werde mich gleich hinlegen.“
Er schaute immer noch auf den Tisch, vermied es, seinen Sohn anzusehen.

„Ja, ich muss auch gleich wieder los, muss noch einmal ins GeschĂ€ft.“

Sein Sohn konnte wohl nicht schnell genug wegkommen, dachte er. Er schaute ihm hinterher, als er hinausging. Er drehte sich nicht noch ein Mal um.
MĂŒhsam humpelte er in sein Zimmer, zog sich aus und legte sich ins Bett.

Es war soweit, er wĂŒrde gehen. Sein Zimmernachbar schlief und schnarchte wie immer, er schlief jetzt fast immer, auch am Tag, belĂ€stigte das Personal nicht, die Klingel hatten sie ihm abgebaut.
Der Mond schien ins Zimmer.
Er richtete sich im Bett auf, stĂŒtzte sich ab und rutschte heraus. Nun stand er neben dem Bett, hielt sich am Nachttisch fest.
Kleine Schritte zum Schrank. Er holte Unterhose, ein Hemd und eine Hose raus. Socken brauchte er nicht, konnte sie sich nicht alleine anziehen.
Er bewegte sich mĂŒhsam zum Bett zurĂŒck, stĂŒtzte sich, zog sich an, alles sehr langsam, immer wieder musste er sich ausruhen. Er hatte Zeit.
Die Schuhe standen neben dem Bett, er schlĂŒpfte hinein, sie zuzubinden versuchte er gar nicht.
Es regnete leicht, nieselte, die Tropfen rannen an der Fensterscheibe herunter wie TrÀnen.
Der Vogel war nicht da, schaute ihn nicht an, niemand schaute ihn an. Er war allein.
Auf den Stuhl musste er jetzt steigen, hielt sich an der Lehne fest.
Es gelang ihm ein Knie auf den Stuhl vor dem Fenster zu bringen. Er musste erst eine Pause machen, brachte dann auch das zweite Knie auf den Stuhl.
Er schwitzte, etwas schwindlig war ihm, noch einmal nahm er alle restlichen KrĂ€fte zusammen, zog sich an der Lehne hoch, dann stand er schwankend auf dem Stuhl und öffnete das Fenster, Regen lief ĂŒber sein Gesicht.

Alles ging plötzlich so leicht.


Version vom 11. 06. 2008 09:12
Version vom 14. 06. 2008 11:43
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Mira
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GefÀllt mir sehr gut.
Mir ist aufgefallen, dass du die SĂ€tze oft wie eine AufzĂ€hlung baust. Das bringt gut die lieblose, gehetzte Pflege und die erschreckende GleichgĂŒltigkeit zum Ausdruck, aber an manchen Stellen fĂ€nde ich einen Punkt besser. (Zum Beispiel:... Sein Zimmernachbar schlief noch, röchelte ab und zu, schnarchte vor sich hin,(Punkt) er bekam nie Besuch, war so alt wie er, konnte nicht mehr aus dem Bett aufstehen.)

Gruß Mira
__________________
Ohne das Auge kann der Geist nicht dichten.
Peter Meinke

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petrasmiles
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Hallo Retep,

sozusagen 'dramaturgisch' gefĂ€llt mir Dein Text und dem Thema geschuldet ist er auch anrĂŒhrend.

Mir fehlt nur ein bisschen das Individuelle. Eigentlich sind es Stereotypen, die handeln und leiden. Es sind viele Vorstellungen aneinander gereiht, die der öffentlichen Meinung entsprechen, aber noch kein persönliches Schicksal darstellen. Es kommt mir so vor, als habest Du alles, was es an Horrorvorstellungen rund um dieses Thema Pflegenotstand gibt, angebracht.

Das ist mir als fiktionaler Text zu dick aufgetragen und ist in der Dichte auch nicht mehr stimmig. Wir haben es offensichtlich mit einem Menschen zu tun, der ĂŒber viele Jahrzehnte ein selbstbestimmtes Leben fĂŒhrte, und sich nicht mit allem abgefunden hat. Dann kommt der Tod der Frau und er entwurzelt im wahrsten Sinn des Wortes. Er ist fĂŒr eine Phase orientierungslos, aber zerbricht er daran? Gibt er sich so sehr auf, dass jeder mit ihm machen kann was er will?
In Deinem Text werden seine Gedanken in diesen Situationen, in denen er die EinflĂŒsse von außen reflektiert, immer mit seinem Handeln des Nachgebens kontrastiert - das ist, als habe er schon aufgegeben, bevor das alles anfing.

Damit steht aber weit mehr die Frage im Raum, wie wir als Individuen uns auf den Tod vorbereiten und wann wir loslassen wollen, als das hilflose Agieren einer ĂŒberforderten Institution.
Anders gesagt, dem Mann wÀre nicht geholfen, wenn die UmstÀnde im Altenheim besser wÀren. Die haben ihn nicht entwurzelt.

Auch die Beziehung zum Sohn - und der blass bleibenden Tochter - ist schon lange vorher nicht die Beste. Auch das wirft die Frage auf, wie ich die Beziehung zu meinen Kindern gestalten muss, damit ich im Alter vertrauensvoll mit ihnen umgehen kann.
Es ist kein Automatismus, dass die Kinder aus Geldgier ihre Eltern aus dem Haus schubsen - warum haben diese Kinder mehr Interesse an Geld als an dem Wohlergehen ihres Vaters? Wer hat sie wozu erzogen?

Ich wĂŒrde mir wĂŒnschen, dass man so eine Geschichte erzĂ€hlen kann, in der ein alter Mensch den Freitod wĂ€hlt auf der Grundlage einer reifen Entscheidung, voll Stolz und der letzten tiefen Einsicht in die Konsequenz von Leben- und Sterbenkönnen.

Liebe GrĂŒĂŸe
Petra
__________________
Nein, meine Punkte kriegt Ihr nicht ... ! Gegen Bevormundung durch Punktabzug fĂŒr Gutwerter!

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Retep
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Hallo Petra,

quote:
sozusagen 'dramaturgisch' gefĂ€llt mir Dein Text und dem Thema geschuldet ist er auch anrĂŒhrend.
- Das freut mich.

quote:
Mir fehlt nur ein bisschen das Individuelle. Eigentlich sind es Stereotypen, die handeln und leiden.
- An einem Menschen wollte ich ein Einzelschicksal zeigen, das man auf viele ĂŒbertragen kann.

quote:
Es sind viele Vorstellungen aneinander gereiht, die der öffentlichen Meinung entsprechen, aber noch kein persönliches Schicksal darstellen. Es kommt mir so vor, als habest Du alles, was es an Horrorvorstellungen rund um dieses Thema Pflegenotstand gibt, angebracht.
- Ich denke schon, dass das persönliche Schicksale sind. Ich habe lĂ€ngst nicht alle "Horrorvorstellungen" aneinandergereiht, Es gibt da viel mehr. Ich weiß, wovon ich rede!

quote:
Er ist fĂŒr eine Phase orientierungslos, aber zerbricht er daran? Gibt er sich so sehr auf, dass jeder mit ihm machen kann was er will?
- Ja, er zerbricht daran, Frau gestorben, enttÀuscht von seinen Kindern, körperlich behindert, geistig noch klar, ohne Hoffnung.

quote:
Damit steht aber weit mehr die Frage im Raum, wie wir als Individuen uns auf den Tod vorbereiten und wann wir loslassen wollen, als das hilflose Agieren einer ĂŒberforderten Institution.
- Ein wichtiges Thema, das ich hier nicht behandeln wollte.


quote:
Es ist kein Automatismus, dass die Kinder aus Geldgier ihre Eltern aus dem Haus schubsen - warum haben diese Kinder mehr Interesse an Geld als an dem Wohlergehen ihres Vaters? Wer hat sie wozu erzogen?
- Es ist nicht immer Geldgier oder Bequemlichkeit.In unserer Gesellschaft mĂŒssen oft Frau und Menn arbeiten, da wird es schwer, einen alten Menschen zu Hause zu versorgen.


quote:
Ich wĂŒrde mir wĂŒnschen, dass man so eine Geschichte erzĂ€hlen kann, in der ein alter Mensch den Freitod wĂ€hlt auf der Grundlage einer reifen Entscheidung, voll Stolz und der letzten tiefen Einsicht in die Konsequenz von Leben- und Sterbenkönnen.
- Das klingt wunderschön. So eine Geschichte könnte man zwar erzÀhlen,aber sie entsprÀche nur in ganz wenig FÀllen der RealitÀt. Ich habe leider einen solchen Fall nie gesehen.

Ich werde ĂŒber Manches nachdenken, was du geschrieben hast.


Ein frohes Osterfest wĂŒnsche ich dir.

Retep
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