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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Engelshemd
Eingestellt am 17. 09. 2003 00:54


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wondering
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Engelshemd

Ich sitze in einem „Engelshemd“ auf der Bettkante und starre auf meine Beine. Die Haut ist rötlich-blau marmoriert. Es fröstelt mich. Meine FĂŒĂŸe sind mit blauen PlastikfĂŒĂŸlingen verziert; es raschelt, wenn ich die Zehen bewege. Es schĂŒttelt mich wieder. Der steif gestĂ€rkte Stoff des OP-Hemdes ist mir unangenehm auf der GĂ€nsehaut. Ich lasse die Beine lĂ€ssig baumeln und rede mir UnbekĂŒmmertheit ein. ‚Hey, das hast du schon tausend Mal ĂŒber dich ergehen lassen, na ja einige Male, und jedes Mal ist alles gut gegangen. Nachher bist du wieder zu Hause, sitzt auf deinem Sofa und genießt den Abend. Es war immer so.’ Trotzdem habe ich eiskalte FĂŒĂŸe und Fingerspitzen. Der Kloß in meinem Hals stört beim Schlucken und meine aufgestellten Nackenhaare wollen sich nicht wieder legen. Ich ertappe mich dabei, wie ich immer wieder sehr tief einatme; ich habe das GefĂŒhl, nicht genĂŒgend Luft zu bekommen.
Es ist der Geruch der Umgebung, rede ich mir ein. Ich mag diesen Geruch von Bohnerwachs und Sterillium nicht. Nein, es ist das GerĂ€usch. Das GerĂ€usch der SchiebetĂŒr zum OP: ssssssssit...auf, ssssschhhht..zu... das ist es, deshalb habe ich Angst. Das GerĂ€usch, der Geruch, es ist beides. Und dieses GefĂŒhl, dass ich dieses Mal nicht wieder aufwachen könnte.
Die Umgebung, in der ich sitze und auf den Eingriff warte, ist mir bekannt. Ich kenne die Zelle, die mir vom Fenster aus den Blick ĂŒber Köln erlaubt, immerhin befinde ich mich im fĂŒnften Stock. Wenn ich morgens ankomme, orientiere ich mich jedes Mal am Ausblick und stelle fest, dass noch alles dort ist, wo es hingehört. Es gibt mir ein GefĂŒhl von Sicherheit.
Damit mein Denken fĂŒr einen Augenblick die Angst vor der OP verlĂ€sst, schaue ich mich um und registriere wie durchdacht und patientenorientiert dieses ambulante Operationszentrum aufgebaut ist. Auf vielleicht fĂŒnf Quadratmetern steht ein Bett auf Rollen, zwei StĂŒhle fĂŒr Begleiter, die ich nicht habe und ein rollbarer Nachttisch, auf dem sich ein Stapel PapiertĂŒcher, eine Nierenschale und der vorbereitete Entlassungsschein befinden. Auf der Fensterbank liegen, fein geordnet, verschiedene Zeitschriften, mehr oder weniger aktuell, fĂŒr die Wartephasen vor dem Eingriff und fĂŒr spĂ€ter bis zur Entlassung. Ein bodenlanger, weißer Vorhang, trennt die Zelle vom Flur. Neun solcher Zellen, wie meine, liegen nebeneinander. Auf dem Flur befindet sich eine kleine Bar mit Kaffee, Tee, Mineralwasser, Keksen und Salzstangen zur Selbstbedienung, sobald man wieder dazu in der Lage ist. Moderne Kunst an endlosen WĂ€nden zerstreut das Auge und ungefĂ€hr alle fĂŒnf Meter mahnt ein gerahmter Hinweis zur Ruhe und RĂŒcksicht auf Mitpatienten.
Inzwischen kenne ich alle Details meiner Umgebung auswendig, und es sollte sich nach der Zahl der Wiederholungseingriffe eine gewisse Routine bei mir eingestellt haben, doch nun sitze ich wieder fröstelnd auf meinem Zellenbett und warte auf den AnÀsthesisten.
Ich greife eine der Zeitschriften und blĂ€ttere. Ich höre Schritte auf dem Flur und hoffe, sie gelten mir. Meistens aber höre ich die automatische TĂŒr zum OP und wie die Schritte dahinter verhallen.
Wieder Schritte. Der Vorhang zu meiner Zelle wird beiseite geschoben und ein Mann in Blau tritt lĂ€chelnd zu mir vor: „Guten Morgen, ich bin ihr AnĂ€sthesist. Sind Sie nĂŒchtern?“ Als ich dies bestĂ€tige, erklĂ€rt er mir das bereits wohl bekannte Procedere: „Ich werde Sie jetzt noch einmal abhören und dann geht es auch schon los.“ Schön, denke ich, mache meinen RĂŒcken frei und bin froh, dass ich am Vorabend aufgehört habe, zu rauchen. „Haben Sie Wertsachen hier?“, fragt mich der Arzt und ich deute auf meine Handtasche, die er daraufhin am Fußende in mein Bett legt. Dann schiebt er mich ĂŒber den Flur und hinter diese TĂŒr, deren GerĂ€usch ich nicht leiden kann.
Ab hier wird mir richtig mulmig. Jedes Mal. Ich höre das Überwachungs-EKG aus einem der OPs, sehe wuselnde Leute in Blau und weigere mich innerlich stark, der Bitte zu folgen, aus meinem Bett zu steigen und in OPII zu gehen. Es hilft nicht, ich stehe auf und tapse in meinem Engelshemd frierend hinter dem AnĂ€sthesisten her. Eine OP-Schwester empfĂ€ngt mich und zeigt mir, wo ich hinauf zu klettern habe, als ob ich das nicht wĂŒsste, wĂ€hrend der Narkosearzt an seinen Spritzen und Mitteln herum nestelt. Ich fĂŒhle mich elend. Befinde mich zwischen Schicksalsergebenheit und Zorn auf die Routine um mich herum. Ich möchte schreien: „Legt Ihr euch doch dahin und macht das alles zum x-ten mal mit. Interessiert es euch ĂŒberhaupt, dass ich schon wieder hier liege? Habt Ihr einen Ahnung, was ich fĂŒr Ängste ausstehe, jedes Mal, wenn ich wieder hier sein muss? He, Herr Dr. Knips-mich-aus, sind Sie ausgeschlafen? Wissen Sie sicher, was Sie tun? Und Sie, Frau OP-Schwester, warum sehen Sie mich nicht an, wenn Sie das große blaue Tuch ĂŒber mich legen? Bin ich jetzt schlachtreif, oder was? Mir ist kalt, warum bekomme ich keine Heizdecke, ich bin privatversichert!“
Und dann wieder fĂŒhle ich Dankbarkeit. Empfinde diese Routine als Beruhigung. Denke, klar, sie machen das tĂ€glich, Jahr fĂŒr Jahr. Es sitzt jeder Handgriff und sie wissen genau, was sie tun. Es ist besser, keine Fragen mehr zu stellen und sie in ihren gewohnten AblĂ€ufen nicht zu stören. Und so ergebe ich mich, jedes Mal.
„So, nun machen Sie mal eine feste Faust“, sagt der AnĂ€sthesist und ich gehorche. Sekunden spĂ€ter sitzt die BraunĂŒle in meiner Vene und ich habe nichts gespĂŒrt. Dankbar lĂ€chle ich ihn an. Er tĂ€tschelt meine Schulter wĂ€hrend die OP-Schwester meine Beine festschnallt. „Ich klemme Ihnen nun noch das EKG an den Finger an und dann hören Sie Ihr Herz. Gleich wird Ihnen warm und schummerig.“ Ich höre mein Herz und es schlĂ€gt schneller, als ich es wahrnehme. „Ganz ruhig“, mahnt der Arzt und setzt eine Spritze an die BraunĂŒle an. Mir wird warm und schummerig. Ich höre mein Herz, wie es gleichmĂ€ĂŸig schlĂ€gt und meine Augen werden schwer. Ich fĂŒhle mich gut, wie etwa nach einer halben Flasche Rotwein und sage: „Und tschĂŒĂŸ...“, starre an die Decke und genieße den DĂ€mmerzustand. Jemand hat das Licht ausgemacht.
Doch dann rufe ich besorgt: „Ich bin noch wach!“ und höre von weit weg: „Nein, nein, sie sind wieder wach, es ist alles gut gelaufen.“
Gut. Bis zum nÀchsten Mal.





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Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es umsonst, sie woanders zu suchen.

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Rainer
???
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habe NICHTS zu meckern

hallo wondering,

der privatversicherte hat mich das frösteln gelehrt - sehr dicht geschrieben.
was auch immer man jĂ€hrlich ĂŒber sich ergehen lassen muss, ich möchte es nicht haben.

ein tippfehler ist mir in erinnerung geblieben:
"...dieses ambulanten Operationszentrum..."

viele grĂŒĂŸe

rainer

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ist meine, und damit nur EINE Meinung

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wondering
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Hallo Rainer,

danke fĂŒr's Lesen und den Hinweis. Hab's geĂ€ndert.

Viele GrĂŒĂŸe
wondering

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

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Hi wondering,

ja ich schließe mich Rainer an. Sehr dicht. Unter die Haut gehend. Eine Szene zwischen Alptraum und beruhigender Routine. Beruhigend und beklemmend zugleich wirkt das genaue Registrieren der Details. Irgendwie fragte ich mich nur vom dritten Satz an, um was fĂŒr einen Eingriff handelt es sich? Sicher, die Geschichte lebt von der AtmosphĂ€re und im Grunde tut die Art des Eingriffs nicht viel zur Sache.
Beste GrĂŒĂŸe


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Monfou

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wondering
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Oct 2002

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genau

...danke Monfou,
ja, ich denke auch, es tut nichts zur Sache, um welchen Eingriff es sich handelt, im Gegenteil. Es wÀre mit einem Wort irgendwo einzubringen, aber ich denke, gerade weil es unerwÀhnt bleibt, konzentriert sich der Text auf die "Vorher-Situation"... ich hatte es erst drin, dann aber wieder gestrichen, weil der Text dadurch an Wirkung verlor.
Komisch, ist aber so. Vielleicht, weil der Leser sich dann zu viele Gedanken darum macht, was geschnibbelt wird und die Angst vorher nicht mehr so mitverfolgt.

Viele GrĂŒĂŸe
wondering
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Estrella
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

Werke: 14
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Hallo Wondering,
auch mir hat Deine Geschichte sehr gut gefallen. Ich konnte die Gedanken und Ängste Deiner Prot gut nachvollziehen, obwohl ich selber Gott sei Dank noch nie operiert worden bin. Deine Prot (autobiografisch?) muss das ja wohl leider öfter ĂŒber sich ergehen lassen.
Den Titel fand ich ĂŒbrigens auch gelungen.

Liebe GrĂŒsse
Estrella

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