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Leselupe.de > Erzählungen
Erdbeerkuchen 0 - Rahmenhandlung
Eingestellt am 14. 11. 2004 17:33


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BeAngeled
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Registriert: Aug 2004

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2002
Durch die geöffnete Balkontür dringt laute Musik zu mir herauf und ein sanfter herbstlicher Wind trägt die entfernten Geräusche der Hermannstrasse in unseren Hinterhof – ich nehme es jedoch kaum wahr. Im Licht der angenehm wärmenden Oktobersonne tanzen Staubflocken durchs Zimmer und die alten, schlecht lackierten Sprossenfenster sehen fast freundlich aus – ich bemerke es nicht.

Verkrampft kauere ich auf der Vorderkante des alten Sofas, das ein roter Überwurf ordentlich – und gnädig - bedeckt, und starre ins Leere. Die Ellenbogen auf die Knie gestützt, in den Händen eine feingliedrige Kette, sitze ich da und lasse das silberne Band gedankenverloren durch meine Finger gleiten – immer von der einen Hand in die andere und wieder zurück.
Ob es eine schicksalhafte Bedeutung hatte, dass ich sie ausgerechnet heute zufällig in dem kleinen Kästchen in der Schublade fand? Und war es dem selben Schicksal zuzuschreiben, dass ich weiter suchte und all die anderen Dinge entdeckte, die ich nicht verstand?
„Verloren! Verloren wie das Handy wahrscheinlich!“
Verächtlich schleudere ich die Kette auf den niedrigen Tisch vor mir. Sie rutscht unter einen Stapel loser Seiten, die sich nicht hatten glätten lassen – zu lange steckten sie schon in den Briefumschlägen, die sich nun auf dem Boden zu einem gewaltigen Stapel türmen.
Wie war es nur unbemerkt so weit gekommen? Ich war Einiges gewöhnt – Ungewöhnliches, teilweise Unerfreuliches, aber DAS ...
Mühsam hatte ich im Lauf des Vormittags die unbezahlten Telefonrechnung von den Briefen diverser „Damen“ samt deren aussagekräftigen Fotos getrennt, und sitze nun vor den Scherben des Lebens, das bis heute morgen eigentlich noch ganz in Ordnung schien. Nun weiß ich wenigstens, warum unser Telefonanschluß nicht erreichbar und das Handy „verloren“ ist – keine einzige Rechnung war bezahlt, die ausstehenden Summen horrend, die Anschlüsse gekündigt.
„Datingline 0190 ...“ Der Rest bleibt mir im Hals stecken und hätte ich nicht so verdammt weiche Knie, würde ich aufspringen und flüchten – aber ich bezweifle, dass mich meine Beine sicher aus dem dritten Stock nach unten tragen könnten.

Das entfernte Krachen der unten ins Schloss fallenden schweren Haustür erreicht nur mein Unterbewusstsein, aber als ich die vertrauten Schritte auf den linoleumbelegten und immer gleich knarrenden Holzstufen erkenne, wird mir schlagartig klar, dass ich unbedingt einen Plan brauche; einen Plan, wie ich unbeteiligt und arglos oder aber wissend und überlegen wirken kann, ohne zu zeigen, dass ich in Wirklichkeit völlig verzweifelt bin. Hastig wische ich mir die Tränen vom Gesicht und schiebe die Papier- und Fotostapel auf dem Tisch zusammen – das will ich mir für später aufheben – als sich auch schon der Schlüssel im Sicherheitsschloss der Wohnungstür dreht. Leise stehe ich auf und schleiche durch das Wohnzimmer, um an der Tür zu lauschen.
Er rumort in der Küche, pfeift vergnügt vor sich hin und scheint meine Anwesenheit in der Wohnung noch gar nicht bemerkt zu haben. Vorsichtig schlüpfe ich durch die angelehnte Tür in den Flur, immer darauf bedacht, mich möglichst leise zu verhalten. Wie auf Bestellung zerreißt in diesem Moment das laute Knarren alter, maroder Fußbodendielen die Stille. Ich zucke zusammen und erstarre. Bevor ich mir noch überlegen kann, wie ich mein Auftauchen hier zu diesem Zeitpunkt erklären soll, taucht auch schon sein erschrockenes Gesicht in der hastig aufgerissenen Küchentür auf.
„W-was machst DU denn hier?!“ stammelt er verwirrt. „Herrje, hast du mich erschreckt!“
Ein wenig blass sieht er schon aus, aber mir ist nicht nach Schadenfreude zumute. Immer noch zitternd versuche ich mich und meine Stimme unter Kontrolle zu bringen.
„Nicht zu übersehen. Störe ich?“
In der Zwischenzeit hat er sich durch die spaltbreit geöffnete Tür in den engen Flur gequetscht und versperrt mir nun den Weg in die Küche. Ich reckte den Hals, kann aber auch durch den Glasausschnitt nichts in der Küche erkennen; lediglich zwei prall gefüllte Einkaufstüten stehen auf dem kleinen Esstisch in der Ecke am Fenster.
„Oh, du hast eingekauft? Nett von dir. Was gibt’s denn Leckeres?“
„Ähm ... eigentlich ... na ja ... .“
„Ja?“
„Nn-naja, ich dachte nur, du bist doch eigentlich jetzt arbeiten.“
„Wie du siehst bin ich das nicht. Ich habe mir den Rest des Tages freigenommen. War nicht so viel zu tun, und ich hab noch so viele Überstunden – weißt du ja.“
„Ach ja, ja, Überstunden hast du viele gemacht in letzter Zeit ... ja.“

Trotz meiner Anspannung genieße ich den gehetzten Ausdruck seines Gesichts, die Fahrigkeit seiner Bewegungen, als er sich mit dieser so schmerzhaft vertrauten Geste durch die lockigen blonden Haare, auf die er so verdammt stolz ist, streicht. Man kann förmlich sehen, wie es in ihm arbeitet und er nach einem Fluchtweg aus dieser, zugegebener Maßen, ebenso peinlichen wie verzwickten Situation sucht.
„Du ... ich ... ich hab mich mit Dirk verabredet, und da dachte ich, ich koche für uns beide was Nettes.“ Aufkeimende Hoffnung in seinen Zügen?
Ich kann einfach nicht widerstehen und verkünde, immer sicherer werdend: „Dirk? Mit dem habe ich gerade gesprochen, und anscheinend weiß er noch gar nichts von eurer Verabredung. Ich wollte dich nämlich von der Arbeit abholen. Aber irgendwie bist du wohl heute morgen ganz umsonst so früh aufgestanden. Oder ist dir nur entfallen, dass du dir heute Urlaub genommen hast?“
„Ähm, ja ... ja, hatte ich vergessen! Und weil ich dich nicht stören wollte, bin ich noch ein bisschen durch die Stadt gelaufen.“ Ein schiefes und mir bestens bekanntes Grinsen stielt sich in seine Mundwinkel.
„Wem willst du hier eigentlich was vormachen?“ fahre ich ihn an. „Lass mich durch.“
Ferry macht sich breiter, als er eigentlich ist und stemmt seine Arme rechts und links gegen den Türrahmen.
„Was willst du denn in der Küche?“
„Entschuldige bitte, aber ich wohne hier! Seit wann muss ich Rechenschaft ablegen, wenn ich von einem Raum in den anderen gehen will?“
„Wieso Rechenschaft? Ich will doch nur wissen, was du in der Küche willst.“
„Ja Ferry, das meinte ich.“
Seine Gesichtsfarbe wechselt von einem erschrockenen Blass zu einem wütenden, tiefen Rot. Ich hake nicht nach, sondern bin froh zu sehen, wie er sich windet, krampfhaft nach Erklärungen sucht und dabei mit den Gedanken offenbar ganz woanders ist.
„Jetzt lass mich durch, verdammt noch mal! So schlimm kann der Inhalt deiner blöden Tüten ja gar nicht sein!“
Eine Schulter voraus versuche ich mich an ihm vorbeizuschieben, doch er hält einfach dagegen und macht keinen Zentimeter platz.
„Ich will aber, dass du draußen bleibst, hast du verstanden?“
Verblüfft hebe ich den Kopf und starre Ferry an. Das kann er doch nicht ernst meinen! Langsam werde auch ich wütend.
„Jetzt hör mal, wie redest du eigentlich mit mir?“
„Nein, jetzt hör du mal: Ich lasse mich von dir nicht mehr herumkommandieren! Ab sofort mache ich, was ich will!“
Erstaunt lasse ich die Arme sinken und setze mich auf die niedrige Kommode, die fast den ganzen schmalen Flur ausfüllt.
„Wie bitte? Ich kommandiere... ? Ich versuche seit mehr als einem Jahr unsere Beziehung zu retten und du fühlst dich dadurch ... was? Herumkommandiert? Warum mache ich den ganzen Scheiß hier überhaupt noch mit?“
„Was willst du denn retten? Welche Beziehung?“ Das nun folgende Lachen hässlich zu nennen, wäre glatte Untertreibung: Es ist gehässig und triumphierend. Mit verschränkten Armen und vermeintlichem Oberwasser steht er breitbeinig vor mir, bereit, mir wehzutun, so gut er kann. Bevor ich auch nur etwas erwidere, hakt er schon nach: „Meinst du denn, nur weil ich noch ab und zu im selben Bett mit dir liege und mich überwinde dich anzufassen, haben wir eine Beziehung?“

Ungläubig starre ich ihn an; diesen Mann kenne ich nicht, nein ich will ihn auch nicht näher kennen lernen und greife nach meiner Jacke, die über mir an der Garderobe hängt. Wortlos streife ich sie über und will mich, den Schlüssel mit der einen und den Lederrucksack, den ich überall mitschleppe, mit der anderen Hand greifend, wortlos zur Wohnungstür retten; doch dort hat sich dieser Unbekannte bereits aufgebaut und versperrt mir den Weg.

„Flüchten? Mina, nicht doch.“ Höhnisch benutzt er meinen Kosenamen, der sonst immer so anders aus seinem Mund geklungen hatte. War es wirklich möglich, dass er mir etwas vorgemacht hatte?
„Lass mich durch, Ferry. Was soll denn das alles? Vielleicht sollten wir reden, wenn wir uns beide etwas beruhigt haben ...“
„Nanu, so kleinlaut auf einmal?“ Ich höre an seinem Tonfall, dass er noch mutiger und sicherer wird. „Außerdem bin ich völlig ruhig, also können wir das ganze auch jetzt klären.“
„Ich hab aber keine Lust, mich auf diese Art mit dir zu streiten.“
„Auf welche Art hätten Madame es denn lieber? Ach, lass mich raten: Auf deine Art? Du bist doch nur zufrieden, wenn alles nach deiner Nase geht – aber diesmal bestimme ich! Freunde dich mit dem Gedanken an, Süße!“
„Frederik, was bitte soll das?“
Statt einer Antwort ernte ich jedoch nur ein breites Grinsen, selbstverliebt und zynisch.
„Deine Schlüssel kannst du wieder hinlegen, die brauchst du heute nicht mehr, und wenn du nicht auf dem Balkon übernachten willst, deine Jacke auch nicht.“

Konsterniert und nicht erpicht auf eine handgreifliche Auseinandersetzung mit dem viel kräftigeren Ferry, knalle ich meine Schlüssel auf die Kommode und schleudere den Rucksack in Richtung Wohnzimmer. Dabei reiße ich unabsichtlich ein Bild von der Wand. Scheppernd zerspringt die Glasscheibe im Rahmen und leise fluchend bücke ich mich; es ist ausgerechnet das Bild von unserem Ausflug in einen Freizeitpark, aufgenommen von einer fest installierten Kamera am unteren Ende einer Sturzfahrt mit der Wildwasserbahn. Seltsam, ausgerechnet dieses Bild, ausgerechnet jetzt.
Vorsichtig streiche ich über die zerbrochene Glasscheibe, merkwürdig fremd wirkt dieses Bild aus einer glücklichen Zeit; war das wirklich erst knappe zwei Jahre her? War das wirklich dieser Mann, der mich jetzt bedroht?
Erschrocken schaue ich auf, ängstlich, ihn zu lange aus den Augen gelassen zu haben, aber Ferry wendet mir den Rücken zu und hantiert an meinem Schlüsselbund herum.
„Was machst du denn da?“
Wortlos geht er zur Wohnungstür, steckt einen Schlüssel ins Schloss und dreht ihn drei Mal herum. Anschließend verstaut er ihn zufrieden in der vorderen Tasche seiner Jeans und wendet sich wieder mir zu.
„So Herzchen, damit du nicht auf die Idee kommst dich abzusetzen, wo wir uns doch aussprechen wollen, habe ich deinen Wohnungsschlüssel jetzt hier in meiner Hosentasche. Zusammen mit Meinem natürlich.“
„Mach dich doch nicht lächerlich, Ferry. Glaubst du wirklich, dass ich mich von dir einschüchtern lasse? Verdammt, was bildest du dir eigentlich ein?“
Frederik jedoch steht nur breit lächelnd vor mir, die großen Hände in den Hosentaschen versenkt, lässig mit einer Schulter am Rahmen der Küchentür lehnend.

Seine demonstrativ zur Schau gestellte Stärke macht mich rasend, das freche Grinsen lässt mich alle vorherigen zwiespältigen Gefühle vergessen und das Wissen um seine körperliche Überlegenheit rückt die langsam aufkeimende Angst immer mehr in den Vordergrund meiner Wahrnehmung – zum ersten Mal habe ich wirklich Angst vor ihm und Panik steigt in mir auf. Ich will hier raus, so schnell wie möglich! Gleichzeitig weiß ich, das es keine Fluchtmöglichkeit gibt, es sei denn, ich springe vom Balkon. Ob es allerdings sinnvoll wäre aus dem dritten Stock zu hüpfen und unten zwischen Müllcontainern und Betonwegen zerschmettert liegen zu bleiben? Nur wegen Ferry?
Energisch kneife ich die Lippen zusammen und stelle mich ihm gegenüber, die Hände haltsuchend auf die Hüften gestützt.
„Also? Was willst du?“
„Och, wolltest du nicht gerade noch was von mir wissen? Was ich in den Tüten habe zum Beispiel?“
Er wird immer selbstsicherer, das ist deutlich zu spüren, und ich suche verzweifelt nach einer Möglichkeit, ihn wieder so zu verunsichern, dass die Kontrolle wieder in meine Hände übergeht. Diese Technik beherrschte ich normaler Weise fast perfekt, aber heute lässt er, wie es aussieht, mir keinen Spielraum.
„Na los, komm schon her, Liebes!“
Die beinahe ekelhaft süßliche Betonung des letzten Wortes steigert meine Angst noch mehr, und ich rühre mich nicht von der Stelle.
„Du hast keinen Grund, so zynisch zu sein, liebster Ferry“, flöte ich, bereue meine Worte jedoch sofort, denn urplötzlich macht er einen Schritt in meine Richtung und packt mich hart am rechten Arm.
„Ich hab dich freundlich gebeten dir anzusehen, was dir eben noch so interessant vorkam. Also komm gefälligst mit!“ Rüde zerrt er mich am Handgelenk hinter sich her in die kleine Küche, bleibt am Tisch stehen und schiebt mich zu einem der beiden Stühle.
„Setz dich!“
Böse funkle ich ihn wortlos an und blieb stehen. So nicht! Nicht du, nicht mit mir!
„Setz dich hin!“
„Gib mir den Wohnungsschlüssel! Ich habe nicht die geringste Lust auf deine Spielchen!“
„Ich habe gesagt, du sollst dich hinsetzen, verdammt!“ Jetzt sprach er schon lauter.
Die Überlegung, ob Tränen mir vielleicht nützlich sein konnten, verwerfe ich gleich wieder. Darauf würde er wohl heute, in der Stimmung, in der er sich befindet, nicht anspringen. Unauffällig riskiere ich einen Blick zu der großen Wanduhr, die über dem Esstisch an der Wand hängt. Halb eins. Um sieben bin ich mit meiner Mutter verabredet. Sie würde mich also frühestens um halb acht vermissen. Selbst dann würde es noch wenigstens eine Stunde dauern, bis sich meine Mutter von Charlottenburg durch den Berufsverkehr nach Neukölln in unsere Wohnung gekämpft hatte.
Das Telefon!
‚Verdammt! Das ist ja abgestellt!’ Jäh fallen mir auch wieder die vielen unbezahlten und von Ferry abgefangenen Telefonrechnungen ein, die noch immer auf dem Couchtisch liegen. Ob die Tatsache, dass ich ihm auf die Schliche gekommen war ein Trumpf oder mein Verhängnis sein würde, stellt sich wohl allzu bald heraus. Jedenfalls ist es nicht mehr zu ändern – die Rechnungen liegen offen herum und er wird sie entdecken, wenn er ins Wohnzimmer gehen sollte.

„Willst du Wurzeln schlagen? Setz dich, Schätzchen, ich hab heut noch was vor!“ Unsanft stupst er mich in die Seite und endlich lasse ich mich demonstrativ langsam auf der vorderen Kante des Stuhls nieder.
„Nun schau doch nach! Vorhin warst du so gierig und jetzt rührst du dich kein Stückchen. Hier!“
Er gibt einer der beiden Tüten einen Stoss, so dass sie umfällt und sich der Inhalt über den Tisch ergießt. Tomaten kullern gegen meine verschränkten Hände, eine Zwiebel fällt zu Boden. Olivenöl (das teure!), Schafskäse (noch teurer), Süßigkeiten, neue Kerzen, wild verteilt auf dem Tisch.
„Die andere Tüte schmeiß ich nicht um, du musst verzichten, Minchen.“
Hämisch hält sie er mir unter die Nase, doch am leisen Klirren erkenne ich bereits bevor ich hineinschaue, dass sie wohl Weinflaschen enthalten muss.
„Oh, der gute Rote. Na das ist ja was Feines für Dirk. Womit hat er sich denn so was verdient?“
„Wieso Dirk?“ Er sieht ein wenig verwirrt aus.
„DU hast mir vorhin erzählt, du wärst mit Dirk verabredet und wolltest euch beiden was Nettes kochen. Schon vergessen oder klingt die Lüge jetzt selbst in deinen Augen bescheuert?“
„Lüge? Ich lüg doch nicht, Mina. Ich erzähle dir nur, was du hören willst – und das nicht erst seit heute.“
„DAS habe ich auch schon mitbekommen, stell dir vor.“
Mit eisigem Blick lässt er die Einkaufstasche wieder auf den Tisch sinken.
„Wie meinst du das denn nun schon wieder?“ Leicht verunsichert blinzelt er mich aus seinen hellblauen Augen, mit denen er in manchen Situationen so viel Eindruck machen kann, an und versteckt sich wieder hinter einem schiefen Grinsen.
„Mina! Was hast du mitbekommen?“
„Huch, mache ich dich nun etwa nervös? Ferry, dein Spielchen hier geht mir gewaltig auf den Geist und ich lasse mich auch nicht länger von dir ...“
Ich komme nicht dazu, den Satz zu vollenden. Mit zwei schnellen Schritten tritt er hinter dem Tisch hervor und umfasst ohne zu zögern meinen Hals. Erst spüre ich nur einen leichten Druck auf meinem Kehlkopf, der sich aber rasch in Schmerz verwandelt, als er fester zupackt. Er scheint sich sicher, damit die richtige Dosis gefunden zu haben. Unfähig mich zu rühren, zu ängstlich zum Protestieren, warte ich ab, nur darauf bedacht, ihn nicht weiter zu provozieren. Ich kann sein Gesicht nicht sehen, aber ich höre ihn leise lachen und fast spielerisch erhöht er den Druck seiner Hände noch weiter. Ein kaltes Prickeln breitet sich in meinen Armen und Beinen aus. Panisch und mittlerweile in Todesangst, frage ich mich, ob er fähig ist, weiter zuzudrücken – und ob er fähig wäre zu töten.
„Hör einmal in deinem Leben auf zu labern und mach das, was ich dir sage, ist das jetzt endlich klar!?“
Ich versuche zu nicken, kann aber den Kopf nicht bewegen – mein Hals fühlt sich an, als stecke er in einem Schaubstock und langsam geht mir die Luft aus. Kleine Sterne tanzen vor meinen Augen und ich muss sie schließen, um mich ganz aufs Atmen zu konzentrieren.
Vorsichtig und langsam lege ich mit letzter Kraft meine Hände um seine breiten, sehnigen Handgelenke und versuche ihm zu verstehen zu geben, mich loszulassen. Er drückt, kurz auflachend, fester zu und lässt dann von mir ab. Hustend und mit den Händen die schmerzende Kehle reibend, sitze ich zusammengesunken auf dem Stuhl und überlege fieberhaft, was ich tun soll.
Schreien? Noch nicht. Außerdem bezweifle ich, dass ich erstens überhaupt schon wieder sprechen kann und dass zweitens auch nur einer der Nachbarn zu Hause ist - nicht an einem Mittwoch Mittag.
Mein Handy? Stecke in der Freisprechhalterung meines Autos. Es ist zum verrückt werden!

Immer noch nach Atem ringend, beobachte ich Ferry aus den Augenwinkeln. Unschlüssig steht er am Tisch, die Arme vor der Brust verschränkt, die Stirn in Denkerfalten gelegt, wie ich sie öfter scherzhaft nannte, als Ferry noch Spaß verstand. Er weiß selbst, dass er nicht der Intelligenteste ist, und reagiert deshalb oft mit seinem Lieblingsargument, wenn er sich unterlegen fühlt: ‚Was brauche ich außer diesem Lächeln, um im Leben weiter zu kommen?’ Neben ihm fühle ich mich regelrecht wie ein hässliches Entlein, auch wenn ich von allen Seiten immer wieder höre, dass das nicht stimmt. Fredericks Benehmen und Auftreten lassen aber seit jeher kaum einen anderen Schluss zu – er behandelt mich genau so. Ab und zu sagt er es sogar konkret: ‚Sei doch froh, dass du mich hast. Mit dir würde sich doch sonst kein Anderer abgeben!’ Und oft erwischt er mich damit in einer Stimmung, die mich all das glauben lässt.

Das Klingeln der Haustür reißt mich aus meinen Gedanken. Ich springe auf und will zur Gegensprechanlage stürzen, doch Ferry ist schneller. An der Küchentür dreht er sich noch einmal zu mir um, zeigt drohend mit ausgestrecktem Zeigefinger auf mich und sagt rau:
„Bleib wo du bist, das ist für mich!“
So sinke ich langsam wieder auf den Stuhl, stütze den Kopf auf die Hände und verhalte mich möglichst unbeteiligt, als ich ihm zuhöre.
„Nein, wir müssen uns woanders treffen.“
Er hält den Hörer dicht ans Ohr, so dass ich nicht verstehe, was unten an der Tür gesagt wird.
„Du sorry, ich kann dich nicht reinlassen, ich erklärs dir später. Warte doch unten im Bistro, ich bin gleich da.“
Wieder eine Pause.
„Ich bin gleich da, bestell uns schon mal einen Kaffee, ok?“
Erschrocken bemerke ich einen leicht gereizten Unterton, aber muss gegen meinen Willen grinsen. ‚Eigentlich sollte mir ja zum Heulen sein ...’ geht mir durch den Kopf, als Ferry wieder die Küche betritt.
„Na, spurt die Kleine nicht?“ Meine Stimme klingt wie die eines Raben im tiefsten Winter - rau und krächzend - und ich reibe mir noch immer die schmerzenden Stellen am Hals. Als er nicht antwortet, drehe ich mich zu ihm herum.
Im nächsten Moment finde ich mich auf dem Linoleumboden neben dem Stuhl wieder. Ich schmecke Blut und betaste verdutzt mein Gesicht. Hatte er mich geschlagen? Dank seiner Hobbyboxer-Vergangenheit, schien er dabei äußerst präzise und treffsicher gewesen zu sein.
Schon ist sie wieder da, die Angst, in die sich nun auch Entsetzen mischt. Ist diese Grenze erst einmal überschritten ... ich wage mir nicht auszumalen, was nun noch alles geschehen kann, sehe aber trotzdem zu ihm auf – in sein vor rasender Wut verzerrtes Gesicht.
„Du dämliche Kuh! Wegen Dir musste ich sie wieder wegschicken! Wie soll ich ihr das denn jetzt erklären?“
„Vielleicht indem du die Wahrheit sagst?“
Seine Faust hatte mich schmerzhaft an Oberlippe und Nase getroffen und mehr empört als Schmerzen empfindend, betrachte ich das Blut, das mir von nun auch von der Hand auf mein neues Shirt tropft.
„Welche Wahrheit denn?“ brüllt er.
Vorsichtig setze ich mich auf und hebe zur Antwort meine linke Hand, zur Faust geballt. An meinem Ringfinger trage ich einen schlichten goldenen Ring. Suchend wandert mein Blick zu seinen Händen, die er aneinander reibt, als hätte er sich weh getan; er trägt seinen Ring nicht. ‚Komisch, wieso ist mir das vorhin eigentlich nicht aufgefallen?’

„Das ist deine Wahrheit, Mina! Für mich gilt das schon lange nicht mehr!“ Er ist immer noch laut, aber wenigstens schreit er nicht mehr, wohl auch aus Angst, Aufmerksamkeit zu erregen.
„Sehr nett, dass du mir das auch endlich mitteilst. Verdammt Ferry, heute morgen war für mich noch alles in Ordnung und jetzt prügelst du auf mich ein und sagst, du hast mir was vorgemacht seit ... ja, seit wann eigentlich?“
„Ist das jetzt nicht egal? Du hast vielleicht Nerven!“
„Die muss ich bei dir auch haben!“
Noch im selben Moment bereue ich meine Worte, aus Angst ihn wieder provoziert zu haben, aber er schenkt mir schon keine Beachtung mehr, sondern wäscht sich ein paar Blutspritzer von der rechten Hand, während er Hose und frisch gebügeltes Oberhemd auf Blutspritzer untersucht.
„Pass auf Herzchen, ich gehe jetzt nach unten ins Bistro. Du bleibst hier oben und bist fein leise, bis ich wiederkomme.“
Schon wieder grinst er.
„Was passiert, wenn du Krach machst, hast du gerade gemerkt. Glaub bloß nicht, dass ich das nicht noch einmal machen würde – jetzt ist es sowieso egal. Und vergiss nicht, selbst wenn du hier raus kommst, ich finde dich!“
Ich schlucke meine Antwort herunter, während er im Flur verschwindet.
„Wir beide sind noch nicht fertig, da gibt es noch einige Dinge, die ich geklärt haben will, klar?“
Als ich nicht antworte, erscheint sein blonder Schopf in der Küchentür.
„Klar?“ Er wird wieder lauter, eindringlicher.
„Ja doch.“
„Gut. Und damit du nicht auf dumme Gedanken kommst, nehme ich dein Telefon mit.“
Diesmal liegt mir eine passende Antwort schon auf der Zunge, will unbedingt hinaus und gehört werden, aber wiederum sage ich nichts; ich will ihn nur so schnell wie möglich loswerden.
Er bleibt kurz nachdenklich im Flur stehen, grinst mich dann frech an und greift erneut nach meinem Schlüsselbund, den er wieder auf die Kommode geworfen hatte.
„Du bist doch sicher so lieb und leihst mir dein Auto, nicht wahr?“
„Nimm ruhig. Ich weiß ja, an wen ich mich wenden muss, wenn ich Kratzer und Beulen entdecke. Spar dir die Suche nach meinem Handy, es ist im Auto.“
„Sehr freundlich. Aber dir wird deine überhebliche Art schon noch vergehen, wart’s nur ab! Ist es nicht ein fieses Gefühl, so hilflos zu sein? Gewöhn dich dran, das bleibt jetzt eine ganze Weile so.“
Beiläufig nimmt er seine Jacke, lässt den eben noch sicherheitshalber durchwühlten Rucksack wieder fallen, geht zur Wohnungstür und öffnet sie, demonstrativ langsam und – wie sollte es anders sein – überheblich grinsend.
„Mach dir ´nen schönen Tag, Süße – ich tus ja schließlich auch!“
Schwungvoll wirft er die Tür hinter sich zu und schließt von außen ab. Gleich darauf höre ich ihn auch schon, wie immer mindestens zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppen hinunterpoltern und anschließend die schwere Haustür scheppernd in Schloss fallen.
„Irgendwann kommt der Tag. An dem dir irgend jemand dein blödes, überhebliches Grinsen aus dem Gesicht wischt!“ Ich flüstere nur, niemand außer mir soll es hören.

Endlich ist alles still. Unfähig mich zu rühren, sitze ich noch immer auf meinem Stuhl und lausche dem leisen Ticken der Küchenuhr.
Sekunden, Minuten, Stunden vergehen; die Schatten werden länger. Irgendwann schaffe ich es, mich zu bewegen, den Blick von meinen ineinander verschränkten Händen zu lösen und langsam aufzustehen.
Das „Klick“ des Schalters im Bad ist unheimlich laut und lässt mich schreckhaft zusammenzucken; noch schlimmer ist nur das grelle Neonlicht, das summend und flackernd in meinen vom Weinen gereizten Augen schmerzt.
Das Gesicht im Spiegel sieht merkwürdig unförmig aus; die Oberlippe ist geschwollen und das getrocknete Blut unter der Nase lässt sich nur unter Schmerzen wieder entfernen. Was genau mir die Tränen in die Augen treibt, weiß ich gar nicht. Möglich, dass es dieser jämmerliche Anblick oder die höllischen Schmerzen sind, oder doch die grenzenlose Hilflosigkeit, nicht zu wissen, wie es weitergehen soll? Oder liebe ich ihn gar noch?
Ein trockenes Krächzen stiehlt sich aus meiner Kehle, bringt mich zum Husten und will einfach nicht wie ein verächtliches Lachen klingen.
‚Wie habe ich mich so in ihm täuschen können?’, frage ich mich zum ... wievielten Mal? Ich weiß es nicht – ich bin so verwirrt, ich weiß nichts, aber meine Gedanken quälen mich weiter.
Warum habe ich nicht bemerkt, dass er mir etwas vormacht? Mein sonst so feines Gespür lässt mich doch sonst nicht im Stich, zumindest nicht wenn es darum ging, Menschen zu beurteilen – warum also ausgerechnet jetzt? Warum ausgerechnet bei Ferry?
Kraftlos werfe ich den nassen, blutigen Waschlappen in die Badewanne, wo sonst Ferrys verschmutzte Arbeitskleidung auf mich wartet – heute allerdings ist sie leer.
„Herrje, du hast aber gründlich aufgeräumt. Dumm nur, dass es ganz umsonst war – mich wolltest du damit ja offensichtlich nicht beeindrucken.“
Missmutig schlage ich auf den Lichtschalter ein und das ungewohnt blitzblanke, winzige Bad mit dem hohen Fenster, das in der Dämmerung schon kaum noch zu sehen ist, liegt wieder im Dunkeln.
Leise schleiche ich durch die dunkler werdende Wohnung, beobachte die langen Schatten, die sich auf den stumpfen Teppichboden ausbreiten und wieder verschwinden, wenn im Hinterhaus, auf der anderen Seite des Hofes, die Lampen gelöscht werden.
Die Dämmerung hält das Licht gefangen, und gnädiges Dunkel umgibt mich.
„Du hast gewonnen“, flüstere ich heiser.
Soll er doch wieder kommen und mich weiter quälen, es interessiert mich eigentlich nicht mehr. Was soll er mir auch noch antun können?
Ich will nur Eines: Endlich zur Ruhe kommen, die seit Stunden um Ferry kreisenden Gedanken loswerden und an nichts mehr denken.
Unvermittelt habe ich plötzlich Vivien Leigh in „Vom Winde verweht“ vor Augen – weinend in den Nebel starrend, sich leise zuflüsternd: „Ich will jetzt nicht darüber nachdenken, morgen ist auch noch ein Tag. Morgen werde ich es ertragen ...“
Es ist ewig her, dass ich diesen Film gesehen habe, aber erst jetzt verstehe ich. Irgendwann kommt wohl Jeder einmal an diesen Punkt; kein Gedanke lässt sich klar fassen und im Kopf breitet sich Leere aus. Gedemütigt und endlich erkennend, welche Fehler man selbst gemacht hat, schaltet sich das klare Denken aus.

Ich lasse mich im Schneidersitz auf dem alten Sofa nieder, und angle nach meiner Lieblingsdecke, die neben mir am Boden liegt. Es ist kalt geworden in unserer kleinen Wohnung.
‚Ist das eigentlich mein Zuhause?’ Nicht zum ersten Mal stelle ich mir diese Frage, denn eigentlich habe ich mich hier nie richtig wohl gefühlt, war nie zur Ruhe gekommen – Rastlosigkeit, wie ich sie hier verspüre, kenne ich von mir sonst kaum und je mehr Überstunden ich mache, desto wohler fühle ich mich. Oder lag das möglicher Weise an etwas ganz Anderem?
Benicio. Wo Überstunden sind, da ist auch Ben.
Schluchzend ziehe ich die Decke enger um meine Schultern, lasse den Tränen freien Lauf und werde von einer Sehnsucht gepackt, die ich bisher nicht kannte. Ben könnte mich jetzt ganz sicher trösten. Ben ist immer da, wenn ich ihn brauche ... nur jetzt nicht.
Denn ich sitze hier in Ferrys Wohnung - eingesperrt, geschlagen, hilflos und muss mir selbst eingestehen, dass ich anscheinend nie mehr als die dumme Mietzahlerin gewesen bin.
„Verdammt noch mal, was mache ich hier eigentlich noch?“
Alles Leugnen hatte nichts nutzt und zuletzt holt mich nun doch die Realität ein – Ferry war nie der Richtige für mich und würde es auch nie sein. So viele meiner Freunde, allen voran Ben, hatten immer und immer wieder versucht, mir das klarzumachen, aber ich wollte die Wahrheit nie sehen. Bis heute. Jetzt steht sie mir mehr als deutlich ins Gesicht geschrieben.

Vorsichtig streiche ich über meine schmerzende und pochende Lippe und erschrecke, wie schnell und vor allem wie heftig sie mittlerweile angeschwollen ist. Liegt vielleicht noch irgendwo Aspirin herum? Diese Kopfschmerzen sind fast so unerträglich wie der Gedanke an Ferry.

Eigentlich müsste ich die Wohnung verwüsten, seine Möbel, seine Kleidung und sein ganzes anderes Zeug, das ihm so verdammt wichtig ist, in den Hof werfen, seine geliebte LP-Sammlung zu Granulat zermalen und zu guter Letzt mit den Resten seiner Habseligkeiten unten zwischen den Müllcontainern ein Freudenfeuer entfachen, aber schon, als dieser Gedanke zu keimen beginnt, weiß ich, dass ich es doch nicht könnte. Erstens ist das nicht mein Stil und zweitens habe ich nun mit dem anderen Ferry Bekanntschaft gemacht und ich bin mir sicher, dass ich diesem Teil seiner Persönlichkeit nie wieder begegnen will.
Er wird irgendwann in der Nacht nach Hause kommen, sich darauf besinnen, was am Günstigsten für ihn ist und mich anbetteln, ihn nicht zu verlassen – wie schon so oft. Ich gehe zum Schein darauf ein, um mich bei der nächstbesten Gelegenheit aus dem Staub machen.
Das einzige, was mich an diesem Plan stört, ist, dass ich sein dummes Gesicht nicht sehen kann, wenn er meine Flucht bemerkt.
„Jeder muss Opfer bringen“, seufze ich vorsichtig lächelnd, lehne mich ein wenig versöhnt zurück und fast ohne es zu wollen, wandern meine Gedanken in die Vergangenheit; zurück in die Zeit, als wir uns kennen gelernt hatten – selbst das war alles andere als unproblematisch verlaufen ...


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Well do you ever get the feeling,
that the story’s too damn real and in the present tense? (J. T.)

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