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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Erdbeerzeit
Eingestellt am 09. 10. 2002 15:28


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Frieda
Routinierter Autor
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Erdbeerzeit

Erdbeerzeit, jedes Jahr warte ich ungeduldig auf die ersten selbstgepfl├╝ckten Erdbeeren. Aber jedes Jahr beschleicht mich auch dieses unangenehme, dunkle Gef├╝hl. Ich sp├╝re noch heute die Angst, die Reue und die brennende Scham von damals. Dann denke ich an das Jahr zur├╝ck, in dem meine Lieblingstante Sarah heiratete. Es war im Sommer, zur Erdbeerzeit, ich war gerade acht Jahre alt. Mit meiner um ein Jahr j├╝ngeren Schwester Gina verstand ich mich schon immer besonders gut. Sie war genau so unternehmungslustig wie ich, was haben wir nicht alles f├╝r Streiche ausgeheckt zusammen! Meine andere Schwester Helga war damals sechs. Aber mit der war noch nie etwas anzufangen. Wenn Gina und ich etwas vorhatten, mu├čten wir immer aufpassen, da├č Helga nichts merkte, sonst verpetzte sie es sofort den Eltern. Au├čerdem heulte sie dauernd. Man durfte sie nicht anr├╝hren, ja nicht einmal schief ansehen durfte man sie. Dann fing sie sofort an zu schreien, und ich konnte mich auf eine Standpauke von meiner Mutter gefa├čt machen. Zum Schlu├č war da noch unser Nesth├Ąkchen, mein Bruder W├Âlfi. Er war erst f├╝nf, noch ein richtiges Baby. Gina und ich waren bei uns "die Gro├čen" und Helga und W├Âlfi "die Kleinen". Ja, die Kleinen, wir f├╝hlten uns ihnen m├Ąchtig ├╝berlegen, waren wir ihnen doch um so vieles voraus. Nat├╝rlich kriegten immer die Gro├čen die Schuld, wenn irgendetwas nicht stimmte. Das wiederum fand ich ungerecht, denn manchmal waren wir es wirklich nicht gewesen.

Die Sache allerdings, von der ich jetzt berichten will, hatten wir "Gro├čen" verbrochen und niemand anders. Gina und ich hatten gedacht, es sei alles ganz harmlos. Da├č es so schlimm werden w├╝rde, w├Ąre uns nicht im Traum eingefallen. Tante Sarah und Onkel Robert wollten endlich heiraten. Sie waren seit Jahren verlobt, und jeder im Dorf zerri├č sich schon das Maul, was bei ihnen nicht stimmen w├╝rde, sie h├Ątten ja l├Ąngst verheiratet sein m├╝ssen. Schlie├člich hatten sie sich doch entschlossen und ein gro├čes Hochzeitsfest geplant mit vielen, vielen G├Ąsten. Ein riesiger Saal war angemietet worden, meine Mutter und die anderen Frauen aus der Nachbarschaft waren tagelang mit Backen, Kochen und Schm├╝cken besch├Ąftigt. Das war auch f├╝r uns eine aufregende Zeit, wir durften ├╝berall mithelfen, aber besonders freuten wir uns nat├╝rlich auf die Hochzeit selbst. Als schlie├člich die ersten ausw├Ąrtigen G├Ąste anreisten und sich im Gasthof oder bei Verwandten einquartierten, wu├čten wir, da├č das gro├če Ereignis unmittelbar bevorstand. Die Frauen hatten Unmengen von Kuchen gebacken, unter anderem auch 100 Erdbeert├Ârtchen, denn es war - wie gesagt - gerade Erdbeerzeit. Das ganze Zeug mu├čte nat├╝rlich auch irgendwo untergebracht werden, da reichte eine einzige Speisekammer nicht aus. Unsere war auch schon voll, nur im Keller war noch genug Platz. Einige von den Sahnetorten und die besagten100 Erdbeert├Ârtchen wanderten also zu uns in den Keller, wo es au├čerdem auch im Sommer sch├Ân k├╝hl war.

Am Tag vor der Hochzeit waren alle damit besch├Ąftigt, letzte Vorbereitungen zu treffen. Mutti war schon fr├╝h zu Tante Sarah gefahren um ihr zu helfen. Vati hatte f├╝r das Brautpaar eine Kutsche besorgt und war mit Opa dabei, sie auf Vordermann zu bringen. F├╝r uns Kinder war das ein schlimmer Tag. Wir hatten nichts zu tun au├čer zu warten, keiner hatte Zeit, sich um uns zu k├╝mmern. Qu├Ąlend langsam schleppte sich die Zeit dahin, der Tag wollte und wollte nicht zu Ende gehen. Ach wenn es doch erst morgen w├Ąre! Am schlimmsten war es, da├č ich dauernd an die Erdbeert├Ârtchen denken mu├čte. Ich liebte Erdbeeren ├╝ber alles, das ist ├╝brigens noch heute so. Mit Gina beratschlagte ich, ob wir es wagen k├Ânnten, jeder ein T├Ârtchen zu nehmen. "Nein, lieber nicht, was ist, wenn sie die gez├Ąhlt haben", gab Gina zu bedenken. Wir vergewisserten uns, da├č Vati und Opa drau├čen waren, die Kleinen spielten in der K├╝che. So konnten wir uns ungesehen in den Keller schleichen, um uns die T├Ârtchen wenigstens anzusehen. Schon beim ├ľffnen der T├╝r empfing uns dieser k├Âstliche Erdbeerduft. Hmmm, mir lief das Wasser im Munde zusammen. 100 T├Ârtchen sind ziemlich viel, dachte ich. Wenn zwei fehlen merkt es doch keiner. Aber Gina hatte Bedenken, sie wollte nicht mitmachen, obwohl auch sie sich kaum noch beherrschen konnte. Da hatte ich einen genialen Einfall: "Wir nehmen einfach von jedem T├Ârtchen eine kleine Erdbeere, irgendwo vom Rand, damit es nicht auff├Ąllt." Dabei hatte ich das erste T├Ârtchen schon in der Hand. Tats├Ąchlich, man sah es kaum, die Erdbeere konnte auch zuf├Ąllig runtergefallen sein. "Guuuut, oh Gina, probier auch mal", schon hatte ich das n├Ąchste am Wickel. Jetzt lie├č sich Gina auch nicht mehr lange bitten. Wir waren wirklich vorsichtig und nahmen nur kleine Erdbeeren und nur von Stellen, wo wir meinten, da├č es nicht auffiele.

Das war ein Schmaus, ich war sehr stolz auf meine gute Idee. Bald hatten wir alle T├Ârtchen durch. Dabei hatten wir es ├Ąu├čerst geschickt angefangen. Jemand, der es nicht wu├čte, h├Ątte bestimmt nichts gemerkt. Aber wir waren immer noch nicht satt. Im Gegenteil, wir hatten erst recht Appetit bekommen. "Sollen wir vielleicht noch eine ... , ach ja, wenn eine nicht auff├Ąllt, dann wird die n├Ąchste auch nicht so schlimm sein. Au├čerdem machen sie sowieso Sahne drauf", beruhigten wir unser schlechtes Gewissen. Wieder w├Ąhlten wir sehr sorgf├Ąltig die Stellen aus, wo wir ohne Gefahr ein Erdbeerchen wegnehmen konnten. Auch nach dem zweiten Durchgang sahen die T├Ârtchen noch sehr appetitlich aus, da konnte sich keiner beschweren. Beim dritten Mal konnten wir nicht mehr von allen T├Ârtchen eine runternehmen. Ein wenig Bedenken kamen mir schon, aber ich schob sie beiseite. Wir legten einfach die T├Ârtchen, die noch am besten aussahen, nach vorne. "Jetzt ist es langsam genug", meinte Gina. "Mehr d├╝rfen wir nicht, sonst ist es zu auff├Ąllig. Au├čerdem bin ich sooo satt, mir ist schon ganz schlecht." Ich war einverstanden, denn auch ich war inzwischen bis zum Platzen voll. Vorsichtig, damit uns keiner sah, verlie├čen wir den Ort unserer Missetat.

Als wir sp├Ąter zum Abendbrot gerufen wurden, hatten wir gar keinen Hunger mehr. Schon der Gedanke an's Essen lie├č bei mir ├ťbelkeit aufkommen. Trotzdem durfte keiner merken, da├č wir den Bauch voller Erdbeeren hatten. Gina und ich waren allerdings ziemlich ge├╝bt im Flunkern, wir hatten schlie├člich schon mehr als einen Streich erfolgreich vor den Erwachsenen vertuscht. Von der Seite war also nichts zu bef├╝rchten. Zun├Ąchst schien auch alles wie gewohnt zu sein. Die Kleinen plapperten aufgeregt von der bevorstehenden Hochzeit, aber meine Mutter war merkw├╝rdig still, oder t├Ąuschte ich mich? Hoffentlich werde ich nicht rot wenn sie mich ansieht, dachte ich. Mutti hatte, wie alle M├╝tter, irgendeinen sechsten Sinn, sie merkte einfach, wenn jemand etwas angestellt hatte, und es gelang uns nicht immer, sie hinter's Licht zu f├╝hren. Ach, Unsinn, schalt ich mich dann wieder in Gedanken. Woher soll sie es denn wissen, wir sagen einfach gar nichts und damit basta. Als Vati in die Stube kam, war mir sofort klar, da├č etwas im Busche war. Er war so rot im Gesicht, da├č ich bef├╝rchtete, er w├╝rde jeden Moment platzen. Wenn er so aussah, dann brach mit Sicherheit im n├Ąchsten Moment ein heftiges Donnerwetter ├╝ber einen von uns herein. Vati konnte furchtbar w├╝tend werden. "Reg dich nicht so auf, Junge", sagte mein Opa, so wie er immer zu sagen pflegte. "Eines Tages trifft dich der Schlag." Wenn ich daran dachte, wurde mir schlecht vor Angst. Nicht auszudenken, wenn ich mit meinen Streichen Schuld am Tode meines Vaters w├Ąre! Die Reue kam allerdings, wie jedes Mal, erst hinterher. "Bitte, lieber Gott, mach da├č es dieses eine Mal noch gutgeht." Wie oft hatte ich dieses Sto├čgebet schon zum Himmel gesandt, und jedesmal war ich mehr oder weniger unbeschadet davongekommen. Also, warum nicht auch jetzt?

"Wer von euch hat die Erdbeert├Ârtchen derart zugerichtet?" Ganz ruhig hatte Vati das gefragt, obwohl man merkte, wie es in ihm kochte. Die Kleinen machten gro├če Augen: "Ich nicht", riefen beide wie aus einem Mund. Ich tauschte einen raschen Blick mit Gina. "Wir auch nicht", sagten wir mit fester Stimme. Was hie├č hier ├╝berhaupt zugerichtet? Wir hatten uns so bem├╝ht, da├č keiner etwas merken sollte. Sie sahen doch noch ganz gut aus, das durfte ich nat├╝rlich nicht laut sagen. Vati sah uns der Reihe nach an. "Lina, warst du das? Sei ehrlich. Gina, was ist mit dir? Helga? W├Âlfi? Ich will jetzt wissen, wer sich an den T├Ârtchen zu schaffen gemacht hat!" Ich f├╝hlte mich nicht besonders wohl in meiner Haut. Gina schubste mich unter dem Tisch mit dem Fu├č an. Keine Sorge, ich verrate nichts, sollte das hei├čen. Da wurde ich auch wieder zuversichtlicher. Wenn wir beide nichts sagten, wie sollten sie es jemals herausfinden? Vatis Stimme war noch immer ruhig, bedrohlich ruhig. "Lina, sieh mich an! Wer war das?" H├Ątten wir blo├č die Finger von den Erdbeert├Ârtchen gelassen, jetzt hatten wir den Salat. "Ich nicht, Vati, bestimmt nicht." Dabei versuchte ich, so gut es ging, seinem Blick standzuhalten. Der Reihe nach fragte er die Geschwister, doch niemand bekannte sich schuldig.

"Jetzt reicht es mir aber, zum Donnerwetter nochmal!" Vati sprang auf und schlug so heftig mit der Faust auf den Tisch, da├č die Tassen umkippten und der Tee auf's Tischtuch schwappte, wo er sich in braunen Rinnsalen immer weiter Richtung Tischkante bewegte. Unter anderen Umst├Ąnden h├Ątte ich das lustig gefunden, aber in dem Moment war mir gar nicht zum Lachen. Die Kleinen fingen sofort an laut zu weinen. Mutti war ganz bla├č geworden. Sie machte keine Anstalten, die umgekippten Tassen aufzurichten und das befleckte Tischtuch zu retten, ein schlechtes Zeichen. "Manfred, bitte", sagte sie leise. T├Ąuschte ich mich oder glitzerten wirklich Tr├Ąnen in ihren Augen? Schnell nahm sie die Kleinen und ging mit ihnen hinaus. Auch Gina und ich waren aufgesprungen, wir klammerten uns eng aneinander, als k├Ânnten wir uns gegenseitig sch├╝tzen. Dabei hatten wir alle beide eine Heidenangst. "Ihr wart es wieder, dachte ich es mir doch." Vati kam auf uns zu, und unsere Angst wurde gr├Â├čer und gr├Â├čer. So w├╝tend hatten wir ihn noch nie erlebt, und wir hatten wei├č Gott schon genug angestellt. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, warum er wegen der paar Erdbeert├Ârtchen so furchtbar w├╝tend war. Aber jetzt hie├č es erst einmal, mit heiler Haut davonzukommen. "Wir wollen es bestimmt nicht wieder tun!", weinten wir voller Reue. "Und dann auch noch so frech l├╝gen, was habt ihr euch dabei gedacht?" Vatis Wut kannte keine Grenzen. Zwei m├Ąchtige Zornesadern schwollen an seinen Schl├Ąfen, ich sah alles wie in Zeitlupe vor mir. Bestimmt w├╝rde er uns schlagen, zum ersten Mal in unserem Leben. Wir konnten nicht einmal weglaufen, wir waren wie gel├Ąhmt, starrten ihn nur an und stammelten immer wieder: "Nicht wieder tun, nicht wieder tun".

"Manfred, komm doch bitte mal einen Augenblick mit hinaus." Unsere Mutter war unbemerkt wieder ins Zimmer getreten und ber├╝hrte Vati sanft an der Schulter. Ich war ├╝berzeugt, da├č er sie im n├Ąchsten Moment wild von sich schleudern w├╝rde in seiner Wut. Aber nein, er schien auf einmal in sich zusammenzusacken. Ohne uns noch eines Blickes zu w├╝rdigen folgte er Mutti nach drau├čen. Ich kann es kaum beschreiben, wie elend wir uns f├╝hlten. "Die Hochzeit k├Ânnen wir vergessen", heulte Gina. "Das gibt mindestens vier Wochen Hausarrest." Ach, die Hochzeit, wie sehr hatten wir uns darauf gefreut. Die Wartezeit, bis sie uns hinausriefen schien endlos lang. Vati sa├č am K├╝chentisch, und Mutti stand hinter ihm, die H├Ąnde auf seine Schultern gelegt. "So, ihr beiden, was machen wir jetzt mit euch?" Vati sah immer noch w├╝tend aber gleichzeitig auch ersch├Âpft aus. "Auf keinen Fall k├Ânnen wir Tante Sarah die Hochzeit verderben. Ihr werdet also mitgehen und euch anst├Ąndig betragen, da├č blo├č niemand etwas merkt. Eure Strafe bekommt ihr, wenn die Hochzeit vorbei ist." Etwas schlimmeres h├Ątte er uns wirklich nicht sagen k├Ânnen. Wir hatten uns schon fast damit abgefunden, nicht an der Hochzeit teilnehmen zu k├Ânnen. Das h├Ątte uns hart getroffen, aber irgendwie h├Ątten wir es verstanden. Die Strafe, die uns jetzt drohte, mu├čte wohl noch viel schlimmer sein, sonst w├╝rde er nicht bis nach der Hochzeit damit warten, so meinten wir. Klar, da├č wir an nichts anderes mehr denken konnten. Klar, da├č wir am Hochzeitstag nicht allzu viel Spa├č hatten. Was mochte das f├╝r eine f├╝rchterliche Strafe sein, die nach den Feierlichkeiten ├╝ber uns hereinbrechen sollte?

In der Nacht nach der Hochzeit schliefen wir beide schlecht. Als es Zeit zum Aufstehen war, kam niemand, um uns zu wecken. Auch zum Fr├╝hst├╝ck wurden wir nicht gerufen. So blieben wir ├Ąngstlich in unseren Betten und lauschten den vertrauten Tagesger├Ąuschen, die uns jetzt sehr fremd vorkamen, weil wir nicht an ihnen teilhaben durften. "Sie werden uns hier oben einfach vergessen", sagte ich d├╝ster. "Das d├╝rfen sie nicht, das k├Ânnen sie nicht tun", jammerte Gina. "Doch, du wirst sehen, sie lassen uns elendig verhungern." Ich wu├čte selber nicht, warum ich so schwarz sah. Unsere Eltern waren herzensgute Menschen und lie├čen uns trotz unserer vielen Streiche nie an ihrer Liebe zweifeln. Aber die unb├Ąndige, f├╝r mich unerkl├Ąrliche Wut unseres Vaters hatte mich total ersch├╝ttert. Gina war sonst eigentlich keine Heulsuse, jetzt aber fing sie an zu weinen. "Mutti", schluchzte sie leise. "Das hilft uns jetzt auch nicht weiter", meinte ich, dabei war ich l├Ąngst nicht so selbstsicher wie ich vorgab. "Wir warten erstmal ab, notfalls k├Ânnen wir immer noch abhauen." Uns war ├Ąu├čerst unbehaglich zumute, wir trauten uns nicht einmal, die Nase hinauszustecken. Nur kein Aufsehen erregen, vielleicht wurde doch noch alles gut. Erst gegen Mittag kam Vati nach oben. Jetzt wurde es ernst. Ich hatte keine Ahnung, was uns erwartete, und mein Herz begann heftig zu schlagen. Vati blieb an der T├╝r stehen w├Ąhrend er uns die Strafe verk├╝ndete: "Die T├Ârtchen kann man jetzt keinem mehr anbieten. Zum Wegwerfen sind sie aber auch zu schade, also werdet ihr sie essen. Ihr werdet zu allen Mahlzeiten Erdbeert├Ârtchen bekommen, so lange bis keines mehr da ist. Und jetzt zieht euch an und kommt runter." Was? Kein Hausarrest? Kein Badeverbot? Kein Taschengeldentzug? Ich traute meinen Ohren nicht. Das war doch keine Strafe! Wir durften wirklich alle Erdbeert├Ârtchen essen? So viel wir wollten? Ich tauschte einen verwunderten Blick mit meiner Schwester. Ginas Augen waren noch tr├Ąnenverschleiert, dennoch glaubte ich, schon wieder eine Spur von Mutwillen in ihnen zu erkennen. Kaum war Vati aus dem Zimmer, da brachen wir erst in ersticktes Kichern, dann aber in erleichtertes Gel├Ąchter aus. Und dennoch, so richtig wollte mir die Last nicht von der Seele fallen. Angesichts dieser Strafe, die keine war, sp├╝rte ich Reue und Scham. "Wir m├╝ssen die Eltern um Verzeihung bitten", meinte Gina als k├Ânne sie meine Gedanken lesen. "Ach was", da war schon wieder der alte ├ťbermut. "Sie haben uns l├Ąngst verziehen, sonst h├Ątten sie uns anst├Ąndig bestraft."

Zum Mittagessen gab es Reis mit Backpflaumen, eines meiner Lieblingsgerichte. Aber ich war nicht traurig darum, Gina und ich hatten einen gro├čen Teller Erdbeert├Ârtchen vor uns stehen. Ich mu├čte zugeben, im Keller hatten sie besser ausgesehen. Hier im hellen Tageslicht fiel es doch auf, da├č jedes ein bi├čchen angeknabbert war. Das konnte uns nat├╝rlich nicht den Appetit verderben. Oh, das erste schmeckte k├Âstlich, schnell folgten ein zweites und ein drittes. Das vierte pa├čte eigentlich schon gar nicht mehr hinein, aber ich wollte es richtig ausnutzen, solange der Segen anhielt, und bevor Vati es sich anders ├╝berlegte. Die Kleinen waren die ganze Zeit am Jammern, sie wollten auch Erdbeert├Ârtchen. Zugegeben, ich fand es auch ungerecht, da├č wir f├╝r unsere Missetat auch noch belohnt wurden. Mutti brauchte einige ├ťberredungskunst, um Helga und W├Âlfi zum Essen zu bewegen. Das gleiche Spiel beim Abendessen: Diesmal schaffte jede von uns nur zwei T├Ârtchen, aber der Rest wurde ja f├╝r uns aufgehoben bis morgen. Es war kaum zu glauben, wir f├╝hlten uns wie im Schlaraffenland, w├Ąhrend die Kleinen mi├čmutig an ihren Leberwurstbroten kauten. Gar zu gern h├Ątte ich sie ein bi├čchen damit ge├Ąrgert, da├č wir T├Ârtchen essen durften und sie nicht, lie├č es dann aber doch lieber sein. Abends im Bett tuschelten und lachten Gina und ich noch lange miteinander. Was war blo├č in die Eltern gefahren? Schlie├člich beruhigten wir uns. Immerhin hatten wir vorher eine Menge Angst ausgestanden, es sah so aus, als h├Ątten wir uns damit sozusagen ein Anrecht auf die T├Ârtchen erworben. Wir beschlossen, uns unseren Triumph nicht anmerken zu lassen, und vor allen Dingen vorerst nichts mehr anzustellen, jedenfalls solange, bis Gras ├╝ber die Sache gewachsen war.

Der n├Ąchste Tag begann f├╝r uns wieder mit wunderbaren Erdbeert├Ârtchen. Sie waren allerdings inzwischen reichlich ramponiert, und darum weit weniger verlockend als am Vortag. Trotzdem lie├čen wir es uns schmecken. Mutti hatte f├╝r jeden ein Ei gekocht, au├čer f├╝r uns nat├╝rlich. Ein sch├Ânes weichgekochtes Ei h├Ątte ich auch liebend gern gehabt. Ein Blick zu Mutti hin├╝ber gen├╝gte, um mir klarzumachen, da├č es sinnlos war, danach zu fragen. Zum ersten Mal beschlichen mich Zweifel, ob der Aufenthalt im Schlaraffenland auf die Dauer so angenehm sein w├╝rde. Aber es war Sommer, es war warm und wir hatten Ferien. Den ganzen Vormittag tobten und plantschten wir drau├čen im Garten und verga├čen dar├╝ber alle Sorgen. Als wir m├╝de und hungrig zum Mittagessen hineingingen, h├Ârte ich W├Âlfi fragen: "Mutti, was gibt es denn heute?" "Gulasch mit Pilzen" war die Antwort. Was f├╝r ein Gl├╝ck, ich hatte einen B├Ąrenhunger, und nun gab es auch noch mein absolutes Leibgericht. Hmmm, wie gut das schon roch! Ich freute mich riesig auf's Essen, an die T├Ârtchen dachte ich gar nicht mehr. Alle versammelten sich um den Tisch, und Mutti gab jedem eine gro├če Portion Gulasch auf den Teller. Nur Gina und ich machten lange Gesichter, wir bekamen wieder unsere Erdbeert├Ârtchen. "Och, und die haben wieder T├Ârtchen", maulte Helga, und dabei hatte sie dieses k├Âstliche Gulasch vor sich stehen. Ja, jetzt begann die Strafe erst richtig. Jetzt erkannte ich, was unsere Eltern erreichen wollten. Was h├Ątte ich in dem Moment f├╝r einen Teller Gulasch mit Pilzen gegeben! Statt dessen kaute ich lustlos an einem eingetrockneten Erdbeert├Ârtchen, um das mich meine kleinen Geschwister so gl├╝hend beneideten. Ach, ihr Kleinen, bis vor kurzem war ich noch genau so ahnungslos wie ihr. "Langt nur t├╝chtig zu", meinte Vati. "Je weniger ihr e├čt, desto l├Ąnger werden die T├Ârtchen reichen." Auch am Abend und am folgenden Morgen gab es noch T├Ârtchen. Den Rest mu├čten sie dann doch wegwerfen, denn die Erdbeeren waren inzwischen verdorben. Aber wir hatten unsere Lektion gr├╝ndlich gelernt.


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Parsifal
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Erdbeerzeit

Hallo Frieda,

endlich mal wieder eine Geschichte, die ich bis zu Ende gelesen habe, warmherzig und lebendig erz├Ąhlt. - Nur im 2. Absatz w├╝rde ich "angemietet" durch "gemietet" ersetzen; angemietet klingt so nach Beh├Ârde.

Herzlichst
Parsifal

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Frieda
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2002

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Hallo Parsifal,

danke f├╝r Deine R├╝ckmeldung. Du hast recht, so ganz gl├╝cklich bin ich mit dem Wort "angemietet" auch nicht. Aber "gemietet" klingt so nach l├Ąngerer Mietdauer, nicht nur f├╝r einen Tag. Na, vielleicht f├Ąllt mir noch etwas besseres ein.

Liebe Gr├╝├če
von Frieda

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