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Leselupe.de > Erzählungen
Erinnerungen
Eingestellt am 17. 12. 2005 10:00


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Jens Traumgang
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2005

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Erinnerungen
Lachende Gesichter, schwingende Hüften und wippende Füße. Umarmungen nach langer Zeit, die man sich nicht gesehen hat, freundschaftliche Knüffe und die vielfache Feststellung, wie gut der Gegenüber im Futter steht. Flirten und Shakern, trinken und tanzen. Ein friedliches freundliches Chaos. Aber auf einmal hören sich die Stimmen in der Musik gedämpft an- wie durch Watte. Die farbige Dekoration verblasst und die kantige Bar verschwimmt. Eine um mich herum feiernde Gesellschaft tritt einen Schritt zurück. Nicht, dass ich nicht mehr auf der Party wäre- sie erscheint nur nicht mehr im Vordergrund. Tiefes Grübeln schließt sie nach und nach aus meiner Wahrnehmung aus und lässt mich den Blick nach innen richten.

Langsam sehe ich an mir herunter, betrachte Körper und Kleidung. Ich erkenne meine Hülle, aber bin ich das? Kennzeichnet mich das als einzigartig? Allein die Frage ruft Widerstand hervor. Wohl kaum, ich bin anders. Ich bin die Summe von Taten und Erfahrungen. Das, was ich meiner Umgebung antue und gebe. Warum handele ich so und nicht anders? Erziehung, Sozialisation und Erlebnisse. Was sind meine Erfahrungen? An einige erinnere ich mich lächelnd, andere treiben mir immer noch Tränen in die Augen und bei den Letzten möchte ich jedes Mal wieder vor Scham im Boden versinken. Wie haben andere Menschen diese Szenen erlebt? Haben Sie verstanden, dass ich mir diese Blöße nicht geben wollte? Wie peinlich mir die Geschichte war und immer noch ist? Kann ich ihnen zeigen, was mich in diesem Moment beherrschte? Langsam drehe ich mich um.

Im Schatten ist der Schemen einer Staffelei erkennbar. Eine Lampe ist rasch gefunden und herangerückt. Anschließend allerdings stocken meine vorher entschlossenen und zielstrebigen Handlungen merklich. Unsicher fasse ich einen Pinsel und greife ohne hin zu schauen nach einer Farbpalette. Helle, warme Töne, gelb und braun, sanftes Orange: Es wird eine sanft gewellte Landschaft im Spätsommer. Ein makelloser Tag neigt sich dem Ende zu. Unter dem flammenden Himmel beugen sich schwere Ähren in endlosen Getreidefeldern einem schwachen, fast schmeichelnden Windhauch. Zwischen den Feldern ziehen sich schmale Wege entlang und laden zum entspannenden Spaziergang ein, um dann in einem der kleinen, aber dichten, grünen Wälder zu verschwinden. Die wenigen Häuser und Scheunen fügen sich wie natürlich in diese friedvolle Landschaft ein. Man kann sich in ihr verlieren. Sie nimmt den Bewohner widerstandslos auf und umfängt ihn mit der einschmeichelnden Nachgiebigkeit eines lauen Lüftchens, solange dieser sich nur an den Lauf der Jahreszeiten anpasst. Die Erinnerungen an diese Zeit zaubern ein gedankenversunkenes Lächeln auf mein Gesicht, ohne dass ich es direkt zu merke. Als ich es bemerke, gibt es mir den Mut, zumindest einen Versuch zu wagen, diese Vorstellung auf die Leinwand zu bringen.

Ich greife den Pinsel fester, positioniere die Farbpalette an meiner Seite und muss erneut lächeln- diesmal unsichtbar in mich hinein. Das hilft mir meine Unsicherheit endgültig zu überwinden, und so ziehe ich die ersten Bahnen auf die Leinwand. Eigentlich gar nicht so schlecht – für den ersten Versuch. Aber je detaillierter die Landschaft wird, desto künstlicher wird sie auch. Obwohl mich das zunehmend stört, kann ich nichts dagegen tun. Ich kann, nein, ich muss es weiter versuchen, aber mit jedem Pinselzug wirkt die Ausgewogenheit gestellter und die Sanftheit der Jahreszeit erzwungen. Verbissen versuche ich der Landschaft Leben einzuhauchen – vergebens, nicht mal ein Hauch von Eigenart will meine Traumwelt annehmen.
Seufzend lege ich den Pinsel weg, und lehne mich ein von der Leinwand zurück. Sieht so eine sehr persönliche, harmonische Erinnerung aus? Wohl kaum, langweilig, charakterlos und künstlich bis zur Sterilität, wäre eine treffende Beschreibung. Den Vergleich zu meiner Erinnerung, die dieses Bild eigentlich abbilden sollte, wage ich erst gar nicht. Diese ist trotz der langen Zeitdauer, die seitdem vergangen ist, immer noch lebendig wie beim Erwachen am folgenden Morgen. Kontraste, so leuchtend, dass sie blenden, Gerüche, um die man nicht ohne Anecken herum kommt und Gefühle derart intensiv, dass man die Augen schließen möchte, um diese Zeit noch einmal zu leben. Kurz- das genaue Gegenteil dieser abgebildeten Nebensächlichkeit. Aber aufgegeben wird nicht. Ein wenig Ruhe und Distanz könnten hilfreich sein.

Also stehe ich mit vor Verkrampfung steifen Beinen auf und trete zurück. Bevor ich aber einen Überblick gewinne, rollt ein Roboter aus dem Schatten, greift sich den Pinsel und vollendet mit systematischer Sorgfalt das Bild. Angesichts der maschinellen Präzision ohne Zögern und Abwägen, ohne Fehler und Korrektur verharre ich wie gelähmt und versuche nicht mal ihn aufzuhalten. Aber wie um meine stümperhaften Experimente mit Pinsel und Leinwand zu verspotten, ist meine Landschaft nun nicht mehr so brav und widerstandslos wie zuvor. Sie wirkt weniger konserviert als in meiner Vorstellung, dafür aber sehr viel lebensnaher: Einzelne Bäume, schon ohne Laub, durchbrechen die Leblosigkeit. Ein tiefblauer See bringt noch mehr – für mich zuvor störende Farbe – in die Szenerie. Mein Rohentwurf hat sich von einer stilisierten Gedankenwelt zu einem lebenden Abbild entwickelt.
Bei dem Versuch Lebensnahes abzubilden, in kürzester Zeit von einer Maschine bezwungen. Das kann eigentlich nur mir passieren. „Hervorragend!“ lautet meine aufrichtige Wertschätzung des Ergebnisses, wie auch ein zynisches Resümee meiner eigenen Fertigkeiten. Dabei sollte doch der Mensch der Maschine im Sinn für Kultur und Ästhetik überlegen sein, auch wenn er in Präzision der Bewegungsausführung deutlich unterlegen ist. Aber Präzision wirkt doch sonst immer künstlich... Diesmal offensichtlich nicht, aber was soll es schon?

Neues Spiel, neues Glück. Schnell gesagt, und fast genauso schnell habe ich eine neue Leinwand vor mir. Schon greife ich nach den Farbpaletten – nun keine Spur von dem zuvor bekannten Zögern – und noch bevor ich hinschaue, habe ich schon eine bei der Hand. Dunkel und düster, tiefes und warmes Braun bis hin zu einem alles verschlingenden Schwarz, ebenso beruhigend wie erdrückend. Die Farben ziehen mich sofort in ihren Bann und formen ein Bild in meiner Erinnerung. Schneller als meine Gedanken bewusst folgen können, befinde ich mich in einer kleinen, engen Bibliothek. Schon mit dem ersten Schritt in diese Welt beginnen die hohen Wände immer weiter zusammenzurücken. Sie sind bedeckt mit Regalen, die bis auf den letzten Quadratzentimeter mit überlieferten Wissen überladen sind. Gebundene Bände, deren abgewetzte Einbände von häufiger Nutzung zeugen, Hefte, die fast zerfallen und sogar einige Kisten mit gerollten Papierbögen. Und obwohl kein Fleck an den Wänden mehr frei ist, scheint sich der schwere Eichenschreibtisch unter weiteren Bänden und Schriftrollen durchzubiegen. Sorgfältig aufgeräumt zwar, aber die Arbeitsfläche kann die pure Fülle der Bücher nicht fassen, so dass sich der Eindruck des sprichwörtlichen vom Genie beherrschten Chaossees aufdrängt. In den mühsam eingeräumten Zwischenräumen sind drei Kerzen gefährlich nah an die Papiermassen gezwängt, um ein Minimum Licht für Arbeit zu geben. Selbst für diese müsste man dieser Ordnung noch erst ein wenig Platz abringen. Dahinter lädt der ebenfalls eichene Schreibtischstuhl mit der hohen Lehne zum Platznehmen ein. Ein hohes Gemälde, dessen dunklen, eichenen Rahmen mit Zierrat übersät ist, lehnt an der Frontseite des Schreibtisches. Anscheinend ist es schon vor langer Zeit von der Wand hinter dem Schreibtisch Wand genommen worden, um noch mehr Regale an die jetzt bereits fast vollständig nachgedunkelte Wand anbringen zu können. Es zeigt ein strenges Porträt einer ehrwürdigen Dame mit durchdringendem Blick inmitten der zu diesem Zeitpunkt penibelst ordentlichen Bibliothek: Wohl die ehemalige Besitzerin des Zimmers.

Nun ist alles von einer dünnen Staubschicht überzogen, als wenn das Zimmer mitsamt seines unschätzbaren Inhaltes viel zu lang nicht genutzt worden sein mag. Es wirkt unbelebt, nachgerade tot, aber mit den Werken der Jahrhunderte immer noch würdevoll. Der einzige Gegenstand, dem die allgegenwärtige Staubschicht des Raumes im wahrsten Sinne gut zu Gesichte steht, ist der alchimistische Schädel, der inmitten der Schriften auf einer Schreibtischunterlage aus Kork thront, wie um die Leblosigkeit noch zu unterstreichen. Anstatt des Gemäldes beherrscht dieser nun die Szene und blickt verachtend über das Gemälde hinweg zur Tür.
Die offensichtliche Achtlosigkeit, mit der das Gemälde auf dem fleckigen Boden abgestellt wurde, ist wohl nur dadurch zu erklären, dass die Person, die es von der Wand nahm, wohl die abgebildete Dame selbst gewesen sein muss, und nicht der jetzige Besitzer des Zimmers. Den oder vielmehr die gibt es, daran ist nicht zu zweifeln. Nahe des Türstocks liegt ein unordentlicher Stapel bunter, moderner Magazine. Vom Windsurfen, Skifahren und Snowboarden; von Mode, attraktiven Männern und Reisen in weit entfernte Länder. Diese Magazine wirken so fehl am Platz wie ein Clown in der Kirche, ebenso wie die offensichtliche Unordentlichkeit, mit der sie abgelegt wurden. Sie sind in den letzten Monaten häufig gelesen worden – ein geradezu schreiender Gegensatz zu all den Wälzern in den Regalen… nur beinahe allen Büchern allerdings. Es scheint als wäre beiläufig in medizinischer Literatur geblättert worden.
Das könnte was werden. Entschlossen fasse ich den Pinsel und bringe die Bibliothek mitsamt Schreibtisch detailgetreu zu Papier. Ein Buch neben dem anderen, alt und gebraucht, auch wenn der Gebrauch lange zurück liegt. Die Kerzen sind alle bis auf eine heruntergebrannt. Diese wirft lange Schatten, was den Schädel noch unheimlicher wirken lässt. Seine leeren Augenhöhlen stoßen mich durch ihren verächtlichen Blick ab. Dieser scheint ständig direkt auf mich gerichtet zu sein, so dass ich mich schnell den bunten Magazinen nahe der Tür zuwende. Der Versuch, dazu eine andere Farbpalette zu greifen, lässt mich vom Hocker rutschen. Ich falle hinten über, schlage hart auf und bleibe wie betäubt liegen.

Alle Vorstellungskraft ist von mir gewichen. Eine ganze Weile hab ich noch nicht einmal Lust, mich von dem dreckigen Boden aufzurappeln und versinke in dem Unfertigen, was bereits gemalt ist. Ich betrachte es aus der Froschperspektive, als sich ein greller, neogrüner Mantel vor meine Sicht schiebt. Wilde Bewegungen arbeiten mein Bild um, und beenden es schließlich. Eine Ewigkeit später gibt der Hippie den Blick wieder frei. Er hat mein Zimmer verwendet, denn der lange schmale Raum mit der hohen Decke ist derselbe geblieben- zumindest meint man das noch erkennen zu können. Auch die Möbel stehen noch in derselben Anordnung, aber wenn man es nicht wüsste, glaubte man nicht, immer noch diese Bibliothek vor sich zu haben. Von den alten Büchern in den Regalen und auf dem Schreibtisch sind nur wenige übergeblieben. Ebenso erinnert nur noch die Form an den wuchtigen Schreibtisch. Seine neue Farbe erscheint unbeschreiblich schrill und eingerahmt wird er von entfernt menschlichen, skurrilen Skulpturen, so dass der einsame Schädel nun wirkt wie der Clown in der Kirche. In den Regalen stehen nun Dutzende Magazine und Zeitschriften, ähnlich denen, die zuvor nahe der Tür lagen, wo nun die wertvollen alten Bücher achtlos aufgestapelt wurden. Über die alten, zuvor tiefbraunen Hölzer der Regale hat sich ein quietschendes Gemisch aus Pink und Dunkelblau gelegt, das die modischen Magazine perfekt ergänzt. Wie um jede Erinnerung an den vorherigen Zustand als einen diffusen Traum erscheinen zu lassen, ist das alte Gemälde spurlos verschwunden. Traurig betrachte ich das Werk – eine zweite Erinnerung, die ich nicht zu Ende brachte. Leider aber wirkt es irgendwie .... richtig, so als ob der Hippie ein Stück Gegenwart eingefangen hat. Dahingegen erschien mein Bild, als versuchte ich nur Vergangenes, das man besser ruhen lassen sollte, wieder zu beleben.

Kopfschüttelnd räume ich die Leinwand in die Ecke: Es mag ja richtig sein die Gegenwart zu leben und Vergangenes zu begraben, aber gefallen tut es mir deshalb noch lange nicht. Es ist nicht meine Welt. Lassen wir das mal, sage ich mir, ein weiterer erfolgloser Versuch muss nun wirklich nicht sein. Kunst war schon in der Schule nicht meine Stärke, genauso wie Musik. Aber mich mit Musik ablenken würde ich jetzt gerne und so drücke ich auf Play. Langsam und unbewusst lasse ich mich von melancholischen Stücken einfangen. Mal schließe ich dabei die Augen, mal schweift mein Blick unbestimmt durch den Raum. Dabei streift er beiläufig die rote Farbpalette und bleibt daran hängen. Diese war bis vorhin nicht benutzt worden und enthielt auch eigentlich außer den Rottönen nur unauffällige hellbraune Farbtöne.

Diese plötzliche Erkenntnis entlockt mir zunächst nur ein schwaches Achselzucken: Obwohl der Hippie einen enormen Bedarf ausdrucksstarker Farben hatte, hatte er diese nicht benutzt. Angesichts der unwillkommenen Erinnerung an diesen letzten Versuch will ich mich verächtlich abwenden, aber das dunkle und trotzdem leuchtende Rot hält mich fest. Wehren will ich mich, um einer erneuten Niederlage auszuweichen, aber trotzdem zieht es mich unbarmherzig in seinen Bann. Als ob ich zunächst davon eingelullt würde und mich dann auf sanften dunkelroten Schwaden wöge, werde ich immer nachdenklicher bis dunkelrote Spuren in einem rosa Nebel vereinzelte Melancholie widerspiegeln. Kann man das malen? Wie soll ich etwas so Abstraktes vollenden, wenn ich schon die anderen Bilder nicht fertig bekommen habe? So etwas Schwieriges? Vielleicht gerade das, obwohl es so unfassbar und unbekannt wirkt. Ungleich allem, was vorher da gewesen ist. Im Unterschied zu den beiden anderen Bildern beginnt ein unsicherer, unplatziert wirkender Pinselstrich, als wenn ich nicht Herr meines Körpers wäre. Daneben ein weiterer und noch einer, bis eine kleine Fläche zusammenhanglos im Raum schwebt. Alles in verschiedenen aber harmonischen Rottönen, die mich in Sicherheit zu wiegen scheinen. Während ich wie blind weitermale, bleibt mein Blick wie gebannt an diesem Stück bemalter Leinwand hängen. Es ist, als wäre ich nicht Herr meiner selbst. Pinselstriche folgen einander in immer schnellerer Reihenfolge. Die Bewegungen werden zunehmend unkoordinierter, so dass sie einander bald in hektischer Reihenfolge abwechseln, bis ein Tornado entsteht, der alles andere zu verschlingen droht. Mein Pinsel entfesselt tosende, übereinander herfallende und einander zerreißende Fetzen. Bösartig und aggressiv wie ein Wolf mit angelegten Ohren und hochgezogenen Lefzen, bis schließlich die nachgebende Leinwand umkippt und mich mitreißt. Wild um mich schlagend, und über und über mit roter Farbe beschmutzt, gehe ich zu Boden. Völlig kopflos winde ich mich panisch unter Papier und Farbe. Dabei werden weitere Farbpaletten in den gierigen Strudel gerissen.

Ebenso heftig wie der Kampf ist, so kurz ist auch seine Dauer: Als ich eine Hand beruhigend auf meinem Oberarm spüre, kann ich – noch immer schwer atmend - die Augen von der schrecklichen, hypnotisierend ruhigen Stelle lösen. Ich sehe einen Mann in einem grauen Anzug mit anthrazitfarbener Krawatte über mir. Weißes Hemd, ungefähr 180cm groß, 75kg schwer mit braunem, schütterem Haar. Er wirkt auf mich ... durchschnittlich und unspektakulär, um nicht zu sagen „langweilig“, verglichen mit meiner gerade vergangenen emotionalen Schlacht. Trotzdem scheint er ganz Herr der Lage zu sein und bedeutet mir mit schwachem Druck, liegen zu bleiben. Dann wendet er sich um und hebt mit einer ruhigen, flüssigen Bewegung die Leinwand wieder auf. Als er den Pinsel nimmt, wirkt er sogar heiter, und verwandelt ohne zu zögern die katastrophale Erinnerung, die mich fast vernichtet hätte, gelassen in ein laues, liebevoll schmeichelndes Lüftchen. Er verwendet dieselben Farben, doch bezwingt er die schreienden, alles verschlingenden roten Fratzen, ohne auch nur mit einem kleinsten, roten Spritzer das strahlende Weiß des Hemdes zu beschmutzen. Man glaubt, er hätte eine verwundete, zähnefletschende Bestie zu einem anhänglichen Haustier bekehrt. Nur als er zum Ende kommt, stockt er mehrfach, so dass in allen vier Ecken noch kleine Windhosen verbleiben. Trotzdem zuversichtlich lächelnd – vielleicht bemerkt er es ja noch nicht einmal – wendet er sich wieder zu der Stelle um, wo ich noch vor einigen Augenblicken gelegen habe. Doch ich bin nicht mehr da – ich bin leise aus dem Raum geschlichen:

Keine der Erinnerungen ist mir geblieben. Durchlebt von mir sicherlich, aber aufgrund meiner Unfähigkeit von anderen vollendet, so dass es nun ihre Gegenwart und damit der Grundstein ihrer Zukunft ist. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich mal aus einer Erinnerung eine Gegenwart gestalte – ganz bestimmt aber nicht mehr in dieser Nacht.

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majissa
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Hallo Jens,

das habe ich sehr gern gelesen. Hineingezogen und festgehalten hat mich dieser schöne, atmosphärisch dichte, Text. Sprachlich etwas wuchtig, doch durchaus zum Gesagten passend. Die Bilderflut in der Bibliothek quoll förmlich aus Zeilen heraus. Da konnte man den Pinsel tief in die Erinnerung eintauchen und rascheln hören. Die Thematik dürfte jedem, der sich mit dem Versuch der eins-zu-eins-Wiedergabe vielschichtiger Sinneseindrücke quält, bekannt vorkommen. Ob in der Literatur, der Malerei oder der Musik. Gut bedient übrigens jener, der sich für seine Erinnerungen aller drei Kunstformen bedienen kann. Wo das Wort versagt, spricht die Farbe weiter, bis sie von einem Ton abgelöst wird. Interessant wäre die Frage, ob man es je so trifft, wie es wirklich war. Vermutlich nicht. Dafür wären dann die Maschinen da, hm?

LG
Majissa

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Jens Traumgang
Wird mal Schriftsteller
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quote:

Interessant wäre die Frage, ob man es je so trifft, wie es wirklich war. Vermutlich nicht. Dafür wären dann die Maschinen da, hm?


Hi,
Danke für dein Lob- hat mich sehr gefreut. Wenn es wirklich eine Möglichkeit gibt, ein Bild wahrheitsgemäss eins zu eins wiederzugeben, dann wahrscheinlich nur mit Maschinen (z.B. Fotoapparaten), etwas abgeschwächt durch eine zusätzliche Perspektive einer anderen Person. Aber gerade dann fehlt das Persönliche der eigenen Perspektive, als wenn man als Erwachsener die Baumhütte besichtigt, in der man als Kind gespielt hat, und diese einem viel zu eng vorkommt. Es ist die Zeit, die einem das Persönliche nimmt, wenn man eine Erinnerung nicht weiterlebt.

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flammarion
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hallo,

eine stärkere gliederung täte diesem werk sehr gut.
ich hatte mĂĽhe, mich durch diese bleiwĂĽste zu lesen.
lg
__________________
Old Icke

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Jens Traumgang
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Re: hallo,

"bleiwĂĽste"- *schnĂĽff* ;-)
Grundsätzlich ist der Fluß gewollt- ich verstehe aber, das es der Länge des Textes dem Lesekomfort abträglich ist (wenn es das ist, was du mit Bleiwüste meinst). Gib mir bitte mal ein oder zwei besonders haarige Stellen (vielleicht sogar Anregungen), so dass ich gezielt umarbeiten kann, ohne die Eigenheit des Textes zu verändern. Momentan stehe ich da ein wenig hilflos davor.

Danke
Jens

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flammarion
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nun,

ein guter schriftsteller macht vor jedem neuen gedanken einen absatz, so einfach ist das.
lg
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Old Icke

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