|
Fachkompetenz
Anfang letzten Jahres, während dieser herrlich kalten und spiegelglatten Jahreszeit, war ich – alter Sack – gestürzt. Musste wohl wie in einem Comic ausgesehen haben, glatte Bauchlandung, nur von der anderen Seite, Füße gen Himmel wie zum Gebet. Lobet und preiset den Herrn.
Natürlich hatte ich geschimpft, wie ein Rohrspatz, selbstverständlich hatte ich auch geflucht. Bestimmt waren da auch zwei oder drei unverzeihliche Flüche dazwischen. Zum Glück war kein menschliches Wesen in der Nähe.
Aufrappeln, weitergehen, alles noch im grünen Bereich, so wars zumindest Sonntagabend.
Mittwochmorgen sah die Sache ganz anders aus. Mein Hausarzt leitete mich gleich zum Chirurgen weiter. Zum Röntgen, um eine Fraktur auszuschließen.
Wie leicht hätte ich mir ja auch was gebrochen haben können, dachte ich so bei mir.
Überweisung zum Chirurgen, akuter Fall.
Eine Stunde Wartezimmer, rein zum indischen Doc. Kurzgespräch, um was es ging, was überhaupt los war. Den Rücken befehlsgemäß freigemacht, um vom Arzt mit eiskalten Händen abgetastet zu werden. Treffsicher landeten seine Fingerknöchel auf dem Punkt meines Schmerzes. Er konnte nichts Auffälliges fühlen, mir standen die Tränen in den Augen.
Eine Stunde Wartezimmer, rein zum Röntgen. Unbequeme Bauchlage und wieder, diesmal auf Wunsch einer jungen Lady, Rücken frei. Die hübsche koreanische Arzthelferin hatte zwar warme Hände, aber dafür waren Bleischürze und Röntgentisch saukalt.
Nach der Fotosession folgten zwei Stunden Wartezimmer, das Entwickeln der Röntgenbilder hatte wohl etwas länger gedauert, dann durfte ich wieder zum Arzt.
„Akute Prellung mit Bluterguss, der jetzt wohl auf die Nerven drückt. Ich geb Dir mal ne Spritze gegen die Schmerzen und schreib Dir ein paar Tabletten auf. Außerdem schick ich Dich zu ner Physiotherapeutin, deine verkrampften Muskeln könnten ein bisschen Hilfe vertragen. Wenn die Schmerzen zu schlimm werden, kanste jederzeit wiederkommen.“
Unglaublich, wieviel Deutsch so ein Inder zu sprechen vermochte.
Eine weitere halbe Stunde Wartezimmer, schon waren Rezept, Überweisung und Befund, letzteres immerhin eineinhalb DIN-A4-Seiten, fertig geschrieben. Die junge, hübsche, türkische Arzthelferin an der Rezeption nannte mir zusätzlich zwei Adressen, eine Therapeutin hier im gleichen Haus, eine andere bei mir am Wohnort.
Ich entschied mich für die Therapeutin bei mir am Ort, da konnte ich zu Fuß hintappsen, dass ersparte mir die Jockelei mit dem Auto und die ewiglich währende Parkplatzsuche.
Punkt halb Drei, also eine halbe Stunde vor Beginn der regulären Sprechzeit, war ich in der Praxis. Überweisung, mit dem Vermerk „akut“, den Befund und meine Versichertenkarte bei der blutjungen deutschen Helferin, habe später erfahren, sie war eine Auszubildende im ersten Jahr, abgegeben.
„Nehmen sie bitte noch einen Moment Platz.“
Der Moment dauerte knappe dreieinhalb Stunden, die auf den äußerst unbequemen und antiergonomischen Stühlen im Wartezimmer natürlich wie im Fluge vergingen. Während dessen erfuhr ich, dass eine weitere, fertig ausgelernte, Sprechstundenhilfe durch die Praxis wuselte und die Behandlungsräume bediente. Um fünf Minuten vor Sechs, und damit fünfundfünzig Minuten nach Ende der regulären Sprechzeit, wurde ich ins Nebenzimmer gerufen. Die Therapeutin konnte endlich etwas von ihrer wertvollen Zeit für mich erübrigen.
Bei meinem Eintreten packte sie gerade den Befund aus, erfasste in Sekundenschnelle die notwendigsten und wichtigsten Daten und begutachtete mich mit einem skeptischen und abschätzenden Blick über den Rand ihrer Designerbrille hinweg, während ich mich, mühsam und schmerzgeplagt, auf dem viel zu weichen Sessel ihr gegenüber niederließ.
„Ah ja.“
Welch profunde Einleitung.
„Ich sehe schon …“
Mit einer gezierten Bewegung nahm sie ihre Designerbrille ab, verpackte sie sorgfältig in einem Designeretui, welches seinen reservierten Platz auf dem Designerschreibtisch aus Glas wieder einnahm. Die Designer-Halogenstrahler spiegelten sich blendend grell in der gläsernen Schreibtischplatte und erzeugten anmutige Lichtschleier auf dem seidenmatten, cremefarbenen Designerkittel.
„… wir werden uns erstmal bemühen müssen, ihren Bewegungsapparat wieder etwas in Schwung zu bringen.“
Sie lächelte ein so aufrichtiges und erfrischend falsches Lächeln wie eine Zeugin Jehovas, die mir gerade ein Jahresabo vom Wachturm angedreht hatte.
„Was halten sie davon, wenn wir einfach mal damit beginnen, dass sie sich insgesamt wieder etwas mehr bewegen?“
Meinen erstaunten Blick deutete sie wohl als Aufforderung, sich genauer zu erklären.
„Einfach mal, sagen wir zwei bis drei Mal pro Woche, für etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten spazierengehen.“
„Zwei bis drei Mal pro Woche?“, fragte ich noch einmal nach.
„Ja.“ Sie nickte erwartungsvoll lächelnd.
„Für fünfzehn bis zwanzig Minuten?“
„Richtig!“ Sie schien begeistert, dass ich die Weisheit und den überragend tieferen Sinn ihrer Worte so spielerisch leicht begriffen und verinnerlicht hatte.
Ich musste ihrem Höhenflug einen Dämpfer versetzen: „Das wird nicht so einfach.“
Ganz kurz spiegelte sich Enttäuschung in ihrem Blick, dann lehnte sie sich zurück und betrachtete mich gütig lächelnd, wie die gute Fee des Nordens auch Dorothy belächelt haben mochte.
„Sehen sie, die Therapie der kleinen Schritte mit einer Vielzahl an kleinen Erfolgen ist durchaus nicht neu. Sie werden bemerken, wie jeder kleine Erfolg sie ermutigt und motiviert, sie werden spüren, wie es ihnen besser geht. Sie werden erkennen, dass sich ihr Körper besser anfühlt, wenn sie ein paar überflüssige Pfunde los geworden sind. Lassen sie uns das erst einmal für … sagen wir mal … acht Wochen … durchzuhalten versuchen. Sie werden staunen, wie viele Dinge ihnen danach bereits wesentlich leichter fallen.“
„Acht Wochen?“
Sie nickte stumm, ich musste daran denken, dass dann natürlich auch gerade ein neues Quartal anfangen und eine neue Überweisung fällig werden würde.
„Und dann?“
Ihr Blick ähnelte dem eines Versicherungsvertreters mit Aussicht auf einen lukrativen Lebensversicherungsvertrag: „Nun, dann werden wir uns langsam steigern.“
Der Sessel war viel zu weich und viel zu niedrig, um vernünftig daraus aufstehen zu können. Mit zusammengebissenen Zähnen rutschte ich nach vorne und begab mich zunächst demütig auf die Knie. Den unterwürfigen Anblick grinste ich schmerzverbissen weg, mit beiden Händen auf den gläsernen Schreibtisch stützend, richtete ich mich auf. Mitleidig lächelnd hatte mir die gute Frau Therapeutin zugesehen und nicht den Ansatz einer Unterstützung erkennen lassen. Ich fand es schade, dass der Schreibtisch so stabil gebaut war, dass meine unauffällig abgestützten rund neunzig Kilo Lebendgewicht ihm nichts ausgemacht hatten. Die Hände stützten nun meinen Rücken, ich zwang mich zu einem Lächeln: „Glauben sie wirklich, dass das so funktioniert?“
„Nun“, ihre Stimme klang jovial beschwichtigend, ihr Blick wirkte genervt, „ein ganz klein wenig müssen sie schon mitarbeiten.“
„Vermutlich nennt sich das Ganze dann Bewegungstherapie?“ Ich fixiere ihren Blick.
„Selbstverständlich, aber ich verstehe jetzt nicht …“ Sie erschien tatsächlich ein ganz klein wenig verunsichert.
Ich unterbrach sie mit etwas schärferer Stimme: „Der Chirurg hat mich wegen einer Prellung der Rückenmuskulatur zu ihnen geschickt.“
Sie öffnete den Mund zu einer irgendwie gearteten Antwort, aber ich redete schon weiter: „An meinem Übergewicht brauchen sie sich nicht zu stören. Es ist rund zwanzig Kilo her, das ich aufgehört habe, zu rauchen.“ Mit diesem Scherz gab ich der Dame eine letzte Chance, die Situation doch noch zu entkrampfen. Mit verwirrtem Gesichtsausdruck ließ sie die Möglichkeit an sich vorüberziehen. „In Zusammenarbeit mit meinem Diabethologen bau ich bereits einige Pfunde wieder ab. Mit täglich achtzig bis hundert Einheiten an Insulin ist das gar nicht so einfach und …“
Jetzt unterbrach sie mich mit einer abwinkenden Geste: „Das sind doch nur Ausreden! Es gibt viele schlanke Diabetiker! Sie …“
„Offensichtlich haben sie noch nie davon gehört, dass zu viel Insulin den Fettstoffwechsel stört!“ Ich schnitt ihr das Wort ab, geringfügig lauter werdend, und verlieh meiner Stimme einen belehrenden Unterton.
Sie zeigte sich maßvoll beeindruckt.
„Außerdem“, fuhr ich fort, „wird sich mein Hund bedanken, wenn ich nur noch zwei bis drei Mal pro Woche mit ihm hinausgehe. Dieses Pensum ist er von mir täglich gewöhnt. Darüber hinaus bin ich gut vier Mal pro Woche bis zu zwei Stunden am Stück mit ihm unterwegs. Bei Wind und Wetter.“
Die gute Frau Therapeutin wurde etwas blasser um die gepuderte Nase.
Ich beugte mich etwas vor, mit einer Hand auf der Glasplatte stützend, die andere Hand fischte nach dem Befund und erwischte ihn. Wieder aufrichtend erkannte ich, innerlich lächelnd, dass meine Hand einen hübschen Abdruck auf der Glasplatte zurückgelassen hatte.
Auf dem Weg nach draußen teilte ich Ihr mit: „Nun lass ich mir noch meine Überweisung zurückgeben, dann kann ich mich endlich in eine fachkompetente Therapie begeben.“
Sie schwieg sich dazu aus.
An der Rezeption saß nun die missgelaunte, ältere Arzthelferin. Auf meinen Wunsch, die Überweisung zurückzuerhalten, reagierte sie nur mit erstauntem Aufreißen ihrer Augen. Sekundenlang kreuzten sich unsere Blicke, dann hob ich eine Hand und schnippte zweimal mit den Fingern: „Überweisung. Zurückgeben. Jetzt.“
Sie zuckte hoch, als wäre sie aus einer tiefen Trance erwacht, dann blaffte sie mich an: „Das hab ich ja noch nie erlebt! Die Überweisung können Sie nicht zurückhaben! Die bleibt hier zu Abrechnungszwecken!“
Ich spielte den Ahnungslosen: „Was, bitte sehr, müssen Sie denn abrechnen?“
„Na, Sie hatten doch gerade ein Therapiegespräch!“
Das Spiel wurde langweilig, mein Rücken schmerzte: „Geben Sie mir jetzt einfach die Überweisung zurück. Wenn Sie unbedingt etwas abrechnen müssen, schicken Sie mir eine Rechnung als Privatpatient, meine Adresse haben Sie ja.“
„Sie sind aber kein Privatpatient, Sie sind als Kassenpatient angelegt und …“
Ich schnippte erneut zweimal mit den Fingern. Erstaunlich, aber wie ein hypnotisiertes Kaninchen verstummte diese junge Frau jäh.
Ich deutete über den Tresen: „Telefon. Kurzwahl. Chefin fragen. Überweisung rausgeben.“
Wieder schnippte ich mit den Fingern, und prompt reagierte Sie.
Ich fühlte, die „Macht“ war stark in mir. Fingerschnippen gehört zu einem Erziehungs- und Trainingssystem für junge Hunde und Hündinnen.
Das Telefonat war kurz, aber heftig, anschließend erhielt ich die Überweisung zurück. Ich verabschiedete mich freundlich, die Helferin ignorierte mich aber geflissentlich. Lediglich das Lehrmädchen, das in diesem Moment, bewaffnet mit Putzutensilien und geschmückt mit ellbogenlangen, quietschgelben Gummihandschuhen, aus einem der Behandlungsräume herauskam, grüßte freundlich lächelnd und wünschte mir sogar noch eine gute Besserung.
Eine Wohltat, eine unglaubliche Wohltat. Einfach herrlich, dieses Gefühl, als der Schmerz nachließ. Tiefenwärme gegen die Prellung und Impulsmassage für die verspannte Muskulatur hatte mir die andere Therapeutin verordnet. Eine große, kräftige Frau mit einem eindrucksvollen, russischen Akzent.
Ich hatte mich auf eine stundenlange Wartezeit eingerichtet, als ich das volle Wartezimmer sah, war aber bereits nach zwanzig Minuten zur Therapeutin gerufen worden.
Ihr maßvoll abschätzender Blick untersuchte mich schon bei meinem Eintritt, stehend und mit ausgestreckter Hand begrüßte Sie mich und lies mich sofort bäuchlings auf der Liege Platz nehmen. Jeder Handgriff saß, jeder Punkt eine neue Diagnose. Es dauerte nicht lang, bis ich mich aufsetzen durfte, meine Beine hingen über die Seite der Liege hinunter, erreichten aber nicht den Boden, Sie hatte meine Sitzposition so dirigiert. Sorgsam korrigierte Sie, neben mir auf der Liege sitzend, verschiedene Körperhaltungen, begleitet von ausführlichen Erklärungen.
Ein anderer Schreibtischstuhl, ein Rückenkissen fürs Auto, eine Einlage für den rechten Schuh und Bewegungsübungen waren das langfristige Ergebnis. Kurzfristig kam ich in den Genuss von zehn Tiefenwärmeanwendungen und ebenso vielen Massagesitzungen.
Die Tiefenwärmebehandlung war verrückt, ein halbrundes, gepolstertes Gestell, an dem ich mich mit dem Bauch anlehnen und etwas darüberbeugen durfte, um den Bereich der Lendenwirbel zu strecken. Die blutjunge, asiatische Helferin, grinste mich frech an, als Sie weitere gepolsterte Stützen anbrachte, damit ich mich in der merkwürdigen Haltung etwas entspannen konnte.
„Ich weiß genau, was Sie jetzt denken.“
Der Klang Ihrer Stimme jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. „So? Was denke ich denn?“, fragte ich herausfordernd.
Sie brachte das Wärmegerät in die richtige Position und stand nun vor mir. In gespielter Empörung, aber belustigt schmunzelnd, stemmte sie Ihre Hände in die Hüfte: „Sie denken doch gerade daran, dass ich, falls ich eines Tages diesen Job verlieren sollte, jederzeit in jedem SM-Schuppen unterkommen könnte.“
Ich seufzte erleichtert, sie hatte meine Gedanken doch nicht erraten.
„Fast richtig“, log ich. „Aber noch peinlicher wäre es mir gewesen, wenn ich mich noch einmal hätte aufrichten müssen.“
Automatisch und unbewusst bewegte sich ihr Blick zu einer bestimmten Region meines Körpers, dann schreckte sie wieder hoch. Jede andere Frau wäre jetzt scharlachrot geworden.
Jetzt war ich dran, frech zu grinsen: „Wäre für mich peinlich geworden, wenn Sie da etwas erwartungsvoll erwartet hätten. Aber immerhin schön, dass Sie den Film auch kennen.“
Sie brauchte einige Sekunden, bevor Sie so herzlich zu lachen begann, dass ich mich gleich besser fühlte.
Der Massagestuhl später wirkte wie ein mittelalterliches Folterinstrument, war aber unglaublich bequem. Ich war jedesmal unter den sanften Vibrationen eingeschlafen.
Bedauerlicherweise sah ich diese asiatische Helferin bei meinen folgenden Besuchen in der Praxis nie wieder. Oder zum Glück – für meine Ehe.
__________________
Leben und leben lassen.
|