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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fast wie geplant
Eingestellt am 18. 04. 2012 12:44


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Garde
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2011

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Edgar überflog, wie jeden Mittwochmorgen, die Stellenanzeigen.
„Das gibt es nicht“, murmelte er und faltete die Zeitung in der Mitte zusammen, um eine Anzeige besser lesen zu können. „Mensch, das ist es. Das ist mein Job!“
„Cindy, sieh dir das an“, rief er laut.
Seine Frau Cindy kam, für die Galerie gestylt, die kurzen blonden Haare zu einer frechen Frisur geföhnt, neugierig um die Ecke. Sie lasen gemeinsam: „Leiter der Technik in einem Kunststoffverarbeitenden Betrieb… Abgeschlossenes Hochschulstudium und Erfahrung in leitender Funktion Voraussetzung….“
„Liest sich, als suchten die dich“, meinte Cindy. „Was sie verlangen kannst du vorweisen. Hier steht ein Ansprechpartner, mit Telefonnummer.“
„Ich rufe heute an“, sagte Edgar.
Als Cindy am späten Abend nach Hause kam, saß Edgar, die roten Haaren zerzaust, an seinem Schreibtisch und sortierte Unterlagen.
Müde ließ sie sich auf einen Stuhl fallen, streifte mit den Füßen die Schuhe ab.
„Geschafft, alle Bilder für die morgige Vernissage hängen. Es hat aber nicht viel gefehlt und ich hätte dem Maler eine gescheuert. Der wusste nicht, was er wollte. Bilder auf, Bilder ab. Und eine Laune hatte er!“ Sie seufzte.
Edgar reagierte nicht auf ihre Klagen. Die Galerie, die Künstler und das Publikum waren Cindys Lebensinhalt.
Er dachte häufig, dann, wenn er sie tagelang nicht zu Gesicht bekommen hatte, dass sie gut ohne ihn, aber niemals ohne ihre Arbeit leben könnte.
„Was machst du?“, wollte sie wissen, rieb sich die Füße.
„Ich stelle meine Bewerbungsunterlagen zusammen“, antwortete Edgar.
„Richtig, da war die Anzeige heute Morgen. Hast du angerufen?“
„Klar. Ich hatte ein interessantes Gespräch mit dem Personalchef der Firma, Herrn Grube. Netter Kerl. Sobald er meine Unterlagen eingesehen hat, meldet er sich wegen eines Termins.“
„Hört sich gut an.“
„Stell dir vor, das würde klappen“, sagte Edgar. „Zweiundvierzig ist ein gutes Alter, um noch einmal zu wechseln. Das käme wie geplant.“
„Jetzt warte erst mal ab“, bremste ihn Cindy. „Es werden noch andere Interessenten da sein.“
„Ich weiß. Aber ich bin der richtige Mann für diesen Posten.“
Energisch stippte Edgar einen Packen Papiere auf dem Schreibtisch auf, damit sie eine einheitliche Kante ergaben.
Eine Woche später saß er relativ entspannt im Vorzimmer des Inhabers der Firma.
Grube hatte ihm signalisiert, dass Bröders ihn, nachdem er seine Bewerbungsunterlagen eingesehen hatte, für den richtigen Mann hielt. Deshalb würde er persönlich das Gespräch führen.
Die Sekretärin hatte ihn in der abgetrennten Sitzecke Platz nehmen lassen, mit Kaffee und Keksen versorgt und war hinter der, mit Leder überzogenen, Tür verschwunden.
Er saß fünf Minuten, als die Tür zum Korridor aufgerissen wurde und ein Mann ins Zimmer trat, dessen Anblick Edgar fast vom Stuhl gehauen hätte.
Uwe, schoss es ihm durch den Kopf. Was machte der hier?
Mehr als zehn Jahre waren sie sich nicht mehr über den Weg gelaufen.
Sie hatten zusammen die Schulzeit verbracht, an derselben Uni studiert. Sie waren beste Freunde gewesen, bis zu dem Tag, an dem sich Cindy für Edgar entschieden hatte.
Ungern dachte Edgar an die Wochen und Monate vor dreizehn Jahren. Sie kamen ihm vor wie ein besonders schlechter Film.
Die vielen, mit Uwe gemeinsam besuchten und bis zu Exzessen gefeierten Feten.
Seine erste Begegnung mit Cindy, die Uwe in der U-Bahn aufgerissen und ihm als seine große Liebe vorgestellt hatte. Sein eigener, erfolgloser Kampf gegen die Gefühle.
Uwe war genauso überrascht wie Edgar. Er stand ein paar Sekunden stocksteif mitten im Raum und starrte ihn an. „Was willst du hier“, würgte er heraus, drehte sich im gleichen Moment zur Tür und verschwand.
Edgars Ruhe war dahin. Er war aufgewühlt. Genau in diesem Moment öffnete sich die gepolsterte Tür und die Sekretärin bat ihn zu ihrem Chef.
Die ersten Minuten war Edgar fahrig, konnte sich nur schwer auf das Gespräch konzentrieren. Gott sei Dank brauchte er nicht viel dazu beitragen. Bröders hörte sich offensichtlich gerne reden. Er war der typische Unternehmer alter Schule. Stolz auf das, was er geschaffen hatte, präsentierte er sein Unternehmen als den Marktführer Weltweit, mit allen Weihen, ISO, GMP usw. die möglich waren versehen und Umsatzzuwächsen wie keine Firma sonst.
Nach einer halben Stunde kam Edgar zum Zuge und kurze Zeit später waren sie sich über die Eckpunkte einer Zusammenarbeit einig. Das wichtigste, ein sehr gutes Gehalt und der Anfangstermin waren festgelegt.
„Beschlossen und verkündet“, sagte Bröders, hieb nachdrücklich mit der flachen Hand auf den Tisch und streckte sie Edgar entgegen. Bevor der sie ergreifen konnte öffnete sich die Tür und Sekunden später stand Uwe neben dem Stuhl Bröders. Er beugte sich hinunter, umarmte ihn und verpasste ihm Küsschen rechts und Küsschen links.
„Tag mein Junge“, strahlte Bröders. „Was für eine Überraschung.“
„Wie geht es euch? Wo sind die Jungs und Monika?“ Er besann sich auf die Anwesenheit von Edgar. „Das passt prächtig. Da kann ich dir Herrn Konrad vorstellen. Er übernimmt den Job, den du abgelehnt hast.“
„So, so“, sagte Uwe und sah Edgar lächelnd an. „Edgar wird bei dir arbeiten. Wir kennen uns. Woher, erzähle ich dir ein anderes Mal oder lass es dir von Edgar erzählen. Ich muss weg.“ Er legte Bröders die Hand auf die Schulter. „Wollte nur kurz Guten Tag sagen.“
Lässig winkte er zu Edgar hinüber und bevor der verdutzte Bröders seinen Satz, „Wie du musst schon wieder weg….“ beenden konnte, war er draußen.
„Ein kurzer Besuch“, wunderte sich Bröders und schüttelte den Kopf.
„Mein Schwiegersohn zieht es vor in seiner eigenen kleinen Klitsche herumzuwirtschaften. Ich vermute, dass ich ihm hier zu sehr das Heft in der Hand halte“, schmunzelte er. „Sie kennen Uwe? Woher?“
Er hörte Edgar aufmerksam zu, war über ihre lange Freundschaft überrascht.
„Haben Sie noch Kontakt?“
„Nein“, sagte Edgar. „Wir haben uns vor zehn Jahren das letzte Mal gesehen.“
Bröders fasste, zu Edgars Überraschung und Erleichterung, nicht nach. Sie unterhielten sich über die zukünftige Zusammenarbeit.
Einige Zeit später stand Edgar, mit zwiespältigen Gefühlen, auf der Straße.
Er wühlte sein Handy aus der Tasche.
„Hey Cindy, wer glaubst du, ist mir gerade zweimal über den Weg gelaufen?“
„Woher soll ich das wissen“, antwortete Cindy. „Erzähl mir lieber, wie dein Vorstellungsgespräch gelaufen ist.“
„Das will ich ja“, sagte Edgar. „Ich sitze im Vorzimmer und wer reißt die Tür auf und steht im Raum, Uwe!“
„Uwe“? schrie Cindy. Edgar hielt das Handy einen Moment vom Ohr weg.
„Ja, Uwe“, bestätigte er. „Du hast richtig gehört. Und während des Vorstellungsgespräches ist er noch mal aufgetaucht. Er ist der Schwiegersohn von Bröders.“
„Er ist was? Wer ist Bröders?“
„Bröders ist der Inhaber der Firma. Und Uwe ist sein Schwiegersohn.“
Sekundenlange Stille. „Ach du Sch…..! Vergiss den Job“, sagte Cindy.
„Wieso?
„Uwe wird das niemals zulassen. Du kriegst die Stelle nicht.“
„Es sind über zehn Jahre vergangen.“
„Mach dir keine Hoffnungen“, sagte Cindy und schmetterte ihn „du, ich muss Schluss machen, Kundschaft“, ab.
Edgar war in den folgenden Tagen unruhig, unschlüssig.
Er wollte den Job, schon deshalb, weil es sich bewahrheitet hatte, dass seine jetzige Firma an einen Investor verkauft würde. Er hatte aber auch Bedenken, wegen Uwe.
Am vierten Tag lag ein weißer DIN A4 Umschlag vor ihm auf dem Schreibtisch. Edgar zog die weißen Bögen heraus.
Es waren nicht seine Bewerbungsunterlagen, dass fühlte er sofort.
„Sehr geehrter Herr Konrad, wir bestätigen die mit Ihnen in dem persönlichen Gespräch getroffenen Vereinbarungen und freuen uns… Beigefügt erhalten Sie ihren Arbeitsvertrag in zweifacher…“
Es hat geklappt, dachte Edgar, erleichtert, ungläubig. Er griff nach dem Handy und drückte Cindys Kurzwahl.
„Halt dich fest, ich hab den Job.“
„Das glaube ich nicht“, antwortete Cindy. „Das ist unmöglich.“
„Wenn ich es dir sage“, sagte Edgar. „Jetzt freu dich mit mir. Heute Abend machen wir einen Zug durch die Gemeinde.“
Wie erwartet, kam auf diesen Vorschlag kein Widerspruch.
„Super, das machen wir. Hol mich um sieben in der Galerie ab“, freute sich nun Cindy.
Gegen ein Uhr in der Nacht hatte Edgar genug. „Ich bin kaputt. Mir reicht es.“
„Alter Spielverderber“, maulte Cindy. „ Du wirst immer langweiliger.“
„OK, langweilig. Und vernünftig. Ich muss in ein paar Stunden zur Arbeit. Du kannst ja bleiben.“
Nicht zum ersten Mal ging Edgar, nach einem solchen Abend, ohne Cindy auf die Suche nach einem Taxi.
Er kündigte seine Arbeitsstelle am letzten möglichen Tag. Dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte, bestätigte sich. Der Investor kündigte einschneidende Veränderungen an.
Trotzdem versuchte Cindy bis zum Schluss ihm die Kündigung auszureden.
„Du machst einen großen Fehler“, sagte sie wiederholt. „Uwe wird dich nicht in Ruhe lassen.“
„Es ist vermutlich die letzte, große Chance in meinem Berufsleben“, widersprach Edgar. „Uwe ist verheiratet, er hat Kinder. Er wird dir nicht ewig hinterher trauern.“
„Das weiß ich“, sagte Cindy.
Zum vereinbarten Termin saß Edgar im Vorzimmer von Bröders.
„Es kommt gleich jemand“, hatte die Sekretärin kurz angebunden gesagt und war seit her verschwunden.
Nach ein paar Minuten wurde Edgar unruhig. Er stand auf und öffnete die Tür zum Flur. Vor ihm stand wie aus dem Boden gewachsen Uwe und grinste ihn an.
„Immer noch so ungeduldig wie früher, Edgar“, spottete er, schob ihn ins Vorzimmer zurück und schloss die Tür.
Sie standen einander gegenüber. Edgar fühlte sich unwohl, linkisch.
Uwe streckte die Hand aus.
„Na, dann viel Erfolg. Hoffentlich hast du dich richtig entschieden“, sagte er.
Edgar erwiderte den festen Händedruck. „Danke. Ich hoffe es auch.“
„Du wirst vergebens auf meinen Schwiegervater warten“, bestätigte Uwe die Ahnung, die sich in Edgar breit gemacht hatte.
Sie nahmen Platz.
„Er hatte vor vierzehn Tagen einen Herzinfarkt.“
Edgars Herz machte einen Überschlag.
„Er wird einige Zeit ausfallen.“
Edgar hatte das Gefühl, sein Gehirn wurde von Sekunde zu Sekunde leerer. Er wollte etwas sagen.
Die Tür zum Flur öffnete sich. Herein kamen Grube und eine zierliche dunkelhaarige Frau.
Die Frau sah Uwe, straffte sich und sagte: „Habe ich dir nicht gesagt du sollst verschwinden.“
Sie ging auf Edgar zu und streckte ihm die Hand entgegen. „Ich nehme an Sie sind Herr Konrad. Ich freue mich sehr. Ich bin Monika Bröders-Schwank.“
Sie deutete Edgar er möge sitzen bleiben und wandte sich an Uwe.
„Bitte, Uwe, mache jetzt hier kein Theater. Es ist alles gesagt. Geh!“
Grinsend schob sich Uwe aus seinem Stuhl.
„Vielleicht, vielleicht ist alles gesagt“, sagte er vieldeutig, während er zu Edgar ging, ihm auf die Schulter klopfte.
„Mach es gut, alter Junge. Und viel Glück, das wirst du brauchen.“
Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, atmete Monika Bröders-Schwank, hörbar aus. Stephan tat ihr lautlos gleich.
Einige Zeit später trank er entspannt seinen zweiten Kaffee.
Er wusste nun, dass Bröders wieder vollkommen gesund würde. Dass Monika Bröders-Schwank, während der Abwesenheit ihres Vaters die Leitung des Unternehmens übernommen hatte. Von Uwe hatte sie sich unwiderruflich getrennt. Er hatte sie ständig betrogen.
„Mein Vater ist sehr enttäuscht. Er mochte Uwe, hat in ihm seinen Nachfolger gesehen. Uwe hat ihn in den letzten Wochen glauben lassen, dass er hier einsteigt. Daraufhin hat Vater ihm umfangreiche Vollmachten eingeräumt. Heute hat er sie zurückgenommen.“
Edgar fühlte die Anspannung schwinden.
Es war kurz vor Feierabend. Er stand am Fenster und schaute auf den Firmenhof, genoss den Moment der Ruhe, fühlte sich gut.
Die vergangenen Stunden waren, voller neuer Eindrücke, fremder Gesichter und vielen Informationen, im Fluge vergangen. Er freute sich auf morgen.
Das Telefon ließ ihn zusammen zucken.
Monika Bröders-Schwank sagte ihren Gesprächstermin für morgen früh ab. „Die Kripo ist gerade weg. Sie kommen morgen früh wieder. Ich habe Anzeige erstattet“, sagte sie, mit zittriger Stimme. „ Mein Mann hat die Festgeldkonten der Firma aufgelöst. Er hat das Geld auf Konten im Ausland transferiert. Er ist verschwunden.“
„Kann ich etwas tun“? fragte Edgar.
„Heute nicht mehr“, sagte Monika Bröders-Schwank.
Auf der Heimfahrt war Edgar kurz versucht Cindy in der Galerie zu besuchen. Er ließ es, wollte nicht riskieren nicht willkommen zu sein.
Kaum hatte er die Wohnung betreten, überkam ihn das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, dass etwas anders war als sonst. Er sah sich um, konnte nichts entdecken. Er schalt sich einen Idioten, sagte sich, kein Wunder nach diesem Tag. In der Küche öffnete er ein Bier, trank einen Schluck und ging ins Wohnzimmer.
Sogleich sprang ihm das weiße Blatt Papier ins Auge, das auf dem schwarzen Sofa lag. Er nahm es, sah Cindy schöne Handschrift.
Hi, Edgar, las er. Ich wollte nicht, dass du zu Bröders gehst, es sollte so weitergehen. Mit euch Beiden. Mit Uwe und mit dir. Wie in den letzten eineinhalb Jahren.
Du bist zu Bröders, vielleicht hätte es funktioniert. Wer weiß. Uwes Frau hat ihn rausgeworfen. Sie hatte von uns erfahren.
Er muss weg, Ich wollte mich nicht entscheiden, nun musste ich es. Ich gehe mit ihm. Pass auf dich auf. Wer weiß, was ist, vielleicht, in dreizehn Jahren.
Cindy

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