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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Feliz Raquelita, Kapitel 1
Eingestellt am 18. 11. 2003 16:36


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mikhan
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2002

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Feliz Raquelita

Kapitel 1

Eine riesige Wolke hat ihren mĂ€chtigen, Unheil verkĂŒndenden Schatten auf die Baracken zwischen den HochhĂ€usern unserer Stadt geworfen. In den blank polierten Fensterscheiben der HochhĂ€user spiegelt sich das Wolkenmeer, das ĂŒber unsere Stadt hinweg zieht. Dort wo die Sonnenstrahlen durchdringen, bildet sich ein goldener Schimmer auf den weißen WĂ€nden der HĂ€user. Doch die Baracken haben weder Fenster noch weiße WĂ€nde, sie bestehen aus notdĂŒrftig zusammen genagelten Brettern und PlastikvorhĂ€ngen. Daher bleibt hier alles grau. Unvorstellbar, dass hier Menschen leben sollen. Draußen, um die Baracken herum, stapelt sich der MĂŒll, der nicht verwertet werden konnte, ein Paradies fĂŒr Ratten, Kakerlaken und allerlei Krankheitserreger. Eine ganz besonders fette Ratte ist gerade dabei, sich an den Überresten eines Straßenköters zu laben. Von meiner Anwesenheit lĂ€sst sie sich dabei nicht im Geringsten stören. Selbst die auf sie gerichtete Kamera kann sie nicht von ihrem grausigen Mahl abhalten.

Endlich lĂŒftet sich ein Schleier im Wolkenmeer, doch das grelle Sonnenlicht lĂ€sst die Baracken nur noch trostloser erscheinen. Ein kleines MĂ€dchen lĂ€uft barfĂŒĂŸig, und in zerfetzten Kleidern vor einer Gruppe Jugendlicher davon, die mit Steinen nach ihr werfen.
„Bleib sofort stehen, du dreckige Diebin!“ rufen sie ihr nach. Jetzt sehe ich das BĂŒndel, dass sie in ihren HĂ€nden trĂ€gt. Im gleichen Augenblick wird das MĂ€dchen von einem Stein am Kopf getroffen und fĂ€llt blutend zu Boden. Doch das reicht den Jungen, die ihr inzwischen das BĂŒndel aus den HĂ€nden gerissen haben, noch nicht. Sie schlagen ununterbrochen auf das am Boden liegende MĂ€dchen ein, das ĂŒberhaupt keinen Ton mehr von sich gibt.

Entsetzt lege ich meine Kamera beiseite und schreie laut auf. Die Jungen bemerken meine Anwesenheit erst jetzt und laufen, wohl mehr aus Überraschung denn aus Furcht, in alle Richtungen davon. Ohne lĂ€nger nachzudenken gehe ich auf das MĂ€dchen zu und versuche die große klaffende Wunde an ihrem Kopf mit einem provisorischen Verband zu schĂŒtzen. Sie ist noch bei Bewusstsein und atmet in flachen ZĂŒgen. „Keine Angst, ich bringe dich jetzt zu einem Arzt.“ sage ich beruhigend. Ich hebe sie hoch und stelle fest wie dĂŒnn sie ist, fast habe ich Angst, sie könnte in meinen Armen zerbrechen, sollte ich sie zu fest anfassen.

Schnell habe ich die Barackenstadt hinter mir gelassen und befinde mich auf den makellos sauberen BĂŒrgersteig, der zwischen den HochhĂ€usern entlang fĂŒhrt. Modisch gekleidete, langbeinige Frauen und GeschĂ€ftsleute mit Aktenkoffern und Fettrollen im Nacken kreuzen meinen Weg, einige bleiben kurz stehen und sehen mir nach, andere schĂŒtteln angewidert mit dem Kopf, aber keiner bietet mir seine Hilfe an. Das Blut des MĂ€dchens hinterlĂ€sst eine unheimliche, tiefrote Spur auf dem Beton.

Beim Arzt.

„Und wer sind Sie?“

„Ich bin Dokumentarfilmer, ich habe gerade einige Aufnahmen in der Barackenstadt gemacht, als ich Zeuge dieses traurigen Vorfalls wurde.“

„Wissen Sie, die Wunden dieses MĂ€dchens sind nicht so gravierend, wir können da eigentlich nicht viel machen. Warum bringen Sie das MĂ€dchen nicht einfach nach Hause, das wird das Beste fĂŒr sie sein.“

„Das können Sie doch nicht ernst meinen! Ein Wunder, dass sie ĂŒberhaupt noch bei Bewusstsein ist, sie benötigt doch dringend medizinische Hilfe!“

„Ob sie das beurteilen können? Überlassen Sie das mal lieber uns Fachleuten! Ich habe nicht sechs Jahre lang studiert, um mir so etwas anhören zu mĂŒssen! Mit diesem Pack aus der Barackenstadt hat man ohnehin nichts als Ärger, außerdem sind die hart im Nehmen, ein paar Tage und sie ist wieder auf Diebestour. Die lernen nie etwas. Gehen Sie schon, es ist sinnlos.“

ZurĂŒck in der Barackenstadt.

„Du hast gehört, was der Arzt gesagt hat. Es bleibt mir nichts anderes ĂŒbrig, als dich nach Hause zurĂŒck zu bringen. Kannst du mir den Weg zeigen?“

Das MĂ€dchen nickt kurz und weist mir mit der Hand den Weg, sie kann schon wieder gehen und das Blut hat auch aufgehört zu laufen. Ich staune ĂŒber die HĂ€rte dieses MĂ€dchens, sie ist vielleicht zwölf Jahre alt, hat aber die GesichtszĂŒge einer Erwachsenen. Wir durchqueren ein Wirrwarr von kleinen Pfaden, die zwischen GestrĂŒpp, MĂŒll und vereinzelten Baracken hindurchfĂŒhren. So tief bin ich noch nie in die Barackenstadt vorgedrungen, es Ă€rgert mich, dass ich nicht filmen kann. Endlich erreichen wir das Zuhause des MĂ€dchens, welches sich nicht von den ĂŒbrigen Baracken unterscheidet.

Eine sehr dicke, ĂŒberaus hĂ€ssliche Frau sitzt vor dem Eingang und steht in einer einzigen, unendlich langsamen Bewegung auf, als sie uns kommen sieht. Ihr Atem ist schwer und laut, ihr Gesicht mit Schweiß bedeckt. Ein unangenehmer Geruch geht von ihr aus.

„Raquelita, mein Kind, was ist mit dir geschehen?“ Die sanfte Stimme der Frau und ihre aufrichtige Besorgnis verblĂŒffen mich und ich schĂ€me mich dafĂŒr, sie nur nach ihrem Aussehen beurteilt zu haben.

„So du heißt also Raquelita? Mein Name ist Mauricio, sehr erfreut dich kennen zu lernen, kleine Raquelita.“ Zum ersten Mal sehe ich ein LĂ€cheln ĂŒber das immer noch blutverschmierte, dreckige Gesicht des MĂ€dchens huschen.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo mikhan,


dein text gefĂ€llt mir. du schaffst es, die atmosphĂ€re "rĂŒberzubringen", mir das geschehen vor augen zu fĂŒhren.
ein kleines problem habe ich aber noch: entweder du hast es so gewollt (schließlich ist dein prot ja dok-filmer), oder du BEschreibst wie bei einer dokumentation. manche deiner "nebensĂ€tze" erklĂ€ren mir zu viel. ein paar beispiele:

quote:
UrsprĂŒnglich veröffentlicht von mikhan

... Unvorstellbar, dass hier Menschen leben sollen. Draußen, um die Baracken herum, stapelt sich der MĂŒll, der nicht verwertet werden konnte, ein Paradies fĂŒr Ratten, Kakerlaken und allerlei Krankheitserreger.

...doch das grelle Sonnenlicht lÀsst die Baracken nur noch trostloser erscheinen.
...
Beim Arzt.
...
ZurĂŒck in der Barackenstadt.
...
, welches sich nicht von den ĂŒbrigen Baracken unterscheidet.
...
Die sanfte Stimme der Frau und ihre aufrichtige Besorgnis verblĂŒffen mich und ich schĂ€me mich dafĂŒr, sie nur nach ihrem Aussehen beurteilt zu haben.
...
immer noch blutverschmierte, dreckige Gesicht des MĂ€dchens huschen.
(anmerkung: das gesicht MUSS noch so aussehen, es hat ja keiner was "verÀndert")


weißt du was ich meine? es ist alles sehr nĂŒchtern, aber vielleicht willst du ja genau das erreichen - dann ist es dir gelungen. es lĂ€ĂŸt sich aber schwer an hand dieses kurzen abschnittes beurteilen.
ich melde mich nochmal, wenn mehr "fleisch" da ist.


viele grĂŒĂŸe + bitte mehr davon

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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