Schon wieder diese neugierige alte Schachtel hinter der Gardine! Gleich wird sie mit einem rosa Kissen bewaffnet erscheinen, auf diesem ihre füllige Oberweite ausbreiten, genüsslich aus dem Fenster gucken und die Zeit totschlagen.
Seit Wochen dasselbe Bild. Die Frau nervt mich. Ich möchte es ihr abgewöhnen.
Ich öffne das Fenster, stütze „gemäß Vorbild“ meine Ellbogen auf ein grünes Kissen und fixiere mein Gegenüber wie die Schlange das Kaninchen. Die Frau ist, wie erwartet, zunächst wenig sensibel. Aber dann verspürt sie doch wohl ein Unbehagen, und sie räumt böse blickend das Feld.
Das war vor fast sechzig Jahren.
Eben höre ich einen eigenartigen Lärm auf der Straße. Schnell ans Fenster … Aber es lohnt sich nicht, nur ein Straßenbaufahrzeug! Fußgänger, Schauobjekte der "alten Schachtel" von damals, haben fast Seltenheitswert. Das Auto beherrscht die Szenerie. Hast du keins, bist du weg vom Fenster.
Kinder sieht man auch immer weniger. Früh übt sich … am Computer, Fensterln auf dem Monitor. Neues Spiel, neues Glück, immer oberflächlicher. Benutzen, wegwerfen.
Und ich denke mit Schamgefühlen zurück an Frau Erna Müller,
vormals Emser Str. 5, 2. Stock. Heute kann ich sie verstehen.