Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5313
Themen:   88556
Momentan online:
162 Gäste und 2 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Fensterplatz
Eingestellt am 22. 05. 2008 14:22


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Franka
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Feb 2006

Werke: 207
Kommentare: 2359
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Franka eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Fensterplatz


Feierabend.
Endlich.
Wieder eine Woche um.
Bin auf dem Weg nach Hause. Mein erstes Verkehrsmittel dafĂŒr ist die Straßenbahn.
Es war ein Scheißtag. Ohne Unterschied zum Gestrigen.
Da draußen knutschen noch Zwei. Nun macht schon. Nachher kommt Heidi mit ihren Topmodels, dazu will ich auf meinem Sofa liegen.
Er klemmt sich die Jacke in der TĂŒr. Sie wirft ihm KusshĂ€ndchen hinterher. Und einen Blick, als wĂŒrden sie sich nie wiedersehen. Dabei geht der bestimmt bloß Bier kaufen, heute spielt Deutschland, letztes Probespiel vor den Europameisterschaften.

Aber ich hÀtte auch gern Kuscheleinheiten. Hundert. Tausend. Jemand soll mein Herz in seine HÀnde nehmen. Behutsam. ZÀrtlich. Hören, ob es noch schlÀgt. Es notfalls reanimieren.

Da rechts ist ja „Norma“. Ist mir noch nie aufgefallen. War noch nie bei „Norma“. Sollte aussteigen, mal sehen, was es da so gibt. Mal was anderes zum Abendbrot holen. Vielleicht ist dieses „Norma“ ja kein „Aldi“.
Wusste ich’s doch, er steigt aus. Und schon hat er den Einkaufswagen.

Ich will Streicheleinheiten. Der Entzug ist fast sechsjĂ€hrig, auch das davor war mangelhaft. Dieser Jemand soll einfach mein Herz in beide HĂ€nde nehmen und es dann an das seine drĂŒcken.

Die Straßenbahn bremst. Ich stoße mir die Nase an der Scheibe. Diese verfluchten Autofahrer. Auch ein Grund dafĂŒr kein Auto zu kaufen. Kommt auf meine positiv/negativ Liste.
Ich sollte nicht fluchen, vielleicht war er ja einfach nur ein Farbenblinder, dieser schon ein wenig in die Jahre Gehkommende.

Dieser Jemand kann mein Herz ganz beruhigt an das seine geben. Er braucht eine Ansteckung nicht fĂŒrchten, auch, wenn es fĂŒr Herzen noch keine Kondome gibt, denn als die Weißbekittelten mich vor kurzem, fĂŒr viel Geld, ausnahmen wie eine Gans vor dem Fest, wurde mein Blut getestet. Ich bin in dieser Hinsicht kerngesund.

Links das Lichtenberger Rathaus. Gleich gegenĂŒber hatten sie mir mal eine Wohnung angeboten. Zum Bad ging es drei Stufen in Richtung Keller.

Wieder nur Frauen zugestiegen. Ich sollte einfach mal einer von ihnen mein Herz anbieten. Vielleicht hat ja Frauenliebe nicht so ein schnelles Verfallsdatum.

Ups, fast das Umsteigen verpasst. Wo war ich bloß wieder mit meinen Gedanken?
Meine Nase zieht Brautwurstluft. Sofort meldet sich nicht nur mein Magen. Aber der braucht auch man wieder ein paar Einheiten. Dabei wehren sich meine HĂŒften schon mit HĂ€nden und FĂŒĂŸen gegen all das, was ich immer auf ihnen ablade.

Bin „Ostkreuz“.

Schön, wieder ein Fensterplatz.
Es ist kurz vor Acht. Auf dem BaugerĂŒst noch immer Bewegung. Wohl Überstunden. Der Typ mit dem Zopf sieht nicht schlecht aus. FĂŒr einen dritten Blick reichte die Zeit nicht. Der Zug muss seine VerspĂ€tung aufholen.
Vielleicht trĂŒbten aber auch nur die Kratzer meinen Blick.

Ich möchte mal wieder so richtig in Haaren wĂŒhlen.
Schade, die mĂ€nnliche Bewegung wurde einfach zu schnell meinem Blick entwunden. Aber ich hab ja Fantasie, und in Haaren wĂŒhlen kann ich auch mit ihr. Da hab ich Erfahrung, durch genug Übung.

„Hermannstraße“. Die Stimme klingt mĂŒde. Dabei hĂ€tte ich jetzt gerne eine mit viel Erotik im Nachklang.
Eine Station noch, dann muss ich wieder raus.

Eigentlich ist mir nach mehr. Nach viel, viel mehr.
Dieser Jemand muss das ja nicht nur seinen HĂ€nden ĂŒberlassen.
Mir wird schon bei der Vorstellung von der Vorstellung heiß.

Ich muss raus.

Noch schnell einen Blick riskieren. Ein LĂ€cheln auch. Er ist ĂŒberhaupt nicht mein Typ, aber er hat so schöne Haare. Ich stehe auf Haare. Vom Kopfhaar lĂ€sst sich ganz gut auf andere behaarte Körperstellen schließen. Auf mehr leider nicht.

Der Blick war umsonst. Fehlinvestition. Macht nichts, musste ja sowieso aussteigen.
„H und M“ hat tolle Sommermode, tolle Reklame, tolle MĂ€dchen auf den Plakaten. Auch Frauen können sich an schönen MĂ€dchen erfreuen.

Nein, ich bin nicht neidisch auf diese am Computer auf Hochglanz gebrachte Körper. Nicht mehr. Aber mit solch einem hĂ€tte ich jetzt kein Problem meine Streicheleinheiten zu bekommen. MĂ€nner wĂŒrden sich anbieten. Anstehen. Ich könnte Wartenummer vergeben.

Die U-Bahn ist gerade raus.

Gleich gibt es ja noch einen Nachschlag an schönen Schlanken, Die Klum lÀsst ihre MÀdels in meinem Zimmer laufen. Ist ja keine Kunst aus denen Topmodels zu machen. Die sollten es mal mit richtigen Frauen, welche in meinem Alter und mit meiner Figur, probieren. Das wÀre eine echte Herausforderung.

Ich bleibe gleich stehen, fĂŒr die zwei Stationen lohnt das Setzen nicht.

Der dort auf dem Fensterplatz, der könnte meine Kragenweite sein, okay, vielleicht nicht ganz meine Alter, aber so fĂŒr eine Nacht....
Er schaut.
In meine Richtung.
Er lÀchelt.
Ich auch.
Jetzt steht er auf. Schnell den Top etwas tiefer ziehen. Sein Knie berĂŒhrt mein Knie. Die Spannung ist kaum auszuhalten.

Er bietet mir seinen Platz an. Mit hochrotem Kopf lehne ich dankend ab.
FĂŒr mich ist hier Endstation.

Es war ein Scheißtag.

Vielleicht verlasse ich mich heute Abend lieber auf meine HĂ€nde, es sei denn die Artrose funkt dazwischen.

Es ist ein Scheißtag.



Version vom 22. 05. 2008 14:22
Version vom 22. 05. 2008 15:40
Version vom 25. 05. 2008 09:14
Version vom 29. 05. 2008 19:36

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


lapismont
Foren-Redakteur
HĂ€ufig gelesener Autor

Registriert: Jul 2001

Werke: 207
Kommentare: 7406
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um lapismont eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Uh Franka,

da sitz ich ja ganz gefesselt am Fenster zur Seele Deiner Protagonistin.
Ich vermute mal der Gehkommende und die Brautwurst sind Absicht.
Was mich an Antigoné erinnert und dem klassischen Versprecher "Bratkammer, Du mein Brautgemach!"

Auf jeden Fall eine halbironische Reise, die es wieder einmal nicht erlaubt, wirklich ein LĂ€cheln spielen zu lassen. Immer wieder liegt unter den lockeren SĂ€tzen Deiner Geschichten eine unheilbare Einsamkeit. Hier sogar so ĂŒberbetont und in den Vordergrund gestellt, dass man fast darauf hereinfallen könnte.
Doch dann der Hieb in den Magen, der angebotene Platz.

Schon komisch, dass man einer interessanten Frau keinen Platz anbietet.

cu
lap
__________________
Kunst passiert.

Bearbeiten/Löschen    


Franka
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Feb 2006

Werke: 207
Kommentare: 2359
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Franka eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Lap,

musste erst einmal noch ein paar Fehler ausmerzen. Gehkommende ist hergeleitet aus meiner Reihe "kommen und gehen", schien mir passend.
Der Brautwurstduft war erst eine Vertipper, gefiel mir aber dann und setzte bei verschiedene Assoziationen frei, daher durfte es seinen Fehler behalten.
Ja, Texte, die das LĂ€cheln festhalten werden mir wohl nie gelingen.

Danke fĂŒr deine schöne Interpretation.

LG Franka

Bearbeiten/Löschen    


Franka
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Feb 2006

Werke: 207
Kommentare: 2359
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Franka eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Habe den Text noch einem "geschliffen". RĂŒckmeldungen werden gerne entgegen genommen.

LG Franka

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!