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Leselupe.de > Gereimtes
Ferdinand besucht Voss
Eingestellt am 24. 01. 2012 10:36


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Bernd
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Aug 2000

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Ferdinand, er wollte Verse schmieden,
machte Feuer an, den Tee zu sieden.
"Ohne Tee", erklÀrt er, "wÀre Kunst
nichts als Langeweile, trockner Dunst."

Und er wollte seinen Klopstock loben,
drum ging Ferdinand zu Voss nach oben.
"Klopstock klopft die Verse ziemlich rein,
schmiedet sie, tunkt sie ins Wasser ein,

dass das Wasser krÀftig dampft und zischt,
dann erst werden sie uns aufgetischt.
Denn sie klingen rein und wohldurchzogen
von des Feuers Glut, des Wassers Wogen."

Voss erwidert: "Ferdinand, du bist,
wie ich weiß, ein großer Dadaist,
Wortgeklingel ist nicht deine Sache,
höre zu, was ich aus Lyrik mache."

Voss nimmt Wörter ausgesuchter LÀnge
und tauscht aus, weil das so besser klÀnge,
setzt zusammen Takte, Höhen, Tiefen,
seine Feder drĂŒckt ins Blatt sanft Riefen.

Lange Silben, kurze Silben wechseln
ihren Ort, Voss schafft sich sehr beim Drechseln;
und am Ende ist sein Vers vollendet,
den er Ferdinand sehr gerne spendet.

Ferdinand liest das Gedicht und lacht,
er erklÀrt, dass es ihm Freude macht,
zu betrachten, riechen und zu hören
Vossens Verse, die ihn sehr betören.

"Doch, so sage bitte mir, warum
bleibst du Klopstock gegenĂŒber stumm?
Hör, ihr beiden solltet euch vertragen,
statt mit Worten Freundschaft zu erschlagen.

Schreib ihm einen Brief, ihn dauert sehr,
wenn's zu Ende mit euch beiden wÀr."
Und zum Abschied schenkt er unserm braven
Voss, der Takte zÀhlt, Oszillographen.

"Diese speichern, was du immer sprichst,
untermauern das, was du verfichst.
Zeigen dir, zu stÀndiger Belohnung,
jedes Wortes seltsame Betonung."

Ferdinand, der Tee ist lange alle,
geht nach Hause, legt sich in die Falle,
nimmt die BlÀtter in sein Bett mit rein,
und er liest und schlÀft nach kurzem ein.

__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

Version vom 24. 01. 2012 10:36
Version vom 24. 01. 2012 17:21

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gitano
Guest
Registriert: Not Yet

Lieber Bernd!
Inhalt / Thema: schwer, sehr enge Zielgruppe

Der Streit, die Versöhnung, und der abermalige Streit zwischen Friedrich Gottlieb Klopstock und Johann Heinrich Voss, der fast 25 jahre...manche sagen sogar 30 Jahre wÀhrte. (ca. 1775...1800)
Thema des Streites:
Die möglichst genaue Nachbildung des antiken, griechischen Hexåmeters in deutscher Sprache.
Beide hatten dazu unterschiedliche AnsÀtze:
Voss betonte die klangzeitlichen Aspekte und inhaltliche Genauigkeit, Klopstock betonte den Gestus und den relativen Bezug von Metrikeinheiten zu ihrer Umgebung.

Beide hatten wichtige Aspekte fĂŒr die Nachbildung gefunden, beide beharrten aber auch auf ausschliesslich ihren Standpunkten.
Beide in Zusammenarbeit - wÀre mehr als genial gewesen...ist aber leider nicht gewesen.

Auch im Streit hatte aber einjeder Respekt fĂŒr den anderen. Doch wurde nach der Versöhnung nie wieder eine richtige Freundschaft belebt...leider.

Am Ende hatte Voss die etwas besseren Argumente und auch Nachdichtungen geschrieben. Seine Nachbildung / Übersetzung der Odyssee (Homer) ist auc heute noch unerreicht.

Doch eine vĂ€terliche Freundschaft (zu Klopstock) ging verloren... Voss wußte daß er etwas bessere Argument hatte und veröffentlichte (lt. Linckenfeld , Emil 1906 "Der HexĂĄmeter bei Klopstock und Voss" Doktorarbeit) deshalb seine "Zeitmessung der deutschen Sprache " aus Respekt zum Altmeister erst nach dem Tod von Klopstock, im Jahr 1801.

Beiden hat dieser Streit viel gekostet. Die Sympathie und WertschĂ€tzung fĂŒr den anderen- gefangen in der eigenen Beharrung. Voss hat dies spĂ€ter sehr bedauert, Klopstock schon wĂ€hrend des Streites (er war 20 Jahre Ă€lter). besonders Klopstock hat unter der Entzweiung gelitten.

Wer nun allerdings "Ferdinand" soll....hm, ich kann mich an keinen Ferdinand in dieser Thematik erinnern,..

Zu Deiner Umsezung vielleicht noch spÀter...oder vielleicht jemand anderes?

Liebe GrĂŒĂŸe
gitano

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AchterZwerg
Guest
Registriert: Not Yet

Gottseidank (!) schrieb gitano einen so ausfĂŒhrlichen Kommentar. Ich sah das schon alles auf mich selber zustĂŒrzen.
Ich denke, hier geht es um eine fiktive Begegnung des DaDaisten Alfred Ferdinand Gruenwald (Kölner DaDa-Gruppe) mit Voß, obwohl jener sicherlich mit dessen Versen nicht viel anfangen konnte. Voß` große StĂ€rke waren m. E. die Übertragungen aus dem Griechischen. - Bei Klopstock, dem Erzrivalen des Herrn, steckte schon viel mehr "Kunst" dahinter (Der Messias ), die aber auf einen Dadaisten trotzdem reaktionĂ€r wirken muss.
Nach meiner Lesart liegt der Witz des Gedichts darin, dass sich Ferdinand zwar am regelmĂ€ĂŸigen Metrum, am "Wortgeklingel" des Herrn Voß erfreuen kann, dem aber keinen besonderen Wert beimisst. Im Geschenk des Oszillographen liegt ja nun auch eine gewisse HĂ€me.
Eine Übetragung auf das "moderne" Forenleben ist leicht möglich.
Nach langen Phasen der Adventsdichterei wagen ein paar Unerschrockene stets etwas Frecheres - doch ach ... da schlafen dann die anderen ein.
Heidrun

P.s.: Das Gedicht, nebst gitanischem Kommentar, finde ich super!

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Bernd
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Genau, Ferdinand ist eine von mir vor langer Zeit erfundene Kunstfigur, die verschiedene Gelehrte besucht, aber auch so allerlei Abenteuer erlebt und gar manches entdeckt und erfindet.
Ferdinand will sich bedanken und schenkt Voss einen Oszillographen fĂŒr dessen Zeitstudien. Das ist natĂŒrlich paradox, da es Oszis noch nicht gab, insofern ein dadaistisches Element.
Ferdinand ehrt Voss und Klopstock und verehrt sie.
Zugleich spielt er auf Lessing an: "Wer wird nicht einen Klopstock loben,..."
Und holt ihn zurĂŒck auf die Erde, wo er schon immer war.


Vielleicht geht Ferdinand auch mal zu Ferdinand Saussure ...
Bei August Schleicher war er schon ... Hier klicken
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Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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