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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Festeggiare
Eingestellt am 30. 11. 2006 19:08


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Raniero
Textablader
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Festeggiare


Sie war von kleiner Statur, ein mĂŒtterlicher Typ.
Nicht der Typ Frau, den man vor Augen hat, wenn man von rassigem sĂŒdlĂ€ndischem Aussehen spricht. Auch war sie zu dem Zeitpunkt nicht mehr die JĂŒngste, vielmehr ging sie mit großen Schritten auf das Rentenalter zu.
Sie war der Reinigungskolonne zugeteilt, die seine BĂŒrorĂ€ume sauber hielt.
Eine niedere TĂ€tigkeit mit ebensolcher Bezahlung.
Nichtsdestotrotz, wenn man sie bei ihrer Arbeit antraf, war sie stets gutgelaunt und machte einen fröhlichen Eindruck; nur konnte sie sich ihm nicht mitteilen, da sie die deutsche Sprache kaum beherrschte.

In dieser Zeit hatte er mit dem Erlernen der Italienischen Sprache begonnen.
Gleichwohl war er anfangs gehemmt, sie in ihrer Muttersprache anzusprechen. Warum eigentlich? Weil er sich noch sehr unsicher fĂŒhlte und seine frisch erworbenen Sprachkenntnisse fĂŒr nicht ausreichend hielt?
In den Urlauben an den verschiedenen Ferienorten in Italien scheute er nicht die MĂŒhe, die Leute sogar im Infinitiv in radebrechender Form anzusprechen, noch bevor er ĂŒberhaupt einen Sprachkurs absolviert hatte.
Geschah das vielleicht aus dem Grunde, dass viele Italiener selbst die kleinsten sprachlichen BemĂŒhungen der Fremden, sich in ihrer Sprache auszudrĂŒcken, oft mit einem „Parla bene!“ – Sie sprechen aber gut! - belohnt wurde?

Er vermag es im Nachhinein nicht zu beantworten, aber auf grund seiner Hemmungen dauerte es noch einige Zeit, bis er sich den Mut fasste, sie auf italienisch anzusprechen.
Sie gab sich sehr erstaunt, erstaunt ĂŒber seine Sprachkenntnisse, aber auch darĂŒber, dass er sie, die er sie doch tĂ€glich sah und praktisch an ihr vorbei lebte, erst so spĂ€t angesprochen hatte.
Auch sie lohnte seine BemĂŒhungen spontan mit einem „Parla bene, signore“; im Gegensatz zu vielen ihrer Landsleute, die nur höflich sein wollten, meinte sie es ehrlich.
Von nun an unterhielten sie sich tĂ€glich ein wenig in ihrer Muttersprache, zu Anfang ĂŒber banale Dinge und GemeinplĂ€tze, spĂ€ter auch ĂŒber private Dinge.
So vertraute sie ihm eines Tages an, dass sie im Hinblick auf ihre baldige Pensionierung, zur Ruhesetzung, wie es im schönen Amtsdeutsch heißt, viele Fragen habe und große Probleme darin sĂ€he, im „Behördenland“ Deutschland alles richtig zu machen.
Diese Probleme konnte er gut nachvollziehen; ein solcher Formalismus, der in diesen FÀllen zu bewÀltigen ist, lÀsst nicht wenige in der eigenen Landessprache schon nach einigen fehlgeschlagenen AnlÀufen schnell das Handtuch werfen, geschweige denn in einer fremden Sprache.
Sie fragte ihn schĂŒchtern, ob er ihr hierbei ein wenig helfen könnte, zum mindest fĂŒr die ersten Schritte, um die erforderlichen AntrĂ€ge in Gang zu bringen.
Er bemĂŒhte sich, so gut er konnte, indem er sie in ihrem Anliegen bei den zustĂ€ndigen Fachleuten ĂŒber diese ersten notwendigen Schritte informierte und sich stichpunktartige Notizen dazu machte.
Sodann versuchte er, ihr diese Kenntnisse zu ĂŒbermitteln und wollte sie bitten, sich hierzu ihrerseits die notwendigen Einzelheiten zu notieren, als er plötzlich inne hielt.
Wie verhielt es sich, wenn sie gar nicht lesen und schreiben konnte?
Warum sonst hatte sie ihn gebeten, diese Schritte zu erfragen, und sich selbst vorher keine Stichpunkte gemacht?
Es stand fĂŒr ihn fest:
Sie konnte nicht lesen und nicht schreiben, man kannte dieses ja des schon von den ersten italienischen Gastarbeitern des deutschen Wirtschaftswunder, die oftmals aus entlegenen Bergdörfern, weit ab der Zivilisation, stammten.
Eine Analphabetin!
Sie tat ihm leid, unendlich leid.
Er erlĂ€uterte ihr alles, was er ĂŒber das erforderliche Procedere ihres Rentenantrages in Erfahrung gebracht hatte, in mĂŒndlicher Form, langsam, mit mehrmaligen Wiederholungen.

Einige Tage spĂ€ter saß er an seinem Schreibtisch, sie reinigte das BĂŒro.
Er war gerade im Begriff, einen kleinen schriftlichen Gruß, verbunden mit einer Einladung, an seine italienische Verwandtschaft aufzusetzen.
Da ihm im Moment der italienische Ausdruck fĂŒr das Wort „feiern“ nicht vor Augen stand und er auch sein Wörterbuch nicht zur Hand hatte, fragte er sie in umschreibender Form nach diesem Verb.
Sie verstand ihn sofort und nannte ihm die entsprechende Vokabel:
festeggiare.
Frohgemut vollendete er seinen Brief.
Plötzlich trat sie auf ihn zu, beugte sich ĂŒber seine Schulter und sagte zu ihm, in ihrer Sprache:
festeggiare schreibt man mit zwei g!

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HFleiss
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Lieber guter Raniero, fast möchte ich dir auch ein paar sprachliche Korrekturen anbieten. Die Geschichte ist hĂŒbsch, sie hat eine gute Pointe, du hast sie gut und ĂŒberraschend aufgebaut, aber so ganz komme ich aus stilistischen GrĂŒnden damit noch nicht klar. Behördenland Deutschland machte man sagen, wenn man deinen Text liest: im Nachhinein, nichtsdestotrotz (ĂŒbrigens: ein Spaßvogel hat das Wort erfunden) und und und.
Stilistisch ĂŒberarbeitet wĂ€re das Geschichtchen wirklich sehr hĂŒbsch.

Gruß
Hanna

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Raniero
Textablader
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Registriert: Oct 2005

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Hallo Hanna,

diese Story stammt noch aus meiner Nichtsdestotrotzphase.
Nichtsdestoweniger variierte ich seinerzeit jedoch schon in lĂ€ngeren ErzĂ€hlungen diesen Dir merkwĂŒrdig erscheinenden Ausdruck mit 'gleichwohl' oder eben mit 'nichtsdestoweniger'.
Hierbei möchte ich anmerken, dass es in der italienischen Sprache fĂŒr 'nichtdestoweniger'eine analog wörtliche Übersetzung 'nondimeno'gibt.

Ansonsten, so glaube ich, passt gerade dieser Stil zu dem doch relativ verklemmten VerhÀltnis des Protagonisten zu der italienischen Putzfrau.

Gruß Raniero

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HFleiss
gesperrt
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Festeggiare

Finde ich nicht, Raniero. SchĂŒchternheit, Fremdheit - das hat doch nichts mit BĂŒrokratendeutsch zu tun. ErzĂ€hl doch so, als ob du diese Geschichte einem Freund erzĂ€hlen wĂŒrdest, ohne dreimal gelecktes Kanzleideutsch.

Gruß
Hanna

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