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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Flucht
Eingestellt am 18. 02. 2001 12:37


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Anna
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Feb 2001

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Ich bin heute geflohen. Aus der Stadt weg zum Waldrand, weg von den HĂ€usern, den Autos und vom LĂ€rm. Ist nicht, ich hör den LĂ€rm immer noch. Aber ich höre auch im Abstand von 20 Sekunden einen Specht. Auf dem Reitplatz unten trabt ein Pferd, mit sehr kurzen Tritten, sieht sehr unbequem aus und die Reiterin sitzt und lĂ€sst sich schĂŒtteln. Zwei Ponies stĂŒrmen aus dem Stall und auf die Weide. Eines klein und gescheckt, das andere grösser und von undefinierbarer Farbe. Weiss ist drin, und auch hellbraun.
Ein Auto im Siebziger-Jahre-Stil rollt die Strasse hinter dem Stall hinab. Orange und hellblau, aber es passt in die Gegend, die Weiden sind matschig vom verregneten Winter, auch das passt.
Ab und zu wieder ein Zug, hör ich auch, obwohl ich doch gar nichts hören will.
Dann geh ich zum Bahnhof und ab in einen Zug. In Richtung Berge fahr ich, weg von der Stadt, immer weiter weg, weils mich ankackt hier, so laut und stinkig. Vorher hab ich noch Essen eingepackt, aber nur weil man essen muss um zu leben und leben ist doch, was ich will. Der Zug rattert durch die Landschaft, wieder nix mit Ruhe und so.Aber bald. Und dann werd ich schreien, die Ruhe durchbrechen, mit meiner Stimme, und singen und tanzen und ĂŒberhaupt, hey, das Leben ist schön! Aber jetzt noch nicht, jetzt ist es noch laut und die Autos fahren auf der Autobahn. So, knapp noch das Postauto erwischt und jetzt reichts dann aber mit dem ewigen LĂ€rm! Nach einer halben Stunde Fahrt bin ich schon nur noch in einem Dorf, nix Stadt, nur Dorf und gehe aus dem Dorf weg, weiter in die Berge.
Die Ebene durchquere ich mit langen Schritten. Ich spĂŒre, wie sich meine WirbelsĂ€ule, vom ewigen auf-den-Stadtboden-schauen gekrĂŒmmt , sich langsam aufrichtet und sich mein Blick der schönen Umgebung zuwendet, der matschigen Wiese, den nackten BĂ€umen, und ein kleines Eckchen meines Blickfelds verschwende ich fĂŒr den Blick auf den Weg, man muss ja wissen, wohin man geht. Wieso eigentlich, ist doch schön, Überraschung, wohin gehe ich? Kommt jetzt da ein Loch im Boden, ein Stein ĂŒber den ich fallen könnte? Das wĂŒrde schon mal ein kleines Bisschen mehr Kurzweil ins Leben bringen...
Ich hĂ€tte vielleicht doch besser die HausschlĂŒssel mitgenommen. So komm ich nicht ins Haus, ist aber egal, denn ich bin ja der Natur wegen hierher gekommen und wegen ihr werd ich auch bleiben.
So. Ich steige noch höher, so weit ich komme, und setze mich dann einfach auf die Wiese. Die ist nass, natĂŒrlich, geht ja nicht anders. Egal, meine Hose ist es jetzt auch. Da sitz ich und warte. Warte auf die Ruhe, und die kommt auch. Und ich fange an, zu bereuen. Denn die Ruhe ist unheimlich. Unheimlich unheimlich. Wie wenn alles tot wĂ€re, und genau davor bin ich ja geflohen. Vor dem toten Zeugs in der Stadt und so.
Nach einer Weile steh ich auf und kriech den HĂŒgel hinab zum Stall, der natĂŒrlich verlassen ist. Ich geh also in den oberen Teil, da lagert Heu, und dort lege ich mich hin und schlafe ein.
Als ich wieder erwache, habe ich keine Ahnung, wie spĂ€t es ist, denn meine Armbanduhr, die einen fesselt, an die Zeit fesselt, habe ich gestern (oder einfach, bevor ich einschlief), in die Rheinschlucht geworfen. Und mich tierisch darĂŒber gefreut. Ade, du Fessel der Menschheit, tschĂŒss, die Zeit existiert auch ohne dich! Leck mich! Ich brauch dich nicht! BĂ€h! Ich habe also keine Ahnung, wie lange ich geschlafen habe. So was schönes!!
Das Heu piekst und sticht mich, aber das ist ein wunderbares GefĂŒhl, ein GefĂŒhl des Lebens, denn wenn ich nicht leben wĂŒrde, könnte ich das Gepieks ja nicht spĂŒren.
Ich lebe also. Ich geh raus aus dem Stall, in die Natur hinaus und sehe, dass es wirklich Morgen ist. Die Sonne schleicht sich gerade ĂŒber den Berg auf der anderen Talseite und hofft dass ich sie nicht entdecke. Ätsch Sonne, ich hab dich schon gesehen! Schon lange nicht mehr, zwar, weil ich in der grauen Stadt war, aber jetzt seh ich Dich! Was bin ich froh, hab schon gedacht dich gĂ€b‘s nicht mehr...
Gestern war da noch Ruhe. Stimmt gar nicht, der Fluss unten im Tal hat auch gestern schon gerauscht aber gestern hab ich’s nicht gehört, weil ich immer noch das Gebrumm und Getös der Stadt oder des Stadtverkehrs in den Ohren hatte, und wenn das nicht mehr ist, sagt man dem dann Ruhe. Obwohl da immer noch GerĂ€usche sind.
Aber heute hör‘ ich den Fluss. Und auch noch viel anderes. Das Gezwitscher der Vögel, die frĂŒhzeitig aus dem SĂŒden zurĂŒckgekehrt sind – es ist Anfangs Februar, aber auch hier auf 800 MĂŒM mehr als zehn Grad warm und Schnee hatte es den ganzen Winter noch keinen, nur immer Regen – und oben am Waldrand höre ich ein Tier durch das Gehölz rascheln.
Ich renne ein StĂŒck den Weg hoch, bis zum alten Familienbrunnen, der das ganze Jahr ĂŒber lĂ€uft und wasch mir das Gesicht. Das Wasser ist kalt und kommt direkt von der Quelle, ungereinigt und frisch.
Ich betrink mich mit diesem reinen Wasser und folge dem Weg weiter und immer weiter, gehe tiefer in die Berge GraubĂŒndens hinein und weiss schon lange nicht mehr so genau wo ich bin.
Irgendwann setze ich mich irgendwo auf irgendeine Bank und bemerke, dass ich mich ĂŒber der Rheinschlucht befinde, an einem Ort wo der Abstieg in die Schlucht leicht fĂ€llt. Ich lass mir die Sonne – mittlerweile muss schon Mittag sein – ins Gesicht scheinen und erinnere mich daran, frĂŒher schon mal hier gewesen zu sein, als ganz kleines Kind, als die Welt fĂŒr mich noch in Ordnung gewesen war...
Dann folge ich dem inneren Drang und steige in die Schlucht. Gehe ĂŒber die EisenbahnbrĂŒcke und erinnere mich nicht, hier je mal einen Zug gesehen oder gehört zu haben. Bin ĂŒberwĂ€ltigt von der LautstĂ€rke, der Kraft des fliessenden Wassers.
Dann kĂ€mpfe ich mich durch GebĂŒsch und umgestĂŒrzte BĂ€ume bis ich endlich am Wasser ankomme und mich in den feuchten Sand setze.
Ich bin wohl immer noch betrunken vom Quellwasser, denn ich gehe jetzt langsam ins Wasser hinein, spĂŒre nicht die KĂ€lte, nicht die Gefahr, die das Wasser birgt. Ich leg mich dem Wasser in den Schoss und lasse mich mitziehen, talwĂ€rts, und weiss dass ich unten, am Rande der nĂ€chsten grossen Stadt, wieder den LĂ€rm hören werde. Und tot, das werd‘ ich ganz bestimmt nicht sein!




Wisst Ihr was? Ich hab vergessen zu schreien und zu singen, und getanzt hab ich auch nicht; ich muss nochmals rauf!

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dazone
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Hallo Anna!

Ich bin endlich mal dazu gekommen, Deine Geschichte zu lesen.
Was Du beschreibst kann ich eigentlich ziemlich gut nachvollziehen, ich wohe seit Oktober in Hamburg und sehene mich auch nach meinem schönen, kleinen, ruhigen Heimatdorf.. Zum GlĂŒck kann ich da noch ab und zuu hin’flĂŒchten’.
Die Flucht verstehe ich also ganz gut, aber ein paar Dinge haben mich beim Lesen irgendwie gestört. Wenn Du in der Stadt bist und zum Bahnhof gehst finde ich ein wenig unlogisch, vorher noch an einem Reitplatz vorbeizulaufen und einen Specht zu hören. Dann sitzt Du im Zug und auf einmal taucht da eine Autobahn auf.(?)
Dann fiel mir noch auf, dass Du an eine paar Stellen Zahlen verwendest (20 Sekunde, 800 Meter, 10 Grad), ist nur eine persönliche Meinung von mir, aber mich stören so geanue Angaben in solchen Geschichten immer ein wenig, weil Du ja in diesem Moment Zeit und Höhe auch nicht genau nachmißt.
Ich will hier nicht so arrogant wirken oder wie der Super-Autor, aber ich denke, Du kannst die Geschichte noch besser schreiben. Ich fĂ€nde es total toll, wenn die ErzĂ€hltechneik wĂ€hrend des Verlaufes auch immer ‘unhektischer’ wĂŒrde, denn auch am Schluß ist es teilweise ein wenig zu schnell und durcheinander.
Den Schluß finde ich gut, ist eine Pointe, mit einer tieferen Aussage, ziemlich gut gemacht!

Das sind jetzt also ein paar total kritische Bemerkungen, aber ich denke, dazuu ist diese Seite ja auch da.

Viele GrĂŒĂŸe
David

__________________
dazone | reloaded

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Anna
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Hallo David

Danke fĂŒr die RĂŒckmeldung!


Die Flucht verstehe ich also ganz gut, aber ein paar Dinge haben mich beim Lesen irgendwie gestört.



Wenn Du in der Stadt bist und zum Bahnhof gehst finde ich ein wenig unlogisch, vorher noch an einem Reitplatz vorbeizulaufen und einen Specht zu hören.

Eigentlich wollte ich nur bis zum Wald flĂŒchten, hab auf der Sitzbank eine Pause eingelegt, all die GerĂ€usche immer noch gehört und wollte weiter weg.


Dann sitzt Du im Zug und auf einmal taucht da eine Autobahn auf.(?)

Die Autobahn ist direkt neben den Geleisen...

Dann fiel mir noch auf, dass Du an eine paar Stellen Zahlen verwendest (20 Sekunde, 800 Meter, 10 Grad), ist nur eine persönliche Meinung von mir, aber mich stören so geanue Angaben in solchen Geschichten immer ein wenig, weil Du ja in diesem Moment Zeit und Höhe auch nicht genau nachmißt.

Stimmt. Aber das mit den 8oo Höhenmetern weiss ich, seit ich jenen Ort kenne...
Die anderen Zahlen werde ich rausnehmen...



Das sind jetzt also ein paar total kritische Bemerkungen, aber ich denke, dazu ist diese Seite ja auch da.

Genau!

Grosser Gruss, Anna

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

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Hallo Anna,
ich habe mich (zumindest am Anfang) noch ein wenig schwer getan mit deiner Geschichte. Doch dann wurde es leichter. Das ist das bisher Beste, was ich bisher von dir gelesen habe. Diesmal ist auch alles nachvollziehbar.
Hin und wieder holpert es noch. Z.B. "Ein Auto im Siebziger-Jahre-Stil". Wieso Stil? Es ist doch ein Auto aus den siebziger Jahren. Dann schreib es doch einfach so.
Weißt Du, was mir an deinen Sachen gefĂ€llt? Man hat den Eindruck, Du entwickelst dich von Geschichte zu Geschichte weiter. Das findet man hier nicht allzu oft.
Wenn ich dir einen kleinen und ĂŒberdies noch recht simplen Rat geben darf:
"Mach weiter!" Schau den anderen ein wenig ĂŒber die Schulter und achte vor allem auf deren Fehler. Oft sind es auch die eigenen. Nur bei anderen erkennt man sie merkwĂŒrdigerweise meist viel schneller.

Gruß Ralph
__________________
Schreib ĂŒber das, was du kennst!

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Anna
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Registriert: Feb 2001

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Hallo Ralph, Danke...

...fĂŒrs Feedback! Vor allem bei dieser Geschichte bin ich froh, wenn sich jemand Zeit nimmt...

Diesmal ist auch alles nachvollziehbar.

Naja, denkst Du wirklich, man könne sich von einem Fluss, der vor allem dort oben (wo auch immer das sein mag ) bis hinunter ins Tal treiben lassen ohne zu ertrinken oder erfrieren oder an den Felsen zermalmt zu werden? Aber stimmt schon, bis zu diesem Punkt könnte die Geschichte wahr sein oder noch wahr werden...

Hin und wieder holpert es noch. Z.B. "Ein Auto im Siebziger-Jahre-Stil". Wieso Stil? Es ist doch ein Auto aus den siebziger Jahren. Dann schreib es doch einfach so.

Das wĂŒrde ich, wenn es wirklich ein Auto aus den siebziger Jahren wĂ€re. Ich kenne das Auto, hab es schon oft gesehen.
Es ist neu, nur eben "alt gemacht"...

Weißt Du, was mir an deinen Sachen gefĂ€llt? Man hat den Eindruck, Du entwickelst dich von Geschichte zu Geschichte weiter.

Danke.

Wenn ich dir einen kleinen und ĂŒberdies noch recht simplen Rat geben darf:
"Mach weiter!"

Das werd ich.

Grosser Gruss, Anna

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Birgit Kachel
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

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Liebe Anna,

ich habe gerade deine Geschichte gelesen und finde sie fĂŒr deine "jungen Jahre" außergewöhnlich gut geschrieben und auch empfunden. Wenn du am Ball bleibst, wirst du vielleicht spĂ€ter vom Schreiben leben können. Ich drĂŒck dir die Daumen und werde deine Stories hier verfolgen.

Liebe GrĂŒĂŸe aus MĂŒnchen

Birgit

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