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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Flusslandschaft mit Ungeheuern
Eingestellt am 21. 09. 2003 13:31


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Willibald
???
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Vorbemerkung:

Hier mal probeweise und vorsichtig eine Ich-ErzĂ€hlung mit einem Biologen als Ich-ErzĂ€hler. Bitte um RĂŒckmeldungen und Hinweise der interessierten und geneigten und kritischen Leser.

Flusslandschaft mit Ungeheuern

Religion und Biologie

Wenn man Àlter wird, dann ist einem die Vergangenheit besonders prÀsent und manchmal mischen sich auch die Zeitebenen und das kann verwirren oder am eigenen Verstand zweifeln lassen.

Ich denke schon, dass ich klar denken kann, trotz und wegen meiner achtundsechzig Jahre. Und dieser Tagebucheintrag hier ist nicht so punktuell wie die frĂŒheren, er ist eine Art von nĂŒchterner Bestandsaufnahme meiner Position, nein eine Skizze meiner Position. Aber er ist kein Fazit, kein vertiefender Abschluss und er ist nicht nur nĂŒchtern-sachlich, aber so nĂŒchtern wie möglich, auch dort wo es um meine Kindheit, speziell um ein Erlebnis am Main geht.

Ich denke, dass meinem Eintrag ZwischenĂŒberschriften gut tun, sie vermitteln den Eindruck von Ordnung und die brauche ich, auch wenn ich den Zusammenhang der Dinge intellektuell nicht scharf genug fassen kann. Die GesamtĂŒberschrift „Flusslandschaft mit Ungeheuern“ lĂ€sst sich sicher in diesem Sinne verstehen, wenn ichÂŽs mir recht ĂŒberlege.

Ich bin Biologe, gar kein schlechter, ich stehe noch im schriftlichen Austausch mit FachautoritĂ€ten wie Manfred Hassebrauck oder Karl Grammer. Immer schon war ich fasziniert von der These, dass sich unser menschliches Handeln auf den biologischen Imperativ zurĂŒckfĂŒhren lĂ€sst. In uns arbeitet die Software darauf hin, unsere Gene möglichst erfolgreich zu reduplizieren, das ist ein Programm der Evolution, ein Programm aus unserer Ur-Umwelt.

Auch Religion hat einen evolutionĂ€ren Vorteil. Wer an ein Jenseits nach dem Tod glaubt, kĂ€mpft mit weniger Furcht fĂŒr seinen Stamm und seine Kinder. Ramachandran, Direktor des Center for Brain and Cognition in San Diego, hat faszinierende Beobachtungen ĂŒber den Zusammenhang von SchlĂ€fenlappenaktivitĂ€ten und - angeblichen - mystischen Erfahrungen geliefert.

NatĂŒrlich sind solche AktivitĂ€ten kein Beweis fĂŒr oder gegen die Existenz einer mĂ€chtigen Instanz. Aber in meiner Kindheit hatte ich einmal ein solches Erlebnis, das mir nicht aus dem Kopf geht und auf das ich spĂ€ter zurĂŒckkommen will.

Ich habe zwei Kinder, Arthur ist Literaturwissenschaftler an der UniversitÀt Konstanz, er vertritt die These, deutsche Literatur habe es vor allem mit dem "Weltinnenraum" zu tun, sie zeige gern "vorsprachliche Seelenlagen" und habe sich die Sprache des Pietismus und der Mystik bewahrt.

Er fasziniert mich, wenn er vom jungen Goethe spricht und seinem Entsetzen ĂŒber das Erdbeben von Lissabon. Ein gĂŒtiger Gott, egal ob deistisch oder theistisch, der die Welt verfasst hat, ist dem Frankfurter ab diesem Zeitpunkt eine Vorstellung, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Nein, Welt und menschliches Leben ist nichts anderes als die Selbstoffenbarung eines Erhabenen, eines Ungeheuren, eines Sublimen, das uns mit Fertigkeiten und Anlagen ausstattet und verbraucht.

Wir Biologen haben gelernt, die Welt als ein sich selbst installierendes und entwickelndes PhĂ€nomen zu sehen. Es ist unabweisbar, dass jeder Eindruck von Ordnung und Struktur einem langwierigen Experimentieren der Welt mit sich selbst, einem kĂŒhlen „trial-and-error“-Verfahren zu verdanken ist.

Eine helfende Hand, eine ĂŒberlegene gĂŒtige Instanz, eine sorgende Vaterfigur, ein jenseitiger Alliierter, der mit uns Menschen etwas Besonderes vorhat, all dies dĂŒrfte Illusion sein, hilfreiche Illusion fĂŒr die Angst des Menschen, aber auch in Verzweiflung stĂŒrzend, wenn man auf solches hofft und es nicht aufscheint.

Nordfriedhof

Cornelia hat nach einem Au-pair-Aufenthalt in London einen Psychologen geheiratet, der etwa zwanzig Jahre Ă€lter ist als sie. Ich lebe in MĂŒnchen in einer Eigentumswohnung im sechsten Stock. Bei Föhn sieht man die Alpen, der Petuelring fĂŒhrt an der Wohnanlage vorbei, seit einem Jahr ist ein Tunnel fertig. Der LĂ€rm ist weg und erste GrĂŒnflĂ€chen sind dort, wo frĂŒher die breite Straße zu der Autobahn MĂŒnchen-NĂŒrnberg vorbeifĂŒhrte.

Eine HaushĂ€lterin habe ich, die untertags drei Stunden bei mir arbeitet, sie hĂ€lt die WĂ€sche sauber, kauft ein, kocht mir. Sie darf meinen Schreibtisch nicht aufrĂ€umen, meine zwei Computer staube ich hin und wieder selber ab. Auf meinem Nachttischchen liegt eine ErzĂ€hlung von Arno Schmidt, „Seelandschaft mit Poccahontas“. Manche Stellen habe ich mir angestrichen, diese hier auch: „Warum kommÂŽ eiÂŽm Lehrer jetzt so furchbar albern vor?“: „Weil man jetzt ihr formelhaftes, dabei dĂŒnkelvolles Wesen unbefangen ĂŒberblickt.“

Meine Frau ist vor zwanzig Jahren gestorben, manchmal besuche ich sie auf dem Nordfriedhof. Dort gibt es einen Grabstein in der NĂ€he meiner Frau. Er ist mir aufgefallen, weil er ein etwas ominöses Zitat enthĂ€lt, auf dem Sockel steht folgendes: "Da war nicht bloß das Bewusstsein, dass da etwas ist, vielmehr das bestĂŒrzende Gewahrsein von etwas unaussprechlich Gutem. Und nachdem es verschwunden war, beharrte die Erinnerung darauf, die Erfahrung von etwas Realem gemacht zu haben. Alles andere mag ein Traum sein, dieses nicht. William James."

Ich kann nicht sagen, dass das Alter Depressionen abmildert. Ich liege oft in der Nacht wach, dann versuche ich meinen Herzschlag zu beruhigen, indem ich die Hand an die Halsschlagader fĂŒhre und sie presse. Meistens hat dieser Griff Erfolg. Gezeigt hat ihn mir einmal die Großmutter, sie hatte ein nervöses Herz und meinte zu mir, ich sollte mich nicht beunruhigen, wenn ich so etwas geerbt hĂ€tte. Das Herzrasen, das sich manchmal einstellt, lasse sich so beherrschen.

Großmutter

Die Großmutter ist vor fĂŒnfzig Jahren gestorben, sie war eine breite, behĂ€bige Frau, in Budweis geboren hatte sie ihren deutschen Mann dort in einem Gasthaus kennengelernt, wo man am Abend tanzte: "Hudba" hieß das. Mein Großvater konnte tschechisch, sein Vater hatte ein Gasthaus in Budweis, in dem Deutsche und Tschechen ihr Bier tranken, zwar an getrennten Tischen, aber immerhin unter der gleichen verrĂ€ucherten Holzdecke.

Als der Ă€lteste der drei BrĂŒder die Wirtschaft erbte, war Großvater nach Frankfurt gezogen, weil es dort Verwandte gab, die eine Zeitung herausgaben, den Bockenheimer Boten. Dort versuchte er sich mit einigem Erfolg als Lokalreporter, war Mitglied der BĂŒchergilde Gutenberg, wĂ€hlte die Sozialdemokraten, solange es sie noch gab und hatte drei oder vier BĂ€nde von Egon Erwin Kisch auf seinem Schreibtisch stehen.

Er bekam eine Anstellung in einer kleinen frĂ€nkischen Tageszeitung, in einer Kleinstadt am Main. Dort zogen die Großeltern hin, auch um in der NĂ€he ihrer Tochter und ihrer zwei Enkel zu sein. Außerdem gab es bei Egon Erwin Kisch einen Bericht ĂŒber einen mittelalterlichen Klosterabt namens Johannes Butzbach, der als Student aus der Stadt am Main nach Prag und von dort wieder nach Franken zurĂŒckgewandert war.

Mein Vater wurde 1940 eingezogen und fiel in Frankreich. Meine Erinnerungen an ihn waren schwach, sein Bart kratzte in der FrĂŒh. Und jetzt stand seine Fotographie in einem silbernen Rahmen auf dem NachtkĂ€stchen meiner Mutter.

Meine Mutter liebte mich sehr, allerdings nur, bis ich in die PubertĂ€t kam. Eine sehr schwierige Frau. Sie mochte die Stadt nicht, die vielen FachwerkhĂ€user gingen ihr auf die Nerven, der rote Sandstein auch. Als sie hörte, dass man frĂŒher die Zierbalken in den HĂ€usern mit Ochsenblut bestrichen hatte, war ihr Urteil ĂŒber die Stadt und ihre Bewohner endgĂŒltig.

1945 an einem Apriltag knallte es und die rote SandsteinbrĂŒcke, die ĂŒber den Main fĂŒhrte, lag in TrĂŒmmern. Ein paar Irrsinnige hatten die ZĂŒndeinrichtungen aktiviert, um die anrĂŒckenden Amerikaner zu stoppen.

Großmutter verstand sich auf das Leben, sie machte frischen Eierlikör aus Schnaps und aufgeschlagenen Eiern. Falls die Amerikaner ĂŒber eine PontonbrĂŒcke kamen und wĂŒtend in die HĂ€user eindrangen, wollte sie ihnen einige "Stamperln" anbieten. Und falls die Russen nachkommen sollten, wĂŒrde sie halt noch ein paar HĂŒhner schlachten, die jetzt im Garten herumliefen. Irgendwoher hatte sie immer sehr gutes, abgehangenes Rindfleisch.

Am Sonntag gab es oft Sauerbraten in Rahmsoße, dazu Serviettenknödel, es schmeckte noch besser als am Samstag. Das musste an den KrĂ€utern liegen, die sie am Main sammelte, zum Trocknen auslegte und die ihr Aroma ĂŒber Nacht in der Soße entfalteten. Gern sang sie bei dieser Arbeit, eines ihrer Lieder ist mir im GedĂ€chtnis geblieben.

Ja, du Land in weiter Ferne,
Ganz verhĂŒllt sind deine Sterne,
Ferne ist der Kindheit Licht,
Und auf schwarzen Eulenschwingen
FĂ€llt die Traurigkeit mich an
will mir durch die SchlÀfe dringen.
O, was hab ich nur getan?

Die Großmutter sang die Zeilen, man könnte sagen "inbrĂŒnstig", manchmal weinte sie sogar ein wenig dabei, aber dann wiederholte sie die Strophe und sie tippte im Takt den zuhörenden Enkel in den Bauchnabel, der bei ihr "pupik" hieß. Und der Junge sollte eine getrocknete Wacholderbeere zerbeißen und dann den Finger in die Sahne tunken, die man fĂŒr die "svickova" brauchte.

Auch heute noch ist es so, dass der Kontrast der beiden Aromen sich nicht beißt, vielmehr - manchmal zelebriere ich so die Erinnerung an meine Großmutter - schmeckt Sahne auf eine Weise, dass es eine Wonne ist.

Burnus

Anfang Juni 1945, ich war zehn Jahre alt, saß ich in TrĂŒmmern der gesprengten BrĂŒcke am Main und schaute zum anderen Ufer hinĂŒber, wo eine zerbombte Lokomotive stand. Die Großmutter hatte in ihr großes Taschentuch vier Knoten geknĂŒpft und mir das Tuch auf den Kopf gelegt. Sie hatte mir ĂŒber die Wange gestreichelt, hatte "krasnei kluk, krasnei burnus" gemurmelt und war dann in die Wiese weggetaucht, um KamillenblĂŒten im Korb zu sammeln, die man spĂ€ter auf der Terrasse zum Trocknen auf einem Tuch auslegen wĂŒrde.

Ein Burnus! Noch heute hat dieses Wort etwas, das meine NĂŒchternheit beiseite schiebt. Ich hatte einen Burnus wie ein Araber. Als Araber durchquerte man die WĂŒste und kannte die geheimen Wasserstellen und die grĂŒnen Oasen. "Kara ben Nemsi" war mir ein Begriff, der Großvater hatte mir die grĂŒnen Karl-May-BĂ€nde geschenkt, auf einem Umschlagbild schauten zwei glĂŒhende Augen unter einem Burnus hervor.

Hier die Oase am Main hatte flaschengrĂŒnes Riedgras und ein Steilufer und einen morschen Holzsteg, der bei der Detonation seltsamerweise nicht getroffen wurde. Auf dem musste man seine Schritte vorsichtig setzen. Und dort drĂŒben erhob sich die dicke Weide, genauso kannte ich sie aus dem MĂ€rchenbuch mit den Holzschnitten von Sigrid Funkel. In der Weide saßen zwei Hexen und schĂŒttelten ihre schilfgelben Haare, verwundert oder höhnisch. Besser man schaute nicht hin. Auch nicht auf die schwarze Lokomotive. Lauter Ungeheuer.

Ich nahm einen dĂŒrren Ast, betrat vorsichtig die Bretter des Holzstegs und ging an seinem Ende in die Hocke, dann auf die Knie. Ich besah lange mein Spiegelbild, berĂŒhrte dann mit dem Ast das geknotete Tuch im Wasser und das Gesicht. Blinkende Punkte sprangen ĂŒber den Spiegel. Unter den Knien bewegte es sich leise: der Fluss tĂ€tschelte schmatzend das Ufer und alle Konturen ringsum schienen sich aufzulösen.

Ich glaube noch sehr genau zu wissen, dass ich in diesem Moment das Gleichgewicht verlor oder dass es mich verloren gab. Und dass es mir nichts ausmachte, nichts ausmachen wĂŒrde, in den silbernen Spiegel des Flusses einzutauchen.

Noch genauer, es war so, wie es manchmal in der Nacht bei mir ablĂ€uft. Das Herz rast, dann stockt es und dann ist keine Angst mehr da, es ist sehr ruhig und sehr warm. Und das Ende ist nicht schrecklich. Mein zwei Jahre jĂŒngerer Bruder hat etwas Ă€hnliches erzĂ€hlt: er wĂ€re einmal beinahe ertrunken, in knietiefem Wasser hatte ihn ein Welle umgeworfen und er lag mit dem Gesicht am Grund. Als man ihn alarmiert herauszog, wehrte er sich gegen die Rettung.

Kurz bevor ich kippen wĂŒrde, spĂŒrte ich, dass etwas hinter mir stand, etwas streichelte ĂŒber die Flaumhaare in meinem Nacken, es streichelte ĂŒber den Hinterkopf, es zupfte an einem Knoten des Burnus. Wahrscheinlich lĂ€chelte es. Am besten, man stand auf, hielt aber den Nacken gebeugt, damit die Liebkosungen des Unsichtbaren nicht aufhörten. Und man atmete ganz ruhig und man schloss die Augen, solange das Unsichtbare da war.

Als ich die Augen öffnete, fasste ich nach dem Burnus. Er war nicht verrutscht. Eine der beiden Baumhexen saß nicht weit von mir, sah mich an und schien auf etwas zu warten. Als ich aufstand und ĂŒber den Steg zur Großmutter zurĂŒckging, schĂŒttelte sie ihre schilfgelben Haare.

MĂŒnchen 25.11. 2003, nachts

__________________
aes (auf! eulen schwingen)

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Parsifal
Guest
Registriert: Not Yet

Flußlandschaft

Hallo Willibald,

beim Lesen Deiner ErzĂ€hlung (denn eine Kurzgeschichte ist sie eigentlich nicht) ging mir tausenderlei durch den Kopf. Da ist das, was Du als „nĂŒchtern-sachlich“ bezeichnest. Ich sehe gerade darin ein Positivum, das den Leser mehr anspricht, als wenn Du versucht hĂ€ttest, GefĂŒhle zu beschreiben. Denn der aufmerksame Leser liest „GefĂŒhle“ aus der Wahl der Worte und reagiert auf bestimmte Reizworte, auch wenn sie dem Autor unbewußt in den Text eingeflossen sind.

Muß man wirklich alles „intellektuell scharf genug“ fassen? Wie, wenn dieses „intellektuelle“ Erfassen dazu fĂŒhrte, daß unser ganzes Denken und FĂŒhlen nur ein „rosa Rauschen“ wĂ€re?

Zwar ist's mit der Gedankenfabrik
Wie mit einem Weber-MeisterstĂŒck,
Wo ein Tritt tausend FĂ€den regt,
Die Schifflein herĂŒber hinĂŒber schießen,
Die FĂ€den ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlÀgt.

Ich fĂ€nde es entsetzlich, wenn dieses Schlagen von tausend Verbindungen berechnet und vorhergesagt werden könnte. Können wir „le homme maschine“ wirklich ernsthaft herbeiwĂŒnschen? –

Allem, was Du ĂŒber Religion, Menschen und Welt sagst, stimme ich zu – mit einer EinschrĂ€nkung. Du sagst selbst: „Welt und menschliches Leben ist nichts anderes als die Selbstoffenbarung eines Erhabenen, eines Ungeheuren, eines Sublimen, das uns mit Fertigkeiten und Anlagen ausstattet und verbraucht.“ An anderer Stelle sagst Du: „Eine ĂŒberlegene Instanz [
] dĂŒrfte Illusion sein.“

„Mein Stolz, der wurde kleiner.
Ich merkte mit Verdruß:
es kann doch unsereiner
nur denken, wie er muß.“

Kann sich ein Biologe wirklich die Welt als ein „sich selbst installierendes und entwickelndes PhĂ€nomen“ vorstellen? Ich jedenfalls kann mir eine Wirkung ohne Ursache nicht vorstellen. – Und was einen „gĂŒtigen Gott“ betrifft: man sollte das GeschwĂ€tz der Kirchenleute nicht auf die Goldwaage legen. Die Christen behaupten einen gĂŒtigen Gott, die Juden bestehen auf einem Rachegott. Aber alle haben recht und unrecht zugleich: Ignoramus et ignorabimus! Die Haltung eines Agnostikers scheint mir noch die ehrlichste zu sein.

Aber zurĂŒck zu Deinem Text. “Der Fluß tĂ€tschelte schmatzend das Ufer und alle Konturen ringsum schienen sich aufzulösen.“ Vielleicht war das gar nicht Deine Absicht, aber mit diesem bildkrĂ€ftigen Satz legt sich fĂŒr mich ein goldenes Licht ĂŒber den ganzen Text. –

Vielleicht ist es fĂŒr einen Autor interessant, was den Leser zum Lesen bewogen hat und welche Assoziationen sich bei ihm einstellten. Bei der Überschrift assoziierte ich sofort Seelandschaft mit Pocahontas, und bei „Nordfriedhof“ Otto Flakes ErzĂ€hlung „Des trocknen Tones satt“.

Mit herzlichen GrĂŒĂŸen
Parsifal

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Monfou Nouveau
???
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Prosa

Hi Willibald,

klare, abgeklĂ€rte Prosa, die mit ihren kleinen Zwischentiteln eine ausgezeichnete Struktur hat. Eine Stelle hat mich ĂŒberrascht oder ich habe sie nicht ganz in ihrer Konsequenz verstanden:

"Nordfriedhof

Cornelia hat nach einem Au-pair-Aufenthalt in London einen Psychologen geheiratet, der etwa zwanzig Jahre Ă€lter ist als sie. Ich lebe in MĂŒnchen in einer Eigentumswohnung im sechsten Stock. ..."


Nach einem einzigen Satz ĂŒber Cornelia, der, wenn ich es richtig sehe, keine direkte Beziehung zum Thema "Nordfriedhof" hat, kommt nun das Leben des Ich-ErzĂ€hlers. Dieser Cornelia-Einstieg wirkte beim ersten Lesen fĂŒr mich wie eine kleine IrrefĂŒhrung. Vielleicht passt der Cornelia-Satz besser in das vorherige Kapitel, wo beide Kinder erwĂ€hnt sind und vom Sohn Arthur berichtet wird. Das ist nur ein Gedanke zu deiner ruhigen, kenntnisreichen Prosa, die tatsĂ€chlich eher erzĂ€hlt wirkt und weniger die Merkmale einer Shortstory besitzt.

Beste GrĂŒĂŸe




__________________
Monfou

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flammarion
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oh,

bitte, bitte viele fortsetzungen! die geschichte liest sich ganz wunderbar. rundum angenehm.
ganz lieb grĂŒĂŸt
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Old Icke

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Willibald
???
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@flammarion, Parsival, Monfou

Carissimi lectores!

Dear Flammarion,

Danke fĂŒr die aufmunternde WĂŒrdigung der Story.

Dear Monfou,

1) das Tochter-Motiv ist bedenkenswert, das sieht William auch so. Ein paar Anskizzierungen:

a) Blindes Motiv in der Konstruktion des Autors, sagt nichts ĂŒber den Ich-ErzĂ€her aus

b) das Tochtermotiv - Tochter ist verheiratet mit 20 Jahre Ă€lterem psychologen - eröffnet latent, trotz allen Ordnungswillens des erzĂ€hlenden Ichs - eine eigenmĂ€chtige Welt: Bewusstsein, Erinnerungen, TodesnĂ€he (auch die Psychologengattin muss mit einem Witwentum rechnen) und die Offenheit fĂŒr (oft tröstliche) Erinnerungen aus der individuellen
Vergangenheit.

c) Solche Erinnerungen stehen quer zu der Wissenschaftlichkeit („Nulla scientia de singularibus“ der Naturwissenschaften und durchkreuzen so deren Werthorizont, in dem es - so glaubt man - weit weniger Spekulation zu bedauern gibt als in den ideographischen Wissenschaften.

d) Die Passage öffnet gleichzeitig eine sensitive - das ist jetzt nicht als Klischee zu misverstehen - weibliche Perspektive: Der Junge hat seine tröstlichen Erlebnisse im Umkreis der Großmutter, das zĂ€rtliche Wesen in der Burnus-Episode ist offen fĂŒr weibliche und mĂ€nnliche ZĂŒge, die Grabsteininschrift eines Mannes nimmt das Agnostizismus-Motiv der SchlĂ€fenlappenpassage auf und dementiert sie in einem individuellen Fall.

2) die Textsortenproblematik sieht William auch, hier ein bisschen eine Skizze dazu:

a) eine lineare, klar strukturierte ErzĂ€hlung liegt kaum vor, vielmehr/doch wird sie ja als Tagebucheintrag eines alten Mannes ausgewiesen, der sich seiner wissenschaftlichen AttitĂŒde zu vergewissern scheint, ohne sie fĂŒr das einzig gĂŒltige Erfahrungsmittel zu halten. Bis zu einem gewissen Grad tastet er sich aus diesem rationalen Horizont in den mythisch-animistischen Horizont seiner Kindheit, ohne sich dabei in esoterischen Standards zu verfangen oder sie abzuwerten.

b) Bis zu einem gewissen Grad liefert er so einen offenen Schluss und die ganze Geschichte ist doch insgesamt punktuell, tentativ und dient der Aufhellung einer Bewusstseinsphase und einer MentalitĂ€t, all dies in einem Tagebucheintrag mit expliziten Deutungsangeboten des erzĂ€hlenden Ichs, mit Irrititationen und mit einem finalen Deutungsvakuum. Kurz: das muss nicht unbedingt eine „ErzĂ€hlung“ im engeren Sinne sein.

Dear Parsifal,

1) Das Gottesmodell

a) der fiktive BiologenerzĂ€hler liefert mindestens drei Gottesmodelle, ein atheistisches (kein fĂŒrsorglicher Gott), ein agnostisches (vgl. die SchlĂ€fenlappenepisode) und ein pantheistisch-geheimnisvolles (vgl. die Burnusepisode).

b) Dass er sich nicht so recht entscheidet und dabei seine biologisch-evolutionÀre Perspektive nicht aufgibt, aber die Konkurrenzpositionen doch auch offenlÀsst, ist vielleicht ein wichtiger Reiz seiner Schreibweise und MentalitÀt.

c) Dass die Welt und die Evolution uns Menschen „ausstattet und verbraucht“ ist gar nicht von der Hand zu weisen. Dann: Warum sollte die Welt eine „Wirkung“ sein. Es ist keinesfalls ausgeschlossen, dass sie eine Erstursache ist. Wenn sie es nicht ist, dann kann immer noch eine unendliche Kette von Ursache und Wirkung existieren - Verdikt gegen den infiniten Regress hin oder her.

Und wenn es ihn doch gibt, den Erstverursacher jenseits der weltlichen prozesse, was hat es dann mit seiner „GĂŒte“ und seiner „providentia“ im engeren Sinne auf sich? Man mag solche Attribute als naiver Sicht entsprungen bezeichnen, aber was unterscheidet einen Gott jenseits solcher naiven Merkmale von einem Nicht-Gott?

Der naive Rachegott jedenfalls des alten Testamentes ist sicherlich ein strafender und belohnender Gott fĂŒr seine gehorsamen oder ungehorsamen Kinder. Und er vernichtet, so sie es denn verdienen, die Feinde des auserwĂ€hlten Volkes. Und ein Hiob kann zumindest teilweise berechtigt das Wohlbefinden einklagen, das ihm aufgrund seines Wohlverhaltens vom Sponsor und Allierten Gott zugebilligt werden mĂŒsste, wenn es denn gerecht zugeht.

2) IntertextualitÀt/Anspielungen:

Die „Seelandschaft mit Pocahontas“ spukt hier auf jeden Fall explizit herein: Selbstgewisse Lehrer werden dort ja ein bisschen angepflaumt und dies hat das erzĂ€hlende Ich im Buch markiert. Statt der glĂŒcksspendenden Pocahontas bei Arno Schmidt tauchen hier doch zumindest einige weibliche Instanzen auf und liefern im Erhabenen und im Ungeheuren aggressive (Hexen?) und zĂ€rtliche Bilder.

Beim „Nordfriedhof“ war eher an Thomas Mann gedacht. Der MĂŒnchner Friedhof taucht in „Gladius Dei“ und im „Tod in Venedig“ auf. FĂŒr alle Fans von „Poesie im realen Alltag“ ein gefundenes Fressen. Vielleicht gibt es auch eine Assoziation an den Beginn von Ingmar Bergmanns „Wilder Erdbeeren“, wenn sich im Tagebucheintrag des Isak Borg ein verstörendes Bild meldet.

Puh, das ist jetzt alles ein bisschen lang geworden. Und es mögen auch die Untergliederungen ein wenig dozierend wirken, sind aber eher als SelbstklÀrungsmittel gemeint.

Aber vielleicht ist das Posting auch jenseits solcher Entschuldigungen als Ausgleich und Dank fĂŒr die investierte Sorgfalt Eurer LektĂŒre zu goutieren.

Salute.

__________________
aes (auf! eulen schwingen)

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