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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Fort
Eingestellt am 25. 06. 2002 22:54


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Bonaventura
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2002

Werke: 9
Kommentare: 7
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Der erste Hund in meinem Leben hieß Audi. Ein Foxterrier.
„Hab keine Angst, Audi beißt nicht“ spreche ich mir Mut zu. Immer spreche ich mir Mut zu, wenn wir ĂŒber den Hof gehen. Ich gehe mit meiner Mutter durch die große Halle des SĂ€gewerkes. Ich atme den frischen Geruch der geschnittenen Holzbalken. Ein Dach schĂŒtzt sie vor Regen. Ich halte die Hand meiner Mutter. Da rennt Audi klĂ€ffend auf uns zu. Reißt sein Maul auf und bellt und bellt. Ich erschrecke mich wie immer, wenn ich ihn sehe. Aber ich spreche den tröstenden Satz und gehe tapfer an der Hand meiner Mutter weiter. Wir besuchen Tante Claire. Sie kommt aus Danzig. Mutter und Oma haben sie kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs auf ihrer Flucht aus Stettin kennengelernt. Sie ist meine Patentante.

Ich stehe in der Mitte des Kirchenschiffs. Mutter steht hinter mir. Die Orgel spielt. Heute soll ich getauft werden. Meine Oma hat mir erzĂ€hlt, daß der Pastor Wasser auf meinen Kopf trĂ€ufeln wird. Vor mir steht eine Frau, die ein Baby im Arm hĂ€lt. Es schlĂ€ft. Ich schabe mit meinem Schuh auf dem Fußboden. Eine silberfarbene Metallschiene lĂ€uft quer ĂŒber den Teppich unter meinen FĂŒĂŸen. Ich schiebe die Schuhspitze an den Rand, dann darunter. Fest und fester. Ich ziehe den Schuh zurĂŒck, es geht nicht. Ich ziehe und ziehe, er sitzt fest. Mein Fuß schlĂŒpft heraus. Ich bekomme Angst. Was soll ich machen? Ich muss nach vorn gehen. Ich schlĂŒpfe wieder in den Schuh. Ziehe noch mal den Fuß zurĂŒck – da geht der Schuh ‚raus. Oh Gott, bin ich froh. Wir gehen etwas weiter nach vorn. Tante Claire und Mutter gehen hinter mir. Oma sitzt in der Bank. Dann winkt der Pastor mir langsam zu mit seiner Hand. Der weite Ärmel fĂ€llt zurĂŒck. Sein Arm ist so weiß unter dem schwarzen Stoff. Ich gehe ihm entgegen. Mutti und Tante Claire schieben mich zu ihm und ich gehe die Stufe hoch. Er fĂŒhrt mich an der Hand zu einem großen Stein, der oben offen ist. Daraus schöpft er Wasser mit einer silbernen Kanne und gießt etwas davon auf mein Haar. Dreimal. Dann sagt er zu mir „Ich taufe Dich auf den Namen Sabine“.
Dann gehe ich wieder mit Mutter und Tante Claire zu Oma in die Bank. Der Chor singt leise.

Heute wartet Tante Claire schon auf uns, hat Mutter gesagt. Wir gehen in ein großes Haus am Ende des Hofes. Eine Treppe fĂŒhrt nach oben. Mutter klopft an eine braune TĂŒr und öffnet, als Tante Claire „herein“ ruft. Wir treten ein. Ich mag das Zimmer. Es ist groß. Ein riesiger langer Tisch steht in der Mitte. Er glĂ€nzt so schön. Ich sitze so gern auf den StĂŒhlen, die an den Seiten stehen. Ich mag die Ledersitze, die RĂŒckenlehnen, die auch mit Leder bezogen sind. Goldfarbene NĂ€gel glĂ€nzen an den RĂ€ndern. Weit hinten im Zimmer steht ein Bett. Darin liegt Tante Claire. Sie trĂ€gt ein Wolltuch um die Schultern, es ist so rot wie ihre Lippen. „Wie geht es Dir heute?“ fragt Mutter sie, „Hast Du Fieber?“
Tante Claires Augen glĂ€nzen, sie lĂ€chelt mich an und sagt: “Komm zu mir, Sabine, hat Audi wieder so doll gebellt?“
Ich nicke.
„Er ist so ein netter Hund, er muß bellen, wenn Leute auf den Hof kommen, die nicht zur Familie gehören“ erklĂ€rt sie mir wie jedesmal.
Sie nimmt ein Buch von ihrem Nachttisch: “Das ist fĂŒr dich, mein liebes Patenkind“.
Das Buch heißt „Die Fernsehzwillinge“. Diese Zwilling leben in London. Ich habe es mir lange gewĂŒnscht und freue mich sehr. „Oh, danke, Tante Claire“ sage ich und schaue es mir gleich an.
Tante Claire lÀutet mit einer kleinen Glocke. Lisbeth kommt herein.
„Bitte bringe Zitronenlimonade fĂŒr meinen Besuch“ sagt Tante Claire und bald bringt Lisbeth einen Glaskrug mit GlĂ€sern auf einem Tablett. Ein kleiner Tisch steht vor dem Bett und sie stellt das Tablett darauf. Wir trinken die kĂŒhle gelbe FlĂŒssigkeit.
Ich gehe zu dem Tisch und setze mich auf einen der lederbezogenen StĂŒhle. Ich schaue mir das Buch an und lese ein wenig darin.
Bald gehen wir wieder. Ich umarme Tante Claire.
Am nÀchsten morgen weckt mich Mutter.
„Sabine, Tante Claire ist in der Nacht von uns gegangen“.
„Du meinst gestorben, Mutter?“
„Ja, Sabine, gestorben.“
Ich muß weinen.
Ich habe nun keine Patentante mehr. Ich werde sie nicht mehr in dem schönen Zimmer besuchen. Sie wird mir keine WunschbĂŒcher mehr schenken und mich trösten wegen Audi.

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Pasta
Festzeitungsschreiber
Registriert: Apr 2002

Werke: 11
Kommentare: 36
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Mit Liebe zum Detail

Die Geschichte ist mit Liebe zum Detail geschrieben und schafft dadurch AtmosphÀre.

Der Anfang ist interessant, baut Spannung auf und zieht den Leser direkt in seinen Bann und ins Geschehen.

Sowohl diese Anfangsszene als auch die Szene in der Kirche sind sehr gut beschrieben, finde ich. Man sieht alles direkt vor sich und kann sich gut in die Ich-ErzÀhlerin hineinversetzen - vor allem bei der Schuh-Episode in der Kirche!

Leider fehlt mir genau dieses EinfĂŒhlungsvermögen etwas am Ende, als Tante Claire gestorben ist. Vielleicht geht es etwas zu schnell oder abrupt zu Ende.

"Ich muss weinen" finde ich irgendwie platt. Es zerstört die Stimmung. Die SĂ€tze danach finde ich wieder besser; sie sagen mehr ĂŒber Sabines GefĂŒhlswelt aus als "Ich muss weinen".

Auch dass Sabine sich mit den Worten "Oh, danke, Tante Claire" fĂŒr das Buch bedankt, erinnert mich eher an den Stil von SchulaufsĂ€tzen. Vielleicht wĂ€re ein "Danke, Tante Claire!" (rief ich erfreut... oder so Ă€hnlich) natĂŒrlicher gewesen? Ich weiß es nicht, aber mir erscheint das "Oh, danke..." etwas gestelzt.

Das mindert aber den insgesamt sehr guten Gesamteindruck kaum!

Herzliche GrĂŒĂŸe von

Pasta


__________________
Lasst Euch die Kindheit nicht
austreiben! (Erich KĂ€stner)

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