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Leselupe.de > Erzählungen
Fräulein
Eingestellt am 06. 11. 2006 12:05


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Haarkranz
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Fräulein.

Und dann sagte das Fräulein, bin ich beim Ramuschkat. Der Ramuschkat, war früher lange Jahre Kutscher beim alten Grafen Lehnfeld. Lange Jahre, aber wie lang er tatsächlich Kutscher war, ist nicht genau bekannt. Sicher ist, kurz bevor der alte Graf starb, hat er den Dienst quittiert. Warum er nicht bis zuletzt geblieben ist, weiß keiner.
Der Ramuschkat, seinerseits nahm keinen neuen Dienst mehr an, jenuch jebuckelt, soll er gesagt haben. Der kaufte sich nach einigem Rumgesuche, das vom Lehrer Selmigkeit, seiner nach Königsberg verheirateten Tochter, hinterlassene Seegrundstück mit Kate, Fischrecht und einem kleinen Eichenwäldchen in seinem Heimatdorf. Die Tochter, verheiratete Grau, war hochfroh einen Käufer für das Katchen und Stückchen Acker, jot we de draußen am See wie sie zu sagen pflegte, gefunden zu haben.
Als der Ramuschkat sie in Königsberg aufsuchte, besser endlich gefunden hatte, denn die Adressangaben der Nachbarn vom Lehrer Selmigkeit, waren alles andere, als auch nur einigermaßen zureichend gewesen; als er also endlich bei Frau Grau auftauchte, genauer das Namensschild aus blankem Messing an der Haustür, unter acht anderen solcher Schilder gefunden hatte, freute er sich erst einmal.
Na endlich Luderchen hab ich dich, mag er gedacht haben, wenn das die Denkweise vom Ramuschkat gewesen sein sollte, kann es durchaus so gewesen sein.
Er drückte also seinen Zeigefinger fest und lange, auf den blitzendblank geputzten Klingelknopf, wobei ihm aufgefallen sein mag, wie stark sein tabakbrauner, abgebrauchter Zeigefinger, von all dem gewienerten Messing abstach.
Es dauerte eine Weile bis er ein Brummen gewahr wurde, womit er jedoch nichts anzufangen wusste. Das neumoderne in Königsberg, wenn das ein gutes Ende wird nehmen, soll er einmal geäußert haben, wobei ihm sicher der Besuch bei Frau Grau vor Augen stand. Wie recht er noch haben sollte, wer hätte das damals gedacht.
Jedenfalls das Brummen an der Tür, hinter der irgendwo Frau Grau wohnen musste, brachte er nicht in Zusammenhang mit Klingelknopf und Zeigefinger. Er drückte also nochmals lange und fest auf den Klingelknopf und knurrte, „nu wach schon auf Selmigkeitsche.“
Wieder war da nichts, kein Schritte hinter der Tür, die eine Person angekündigt hätten. Also legte er sich mit einem Teil seines Gewichtes, vorsichtig gegen die Tür um zu probieren, nur ein klein wenig, ob die, konnte ja sein, garnicht richtig verschlossen war.
Als er sich so lehnte, horchend ob da doch noch jemand käme, gleichzeitig wieder etwas Druck gegen das Türblatt machte, brummte es wieder.
Bevor er auch nur hätte denken können, wenn er es denn hätte wollen, was soll die elende Brummerei, lag er der Länge nach im Hausflur.
Sicher gab‘s da ein paar derbe Kutscherflüche als er sich wieder aufrappelte, aber die Geschichte ist von Damen erzählt worden, vom Fräulein zu meiner Mutter, von ihr zu mir, folglich arm an Derbheiten.
Also der wird sicher geflucht haben, wer hätte nicht. Als die Grausche von oben rief, was ist da los, jetzt schnell die Treppe runtergerannt kam um nachzusehen, stand er längst wieder auf seinen zwei Beinen.
Stand da, groß, dick und zottig, die Frau Grau geb. Selmigkeit davor, klein, glatt und zierlich.
Sie fragte ihn: „Wollen Sie zu uns?“
Er darauf: „Wenn Sie die Tochter vom seligen Lehrer Selmigkeit sind, ja.“
„Die bin ich,“ die Frau Grau und weiter, „was führt Sie zu uns?“
„Zu uns? Ich wollt nur zu Ihnen,“der Ramuschkat.
„Ich bin verehelicht, heiße jetzt Grau, deshalb zu uns,“ die Selmigkeit pikiert.
„Ach so,“ brummte der Ramuschkat, der solche feinen Unterschiede nicht machte, obwohl er doch Jahrzehnte in hochnoblem, herrschaftlichem Haus gedient hatte.
Stören tat ihn das nicht weiter, er kam gleich zur Sache und sagte: „Vom Lehrer, ihrem Vater, haben sie doch das Grundstück am See geerbt, das möchte ich.“
„So das möchten Sie,“ die Grau „wer sind Sie denn?“
„Der Ramuschkat, bin ich.“
„So, der Herr Ramuschkat. Was haben sie sich denn gedacht, was so ein schönes Seegrundstück kostet?“
„Das möchte ich von Ihnen wissen, deshalb bin ich gekommen.“
Darauf sie, „na dann kommen sie erst mal mit, so was brauchen wir ja nicht im Hausflur verhandeln.“
Die Frau Grau, geht vor dem Ramuschkat die Treppe rauf, und der muss sich fein in acht nehmen, dass er nicht auf den rot gestrichenen, spiegelglatt gebohnerten Stufen ausrutscht.
Als sie oben in der vierten Etage angekommen sind, dreht er sich noch mal um, bevor er der Frau Grau in die Wohnung folgt, viel zu steil und zu glatt, brummt er.
„Was haben Sie gesagt? die Grau aus der Wohnung raus, „ich versteh Sie nicht, kommen Sie doch erst mal rein!“
„Ich find die Treppe zu steil und zu glatt gebohnert,“ wiederholt der Ramuschkat, „da fürcht ich mich jetzt schon vorm runtersteigen.“
Ja meint die Grau, so ist das in der Stadt.
Sie gehen in die Grausche Küche. Der Ramuschkat setzt sich erst mal, bevor er überhaupt aufgefordert wird.
„Darf ich einen Kaffee anbieten?“ die Grau.
„Wenn es kein Mukefuk ist, gern,“ der Ramuschkat
„Mukefuk trinken wir in der Stadt nicht,“ die Grau mit ein wenig Schärfe in der Stimme, und macht sich zu schaffen einen Kaffee aufzubrühen.
Da hat der Ramuschkat Zeit sich umzusehen. Für Küchen hat er ein Auge, dafür hat er lange genug in der Lehnfeldschen Küche rumgehockt. Alles dritte Wahl taxiert er, da im Regal ja auch die vom vielen anfassen, schon ganz blanke Büchse mit dem Mukefuk. Na denkt er, der ganze Laden Mukefuk, die wird um jeden Pfennig froh sein, den sie für ihren Grund kriegt.
Die Grau stellt ihm den Kaffee hin und geht gleich in die Offensive.
„Also wenn sie kaufen wollen, Herr Ramuschkat, dann müssen sie ein Angebot machen. Das Grundstück hat für mich ja nicht nur einen materiellen Wert, ich bin da groß geworden, viele liebe Erinnerungen sind mit dem schönen, alten Haus verbunden.“
„Ja,“ nickt der Ramuschkat und schlürft erst mal von dem heißen Kaffee, „alt ist das Haus schon, aber schön? War vielleicht mal, aber jetzt? Da hat sich jahrelang niemand drum gekümmert. Das Reetdach haben die Ratten abgefressen und als voriges Jahr Hochwasser war, hat der See einen Besuch abgestattet. Nä, das Haus is nich mehr. Da ist neu bauen allemal billiger, als da wieder was draus machen. Den Grund möchte ich kaufen, Haus kann man vergessen.“
„Nö so nicht, Herr Ramuschkat, da könnt ja jeder kommen,“ die Grau. „Als wir das Haus zum letzten mal gesehen haben, war alles noch tip top.“
„Und wann war das? Wann war das noch tip top? Doch wohl vor sechs Jahren, als wir Ihrem Herrn Vater, dem Lehrer Selmigkeit, die letzte Ehre gegeben haben oder sprechen wir von verschiedenen Häusern?“
„Solange ist das ja auch wieder nicht her,“ ereiferte sich die Grau, „die paar Jährchen.“
„Nä, ihr Besucher schüttelt den Kopf, es sind fünf Jahre her und in drei Monaten werden es sechs, und ich sag doch, den Lehrer, den hab ich mit beerdigt. Wir sind bei uns draußen am See, auf dem Lande. Hier in der Stadt bohnert der Besen die Stufen blank, bei uns macht das der Sturm. Wenn man da nicht hinter jedem Löcksken in Dach, Tür, Fenster oder Mauer her ist, dann bricht der ein, und dann ist kein Halten mehr!
Aber Frau Grau, wenn sie nicht verkaufen wollen, nichts für ungut, ich hab noch zwei andere Objekte die mir gefallen. Ich dacht nur, weil ich ja beim alten Selmigkeit die Schulbank gedrückt habe, sonne alte Anhänglichkeit wissen sie,“ und machte Anstalten aufzustehen.
„Nu bleiben sie doch erst mal sitzen, Herr Ramuschkat,“ die Grau. „Bisher sind sie ja noch nicht mit der Sprache rausgerückt, was es ihnen Wert ist.“
„Wie ich schon sagte, das Haus ist mir garnichts wert, da hab ich höchstens die Abrisskosten am Hals. Für den Grund gäb ich bar auf die Hand 3000.- Emmchen.“
Als der Ramuschkat die Summe nannte, sah er der Grau fest in die Augen, sein Gefühl sagte ihm, die saß am Haken. Darum fügte er noch hinzu, „das ist mein letztes Wort, mehr Geld hab ich nämlich nicht.“
Die Grau antwortete nicht gleich, sitzt da, stützte den Kopf in die Hand und hat Falten auf der Stirn. Da geht dem Ramuschkat auf, ein Weib sitzt vor dir, musst klein wenig begütigen und sagt schnell, „wie sie so da sitzen Frau Grau, sind sie ganz der alte Selmigkeit, in jünger und weiblich natürlich,“ beeilte er sich hinzuzufügen.
„Ramuschkat,“ die Grau sah ihn nun ihrerseits fest an. „Ihr Preis ist ein Schandpreis, wenn sie nicht mehr Geld haben, hätten sie sich die Reise nach Königsberg sparen können. Was noch ist, ich kann nicht allein entscheiden, da hat mein Mann noch ein Wörtchen mitzureden. Außerdem, kann der von Ihnen genannte Preis nicht ihr letztes Wort sein. Ich schlage vor, Sie schauen morgen Sonntag, da ist mein Mann zuhaus, noch mal rein. Wenn es Ihnen recht ist, kann ich ihnen eine preiswerte Pension besorgen, dann sehen wir uns morgen Mittag um zwei Uhr wieder, es sei denn 3000 war wirklich ihr letztes Wort.“
Verdammt ärgert sich der Ramuschkat, das verflixte Weib, und zu Frau Grau: „Ich hab noch einiges in der Stadt zu erledigen und eine Bleibe hab ich auch. So macht es nichts, wenn ich morgen nochmal vorbei komme, aber Frau Grau, sprechen Sie das mit Ihrem Mann noch einmal durch, 3000 ist ein ordentlicher Preis. Denken sie daran wo das Grundstück liegt, jot we de. Da will niemand hin, außer uns Eingesessenen.“
So, oder so ähnlich, war der Ramuschkat an sein Grundstück am See gekommen.
Der wohnte schon lange da unten, als das Fräulein beschloss, ihn, in ihrer Sache den Großknecht Jan betreffend, um Hilfe anzugehen.
Die Kate war wunderschön hergerichtet, rote Geranienbüsche leuchteten vor den kleinen Fenstern. Der Eli hielt dem Ramuschkat alles in Ordnung. Der Eli war der jüngste Sohn seiner Schwester und ihm, der keine Familie hatte, wie eigenes Kind. Die Art wie der Eli dachte, war schwer zu durchschauen. Der machte sich schweigsam, auf Dinge wie Gedanken, wenn sie ihm in die Hände oder den Kopf kamen, sorgsam seinen eigenen Reim.
Im täglichen Umgang sprachen der Eli und sein Onkel wenig. Da konnte ein ganzer Tag vergehen, ohne das ein Wort fiel. Der Eli arbeitete emsig vor sich hin.Trieb die Schweine ins Wäldchen, sollten sich an den Eicheln mästen. Plünderte den Hühnern die Nester. Riss das Unkraut im Garten aus. Half Türen und Fenster in umsichtiger Voraussicht, mit weißer und grüner Farbe, über den nächsten Winter.
Wenn der Ramuschkat dem Eli einen Auftrag erteilte, was selten genug vorkam , weil der schon immer alles besorgt hatte, aber irgend etwas Unvorhersehbares trat schon mal ein, erhielt er ein: Wird gemacht Onkel zur Antwort, und dann trat wieder Stille ein zwischen den Beiden.
Wenn jedoch der Onkel Besuch erwartete, meist von einem der unglücklichen Frauenzimmer, die kamen sich Rat zu holen, für das Leben mit ihren ledernen Lorbassen von Ehemännern oder Liebhabern, wusste der Eli sofort was die Glocke geschlagen, ohne das der Onkel einen Ton gesagt hätte.
Es fing damit an, dass er die Sauna Brett für Brett putzte und wienerte. Den großen Holzzuber mit frischem, kaltem Seewasser füllte, wobei er drauf achtete, ja kein Grünalgenzeug rein zu schöpfen.
Dann machte er sich über den Alkoven hinter dem Vorhang her, wo ein breites Bett hoch wie ein Tisch aufgestellt war, zu dem man nur raufkam, wenn man das darunter stehende Fußbänkchen zur Hilfe nahm. Eli bezog das dick mit Gänsedaunen gefüllte Federbett mit frischem Leinen, was einen Duft nach Wind und Wasser durch die Stube ziehen ließ.
Danach knöpfte er sich den Fußboden vor, und einfach alles was ihm nicht proper schien, kurzum er stellte die ganze Bude auf den Kopf.
Der Ramuschkat konnte zuerst nur staunen. Woher, zerbrach er sich den Kopf, weiß der Junge das Besuch kommt? Woher? Später dann hat er sich dran gewöhnt, seinem Neffen-Sohn, eher sowas wie das zweite Gesicht zugetraut.
Zu diesem Eli und seinem Onkel kam das Fräulein eines Tages, als es mit ihr und dem Jan, nicht mehr so weiter ging. Der Jan war der Großknecht auf Gut Blumenthal, wo das Fräulein die Wirtschaft besorgte. Der Jan war ursprünglich aus Polen gebürtig, hatte, als das mit Deutschen und Polen nach dem ersten Weltkrieg immer schwieriger wurde, nach Ostpreußen rübergemacht und war auf Blumenthal in Dienst getreten.
Da er polnisch so gut sprach wie deutsch, und noch ganz gut litauisch und russisch dazu, war er dem Prasse, dem gnäjen Herrn, bald unentbehrlich. Zumal er, ein Riese von Gestalt, bei der Ernte ob Korn oder Heu, mit seiner unermüdlichen Kraft, den Takt beim Einbringen angab. Die Mägde ließen sich willig von ihm treiben, denn er war schön.
Die Männer, meist Tagelöhner von jenseits der Grenze, sahen das, wie man sich denken kann anders. Die mochten ihn ganz und garnicht, konnten noch nicht mal fluchen, über den verdammten Antreiber der jedes Wort verstand, und derbe hinlangen konnte.
Dem Fräulein blieb nicht verborgen, wie sehr die Weiber hinter ihrem Jan her waren. Auch dass der sich nicht zweimal bitten ließ, wenn man ihm Gelegenheit gab. Das legt sich mit den Jahren sagte und dachte sie, wenn ihr mal wieder brühwarm hinterbracht wurde, mit welcher der Mägde, deren Chefin sie das Fräulein ja war, der Jan die Nacht im Heu verbracht hatte.
Da war auch kein Grund zum Fürchten, sie und der Jan waren handfest. Wichtig war der Plan. Sie beide legten jeden Groschen der vom Lohn erübrigt werden konnte, auf die hohe Kante und waren im ständigen Wettstreit, wer schon mehr auf dem Buch hatte, sie oder er. Ein kinderloser Onkel vom Jan, hatte eine kleine Wirtschaft im Tilsitischen die dem Jan versprochen war, wenn der Onkel und die Tante sich auf‘s Altenteil setzen würden.
Bis dahin war noch gute Weile. Das Fräulein und der Jan sparten so eisern, weil sie noch Land zu der Wirtschaft vom Onkel zukaufen wollten.
An die Wirtschaft vom Onkel angrenzend, war eine großes Gut dessen Besitzer in Berlin lebten, und immer leicht bereit waren ein Stück Boden gegen Bares loszuschlagen, weil die immer in Brand waren, wie der Onkel das nannte. Er selbst hatte seines von den Berlinern gekauft. Deren Enkeln gehört mal nix mehr, prophezeite er, und nannte seine ehemaligen Herren abschätzig, die Berliner Barone.
Ob sie eifersüchtig war? Natürlich bisschen eifersüchtig schon, aber anmerken ließ sie sich nix. Hätte es den Marjellchen mit denen‘s der Jan trieb, ja heimzahlen können mit dreckiger Arbeit, im Schweinekoben oder Hühnerstall. Aber nein, kam nicht in Frage. Die Arbeitseinteilung für die Mägde war schon ein halbes Jahr im Voraus festgelegt, daran wurde nicht gerüttelt.
Kam vor, dass eins von den jungen Dingern sich Schwachheiten einbildete, über sich und ihren, des Fräuleins Jan. Den ganzen Tag rumheulte, wenn es mit dem Jan aus war, und zu rein garnichts zu gebrauchen war.
Dann vom Fräulein zur Rede gestellt, die Hühner nicht gefüttert, das Licht im Stall die Nacht über brennen lassen, schütteten sie auch noch ihr, von der sie doch wussten, dass sie mit dem Jahn versprochen war, das Herz aus.
Ja dachte sie dann, ist schon manchmal komisch die Welt. Aber die Untreue vom Jan war nicht das Problem, wegen dem sie zum Ramuschkat ging, um sich Rat zu holen.
Da war Anderes. Jedes Wochenende stieg sie zum Jahn ins Bett, blieb die Nacht bei ihm, sodass reichlich Gelegenheit war, sich ganz nah kennen zu lernen. Der Jan nahm das auch wahr, ritt sie wie er meinte nach allen Regeln der Kunst, wobei er sie immer mein Stutchen nannte, mein süßes Stutchen.
Das Problem war, so sehr er auch bei der Sache war, schnaubte und stöhnte, so wenig hatte sie davon. Das da etwas nicht richtig lief, war ihr an sich schon vom ersten Mal an bewusst, als der Jan sie, die noch nie mit einem Mann zusammen gewesen war, regelrecht forkelte und ihr gemein weh tat, weil sie garnicht richtig feucht hat werden können.
Er hatte sie einfach gefragt, sollen wir uns versprechen? und als sie nickte, sie auf den Mund geküsst, ihr dabei seine Zunge tief in den Hals gesteckt, fast wäre sie dran erstickt.
Atemlos wie sie war, hat er sie dann mit auf seine Stube gezogen, sich aufgeknöpft und ihr bedeutet, nu zieh den Schlüpfer aus jetzt besiegeln wir.
Als sie zögerte, ist der Jan vor sie getreten, hat ihr Rock und Unterrock abgestreift, die Bluse über den Kopf gezogen, ihr einen Stups gegeben und schon lag sie rücklings auf seinem Bett. Den Schlüpfer runter, das Riesending zwischen ihren Bein, sich auf sie legen war eins. Dann der Schmerz, als er versuchte sich in sie reinzustecken, dabei schob und grunzte, endlich durch war und ihr fürchterlich weh tat.
Nu war ja überstanden, er tat ihr bei seinen Ritten in der Wochenendnacht nicht mehr weh seit sie vorsorgte, sich immer ordentlich mit Fett glatt machte. Auch die fehlende Wolllust bei der Liebe, konnte sie leicht verschmerzen, hatte sie doch keine Ahnung wie Wollust war; und wie Liebe war, wusste sie eigentlich auch nicht.
Wenn sie an all das Seufzen, die heimlichen Tränen die im Gesindehaus geweint wurden dachte; die Unruhe die die Eifersucht dort auslöste, und sich betrachtete, wie sie von dem ganzen fast garnicht berührt war, kamen ihr schon Zweifel, ob der Jan und sie ein Liebespaar, und nicht eher ein Zweckpaar waren. Aber auch da dachte sie seisdrum, ich entbehr ja nix, und der Jahn kriegt ja was er braucht. Jedoch da war die jeden Monat aufs Neue, erst beiläufig, dann immer drängendere Frage vom Jahn, nach ihrer Monatsblutung.
Zuerst plierte er sie nur von der Seite an, wenn der Termin gekommen war: „Na geht’s gut, müssen wir sprechen?“
Und sie, wenn er da mit seinen Großknechtsallüren in ihrer Küche stand. Über Töpfe, Tiegel, Eimer hinwegsehend, als ob das unnützer Kram wär: „Jan aus dem Weg! Ich hab zu tun,“und stupste ihn mit der heißen Kasserolle, die sie vor dem Leib vom Ofen zum Tisch rübertrug. „Nu geh schon, worüber sollten wir sprechen müssen?“ Der Gedanke kam ihr garnicht, dass der Kerl wissen wollte, ob ihre Regel ausgeblieben war, er sie also geschwängert hatte.
Mit der Zeit wurde er dann konkreter, bis er ihr dann eines Sonntagsmorgens erklärte:
„Weißt du Fräulein, wir treiben es jetzt seit einem Jahr jede Woche, wie ich für meinen Teil meine, so richtig wie sich das gehört.“
Sie, „na und, wie meinst du das?“
„Wie ich das meine, ich frag mich, warum wirst du mir nicht schwanger?“
„Soll ich denn, Jan?“
„Du sollst nicht, du musst. Das gehört zu unsere Versprechung.“
Als sie meinte, nu mach mal halblang, da haben wir noch Zeit genug, zog er einen Brief aus der Tasche, und gab ihr den zu lesen.
Da schrieb der Onkel: Lieber Jan, deine Tante ist vorige Woche verschieden. Heute haben wir sie beerdigt. Ich will mich jetzt aufs Altenteil setzen und es wär gut, wenn du mit deinem Fräulein ehestens kommen könntest, hier übernehmen. Ich weiß ihr könnt eure Herrschaft nicht Knall auf Fall sitzen lassen, jetzt mitten in der Ernte und danach müssen Neue gesucht und eingearbeitet werden. Deshalb schreib ich auch so früh, damit alles ordentlich geregelt werden kann. Ich möcht euch beide über‘s Jahr zur Übernahme hier erwarten.
Wenn das nicht auskommt, so bitte ich um eheste Rückantwort, weil ich mich dann anders einrichte. Frau Kaluweit ist eine Witfrau hier am Ort, mit der würde ich dann zusammenwerfen, hat auch ein Stück Geld einzubringen.
Lieber wär mir, eure Zusage für in einem Jahr zu bekommen, solange könnt ich mich behelfen.
Die Kaluweit weiß nicht, dass ich an eine Verbindung denke. Braucht auch nicht sein, ich wohn ihr schon seit längerem ab und zu bei. Dein Tantchen hat nichts davon gewusst, jetzt im Himmel wird sie ja davon erfahren, wenn sie auf uns Erdenwürmer runtersieht. Wird mir aber sicher vergeben.
Also lasst von euch hören. Onkel Egon.
Deshalb wollte, nein musste das Fräulein zum Ramuschkat.
Mit der Bahn und noch zwei Stunden zu Fuß, alles in allem war sie einen halben Tag unterwegs. Die Sonne stand schon tief, rot, rund und fett überm See, wo dem Ramuschkat seine Kate lag, als sie endlich angekam. Wie sie so auf die Lampion runde Sonnenscheibe zugeht, denkt sie bei sich, sowas Schönes und fast alle Tage, aber wann schaut man schon mal hin.
Als sie vor das Törchen im Lattenzaun kommt, wird sie von hinten angesprochen:
„Du bist sicher das Fräulein von Blumerthal?“
„Ja bin ich,“ sagte sie, und drehte sich zu der Stimme um.
Sie wusste natürlich, dass dieser dicke Riese nur der alte Ramuschkat sein konnte, aber so schwer und zottig, hatte sie sich den nicht vorgestellt.
Die Gesine hatte sie schon vorbereitet, er sieht einem Waldschratt ähnlich, als sie von des Fräuleins Nöten erfuhr, und ihr den Alten empfohlen hatte. Zuerst erschreckst dich, aber dann ne Seele von nem Mensch, und er weiß zu helfen.
Wie Gesine, wie hilft er denn, wollte sie wissen, bevor sie die Fahrt zu jemand Wildfremdem, der auch noch einem Waldschratt ähnlich sah, antrat.
Aber die Gesine hat nur in sich hinein gekichert, wirst sehen und wirst spüren. Der Ramuschkat hilft. Knappes Jahr nachdem ich bei ihm war, hab ich schon den Klaus, den frechen Lorbas gekriegt und jedes Jahr kommt eins dazu, jetzt sind es schon vier. Eins kann ich dir noch unter uns Frauleut sagen, seitdem macht die Liebe Spaß. So richtig! Bist hinterher, deinen Kerl abends ins Bett zu kriegen, und ordentlich loslegen.
Geh Gesine, sagte das Fräulein, und merkte wie ihr ein wenig rot ins Gesicht stieg, weil sie sich für die Gesine schämte.
Brauchst dich nicht schämen, schüttelte die den Kopf, schämen musst dich, wenn‘s kein Spaß macht, du nur hinhälst. Wenn‘s Spaß macht, schämst dich nicht mehr, da kannst nicht genug kriegen.
Das wußte sie von dem Mann der jetzt vor ihr stand, und seinen Wirkungen.
„Dann komm mal mit Marjellchen,“ dröhnte es aus dem Rauschebart, als er durch den mit aberhunderten, roten, blauen, gelben und braunen Blumen blühenden Garten, vor ihr her, auf die kleine Kate zuging.
Drinnen war es kühl und ein bißchen dämmrig, sie stellte ihre Tasche ab, und Ramuschkat schob ihr einen Stuhl hin, „nu setz dich,“ lud er sie ein. „Wie heißt Du denn mit richtigem Namen, Fräulein ist doch dein Berufsname?“
„Ja stimmt, aber mich nennen alle so, auch der Jan mit dem ich versprochen bin,“ gab sie Antwort.
„Ja, ja, ist ja möglich,“ brummte es aus dem Bart, „aber ob es auch richtig ist? Das wissen wir ja noch nicht? Wenn man nur einen Namen hat, und der ist auch noch ein Berufsname, mit dem alle Wirtschafterinnen weit und breit gerufen werden, dann ist das ja nichts Eigenes. Und was Eigenes sollte der Mensch haben, wenn er Mensch sein will.“
„So ist das nicht Ramuschkat, was Eigenes hab ich schon,“ wehrte sich das Fräulein. „Seit wir uns versprochen haben, der Jan und ich, tragen wir jeden Pfennig auf die Kasse, und jeden Monat vergleichen wir unsere Bücher, und gucken wer mehr drauf hat. Das ist was Eigenes, das Buch von der Kasse. Wenn der Jan und ich dann heiraten, und wir die Wirtschaft vom Onkel übernehmen, dann ist das ja sowie aus mit dem Fräulein. Da geb ich die Schlüssel zurück an die gnädige Frau.“
„Ja, ja Marjellchen lass mal gut sein, gleich kommt der Eli vom Markt zurück, und der hat für jede bisher noch den richtigen Namen gefunden.“
„Aber Ramuschkat!“ protestierte sie, „ich brauch keinen neuen Namen, aber wenn‘s denn sein muss, getauft bin ich Käthe, nur da vor graust mir.“
„Schon gut, schon gut Fräulein, ich bin hier der Onkel, mir graust vor dem Ramuschkat.“
„Soll ich dann jetzt Onkel zu dir sagen?“ fragt sie.
„Klar Marjellchen, Onkel, alle nennen mich Onkel, und nu erzähl mal warum hergekommen bist.“
„Ja also, das kam so,“ das Fräulein, „die Gesine Naujoks hat mir von dir erzählt, und dass sie im dritten Ehejahr noch nicht schwanger war, und nach dem sie bei dir war, ein Jahr später den Klaus, den Lorbas in der Wiege hatte.“
„War das alles was sie erzählt hat,“ fragte der Onkel, und sah ihr mit seinen kleinen, blitzend blauen Augen direkt ins Gesicht.
„Ja, ja,“ zögerte das Fräulein bei der Antwort, „eigentlich alles.“
„Und uneigentlich?“ der Onkel.
„Ach ja, so mehr unter uns Frauleut zu sagendes, nix für Männerohren.“
„Ich bin,“ sagt der Onkel darauf, „wenn du zu mir her kommst, kein Mann wie die anderen Männer. Du brauchst mir aber nicht erzählen, was die Gesine dir erzählt hat, was anders bei ihr geworden ist, außer das sie nun Kinder kriegt eins nach dem anderen.“
„Ja das stimmt , eins nach dem anderen, gerade ist das Vierte auf die Welt gekommen,“ sprudelte es aus dem Fräulein raus, „und Onkel verzeih mir,“ fuhr sie fort, „wenn ich mich bisschen zier, weil ich ja sonst nie über so Sachen sprech, die mit untenrum zu tun haben, die Gesine hat noch gesagt, im Bett, das macht ihr jetzt Riesenspaß.“
„Na siehste, Marjellchen,“ lächelte der Onkel, wobei das Blitzen in seinen Augen, in einladendendes Verstehen umschlägt, „ist doch nicht so schwer über‘s Wichtigste zu sprechen, über‘s Schönste und über‘s Heiligste. Ja du hast recht gehört, über‘s Heiligste. Die Ehe nämlich, die ist garnicht heilig. Die haben die Pfaffen nur heilig gesprochen. Heilig ist nur, was von Gott direkt kommt, und was, wie dir die Naujoksche richtig erzählt hat, Riesenspaß macht. Der Spaß ist auch heilig, der kommt direkt von Gott, das Weinen natürlich auch. Was von und aus dir kommt, ist heilig. Was in Büchern steht, besonders auf Latein was kaum jemand versteht, ist unheilig. Auch wenn du denkst untenrum ist unheilig, was nicht wahr ist, mach dir nichts draus, wusstest es ja nicht besser, drum bist ja hergekommen.
Obwohl der Jan und du, schon lange in einem Bett schlaft, passiert bei dir nix, stimmt‘s?“ und wieder waren die Blitzaugen da, und sie fühlt, ganz tief in mich rein sieht er, und nickt.
„Jetzt wird der Jan ungeduldig,“ der Onkel, „eine Katze im Sack will er nicht kaufen, Kinderchen müssen her, was soll sonst die Ehe?“
Sie nickt wieder.
„Ja,“ sagt der Onkel, „das wär‘s also. Du liegst da, machst die Beinchen breit und er schnaubt und rammelt wien rauschiger Eber, und bei dir passiert nix, du denkst nur, wenn er doch mal bald fertig wär. War der Jan dein Erster, oder war da schon jemand vor dem?“
„Der Erste,“ haucht das Fräulein, dem ganz heiß geworden war, wie der Onkel so mir nichts dir nichts, ihr Liebesleben auseinandernahm. Oh Gott, denkt sie und fühlt, wie ihr der Schweiß überall kommt, auch da, wozu sie nicht mehr da unten zu sagen soll.
Aber was der Onkel sagt, über den Jan und sie im Bett, stimmte. Da hat sie keine Freude von, was der Jan da macht. Wollt sie garnicht haben, schwanger wollt sie werden. Zu denken hat ihr das immer schon gegeben, warum Unkeuschheit was ja Sünde war, und Kinder machen so zusammenhingen. Nu sagt der Onkel, es wär heilig das im Bett und soll Spaß machen, und auch der wär heilig. Sie hat das ja eben erst vom Onkel gehört, und andersrum hat sie ihr ganzes Leben, das Falsche für richtig gehalten, und das Richtige für das Falsche. Da musst sie erst mit fertig werden.
„Onkel“ sagt sie, „kann ich mal raus?“
„Sicher Marjellchen, lauf mal durch unseren Garten, geh mal runter zum See, in der Reuse hängen bestimmt paar fette Aale.“
Also geht sie raus in den Garten, der in der langsam herankriechenden Dämmerung seine Farben verliert. Wenn da Aale in der Reuse stecken sollten, muss ich eilen, denkt sie, sonst sind die bald nicht mehr zu sehen.
Als sie am Seeufer von wo aus der Steg, lang und schmal in den See hineinsticht ankommt, sieht sie am Ende der Planken eine Gestalt an den Reusen hantieren. Sie geht raus auf‘s Wasser, ein wenig auf dem schmalen Holz balancierend.
Ohne sich zu ihr umzudrehen, sagt der Mann der da hockte, nimm den Korb ein fetter Lorbass ist schon drin, aber es hängen noch zwei, werd ich noch lösen. Er kniete auf der glatten nassen Planke, und in der immer schneller hereinbrechenden Nacht, kann sie nicht sehen wie sie helfen könnte.
„Ich seh nichts,“ sagt sie, „halt nur den Korb gut zu,“ kommt es zurück, „da ich hab schon den Nächsten.“
Er dreht sich zu ihr, der Fisch hatte seine Schlangengestalt um seinen Arm geringelt.
„Ich bin der Eli und du die Undi“ sagt er, „komm, pack den Kerl hier vorn bei meiner Hand, fest im Genick. Ich zieh den Arm zurück, und halt ihn dann am Schwanz und rein in den Korb mit ihm. Pack fest zu, und bleib vom Maul weg, unser Freund ist wirklich stark!“
So klappte das, und als sie den Aal in den Korb drücken, war das Gesicht von Eli ganz nah bei ihrem, er war noch jung, aber schon ein Mann und roch nach frischem Wind und etwas Gutem, von dem sie nicht wusste wo es herkam.
Der nächste Aal war kleiner, der Eli konnt ihn mit einer Hand halten, „der ist zu klein, soll er noch ein zwei Jährchen fett werden,“ sagte er, und wirft ihn zurück in den See.
„Wir sind fertig, gehen wir zum Onkel, Undi.“
„Du hör mal, ich hab einen anderen Namen,“ wehrt sie sich.
„Ja, wie heißt du denn?“ der Eli.
Da dachte sie wieder an das, was der Onkel ihr von den Namen, und was sie für den Menschen bedeuten, erzählt hatte. Der Eli gefiehl ihr wie er auf dem Steg kniete, sie zog das Näschen kraus, versuchte rauszukriegen, wonach der Eli so gut roch. „Ist schon gut Eli,“ sie lachte, streckte ihm ihren Arm hin, hilft ihm aufstehen, „nenn mich wie du willst.“
In der Kate hatte der Onkel die Petroleumlampe angezündet, der Docht brannte stetig ohne zu blacken, das Licht das er gab war warm und golden.
Auf Blumenthal war in allen Räumen elektrisches Licht , heller war das ja, dachte sie, aber heimeliger war die Funzel, wobei ihr die langen Winterabende in der elterlichen Kate in der Erinnerung standen, wo sie allesamt um den großen Ofen in der Stube hockten, wenn der Sturm, der von Rußland rübertobte, um‘s Haus heulte.

„War was drin in der Reuse,“ wollte der Onkel wissen, und nahm auch schon dem Eli den Korb aus der Hand, klappte den Deckel hoch. „Ei sieh mal, was für schöne fette Kameraden, die wiegen mindesten ein Kilo das Stück.“
„Ich glaub noch mehr,“ der Eli, „einen hab ich kaum aus der Reuse gekriegt, solche Kraft hat der.“
„Na, will ich sie mal schlachten,“ der Onkel. „Schaffen wir beide, oder genügt einer,“ fragte er rüber zum Fräulein. Die steht ein wenig weg von den Männern, gegen den Tisch gelehnt und träumt.
„He Marjellchen, sieh mal her die Lorbasse, soll ich beide braten oder genügt einer?“
„Weiß nicht,“ antwortete sie, „kenn nicht euren Appetit, aber wenn ich euch so seh, und meinen Magen knurren höre, schlacht mal beide.“
„Gut entschieden, und wir braten sie doch?“
„Ja würd ich sagen, frisch wie die sind, in Butter mit viel Salbei.“
„Wird gemacht,“ und raus war der Onkel aus der Kate.
„Wo geht er hin?,“ fragte sie den Eli.
„In unsere Küche, die ist draußen neben der Sauna. Hier drin ist zu klein, hast immer den ganzen Koch und Bratmief in der Stube, bleibt in allem hängen. Riechst immer nach Fisch oder Plinsen oder Wrucken, was gerade auf dem Herd gehabt hast.“
„Aber Eli, den schönen Bratduft von den Aalen, wenn die so richtig braun werden, den hast dann nicht in der Nase, ist doch schade?“
„Sieh hier das Fenster,“ der Eli, „mach auf und schon kannste ne Nase voll nehmen. Ist jetzt noch zu früh, noch liegen die nicht in der Pfanne.“
„Weißt du Eli,“ vertraute sie sich ihm an, „ich bin hierher gekommen, wegen eines besonderen Problems, und weil ich gehört habe, der Onkel könnt helfen.“
„Kann er, Undi,“ Eli zögerte ein wenig, als er sie Undi nennt, sah ihr aber fest in die Augen. Wie bei ihrem Zusammentreffen auf dem Steg, fühlt sie wie ihr wohlig wird. Eli fühlt das auch, und legt einen Arm ganz behutsam um ihre Schulter.
„Kann er nicht nur, Undi, er tut‘s auch,“ bekräftigt er, „du bist schon mitten drin in der Hilfe.“
„Ja, aber...?“
„Sag einfach nicht ja aber, und was hinterher kommt. Setz dich hier zu mir auf die Bank, wir warten auf den Duft von den Lorbassen, der gleich zum Fenster reinziehen wird.“ Er musste sie ein bißchen ziehen, nicht viel, klein wenig nur. Er legte auch seinen Arm nicht wieder um sie, sollte sie nur so sitzen, ging schon alles von allein weiter.
So saß sie da, und wußte erst nicht wohin mit Arm und Bein, mehr noch mit sich. Sie wollte den Eli fragen, warum sagst du Undi zu mir, ließ es aber. Warum nennst du mich Undi, konnte sie nicht sagen, sie fühlte, wenn sie so fragte, da hatte sie den fremden Namen schon angenommen. Sie hatte die Worte vom Onkel gut bedacht, der Mensch muss um Mensch zu sein was Eigenes haben, sie fühlte, das Sparbuch langte da nicht, doch ihr Unbehagen konnte sie nicht so einfach verlieren. Es war wohl die Nähe, die vom Eli kam, ihr wohl tat und auch wieder nicht, etwas tief in ihr drin zitterte.
„Undi,“ erklärte der Eli auf einmal ganz ungefragt, „ist ein schönes Wasserweib, eine Nixe. Du bist über den Steg, also über das Wasser gekommen, standest plötzlich hinter mir, als ich vor der Reuse hockte. Da dachte ich Undine, und gleich darauf Undi, um den Bann von dir fernzuhalten, unter dem Undine steht.“
„Was für einen Bann?“ zog sie die Stirn kraus, „ so was gibt es doch nur im Märchen nicht in Wirklichkeit, Eli!“
„Ja,“ sagte der darauf, „da sollte man erst einmal wissen, was die Wirklichkeit ist. Jedenfalls in der Wirklichkeit der Undine, bewirkte der Bann der ihr die Seele gefesselt, sie habe sich in einen sterblichen Erdenmann zu verlieben, diese Liebe müsse erwidert werden, um die Fesseln ihrer Seele zu lösen..“
„In einen sterblichen Erdenmann,“ flüsterte die Undi, „ sterbliche Erdenmenschen, sind wir alle, nicht Eli?“
„Ja Undi, sind wir alle.“
„Verlieben Eli, hat sich die Undine denn verlieben können, und ihre Seele zurückbekommen?“
„Ich weiß es nicht Undi, ich weiß nur, viele Geschichten, auch große Musikaufführungen, hat es um das Schicksal der Undine gegeben.“
„Ist verlieben gefährlich, Eli?“
„Gefährlich? nein nicht gefährlich, aber beunruhigend, wegen der Träume, Hoffnungen und wegen der Sehnsucht.“
„Ist Sehnsucht, wenn man von Anderen nicht mehr lassen möchte, und der Andere ganz und gar in einem ist?“fragte die Undi jetzt den Eli, und der antwortete:
„Ja, das ist die Sehnsucht.“
„Dann hab ich sie bis heute nie gehabt, nie,“schüttelte sie den Kopf.
„Wie meinst du das bis heute,“ fragte er, und nahm ihre Hand.
„Bis jetzt eben, Eli, als wir uns am Steg trafen, hatte ich die Sehnsucht nie, doch wo meine Hand jetzt in deiner liegt, da will die Sehnsucht, du sollst die andere Hand auch nehmen,“ und als der Eli die nahm, flüsterte sie, „und mich umschlingen,“ und der Eli umschlang sie und küsste sie zärtlich auf den Mund.
Der Undi raste das Herz, was tief in ihr war wollte raus, sie fühlte es Drängen, meinte zu zerspringen und gleichzeitig war ihr so unbekannt glückselig.

Der Duft der aus der Pfanne mit den Aalen, die der Onkel draußen vorm Fenster briet, holte sie auf die Erde zurück.
„Eli, Fräulein,“ rief der Onkel, „ist der Tisch gedeckt? Ich komme!“
In Windeseile warf der Eli ein Tuch über den Tisch, die Undi verteilte Teller, Messer und Gabeln. .
Als der Onkel mit der brutzelnden Pfanne erschien, war alles gerichtet. Halt die Kartoffeln fehlen, rief er und der Eli war schon unterwegs und kam mit der dampfenden Schüssel zurück. Mit einem raschen Schnitt, löste der Onkel das Fleisch von der Gräte, und verteilte den Fisch auf die Teller. Na dann wollen wir mal, sagte er, und man konnte ihm ansehen, wie er seinen Appetit bei der Braterei in Zaum hatte halten müssen. „Am schwierigsten beim Kochen“ meinte er, „ist nicht naschen. Wenn damit anfängst, kannst nicht wieder aufhören und bei Tisch ist der Hunger weg. Kennst du sicher auch, Fräulein?“
„Ja Onkel, da hast Recht, aber nenn mich doch wo ich hier bin, Undi, den Namen hat mir, wie du schon prophezeit hast, der Eli gegeben. Ich mag den hören, und da hab ich was Eigenes.“
„Gut so Marjell, Undi mein ich, gut so.“ Denken tat er, gefällt ihr der Eli oder der Name, möglich beide. Er plierte rüber zu ihnen, und wusste beide.
„Weil Aal und Butter zusammen so fett sind,“ dozierte er, „hat man in Ostpreußen den Bärenfang erfunden, der lockt die Galle und sorgt, dass die mit all dem Fett fertig wird. Deshalb haben wir auch immer paar Flaschen im Haus,“ und er zog eine grosse Flasche unter der Bank hervor.
„Undi, als Fräulein interessiert dich sicher die Rezeptur?“ eben wollt er anfangen aufzuzählen, was in einen hausgemachten Bärenfang reingehört, doch er unterbrach sich, „hab ich aufgeschrieben, lasst uns trinken nicht schwätzen.“
Sie tranken, der süße scharfe Schnaps brachte den Magen so ins Gleichgewicht, dass das Fett von dem Aal, und die gute Butter in der er gebraten worden war, so sortiert wurden, dass nichts drückte.
Ja, dachte das Fräulein bei sich, wenn nach dem Essen nichts mehr ansteht, man sich nur noch lang machen muss, ist gut Bärenfang trinken. Kann man nicht alle Tage haben, und tut, wenn man es haben kann doppelt gut, sie streckte sich wie eine Katze vorm warmen Ofen und schob dem Onkel ihr Glas rüber.
Der guckte sie scharf an, „meinst geht noch eins?“
„Auch zwei,“ die Undi gelassen, „bei der Unterlage.“
Eli der zwischendurch mal immer rausgegangen war, kam jetzt zurück mit dem Ruf: „90° hab ich sie drauf gebracht, das hält nicht lange, beeilt euch.“
Der Onkel und Eli, puhlten sich da wo sie standen, aus Pullover, Hemden und Hosen, würden gleich nichts mehr anhaben, nackt da stehen, schwante dem Fräulein.
Quatsch Fräulein, gab sie sich einen Ruck, Undi, Undi hatte keine Probleme mit untenherum zu haben. Das Saunabad gehörte eben auch zur Hilfe. Sie knöpfte sich die Bluse auf, streifte den Rock runter, stieg aus dem Schlüpfer, und stand fast gleichzeitig mit den Männern nackt in der Stube.
„Dann man rein in die Hitze!“ kommandierte der Onkel, riss die Tür auf und war schon unterwegs.
Eli staunte zu der ganz unbekümmert um ihre Nacktheit, vor ihm stehende Undi runter, und hauchte ihr einen schnellen Kuß auf die Nase.
Die schob ihn mit dem Zeigefinger, einen Meter oder so von sich weg und sagte, „ich möcht mich erst seifen.“
„Kannste,“ wies der Eli sie ein. „In der Ecke wo das große Abkühlfass steht, ist Seife und ein Schlauch. Wenn den Hahn aufdrehst, kommt das kalte Wasser direkt vom Fass.“ „Dann mach du mal zum Onkel, und halt mir ein Plätzchen warm.“ schickte sie in weg.
Sie seifte sich unter dem kalten Strahl aus dem Fass, das sein Wasser über eine Leitung direkt vom See bezog. Sie biss die Zähne ordentlich zusammen, um nicht laut loszukreischen, als der kalte Strahl sie traf. Aber darauf warteten die Kerle in der Sauna ja nur.
Die Haut war wie Eis unterlegt, ihre Brustknöspchen zu kleinen Plateaus zusammen gezogen, auf denen die Spitzchen keck nach oben ragten. Sie legte beide Hände um die straffen Halbkugeln, guckte an sich runter und dachte zufrieden, na jetzt können die Beiden mal in aller Ruhe, ne feste masurische Marjell bestaunen.
Die Saunahitze legte sich wie Gelee auf die Haut, sie setzte sich schnell um den Schwindel abzufangen, der sie fast stolpern ließ.
„Das Seewasser,“ dozierte der Onkel, „hat man nicht mehr als 6-7°Grad. Hier drin, er drehte sich zum Thermometer um, sind 88°. Macht 81° Differenz binnen einer Sekunde, wenn du vom Fass hier reinkommst. Kann ich nicht mehr machen, zu alt. Früher, ist schon lange her, haben wir im Winter, wenn der See zugefroren war Löcher ins Eis gehackt, sind aus der Sauna direkt rein ins Eiswasser. War aber nicht viel kälter als das Wasser aus dem Fass, vielleicht 4-5° mehr nicht, sonst wär‘s ja zu Eis geworden.“
„Wenn du ins Fass steigst, ist ja auch nicht von schlechten Eltern, Onkel, da musst ganz langsam reinsteigen,“ der Eli.
„Tu ich ja, hast ja oft genug über mich gelacht, wenn ich so zimpere.“
„Nicht weil du langsam reingehst Onkel, da lach ich nicht drüber. Nur weil du so stöhnst und schreist wie ein verwöhntes Marjellchen, wenn das Kalte an dich rankommt.“
„Mit dem verwöhnten Marjellchen, bin ich ja nicht gemeint Eli, oder?“ funkelte Undi, zum Eli rüber.
„Gott bewahre!“ schrie der Eli, „werd mich in die Nesseln setzen. Kein Laut hast von dir gegeben, als unterm kalten Schlauch standest, beim Seifen.“
„Aber gespannt habt ihr drauf?“
„Gespannt haben wir, stimmt,“der Onkel.
„So die Zeit ist um, wir sollten abkühlen. Am besten du Undi, springst als Erste ins Fass, wir müssen noch seifen.“
„Ob ich spring Onkel, ist noch nicht sicher,“ gab Undi ihm Bescheid. „Seit der Schlauchdusche hab ich ordentlich Respekt vor eurem Fass.“ Sie stieß die Saunatür auf, die frische kühle Abendluft hüllte sie augenblicklich ein, so weich und sanft wie wer weiß was.

Am nächsten Morgen hieß es Abschied nehmen. Der Onkel machte das unkompliziert. „Undi, jetzt wirst wieder Fräulein,“ sagte er, und ließ ihre Hand in seinen Pranken verschwinden. „Du weißt was Sache ist, weil nicht fragst. Wenn das Wasser dir mal wieder am Hals stehen sollte, und ich noch lebe, komm schnell. Wir holen ein Aal aus der Reuse, braten den schön, und findet sich alles.“
Der Eli stand daneben, ließ die Arme hängen. „Nu mach schon, sag ihr wie schön sie ist,“ forderte der Onkel.
Der Zug fährt um zehn und bis dahin sind noch zwei Stunden. Ich begleit dich zum Zug, Undi, wollte der Eli sagen. Sie sahs ihm an, der Onkel auch.
„Lorbass schrie der da, willst dir eine fangen, lass das Marjell allein gehen, die braucht den Weg!“
So ging sie den schönen Weg am See entlang zuerst, dann zwischen Weiden mit schwarzweißen Kühen, über sich den weiten blauen Himmel, in dem die Lerchen auf und nieder taumelten, im Rücken eine leichte östliche Brise, die ihr das Ausschreiten leicht machte. So leicht wie die Brise waren ihre Gedanken. Mit jedem Schritt wurde ihr klarer was geschehen war. Der Onkel hatte sie für voll genommen. Nicht als Fräulein. Nein als Mensch, als jemand der weiß wo es lang geht. Den man nicht führen muss, nur das Gatter Stückchen aufstoßen hatte genügt. Zusammen mit ein paar guten Worten, wo drüber nachgedacht werden konnte. An sich braucht ich über garnichts nachdenken, dachte sie. Was der Onkel gesagt hat, hab ich zwar nie so gehört, das von der Heiligkeit in einem drin, wenn‘s natürlich ist. Aber als er‘s sagte wusste ich, das stimmt. So als ob ich es schon immer gewusst hätte.
Und das mit dem Eli nach der Sauna, als der Onkel sich verabschiedet hatte.
„Kinder ich bin kapput, muß mich legen,“ hatte der gesagt, und sie und der Eli saßen allein in der Stube, splitternackt. Wenn uns da einer von den Blumenthalern gesehen hätte!? Die Naujoks hätte ja spinzen können, die würd sie ja sowie löchern, wenn sie zurück war.
Der Eli hatte die Flasche mit dem Rest Bärenfang unter der Bank vorgeangelt, sich und ihr noch ein Gläschen eingeschenkt.
Dabei, beim Flasche angeln und einschenken, war er ihr so nah gekommen, dass sein Oberschenkel und ihrer sich berührten. Da fühlte sie, wie wohl ihr der Eli mit seiner Berührung tat, und sie rückte eine Idee näher zu ihm hin, und der Eli darauf noch näher zu ihr, sodass er, als er seinen Arm jetzt um sie legte, ihre Brust streicheln konnte, ganz in die Hand nehmen ging nicht, da war sein Arm zu kurz. Eine Weile saßen sie so, der Eli streichelte ihre Brust, sie genoss das, den Kopf an seine Schulter gelehnt.
Gegenüber der Bank auf der sie saßen und dem Tisch, war ein Bord auf dem alte Kannen und Teller aus Kupfer standen. Aus dem bullerigen Ofen der vorn offen war, züngelte ab und zu eine Flamme mit heftigem Zischen, wenn das Feuer eine Harzmine im Tannenholz erreichte. Die Flammenzunge spiegelte sich auf den Kupfertellern und dem runden Bauch der Kanne, traf Undis Auge, verband sich mit ihrem Behagen und ließ sie vor Glück seufzen.

Eli fragte, „schön?“ Sie nickte. Da nahm er seinen Arm weg von ihrem Rücken und setzte sich rittlings auf die Bank. Sie tat es ihm nach. So saßen sie sich Aug in Aug, Brust an Brust gegenüber. Ihre Lippen glitten ineinander. Erschauernd fühlte Undi die heiße Welle die zwischen ihren Beinen geboren, ihr den Rücken raufkroch, sich in ihrem Kopf festsetzte, ihr fast die Sinne schwinden ließ
Eli, flüsterte sie Eli, als der sie ein wenig anhob, sich fester an sie drängte, und sie seine harte Lanze fühlte, die noch etwas zu hoch, dahin zielte wo sie sie haben wollte.
Sie schlang beide Arme um seine Schultern, hob die Füße auf die Bank. Saß nun so auf Elis Schenkeln, daß der nur noch bißchen hin und her schob, bis sie den dicken Kopf seiner festen Stange in ihrem Eingang fühlte.
Da war kein Schmerz, kein Gezerre und Gestosse.
Undi hielt ganz still, schob sich langsam ohne viel Bewegung über seinen Schaft, bis der ganz in ihr verschwunden war. Halt dich fest an mir flüsterte der Eli, schling deine Beine fest um meinen Rücken.
Vorsichtig stand er auf, trug sie in seine kleine Kammer, legte sie aufs Bett ohne das die Kupplung unterbrochen worden wäre. In ihr stand der sich aufschauckelnde, brodelnde Vulkan, durch die beim Gehen erfahrenen Reize, unmittelbar vor der Eruption.
Der Ersten meines Lebens, dachte sie beschwingt ausschreitend in Gedanken an diese köstliche Erfahrung, während sie genüsslich jeder Einzelheit dieses Ausbruchs und der weiteren dieser Nacht nachspürte.
Eins wurde ihr bei diesem Nachfühlen klar, so wie das mit dem Jan bislang gelaufen war, ging es nicht weiter. Was sie nicht verstand war, wieso der Jan, der doch die jungen Dinger so wie sie kamen vernaschte, nicht mehr von der Liebe verstand, zumal die, wenn‘s dann aus war, noch wochenlang hinter ihm hergreinten.
Sollte der Jan, ihr Verhältnis als Zweckbund für Familiengründung und Gelderwerb sehen? Wobei sie nicht umhin kam, sich ähnliche Absichten einzugestehen. Nur sie war, was die Freuden des Bettes anging, total jungfräulicher Boden, der Jan war ihr Erster und bis auf den Eli letzte Nacht, auch ihr Einziger.
Für sie, war das mit dem Jan nie eine Freude gewesen. Platt und teilnahmslos hatte sie im Bett gelegen, den fuhrwerken lassen, jawoll fuhrwerken.
Eine rechte Wut stieg ihr hoch, was hatte der Kerl eigentlich im Kopf? Wollte ihr offensichtlich nur ein Kind machen. Danach noch eins, und noch eins, und noch eins. Sie würd mit ihren Bälgern und der Wirtschaft da sitzen, während Musjöh sich das Vergnügen bei den Frischlingen holte.
Gesine Naujoks sei Dank, so würd das jetzt nicht mehr laufen. Konnte aber auch sein, der Jan wusste nicht anders, in seinem dicken Bauernschädel. Konnte sein.
Ja Marjellchen, da musst du den Onkel machen, erkannte sie. Nur wie? kann ihm ja schlecht erzählen wie der Eli und ich uns, vom siebten in den siebzigsten und von da in den siebenhundertsten Himmel katapultiert haben. Kann ihm nicht abgeben von den Seufzern und Schreien. In nicht mitnehmen in die Hülle der Haut, die aus Eli und mir ein Wesen machten. Ein Hirn, ein Mund, ein Bauch, eine schäumende Wolllust.
Und laut sagte sie Wolllust, und lauter, ja Wolllust, dann schrie sie über die grünen Weiden, die Sommerblumen, das Vieh und hinauf zu den Lerchen. „Jaa Wolllust! Wolllust! Jaa, jaa, jaa!“
Aus dem Tritt kam sie, hinter Atem ein wenig, von dem Schreien und was schlich da, von den Zehen zu den Haarspitzen, vom Nabel zum Rücken, von der äußeren Haut, tief nach Innen, wo früher immer Dunkel gewesen? Ein Licht ging da auf, Warmlicht zum hineinschmiegen weich, polsterte weg alles Rauhe, alle scharfen Ecken.

Sie faßte wieder Tritt und der Jan kam zurück. Stand da groß, ungelenk, sah sie an mit seinem Eselsgesicht. Wie sollt sie dem helfen, nahekommen?
Wie könnt man leben mit dem? Wie sein Ohr je küssen, sein Aug. Wie seine Hand zärtlich machen, sie dahin führen, wo Zärtlichkeit einzige Münze. Worte wispern ohne Sinn, nur Stimme sein. Arm in Arm liegen endlos, zeitlos, zuhaus im Glück.
Mit jedem Schritt dem sie dem Bahnhof näher kam, wurde ihr deutlich, unmöglich. So ging das nicht mit dem Jan, und so wie früher nicht mehr mit ihr. Da blieb nur die Trennung vom Jan, auch von Tilsit, und erschreckt erkannte sie, wie wert ihr Tilsit war.
Im Zug, als sie ruhig auf der helllackierten Holzbank saß, in die ungelenke Herzen mit Pfeilen und Buchstaben eingeritzt waren, sagte sie sich: Jetzt mal eins nach dem anderen.
Erst mal rausgucken, zusehen wie die Landschaft am Fenster vorbeizuckelt.
Klären wie der alte Abraham, den die Nazis weiß Gott wo hingeschleppt hatten, immer sagte. Klären bevor du tust. Sorgfältig klären.
Nur, was hat all seine Weisheit ihm genutzt? Doch da lag der Fall anders, wer konnt voraussehen, den eigenen Staat als Räuber erkennen.
Bei dem Klären und hin und wider wenden, kam raus was auch wichtig war:
Der Eli war‘s nicht, der den Jan verdunkelte. Mal zur Seite gestellt, aber doch wichtig, der Eli war viel jünger als sie. Fast noch ein Jungchen. Nie vergessen würd sie den Eli, den sie sich aber mehr und mehr, als Onkel-Undi-Eli Person vorstellte.
Ohne Onkel kein Eli. Das was sie mit dem Eli erlebt hatte, war die Lust, die reine unverstellte Lust. Der Onkel hatte ihr ermöglicht, sich hinzugeben an die Lust. Wie konnte sie nicht sagen. Braucht auch nicht. War eben so.
Was den Jan unmöglich für sie machte, war etwas Neues. Etwas das seinen Keim im Erleben mit Onkel und Eli trug. Etwas hinter der erlebten Zärtlichkeit und Zuwendung wohnendes, Unbekanntes. Etwas von dem sie hoffte, es könnte die Wärme in ihrem Inneren lebendig halten, lange, vielleicht für immer brennen lassen.
Als sie auf Blumenthal ankam, war der Jan schon nicht mehr da. Unteroffiziere der Reserve sind gesucht wie Stecknadeln im Heuhaufen, wenn‘s mulmig wird, erklärte der Chef, als sie nicht verstehen wollte, wieso der Jan so Knall auf Fall Soldat werden musste.
Versteh doch Fräulein, in Berlin wird was Großes geplant. Österreich, dann die Tschechei und jetzt ist der Polack dran. Ist ja Recht. Danzig und der Korridor gehört zum Deutschen Reich. Bisher hat der Führer ein glückliches Händchen gehabt, bei der Wiederherstellung der uns in der Systemzeit abhanden gekommenen nationalen Ehre. Da ist jeder Deutsche gefordert, jemand wie der Jan steht da seinen Mann.
Sechs Wochen später war der Jan tot. Geblieben auf dem Felde der Ehre. Einer der Ersten von den Millionen die noch sterben sollten.

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HFleiss
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Eine gutgeschriebene Geschichte. Hervorstechend der Dialekt, sehr glaubwürdig. Ein paar Längen kannst du noch rausnehmen, ich merke sie immer, wenn ich beim Lesen abschweife, ein paarmal ist das passiert. Aber du füllst sie mit der "dialektischen" Plauderei so herrlich aus, dass man darüber hinwegsehen könnte. Und trotzdem: Ich habe bei der ganzen Geschichte ein nicht wirklich angenehmes Gefühl. Ich kenne deinen persönlichen Hintergrund nicht (ich nehme an, du stammst aus der Gegend um Königsberg?), bin aber doch ein bisschen besorgt, dass verschiedene, durchaus aggressive Organisationen der Bundesrepublik (Landsmannschaften) solche Texte für ihre Propaganda missbrauchen könnten. Ich verstehe dein Heimatgefühl sehr gut, obwohl natürlich ein Schuss Nostalgik dabei ist, aber was macht es. Und obwohl du sehr gut die archaischen Verhältnisse dieser Gegend, als sie noch deutsch war, beschreibst, fehlt mir doch ein wenig der kritische Blick. Du richtest dich recht gemütlich in der Vergangenheit ein, aber es hat doch einen Grund, weshalb Königsberg heute nicht mehr deutsch ist - wenn man die Umtriebe der deutschen Nazis dort nicht zum Deutschsein rechnet. Verstehst du meine Bedenken?

Gruß
Hanna

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Inu
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Hallo Haarkranz

Ich finde die Geschichte gar nicht schlecht. Ist sehr gut, auch interessant zu lesen, Dein etwas altertümlicher, beschaulicher Stil. Allerdings bin ich wie schon so oft, Hannas Meinung. Bitte kürze ... so viel Nebenstränge, Nebengedanken will/kann ich als gehetzter Mensch unter Zeitdruck nicht wirklich genießen, da einiges davon tatsächlich für den Fortgang der Handlung nicht wichtig ist.

Aber dann der Schluss:

Versteh doch Fräulein, in Berlin wird was Großes geplant. Österreich, dann die Tschechei und jetzt ist der Polack dran. Ist ja Recht. Danzig und der Korridor gehört zum Deutschen Reich. Bisher hat der Führer ein glückliches Händchen gehabt, bei der Wiederherstellung der uns in der Systemzeit abhanden gekommenen nationalen Ehre. Da ist jeder Deutsche gefordert, jemand wie der Jan steht da seinen Mann.
Sechs Wochen später war der Jan tot. Geblieben auf dem Felde der Ehre. Einer der Ersten von den Millionen die noch sterben sollten.


Vielleicht sollte es ironisch klingen? Tut es aber nicht. Ich sehe auf Dein Alter ( im Profil ) und denke: Ein ewig Gestriger. Dass Du das nur so gedankenlos hingeschrieben hast, ist unwahrscheinlich. Dafür scheinst Du mir zu klug. Zu sehr in der Lage, Deine Worte abzuwägen. Auch feinfühlig . Vielleicht hast Du den Schluss doch sarkastisch gemeint? Ich weiß es nicht. Der Pollack und so ... das gefällt mir überhaupt nicht

LG
Inu

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GabiSils
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Ich denke, der Schluß gehört zum Zeitbild. Haarkranz erzählt ja nicht aus heutiger Sicht, sondern bleibt in der Szene, und da war diese Denkweise doch nicht ungewöhnlich. Hier gleich gestriges Gedankengut zu wittern, halte ich für falsch; erst der allerletzte Satz gibt einen Ausblick auf die Zukunft und läßt des Autors - kritische - Haltung dazu auch durchschimmern.
Eben dieser letzte Satz ist andererseits für mich etwas abrupt, so als ob "Fräulein" Teil einer längeren Erzählung oder eines Romans wäre.
Ein wenig straffen wäre wohl nicht schlecht, aber vorsichtig, um dem Text die Farbigkeit nicht zu nehmen.

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HFleiss
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Fräulein

Nein, hier spricht nicht ein Ewiggestriger. Der Schluss bleibt in der Geschichte, und man muss natürlich auch die Zeit bedenken, mich hat der Schluss überhaupt nicht gestört. Es ist dieses wirklich ländlich-archaische Denken, das sich so ausdrückt (man hat ja als Berliner gegenüber einem Ostpreußen ein ganz komisches Gefühl: Wie spricht der Kerl überhaupt, meint der denn das alles ernst? Ich habe mal einen waschechten Ostpreußen gekannt, da kam jedes Wort wie ein Holzhammer, der nachfedert und den man ein bisschen streicheln möchte, wenn er es denn ließe). Mir gefällt die Geschichte wirklich sehr, da kann man lange suchen, bis man so etwas Rundes findet. Aber die Gefahr besteht immer, dass irgendwer das, was echt ist, für falsche Zwecke ausnutzt.

Gruß
Hanna

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Inu
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Hanna schreibt:

quote:
Es ist dieses wirklich ländlich-archaische Denken, das sich so ausdrückt (man hat ja als Berliner gegenüber einem Ostpreußen ein ganz komisches Gefühl: Wie spricht der Kerl überhaupt, meint der denn das alles ernst?
Das hat mich z. b. jetzt gar nicht gestört. Obwohl ich nie mit Ostpreußen in Verbindung gekommen bin, fand ich den Dialekt und die Mentalität überhaupt nicht befremdlich.
Nur manchmal hätte Haarkranz ein bisschen kürzen können, denke ich.
Mich störte tatsächlich nur der Schluss. ich zitiere ihn jetzt nochmal:
quote:
Versteh doch Fräulein, in Berlin wird was Großes geplant. Österreich, dann die Tschechei und jetzt ist der Polack dran. Ist ja Recht. Danzig und der Korridor gehört zum Deutschen Reich. Bisher hat der Führer ein glückliches Händchen gehabt, bei der Wiederherstellung der uns in der Systemzeit abhanden gekommenen nationalen Ehre. Da ist jeder Deutsche gefordert, jemand wie der Jan steht da seinen Mann.
Sechs Wochen später war der Jan tot. Geblieben auf dem Felde der Ehre. Einer der Ersten von den Millionen die noch sterben sollten.
Ich habe mich womöglich schlecht ausgedrückt, ich unterstelle Haarkranz ( von dem ich nur diese eine Geschichte kenne ) kein nationalsozialistisches Gedankengut. Ich wollte nur sagen: Vorsicht... so wie es hier steht, kann jemand es in den falschen Hals bekommen. Ich nahm die Geschichte auch als abgeschlossen hin und dachte nicht, dass es nur ein Ausschnitt aus etwas Längerem ist, wo vielleicht noch öfters die Rede von den politischen Zuständen der damaligen Zeit sein wird. Aber hier stehen diese Sätze sehr gesondert und kommen auch besonders zur Geltung und könnten als Verherrlichung des Nationalismus verstanden werden.

Inu

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