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Leselupe.de > Erzählungen
Früher Winter
Eingestellt am 20. 10. 2002 03:02


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Amely_Lea_Brandon
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Früher Winter



Vorwort

Mein Vater sagt immer, wenn er mich so reden hört, man könnte denken es säße eine alte Frau vor ihm, nicht ein achtzehnjähriges Mädchen. Er sagt, erst wenn man alt ist hat man das Recht, aus den Erinnerungen zu leben und nicht mehr aus dem Leben selbst zu schöpfen. Doch das ist genau das was ich innerlich fühle. Alt, verbraucht. Ich kann mich an den Frühling kaum erinnern, der Sommer ist vorbei und der Herbst nur noch graue Vergangenheit. Der Winter hat angefangen, ohne dass ich es selbst wahr genommen hätte, doch langsam fühle ich dass die Dunkelheit in mir immer stärker und die Zeit des Lichts kürzer wird. Der Tag ist die Nacht, die Nacht ist einsam und kalt. Fast möchte ich meine Eltern verfluchen mich geboren zu haben, denn nicht nur das Leben schenkten sie mir, sondern auch den Tod. Und ich spürte wie der kalte Hauch des Todes mich umgibt, mit jeder weiteren Minute die verstreicht kommt er näher um mich mit seiner kalten grausamen Hand zu erfassen und mich zu brechen wie einen dürren Zweig. Doch die Zeit ist noch nicht so nah, dass ich auf eine Erlösung warten kann. Ein langer Weg liegt vor mir und Gott alleine weiß wieviel schmerz und Pein ich noch ertragen muss. Gott... sprach ich gerade von Gott. Ein Fantasywesen genauso echt wie das Einhorn und der Leviathan. Die Kirche in der ich meine Antworten suchte die ich zum Leben hatte, gab mir nichts als neue Rätsel. Und Geschichten ebenso glaubhaft wie aus den Märchen der Gebrüder Grimm. Geschrieben von Menschen, das Wort Gottes enthaltent. Doch welches Wort? Sofern es Gott gibt, so hörte ich nie seine Stimme. Nie spürte ich die sanfte Hand des himmlischen Vaters in der Stunde der Not in der ich Trost brauchte. Nie fand ich Trost in den Gebeten die ich zu ihm schickte als meine Augen noch blind waren und mein Glaube so naiv in der Religion verwurzelt.
Nein, er ist nicht da. Sofern er es jemals war...
Nur war es von jeher einfacher für die Menschen an ihn zu glauben und an seinen großen Plan. An das Schicksal das er für jeden von uns bereit hält. Doch wie kann jemand, der uns schuf so grausam sein, dass er Kinder erschafft nur um sie an Hunger sterben zu lassen? Wie kann er seine großartige Schöpfung von dem Virus zerstören lassen der sich Mensch nennt und sich an die Spitze allen gesetzt hat und sich Gottes Kreaturen die er nicht minder lieben sollte untertan macht?
Der Tod muss das Ende sein, obwohl es kein Ende gibt. Doch diese Vorstellung ist nicht für den Menschen akzeptabel. Er scheint sich selbst so wichtig, also wie kann es sein, dass es einmal eine Welt geben könnte in der er nicht existiert? Also muss sein Ende das Ende alles anderen sein... Doch was kümmert es die Natur wenn der Mensch nicht mehr ist? Neues wird entstehen und vielleicht der Fehler eine herrschende Rasse geschaffen zu haben ausgemerzt sein. Ein Neubeginn... ein neues Geschlecht von Herrschern und alles beginnt von vorne. Vielleicht bessere Herrscher als wir es jemals sein können...
Ich bin müde... ein Leben verwirkt obwohl nicht vorbei. Doch zerstört und fast ausgelöscht. Fast bin ich verblasst, ein Fantom das keiner sieht. Menschen sehen mir in mein Gesicht und sehen durch mich hindurch. Nur selten nehmen sie mich wahr und wenn sie es tun sehen sie mich abschätzig an und lassen ihren blick weiter wandern. Dann bin ich wieder unsichtbar. Und lange habe ich gebraucht um festzustellen, dass es mich nicht gibt.
Leute in meiner Klasse unterhalten sich, stehen direkt neben mir und reden über Klausuren. Oder über die Lehrer die ihnen auf den Geist gehen und die unbarmherzig ellenlange Hausaufgaben geben. Ich mische mich in das Gespräch, doch sobald ich geendet habe sehen sie mich an und sind für einen Moment erstaunt. War es der Wind, der eben wisperte. Es musste wohl so sein, denn wir sehen niemanden...
Manchmal möchte ich dann schreien, so laut bis sie mich endlich sehen, doch meistens suche ich nur das weite und will alleine sein. Auf dem hinteren Pausenhof eine rauchen, obwohl das nicht erlaubt ist. Doch ich laufe kaum Gefahr einen Verweis zu erhalten, denn auch die Lehrer sehen mich nicht.
Manchmal ist das ein Vorteil, zum Beispiel wenn es um die Hausaufgaben geht die ich nicht gemacht habe. Sie notieren sich jeden, der sie versäumt, doch da sie mich nicht wahrnehmen bleibe ich verschont. Sie teilen die Arbeiten aus, und wenn ich dann wie immer eine Eins bekomme verlieren sie kein Wort. Während sie die anderen loben sitze ich da und sehe aus dem Fenster und versuche noch unsichtbarer zu werden, damit ich etwas schlafen kann. Denn ich langweile mich. Lange hat es gedauert und nun bin ich dabei meinen Realschulabschluss nach zu machen. Von unzähligen Schulen bin ich vorher geflogen, habe mich zwei Jahre lang nur herum getrieben bis mich mein Vater zwang mit Geldentzug den Abschluss nach zu holen. Ich sagte ich wäre zu dumm dafür, er solle mich in Ruhe lassen. Doch er hörte nicht. Nun gehe ich jeden Tag hier her, zu Menschen die mich nicht sehen können und langweile mich. Immer versunken in ein Buch, der einzige Freund der mir bleibt.
Dann komme ich am Nachmittag nach Hause, die Wohnung ist leer, denn meine Schwestern sind mit Freunden unterwegs und mein Vater ist in der Arbeit. Doch trotzdem werde ich gesehen, liebevoll und freudig empfangen von meinem besten Freund: meinem kleinen Hund Baby, der mich mit wedelndem Schwanz empfängt und sein Futter möchte. Doch nachdem er bekommen hat, wonach es ihm verlangt verblasse ich immer mehr und drifte langsam wieder in den Status der Unsichtbarkeit ab.
Verkrochen auf meinem Zimmer lasse ich den Tag an mir vorüber gehen. Schlafe, stehe auf, gehe in die Schule in der man mich nicht sieht und komme nach Hause und füttere den Hund, verkrieche mich in meinem Zimmer und gehe schlafen.
Ich bin nicht sehr bewandert in der Physik und um diese Unwissenheit zu beheben kaufte ich mir ein Buch über Mystik und neue Physik. Dort las ich von dem Versuch "Schröbingers Katze" und verstand eines: Seine Theorie war, dass etwas nur existiert sobald ein äußerer Betrachter dies wahr nimmt. Ein neuer furchtbarer Gedanke schlich sich in mein Hirn, machte mich fast wahnsinnig. War es so, dass ich aufhörte zu existieren sobald ich meine Wohnung in der früh verließ und erst wieder existent wenn ich sie am Abend betrat und mein Hund mir schwanzwedelnd entgegen lief? War ich nur vorhanden weil er mich sah... Verwirrend und interessant zugleich.

Gegen meine Depressionen die mich so oft plagen hilft mir nichts mehr. Ich weiß nicht, was mich davon abhält eine Klinge an meinen Arm zu setzen und alles zu beenden. Doch etwas in mir hängt an dem was ich habe, auch wenn es nicht viel ist. Es sehnt sich nach der Eintönigkeit und dem Leben das eigentlich keines ist. Es sehnt sich nach jeden neuen Kampf der sich mir am Morgen bietet, ein Kampf gegen mich selbst gefochten damit ich nicht verzweifle. Und etwas in mir sagt mir, dass es schöne Dingen gibt, auch wenn ich sie nie sehe. Blind wie ein Pferd mit Scheuklappen laufe ich durch mein Leben, den Blick starr nach vorne gerichtet auf die Straße die mich in die Dunkelheit führt. Ich sehe nicht die schönen Blumen die am Wegrand wachsen, verweile nicht bei ihnen um mich an ihrer Schönheit zu laben. Ich renne, schnell und schneller, außer Atmen als hätte ich einen Marathon zu gewinnen.
Doch in meinen Träumen, da renne ich nicht... ich gehe von der Straße ab und stürze mich in Abenteur auf den schmalen Pfaden auf denen ich wandle. Mit offenen Augen und ohne mein selbstgeschaffenen Schranken. Doch irgendwann, wenn die Nacht vorüber ist, lege ich die die Scheuklappen wieder an, betrete die Straße und renne weiter auf das Dunkel zu....
Doch die Straßen sind endlos.
Alles ging fehl, von anfang an und zieht sich als roter faden durch mein leben das kein ende nehmen will. War ich jemals jung? Mir scheint es nicht so....
Selbst meine äußerliche jugend kann nichts daran ändern, jene die mich nicht kennen schätzen mich auf 16, jene die mich kennen sehen die alte frau vor ihnen. Verbraucht, zermürbt, vom leben gezeichnet. Verwirrt und dem Ende so ergeben wie kaum manche die schon fast ein Jahrhundert existieren.
Mit einem Schrei fing alles an, gleich dem Urknall. Geschleudert wurde ich in diese Welt, Kälte drang auf mich ein, Geräusche die ich nie so laut vernahm. Doch ich erinnere mich. Dann wird es dunkel für lange Zeit. Tapete... eine Rosentapete mit grünem Grund. Ich liege... sterbe und alles ohne ein Wort. Ich sterbe um wieder zu erwachen, sehe Leute die ich kenne, doch die ich niemals zuvor traf. Und doch sind sie mir vertraut und ich nenne sie bei ihrem Namen ohne, dass es mir seltsam vorkommt. Doch immer wieder, des Nachts wenn ich die Augen schließe sehe ich die Tapete, mir wird kalt ich erwache mit einem Schrei der mir damals nicht aus der Kehle kam. Verwirrt schlafe ich wieder ein, verstehe nicht warum mich das so ängstigt.
Und wenn ich die Tapete überwunden hab, ihr hässliches seelenloses grün nur noch eine schwindende Erinnerung in meinem schlafendem Hirn ist betrete ich den Weg. Und verliere mich wieder in seiner unendlichkeit.


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knychen
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also ehrlich gesagt finde ich es etwas sehr zeitig, mit achtzehn jehren solch monumentale lebenskrise mit sich herumzuschleppen. und wer hat bei all der umschulerei noch zeit, sich so intensiv mit dem thema "gott" auseinanderzusetzen? interessant fand ich den absatz mit dem katzenexperiment und der schlußfolgerung daraus für die eigenen lebensumstände. da hätt' ich gern noch ein bißchen mehr drüber gelesen.
daß du an der rechtschreibung noch arbeiten mußt, weißt du ja sicherlich selbst.
gruß knychen
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kny

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gareth
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ich bin jetzt nur zufällig

auf diesen Text gestoßen, und auf den Kommentar dazu, auf den ich nur insoweit eingehen will, dass ich dem Kommentator eine seiner Zeilen noch einmal vor Augen führen will:

...finde ich es etwas sehr zeitig, mit achtzehn jehren solch monumentale lebenskrise mit sich herumzuschleppen...

nach meiner Erfahrung, knychen, werden wir nicht gefragt, was wir wann mit uns herum zu schleppen haben

Mir hat 'Früher Winter' sehr viele Erinnerungen zurück gebracht und mir auch wieder bewusst gemacht, dass man mit 18 Jahren und noch viel früher, in seinen charakterlichen Grundeigenschaften vollständig ausgeprägt ist. Wieviele autobiographische Elemente der Text enthält kann offen bleiben. Er enthält eine Fülle starker Bilder und Beobachtungen. Die Befindlichkeiten der Ich-Erzählerin, die Haltung des Vaters, die depressionsgeprägten negativen Bewertungen der alltäglichen Geschehnisse, wie z.B. die schmerzvolle Relativierung der guten Beziehung zu Baby und auch die Auseinandersetzung mit Gott, sind ausdrucksstark und glaubhaft erzählt. Mir ist wieder sehr bewusst geworden, wie ungeheuer verletzlich man als junger Mensch ist und wie ehrlich und intensiv man sich in seiner Jugend immer wieder mit den wirklich großen Fragen des Lebens auseinandersetzt. Das macht für mich die Hauptstärke der Erzählung aus

liebe grüße gareth




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knychen
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du hast recht, gareth, ich hab es vielleicht zu sehr vom persönlichen standpunkt aus betrachtet.
für mich war das thema gott und depressive themen überhaupt mit 18 allenfalls lesenswert. hatte keinen persönlichen bezug. zu gott nicht, weil für mich uninteressant (heute interessant als gedankenkonstrukt) und depressionen hatten damals eine sehr kurze halbwertzeit, trugen also namen wie kummer oder verzicht auf eine party oder britta hat einen anderen oder so...
sehe jetzt meinen kommentar schon wieder ganz anders. alles fließt.
gruß von knychen
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kny

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