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Vater Karl ist tot.
Den hundertsten Geburtstag hatte er noch geschafft, obwohl er seine Zigarren paffte, als söge er an einem Sauerstoffgerät.
Das ganze letzte Jahr war er eigentlich schon tot und wohl nur zu faul zum Umfallen. Ein Gespenst, das asthmatisch pfeifend durchs Haus schlich und ab und zu dämonisch lachte, Rauch um sich, als käme er geradewegs aus der Hölle.
Wie ein Bruder von Pinocchio, hatte meine Frau mal gesagt und die knarrenden Gelenke gemeint, die sie wohl an Geppettos Werkstatt erinnerten.
Sein Abgang passte zu ihm: Im Bett mit einem Pornoheft in der Hand. Die Zigarre qualmte noch auf dem Ascher neben ihm.
Wie hatten wir gelacht, vorhin, als wir ihn fanden, mit verzückter Mimik, als hätte er noch gewusst, wie es geht.
So würde der Tod mir auch gefallen - Hundert und mit der Frau meiner Träume vereint.
Gut, dass das Schnapsglas auf seinem Nachttisch noch voll war. Den hatte ich gebraucht, um mich zu beruhigen.
Trauern hatte er uns verboten.
Das Leben ist kurz wie ein Furz, war sein Kredo, und er sowieso viel zu alt, um beschluchzt zu werden. Außerdem lechzten wir ja wohl seit Jahrzehnten nach Ruhe im Haus, und höchste Zeit, dass er sich verdrücke.
Jetzt stand ich im Bad bei offener Tür, lauschte in die Stille des Hauses und starrte in den Spiegel.
Ein bisschen Makulatur und ich sähe tauglich aus. Die Bestatter wollten gleich da sein und sollten mich nicht mit meinem Vater verwechseln, schließlich war ich mit meinen achtzig Jahren auch nicht mehr der Jüngste. Falten wie Narben im Gesicht, als hätte ich mein Leben lang Messerkämpfe gefochten.
Der Rauch meiner Zigarette waberte durch den Raum, nachdenklich starrte ich sie an. Jede Einzelne von ihnen ist eigentlich eine Bitte an den Tod. Nimm mich... Irgendwann wird er ja sagen.
Wieso ist hier überhaupt so viel Qualm, dachte ich und starrte in den Spiegel, direkt in mein Gesicht.
Und in das Andere.
Ich erschrak.
Der Tod ächzte hinter mir und grinste zahnlos. Ein Alb auf meiner Schulter, der mich zittern ließ.
Du bist der Nächste, könnte er rufen und: Alter Sack. Säufst Deinem Vater den Schnaps weg.
„Alter Sack. Säufst Deinem Vater den Schnaps weg.“
Das war real.
Mit Schrecken erkannte ich das Gesicht und die Stimme. Mein Vater stand hinter mir mit der Zigarre in der Hand. Und dem Pornoheft.
„Junge,“ keuchte er, „der Orgasmus vorhin hat mich fast umgebracht.“
Version vom 11. 08. 2009 22:04 Version vom 12. 08. 2009 20:49
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