Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87776
Momentan online:
527 Gäste und 8 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erzählungen
Gerd
Eingestellt am 30. 04. 2006 15:24


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Marc Hecht
Häufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2006

Werke: 7
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Marc Hecht eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Gerd

„Wir k√∂nnten Andi mitnehmen, oder Gerd", hatte Doro erkl√§rt. Sie stand vor dem Schrank und packte und war schon voller Vorfreude.
Ich stimmte zu. Eine gute Idee war das.
Von allen meinen Freunden hatte Doro am stärksten Gerd in ihr Herz geschlossen. Er hatte sie damals im Sturm erobert. Bis heute sitzt ein kleiner Stoff-Delphin in ihrem Ankleidezimmer, ein Stoff-Delphin, der immer zusehen darf, wie sie sich an- oder umzieht, sie hatte ihm einen Ehrenplatz zugewiesen, auf der Kommode, neben ihrem Schmuck. Gerd hatte ihn ihr geschenkt, den Stoff-Delphin, denn von allen Tieren erinnere ihn ihr freundliches Wesen vor allem an einen Delphin, hatte er dazu erklärt, deshalb - statt Blumen... die ja im Angesicht ihrer eigenen Schönheit sowieso viel zu schnell verwelkten...
Sie war entz√ľckt, die linkische und altmodische Art, in der Gerd dies alles vortrug, hatte sie verzaubert. Sein Stoff-Delphin jedenfalls hatte seitdem einen Ehrenplatz - und auch sonst hatte sie Gerd tief in ihr Herz geschlossen. In Doro hatte Gerds Schicksal von Anbeginn eine unausl√∂schliche Zuneigung entfacht, sie fand ihn „s√ľ√ü" und „brillant" und „tragisch" - seine sch√ľchterne Zur√ľckhaltung gegen√ľber Frauen faszinierte sie, f√ľr sie war Gerd etwas ganz Besonderes.
*
Wir wussten damals noch nicht, wohin es gehen sollte, nur raus wollten wir, ein paar Tage raus aus Berlin. In die Natur. Doro freute sich sehr darauf, seit Tagen schon.
Schließlich fuhren wir nach Rheinsberg; es war das zweite Mal, seit wir uns kannten, frisch verliebt hatten wir dort schon einmal zauberhafte Tage verbracht.
Damals war Rheinsberg jedoch noch kaum wiederentdeckt worden; nur wenige Besucher hatten sich damals in den Schlossgärten und im Ort verloren, alles war noch recht schäbig und heruntergekommen.
Jetzt jedoch mussten wir feststellen, dass der Ort m√§chtig herausgeputzt war; am Triangelplatz vor dem Schoss standen Pferdekutschen f√ľr die G√§ste bereit; aus dem „Deutschen Hof" erklang Marschmusik; B√§nder mit bunten Flaggen s√§umten die Restaurants und Cafes; Dutzende Tische waren auf die B√ľrgersteige gestellt worden und auf dem See wimmelte es von Tret- und Ruderbooten und Ausflugsdampfern voller Touristen.
„Rimini in Preu√üisch", hatte ich gesagt, und Doro wollte sich dar√ľber halbtot lachen.
Wir waren weitergefahren, nach Norden, und kamen in einen Ort, der „Flecken Zechlin" hie√ü. „Flecken" - das hatte mir gefallen, und wir hatten dort ein Haus gefunden, ein H√§uschen, dicht am Wasser, ganz f√ľr uns allein. Alles war klein, das Wohnzimmer, die K√ľche, das Bett; wir zogen dort ein, wanderten durch die W√§lder, an kleinen und gro√üen Seen vorbei, besichtigten alte Feldsteinkirchen in den D√∂rfern und liebten uns, im H√§uschen, im Wald, einmal auch im See, beim Schwimmen, und abends las ich Fontane, las noch einmal den Stechlin, der genau in dieser Gegend spielte. Doro schlief dann schon, ihr Kopf schlief auf meiner Brust und ich streichelte ihr Haar und war gl√ľcklich.
*
Drei Tage sp√§ter fuhren wir nach Gransee, zum Bahnhof. Gerd kam dort an, ich hatte es so arrangiert, dass ich zuerst ein paar Tage mit Doro allein war - und wir hatten uns dann beide gefreut, als er schlie√ülich aus dem Zug gestiegen war. Gerd war noch dicker geworden - er trug einen leichten Sommermantel, der Mantel spannte sich jedoch wie eine Wurstpelle um seinen K√∂rper. Er hatte auch noch tiefere Geheimratsecken bekommen, war braungebrannt - Gerd sah immer mehr aus wie Willy Brand - Willy Brand in dick. Er sprang aus dem Zug, dick und behende, und lachte und sein braunes Gesicht war voller freundlicher Furchen. Er hatte kaum etwas bei sich, nur einen kleinen Koffer. Doro hatte ihn begr√ľ√üt, ihn fl√ľchtig auf die Wangen gek√ľsst - war dann aber ein paar Abteilt√ľren weiter gegangen - denn dort war uns doch wahrhaftig Iris entgegengekommen, Iris, eine Freundin von Doro. Auch sie trug einen kleinen Koffer. Doro hatte mir nichts davon erz√§hlt, es war ganz offenbar eine ihrer Marotten, ihrer kleinen Verr√ľcktheiten. Iris war eine gro√ü gewachsene Frau, blond, h√ľbsch, Mitte drei√üig, sie hatte gro√üe blaue Augen, arbeitete in einer Bank und hatte fr√ľher mit Doro zusammen Klavierunterricht, ganz fr√ľher, als Kind; bei der selben Lehrerin, seitdem kannten sich die beiden.
Meine Frau hatte Iris und Gerd bekannt gemacht und hatte lapidar erkl√§rt: „...tja, dann sind wir wohl zu viert, f√ľr die n√§chsten Tage..." Es war recht offensichtlich, was Doro da versucht hatte - und uns allen war es sehr peinlich. Doro konnte so etwas nicht. Gerd hatte mich verlegen angesehen, aber ich zuckte die Schultern, zeigte, dass ich keine Ahnung h√§tte; Iris hatte freundlich gel√§chelt, mit ihren gro√üen blauen Augen, auch sie wusste offensichtlich nichts, hatte umher gesehen, und wurde dann ebenfalls verlegen.
Schlie√ülich hatte ich alle mitgezogen und wir waren zu viert ins Bahnhofsrestaurant marschiert. Ich hatte eine Flasche Sekt bestellt, zur Begr√ľ√üung. Wir plauderten und nach dem ersten Schreck wurde es recht lustig. Gerd war hingerissen von der Situation, sofort begann er zu brillieren mit seinen Anekd√∂tchen. Es war eine Freude, ihm zuzuh√∂ren. Er war ein gro√üer Erz√§hler. Und ein gro√üer Schauspieler. Schon immer.
Als sie ihn damals zum Milit√§r einziehen wollten, gleich nach dem Abitur, hatte er es zum Beispiel in einer wahrhaften Tonio-Kr√∂ger-Adaption verhindert. Hatte damals nicht nur auf verr√ľckt gemacht, sondern gleich auch noch auf schwul, verklemmt schwul - in einer ganz schr√§gen Art; als wolle er es sich selbst nicht recht zugeben. Und als der Milit√§r-Arzt schlie√ülich gefragt hatte, ob er sich denn auch zu M√§nnern hingezogen f√ľhle, hatte Gerd zu Boden geblickt, in die Enge getrieben, √§ngstlich - hatte aufgeregt gehustet und erkl√§rt: „...wei√ü nicht...?" Genial war das, schon damals. Er wurde nicht angenommen beim Milit√§r, er wurde ausgemustert.
Und hier, jetzt, in der Bahnhofskneipe von Gransee, in dieser ungew√∂hnlichen Situation, war Gerd sofort charmant, zuvorkommend, witzig, fand alles entz√ľckend - und plauderte. Und er h√§tte es also langsam angehen lassen, auf der Fahrt hierher. H√§tte sich dies und das angesehen, Perleberg zum Beispiel. Dort h√§tte er halt gemacht, aus einer Laune heraus, und weil er einmal gelesen h√§tte, dass Perleberg die „Perle der Prignitz" w√§re. Aber das w√§re nun eine traurige, eine blasse Perle gewesen... und er h√§tte dort zu Mittag gegessen, in einem h√ľbschen Gastkrug, gegen√ľber der Kirche - und w√§re also ins Gespr√§ch gekommen, mit zwei Herren... nette Leute... und h√§tte „eine Runde" Bier bestellt. Gerd sah auf, schwieg, dann, die Emp√∂rung in Person: „Und was soll ich euch sagen? Die Kellnerin antwortet doch glatt: ‚Nein danke, f√ľr mich nicht, ich bin im Dienst!’ Ist das die M√∂glichkeit...?!"
Die Frauen kicherten, ich bestellte eine zweite Flasche Sekt. Gerd erging sich schließlich in der Frage, ob es vielleicht eine Tradition, ein alter Brauch sein könnte, noch vom Sozialismus her. Ein Brauch, der in kleinen Dorfgasthöfen im Osten bis heute gilt: Die Kellnerin wird immer mit eingeladen... im Sinne der Gleichheit ... alle sollten gleich besoffen werden...
Die Damen waren h√∂chst am√ľsiert, wir tranken die zweite Flasche Sekt und brachen schlie√ülich auf. Es war sp√§t geworden.
*
Gerd und Iris konnten wir jedoch unm√∂glich in unserem H√§uschen wohnen lassen; also suchten wir ein Quartier f√ľr die beiden, waren durchs Dorf gelaufen, zu viert, durch den Flecken, alles war schon still, nur ein paar Kr√§hen hatten gekr√§chzt, in den Wipfeln der Kiefern, am Ufer. Wir gingen √ľber die Dorfstra√üe, und bewunderten die Stille, die W√§lder rings um den See waren schon schwarz in ihren Konturen; und auch der See war schwarz, schwarz und glatt lag er da, manchmal schrie eine Wildente auf, oder ein Haubentaucher, und seine Fl√ľgel klatschten kurz auf das Wasser; ansonsten war alles still.
Endlich hatten wir eine Pension gefunden. Ja, zwei Zimmer w√§ren noch frei, die Wirtsfrau freute sich, war √ľberrascht und hatte so sp√§t am Abend keine G√§ste mehr erwartet.
Wir inspizierten die Zimmer; anst√§ndige Zimmer, und die Damen wollten pl√∂tzlich „allein sein"; es war der Gipfel des schlechten Verkupplungsversuches meiner Frau; nun wollte man sich also offensichtlich besprechen, hinsichtlich dieser Angelegenheit... und mein Freund Gerd kam auf den Pr√ľfstand.
Gerd fand auch dies „entz√ľckend". Zuerst war er zwar √ľberrascht, aber dann fand er es „entz√ľckend". Doros offensichtlicher Versuch, ihm eine Frau zu verschaffen, r√ľhrte ihn wohl zutiefst.
Wir wurden also weggeschickt, sollten uns vergn√ľgen - und ich zog Gerd mit, froh, der peinlichen Situation zu entkommen. Auf dem Weg entschuldigte ich mich bei ihm, f√ľr diesen „Mummenschanz", aber er winkte ab; und da g√§be es ja wohl Schlimmeres.
Wir liefen noch einmal √ľber die Dorfstra√üe. Auch die Kr√§hen hatten sich jetzt zur Nachtruhe begeben, es war vollkommen still, den See konnten wir nur noch erahnen. Und durch die W√§lder ringsumher rauschte manchmal leise der Wind.
Wir blieben stehen. Gerd sah in den Himmel.
„Sch√∂n ist es hier", sagte er.
„Ja."
Ich sah ihn an, von der Seite, sein Profil, selbst jetzt in der Nacht wirkte es freundlich und g√ľtig. Interessiert, offen, neugierig aufs Leben, f√ľrsorglich beim Schicksal Anderer, nur sein eigenes Leben bedeutete ihm nicht mehr allzu viel, er hatte sich l√§ngst arrangiert, hatte resigniert, eingesehen, dass der Alkohol ihn immer wieder einholen wird.
Gerd konnte wochenlang keinen Tropfen anr√ľhren - und dann war er tagelang verschwunden und wusste sp√§ter von nichts mehr. Seit fast 20 Jahren ging das jetzt so. Einmal hatte er mir erz√§hlt, wie er auf einer Verkehrsinsel aufgewacht war, in einer fremden Stadt, sitzend, an eine Laterne gelehnt, ohne Schuhe. Grausame Sauftouren mussten das sein, die Gerd immer wieder aus der Bahn warfen. Er hatte l√§ngst aufgegeben - f√ľr sich selbst.
„Sch√∂n ist es hier", sagte er jetzt noch einmal.
„Was h√§ltst du von ihr?"
„Von wem?"
„Von Iris."
„Ach so. Ja, h√ľbsch..."
Gerd lie√ü keine Frauen an sich heran. Nicht richtig, jedenfalls, √ľber kurz oder lang m√ľsste er dann ja sein furchtbares Elend preisgeben, seine regelm√§√üigen Saufz√ľge, nein, Gerd lebte seit langem lieber allein.
*
Schlie√ülich marschierten wir wieder ins Wirtshaus, was sollten wir anderes tun? Hier war nicht viel los, um diese Zeit, im „Flecken Zechlin", hier war sonst √ľberhaupt nichts los.
Wir bestellten Schnitzel und später Schnaps und Bier.
„Auf jeden Fall hat sie h√ľbsche Titten", hatte Gerd erkl√§rt, nach ein paar Schn√§psen - und ich stimmte ihm zu: „Du k√∂nntest sie heute nacht gleich v√∂geln..."
„Nein!" Gerd war entsetzt; wenn √ľberhaupt, m√ľsse es langfristig sein, mit Verst√§ndnis und so weiter...und ob ich wirklich glaube, dass er Iris gefallen k√∂nnte.
„Na klar, hast du das nicht bemerkt?"
„Ich? Nein! Was sollte ich denn bemerkt haben?"
„Du hast Eindruck auf sie gemacht."
„Naja, Eindruck...Eindruck ist das Eine", erkl√§rte er, zaghaft, Gerd war r√ľhrend, in diesen Dingen. Offenbar hatte Iris ihm ein wenig den Kopf verdreht, jedenfalls lockerte er seinen Schild. Iris, mit ihren blauen Augen, ihren gro√üen festen Br√ľsten, die Beine in den kurzen Hosen waren ein bisschen zu dick, die F√ľ√üe ein bisschen zu gro√ü, alles an ihr war gro√ü – aber Gerd schien es m√§chtig zu beeindrucken. Und ich beschloss, ihn darin zu best√§rken. Auch wenn ich wusste, wie es ausginge – wenn es denn beg√§nne.
„Wer Frauen zum Lachen bringen kann, hat sie fast schon auf dem R√ľcken", hatte ich deshalb erkl√§rt, etwas zu burschikos, angeheitert vom Schnaps, aber es war auch meine feste √úberzeugung.
Gerd jedoch hatte zweifelnd geblickt. Wenn das so w√§re, dann k√§me er ja vor lauter Bumserei zu nichts anderem mehr..., nein, nein: „Sie m√∂gen zwar den, der sie zum Lachen bringt", hatte er erkl√§rt, „aber dann brauchen sie noch einen Anderen, einen, der sie ganz humorlos durchv√∂gelt."
Ich wischte das weg, als Bl√∂dsinn - und er solle die Chance nutzen. Insgeheim jedoch bekam ich ein wenig Angst. Ich wusste, wie es ausginge – im Ernstfall, Gerd war ein denkbar schlechter Kandidat f√ľr Iris; es beg√§nne mit unendlicher Nachsicht ihrerseits, seinen Kapriolen und Saufz√ľgen gegen√ľber, denn sie wusste ja, was f√ľr ein schwieriger Fall er nun mal war, Doro hatte es erz√§hlt, in ihrer rosaroten Romantik. Und wie s√ľ√ü Gerd im Grunde w√§re, und wie sch√ľchtern und so weiter.
Aber Iris war auch eine t√ľchtige Frau, erfolgreich, im Leben stehend, zuverl√§ssig in ihrem Beruf, bei einer Bank auch noch, dem Inbegriff eines korrekten Berufes. T√§glich ging sie in diese Bank, eingebunden, in kleine Animosit√§ten und in Kollegen, die man „auch mal privat" einladen k√∂nnte.
F√ľr Gerd w√§re dies alles nichts, zwar h√§tte er bei den ersten Einladungen durchaus gegl√§nzt, und h√§tte die gesamte Schar √ľberb√ľgelt mit seiner Weltl√§ufigkeit und mit seinem Wissen und mit seinem Humor - und alle h√§tten ihn f√ľr einen tollen Kerl gehalten; doch sp√§testens beim dritten Abendessen h√§tte Gerd sich das erste Mal besoffen - und man w√§re h√∂chlichst pikiert - und die gesamte Fassade br√§che peau a peau zusammen; und √ľbrig bliebe Iris, die flei√üige und h√ľbsche und zielstrebige Frau, die zu ihrem kleinen Gl√ľck nur noch einen Mann brauchte; und dann an einen zauberhaften Alkoholiker geraten war, der ihr Leben und ihr Renommee in der Bank auf lange Zeit ramponierte, bis sie sich endlich von ihm getrennt h√§tte.
So w√§re es gekommen, wie immer, wenn Gerd etwas mit einer Frau anfing. Er konnte einen Abend gl√§nzend √ľberstehen, eine Woche - aber keine l√§ngeren Distanzen.
Trotzdem Рich erklärte noch mal, vehement, dass er sie bestimmt schon heute nacht haben könnte, ganz bestimmt.
Gerd jedoch wischte das weg, peinlich ber√ľhrt fast, unwillig: „Na, wir werden ja sehen", hatte er schlie√ülich erkl√§rt, geduldig, wie ein Bauer, der im n√§chsten Herbst auf gute Ernte hofft. Er war r√ľhrend, in Frauendingen. Immer Kavalier, bis zur L√§cherlichkeit.
Einmal sa√üen wir nachts in einer Kneipe auf St. Pauli - und am Nachbartisch hatte ein farbiger Zuh√§lter seine Hure beschimpft. Gerd war damals aufgestanden und hatte dem Schwarzen nacheinander auf deutsch, englisch und franz√∂sisch erkl√§rt, dass er diese Dame hier in Ruhe zu lassen h√§tte und verschwinden sollte... es hatte einen furchtbaren Streit gegeben, Gerangel, die Angestellten der Bar waren dazwischen gegangen - und der Zuh√§lter wurde schlie√ülich hinausgeworfen. Die Hure hatte Gerd gedankt, ver√§ngstigt, keineswegs gl√ľcklich.
So war Gerd.
*
Wir plauderten und tranken, im Wirtshaus vom Flecken Zechlin. Ich erzählte von Fontane; und dass es ganz unmöglich wäre, ihn nicht zu lesen, hier, in dieser Gegend.
Gerd hatte genickt, weise, bedeutungsschwer, und sein dickes Kinn war ihm dabei auf die Brust gefallen: „Fontane war gut", hatte er gesagt, und Effi Briest zum Beispiel w√§re um keinen Deut schlechter als etwa Emma Bovary. Oder Anna Karenina. Und ob ich denn nun vorank√§me, mit der Schreiberei?
Ich winkte ab, resigniert.
Er sah mich treuherzig an.
„Du bist nur noch zu hitzig", hatte er erkl√§rt.
Es war eine Freude, wie ein Nobelpreistr√§ger hatte Gerd das gesagt, wie einer, der diese Sorgen in seinen fr√ľhen Jahren auch alle durchmachen musste, mutmachend und voller Verst√§ndnis. Obwohl er doch keine Ahnung hatte, von den wirklichen Qualen der Schreiberei. Aber es war gro√üartig.
Ich genoss den Abend, drängte alle schlechten Gedanken beiseite. Es war eine Freude, mit Gerd hier zu sitzen, zu trinken und zu plaudern. Hier, in der Grafschaft Ruppin, wie es bei Fontane hieß.
*
Sch√∂ne und unbeschwerte Tage waren es, in diesem Sp√§tsommer; wir machten Ausfl√ľge in die Umgebung, zu viert, wanderten zwischen Wasser und W√§ldern umher, die Frauen sammelten Beeren, und wir badeten nackt in den Seen. Gerd traute sich zuerst nicht, hielt sich f√ľr zu dick und dies w√§re f√ľr uns andere doch eine Zumutung, aber wir h√§nselten ihn, bis auch er schlie√ülich seine Kleidung ablegte und dann wie ein Walross ins Wasser plumpste und prustete.
Ich hatte vom Kloster Chorin gelesen, bei Fontane, eine ellenlange Abhandlung, und ich wollte dort unbedingt hin, es war nur eine kurze Autofahrt; ich erz√§hlte von den Zisterzienser-M√∂nchen; von den Sagen um das Kloster; von der wei√üen Jungfrau, die dort nachts √ľber dem See erschiene, weil ihr Liebster nicht zur√ľckgekehrt w√§re...
Die beiden Frauen h√∂rten fasziniert zu. Gerd jedoch lehnte sich zur√ľck, auf seinem Sitz, ganz gespielte Emp√∂rung: Dies seien ja alles olle Kamellen und ich solle lieber andere Geschichten lesen, als junger und moderner Schriftsteller. Und das mit der wei√üen Jungfrau w√§re ja schlichtweg Th√ľnkram, wie man in Hamburg so sch√∂n sage; er jedenfalls w√§re lieber nach Schloss Rheinsberg gefahren, wo schlie√ülich der Geist vom alten Fritz schwebe - und von den Hohenzollern - das w√§re was Handfestes... aber gut, er lasse sich gern √ľberraschen, von meinem Kloster.
Allerdings war dann wirklich nicht viel √ľbrig geblieben, vom Kloster Chorin - nur ein paar alte, nichtssagende Ruinen.
„Sehr bedeutend", Gerd hatte √ľbertrieben aufmerksam umhergesehen und eine verrottete S√§ule inspiziert,... „sehr bedeutend..."
Sp√§ter jedoch lie√ü er sich vers√∂hnen; wir a√üen zu Mittag, in einem alten Gasthof; das Kesselgoulasch dampfte - und es gab ber√ľhmtes Bier dazu, im eigenen Keller gebraut. Gerd trank ein paar Gl√§ser vom Choriner M√∂nchsbr√§u - und verteilte Komplimente: „Von Bier versteht ihr was", hatte er dem Kellner erkl√§rt. Der Kellner dankte recht freundlich. Alle Menschen dankten recht freundlich, wenn Gerd sie mit seinen Komplimenten √ľbersch√ľttete. „Sie machen Ihre Sache ausgezeichnet", konnte er zum Kellner sagen, nur weil der das bestellte Bier an den Tisch brachte. Und es war eine Freude ihm zuzuh√∂ren.
*
Am n√§chsten Morgen klopfte es. Doro und ich sa√üen noch am Fr√ľhst√ľckstisch. Es war die Vermieterin, sch√ľchtern stand sie in der T√ľr, und sie wolle so fr√ľh nicht st√∂ren - aber es w√§re wohl dringend, „von Ihrem Freund." Sie √ľbergab mir ein Papier und verschwand schnell.
Ich faltete es auf: Bin abgereist. Zauberhafte Tage. Wollte kein großes Aufsehen machen. Gruß an alle, melde mich. Gerd.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Gorgonski
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2003

Werke: 2
Kommentare: 97
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Hallo Marc

Eine sch√∂ne lange Kurzgeschichte. Bliebe nur die Frage, ob f√ľr Gerd die Zeit zu lang geworden war (und er seinen Suff nicht mehr verbergen konnte), wenn er mit Iris was angefangen hat, oder ob da nichts gelaufen ist.
Es kann nat√ľrlich sein, da√ü es sich jeder Leser selbst ausmalen mu√ü.

MfG; Rocco
__________________
dEr Heftchenliterat und Poet aus dem Erzgebirge

Bearbeiten/Löschen    


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 277
Kommentare: 8127
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
bravo!

da kann man nur auf eine fortsetzung hoffen.
lg
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


Zur√ľck zu:  Erz√§hlungen Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!