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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Geschichten aus Nichtberlin (1) - Nackt in Bochum
Eingestellt am 18. 01. 2003 14:26


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Billy
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2003

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Es muss gegen drei Uhr morgens gewesen sein, als ich nach Hause fuhr. Die Party war O.K., aber ich hatte zu viel Bier getrunken und dabei den Zeitpunkt verpasst fr├╝h genug aufzuh├Âren. Ich bemerkte es erst, als ich mich bei meinem Gespr├Ąchspartner entschuldigte, um aufs Klo zu gehen.

Die Wirkung des Alkohols war deutlich und unerwartet und machte sich bemerkbar, indem sie mich recht heftig vor ein fremdes Stuhlbein treten lies und ich beinahe gest├╝rzt w├Ąre. Ich murmelte, leicht schwankend, irgendetwas wie Entschuldigung, sammelte mich und schaute unauff├Ąllig in die Runde, um zu kontrollieren, ob jemand meine alkoholbedingte Unsicherheit bemerkt hatte. Leute sa├čen auf dem Sofa, lehnten an der Wand, rauchten, tranken und unterhielten sich, aber niemand schaute zu mir. Auf dem R├╝ckweg vom Klo nahm ich mir zur Sicherheit zwei Biere aus der mit kaltem Wasser gef├╝llten Badewanne mit.

Als mir aber wenig sp├Ąter vor den Augen meines Gegen├╝ber etwas Fl├╝ssigkeit aus der Bierflasche am Mund vorbei aufs Hemd tropfte und nur wenige Minuten sp├Ąter herabfallende Zigarettenglut die Hose verbrannte, entschloss ich mich nun endlich vern├╝nftig zu sein, stieg ins Auto und fuhr heim.

Zu Hause angekommen konnte ich mich an Einzelheiten der Fahrt nicht mehr erinnern. Ich dachte kurz dar├╝ber nach noch ein Gute-Nacht-Bier mit ins Bett zu nehmen, aber irgendwie wurde mir beim Gedanken schon schlecht also lie├č ich es lieber.

Alkohol l├Ąsst einen ja immer sehr rasch einschlafen aber auch leider sehr fr├╝h wieder aufwachen. Irgendwann war es dann soweit. Ich musste pinkeln und das dringend. Aber so richtig wollte ich das nicht wahrhaben, im Kopf pochte etwas und ich entschied die Notdurft zu verschieben und mich erst einmal liegend der aufkommenden ├ťbelkeit zu ├╝bergeben. Ja es ging mir schlecht, sehr schlecht sogar und dann konnte ich es nicht mehr aushalten und stolperte nackt durch die dunkle Wohnung zum Klo. Ich tastete nach dem Lichtschalter, fand ihn aber nicht, weder im Flur noch im Klo. Na ja egal, es wird schon gehen, ist ja schlie├člich meine Wohnung, dachte ich, ├Âffnete die T├╝r, trat ein, h├Ârte, wie die T├╝r hinter mir ins Schloss fiel und stand pl├Âtzlich nackt in meinem Treppenhaus.

Ich schaute mich um, wollte es nicht wahrhaben, drehte mich um zur T├╝r, griff nach der Klinke um zu pr├╝fen ob sie wirklich geschlossen war, r├╝ttelte an ihr, r├╝ttelte an ihr kr├Ąftig, aber keine Chance - die T├╝r war wirklich zu. Ich schmunzelte, sch├╝ttelte ganz allein f├╝r mich den Kopf und dachte an einen alten Rokko Schamoni Refrain: Ich war nackt in Las Vegas. Aber ich war nicht nackt in Las Vegas, sondern ich war nackt in Bochum, in der Alsenstra├če 7, im dritten Stock eines f├╝nfst├Âckigen Mehrfamilienhauses, mit 10 Mietparteien. Mir verging das Schmunzeln, ich wurde so langsam wach und das ungute Gef├╝hl beschlich mich, hier wirklich in einer ganz beschissenen Situation zu stecken. Ich ging noch einmal zur T├╝r. Nichts zu machen, die T├╝r war zu und ich hatte nat├╝rlich keinen Schl├╝ssel mitgenommen.

Ich setzte mich mit dem nackten Hintern auf eine kalte Treppenstufe, um ├╝ber meine Lage und meine M├Âglichkeiten nachzudenken. Die T├╝r war durch mich nicht zu ├Âffnen, das war klar. Au├čerdem musste ich dringend pinkeln. Aber wie, besser gesagt wohin? Da fiel mein Blick auf die Kiste mit Mineralwasserflaschen, die ich gestern gekauft hatte. Klar eine leere Flasche, damit ist das erste Problem schon gel├Âst, freute ich mich. Mit dem guten Gef├╝hl, zumindest einen Teilsieg errungen zu haben, zog ich Flasche f├╝r Flasche aus der Kiste - sie waren alle voll. Die leeren hatte ich wahrscheinlich mal wieder einfach in der Wohnung verteilt. Also musste zun├Ąchst eine Flasche ausgetrunken werden. Keine sch├Âne Sache, wenn man dringend, mittlerweile hochdringend aufs Klo muss. Aber da half nichts. Ich schraubte eine Flasche auf und trank. Ich schluckte und schluckte, bis die Flasche zur H├Ąlfte geleert war. Ich hielt die gr├╝ne, halb leere Flasche gegen das Flurlicht. Vielleicht reicht die entnommene Menge ja schon aus? Wie viel Fl├╝ssigkeit pinkelt man eigentlich? Ist es eher ein halber oder ein ganzer Liter? Der Druck wurde zu gro├č, ich musste es riskieren. Mehr als, dass die Sache rechnerisch nicht aufging, m├Âchte ich hier nicht sagen.

Trotzdem, ein Problem war gel├Âst. Jetzt konnte ich mich wieder der gro├čen Aufgabe widmen: Ich war nackt in meinem Hausflur in Bochum. Ein Schl├╝sseldienst musste her. Ich k├Ânnte bei meiner Nachbarin eine Etage tiefer klingeln, um von dort zu telefonieren. Mit ihr habe ich schon ab und an ein paar Worte gewechselt. Bestimmt k├Ânnte ich ihr die Situation erkl├Ąren.

Ich ging Barfu├č die Stufen zu ihrer Wohnung herunter und dabei fiel mir ihr Mann ein, der im Schichtdienst bei Thyssen arbeitete. Was, wenn er von der Nachtschicht heimkommt, gerade wenn ich nackt in seiner Wohnung stehe? In seiner Wohnung, bei seiner Frau. Ich sp├╝rte die kratzige Fu├čmatte meiner Nachbarin unter den F├╝├čen. Aber auch wenn ihr Mann nicht kommt, was ist mit dem Handwerker vom Schl├╝sseldienst? Gibt er die Sache direkt an die Presse weiter, bringt er gleich Fotografen mit und morgen bin ich dann die gro├če Lachnummer, ├╝berlegte ich, schon leicht paranoid. Das wurde mir alles zu gef├Ąhrlich.
Ich lie├č die Hand vom Klingelknopf sinken und wollte gerade wieder hochgehen, als ich von ganz unten h├Ârte, wie die Haust├╝r aufgeschlossen wurde. Stimmen, lautes Lachen, dann wieder Gemurmel, das langsam n├Ąher kam. Vorsichtig schaute ich am Treppengel├Ąnder herunter. Immer wenn die Stimmen eine Etage h├Âher kamen und dabei 180 Grad um das Treppengel├Ąnder herum zum n├Ąchsten Aufgang gingen konnte ich zumindest einen Arm, eine Schulter oder eine Hand erblicken. Dann wurde mir klar, es waren die M├Ądchen aus der WG ├╝ber mir. Ich versuchte mich zu konzentrieren, nachzudenken, was k├Ânnte ich tun? Gedankenfetzen flogen an mir vorbei. Vielleicht einfach an die Wand lehnen, ganz l├Ąssig, beinahe gelangweilt gucken und irgendeinen lockeren, entwaffnenden Witz machen. Irgendeinen. Dumm war nur, dass mir ├╝berhaupt keiner einfiel. Also entschloss ich mich zur Flucht. Vorsichtig schlich ich mich in die obere Etage. Dort angekommen hockte ich mich leise hinter das Treppengel├Ąnder und schaute nach unten.
Da kamen sie, zwei M├Ądchen und ein Junge. Albern gibbelnd versuchte eins der M├Ądchen die T├╝r aufzuschlie├čen, stellte sich dabei aber, offensichtlich durch den Einfluss von zu viel Alkohol oder selbst gedrehten Zigaretten, dusselig an. Die beiden anderen dr├Ąngten sich neben sie und forderten den Schl├╝ssel um es selbst zu versuchen. Ich malte mir aus was passieren w├╝rde, wenn sie den Schl├╝ssel jetzt abbr├Ąchen und dann selbst einen Schl├╝sseldienst anrufen w├╝rden. Dann m├╝sste ich wohl oder ├╝bel hier noch Stunden hocken. Wer wei├č, wann der Nachbar vor dessen T├╝r ich mich gerade nackt versteckte aufsteht und das Haus verl├Ąsst. Dann ein Aufschrei, jubeln, die T├╝r wurde aufgesto├čen und die drei gingen jodelnd in die Wohnung. Ich atmete durch.

Mit einem kr├Ąftigen klack ging das Flurlicht aus. Langsam erhob ich mich, da bekam ich einen heftigen Schlag auf den Kopf. Schmerzverzerrt und zu Tode erschrocken schaute ich mich um und sah ├╝ber mir ein offenes Flurfenster. Ich tastete meinen Kopf ab, schaute auf meine Hand und versuchte im Halbdunkel des Flurs zu erkennen, ob ich blutete. Durch das offene Fenster konnte ich auf das Ger├╝st schauen das Bauarbeiter vor zwei Wochen an unserem Haus aufgebaut hatten um unsere Fassade neu zu streichen. Schleichend zeichnete sich eine Idee in den nebeligen Tiefen meines verkaterten Gehirns ab: Ich k├Ânnte ├╝ber das Ger├╝st zu meinem K├╝chenfenster klettern. Ich war mir ziemlich sicher, dass das Fenster von mir auf kipp gestellt war - hoffte ich. Wenn ich es ├╝ber das Ger├╝st zu diesem Fenster schaffen w├╝rde, dann w├╝rde ich es mir auch irgendwie gelingen das Fenster zu ├Âffnen und dann w├Ąre ich in 15 Minuten wieder in meinem warmen Bett. Doch als ich schon ein Bein aus dem Fenster gestreckt hatte, kamen mir Zweifel. Ich sollte an dieser Stelle vielleicht erw├Ąhnen, dass ich seit meinem 10. Lebensjahr Brillentr├Ąger bin. Ein Zustand, den man bei 2 Dioptrien auf dem einen und 2,5 Dioptrien auf dem anderen Auge nicht au├čer acht lassen sollte. Schlie├člich w├╝rde ich mich da drau├čen in gro├čer H├Âhe bewegen und das mitten in der Nacht. Als schwindelfrei kann ich mich auch nicht unbedingt bezeichnen.

Aber mir blieb ja doch keine andere Wahl und so stand ich Sekunden sp├Ąter, um ca. vier in der Fr├╝h, nackt auf dem Ger├╝st eines Mietshauses in Bochum. Erst einmal versuchte ich mich zu orientieren. Es war windig und k├╝hl hier drau├čen. Ich musste ein Art Leiter oder etwas ├ähnliches finden, um wieder hinunter zur vierten Etage zu kommen. Das Flurfenster auf meiner Etage lie├č sich n├Ąmlich nicht mehr ├Âffnen, seit es wegen eines Rahmendefekts, von unserem selbst ernannten Hausmeister aus der ersten Etage mit zwei Spaxschrauben festgeschraubt wurde. Ich ging weiter auf dem Brett entlang und schaute mich um, aber da war nichts. Dann wohl doch eher in die andere Richtung. Tats├Ąchlich, am Ende war eine Eisenleiter, die nach unten f├╝hrte. Vorsichtig n├Ąherte ich mich dem Gel├Ąnder und schaute herab, um zu kontrollieren, ob sich Passanten auf der Stra├če befanden. Nein, da war niemand zu sehen. Langsam und ganz vorsichtig setzte ich einen Fu├č auf die eiserne, eiskalte Sprosse. Sprosse f├╝r Sprosse stieg ich hinab, bis ich die Holzbohle der unteren Etage erreichte. Meine H├Ąnde verkrampften beim Festhalten und die F├╝├če schmerzen.
War ja gar nicht so schlimm - den Weg k├Ânnte ich glatt noch einmal gehen, versuchte ich einen Scherz mit mir selbst, nicht ahnend, dass mir selbiger tats├Ąchlich noch einmal bevor stehen w├╝rde.
An meinem Fenster angekommen musste ich n├Ąmlich feststellen, dass ohne Hilfsmittel wie einem St├╝ck Draht oder ├ähnlichem nichts zu machen war. Die Hand war einfach zu dick f├╝r den schmalen Spalt auf H├Âhe des innen liegenden Fenstergriffs, wo die Finger immer wieder beim Versuch ihn zu ergreifen abrutschten. Ich probierte und probierte aber so sehr ich mich abm├╝hte, es wollte nicht gelingen. Die Hand tat mir weh und schon glaubte ich eine ordentliche Schwellung auf dem Handr├╝cken zu erkennen. Nach drei├čig Minuten harter Arbeit gab ich es auf. Ich legte mich auf den R├╝cken und sah in den Nachthimmel, der sich langsam erhellte. Mir war arschkalt, ein furchtbarer Kater w├╝tete in meinem Kopf und ich war nackt in Bochum. Schlafen, ich wollte nur noch schlafen, das Problem vertagen, morgen bzw. heute, aber erst viel sp├Ąter weiter dar├╝ber nachdenken.

Plink, plink, plink ÔÇŽ Eine Etage ├╝ber mir hing ein Blecheimer, der immer wieder vor das Ger├╝st schlug. Plink, plink, ich schaute dem Eimer zu. Im Wind wiegte er sich hin und her und ich hoffte, dass der Henkel aus Eisendraht halten w├╝rde und der Eimer nicht herunterf├Ąllt und mich erschl├Ągt. Ich sah schon die Schlagzeile vor mir: Nackter Mann auf Bauger├╝st nachts von Eimer erschlagen. Kein schlechter Abgang. Aber dann, pl├Âtzlich und einschlagend wurde mir klar: Der Eimer hing an einem Drahthenkel. Das fehlende, rettende Werkzeug um das Fenster zu ├Âffnen. Neue Kraft durchstr├Âmte meinen K├Ârper und mit festem Blick auf den Eimer gerichtet, stand ich auf um diesem unerwartetem Abenteuer ein Ende zu bereiten. Also kletterte ich die Sprossen wieder hoch, allerdings diesmal schon etwas schneller, ich hatte ja schon ├ťbung, griff nach dem Eimer und l├Âste den Draht aus seiner Verankerung. Mit dem Schl├╝ssel zur Rettung in der Hand ging es die Eisenleiter wieder herunter, ich ging nicht mehr ich lief, wenn auch immer noch vorsichtig, zu meinem Fenster. Mit nerv├Âsen H├Ąnden bog ich den Draht auseinander, f├╝hrte ihn von oben in den Fensterspalt ein und fischte damit nach dem Griff. Ein-, zweimal wollte es nicht klappen, aber dann hakte der Draht ein, ich zog kr├Ąftig daran und pl├Âtzlich, ich schw├Âre ich hatte Tr├Ąnen in den Augen, ├Âffnete sich das Fenster. Ich atmete tief ein, schloss f├╝r einen Moment die Augen um diesen Triumph zu genie├čen. Ich hatte es geschafft, ich habe diese ausweglose Situation gemeistert.

Bevor ich durch das ge├Âffnete Fenster in meine Wohnung stieg, schaute ich noch einmal kurz nach unten auf die Stra├če. Ein Auto bog ein, parkte und sein Licht erlosch. Die Autot├╝r ├Âffnete sich und ich versuchte angestrengt meine Augen scharf zu stellen. Nur einen Augenblick lang konnte ich die Sch├Ąrfe halten, aber es reichte aus, um zu erkennen: Es war der Mann meiner Nachbarin von unten, der von der Nachtschicht nach Hause kam.

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