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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Geschichten aus Nichtberlin (3) - Madame Bar
Eingestellt am 11. 02. 2003 12:37


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Billy
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2003

Werke: 3
Kommentare: 2
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SpĂ€ter. Draußen vor der TĂŒr. Erst einmal tief durchatmen, um wieder einigermaßen klar zu kommen. Ich schließe fĂŒr einen Moment die Augen und sehe das Nachbild einer am Tisch sitzenden Gruppe von Menschen - alles Leute aus dem BĂŒro. Aber dann fangen Lichtreflexe auf dem Inneren meiner Augenlieder an zu tanzen und so öffne ich sie sofort wieder. Besser.

Jetzt nehme ich Mark war, stimmt wir wollen noch weiter und er fragt „Alles O.K. mit dir?“
„Alles in Ordnung, in welchen Laden sagtest du?
Mark erscheint mir noch wesentlich frischer als ich mich selbst fĂŒhle.
„Die Madame Bar, das einzig wĂŒrdige Etablissement fĂŒr den gelungenen Abschluss eines solchen Abends“ antwortet Marc. „Außerdem hat alles andere zu“.
Ich schaue auf die Uhr und muss die Augen zusammenkneifen, um die Zeit ablesen zu können. Es ist halb fĂŒnf und mir kommen Zweifel, ob ich wirklich noch fĂ€hig bin weiter zu ziehen. Mark hat diese Kraft. Egal ob es schon drei Uhr morgens ist, ob er literweise Bier getrunken hat oder sonst was, Mark will immer noch weiterziehen, immer weiter, was erleben. Ich vermute das liegt daran, dass Mark im Moment keine feste Freundin hat. Seit einem halben Jahr ist er ohne Beziehung. Davor war er mit einer Frau zusammen, in die er sehr verliebt war und beide haben so ganz verrĂŒckte Sachen gemacht, wie bei zehn Grad im November nachts nackt in den Kanal springen. Das hat dem Mark sehr gefallen, alles schien wunderbar zu laufen. Doch dann war Mark tagelang total daneben, stĂ€ndig unkonzentriert und zerstreut und Ă€ußerst dĂŒnnhĂ€utig. Das ist bei dem ein untrĂŒgliches Zeichen: Liebeskummer. Sonst ist er nĂ€mlich eine Selbstbewusstseinsbombe, total von sich ĂŒberzeugt. Aber in diesen Tagen, damals vor einem viertel Jahr, hat er kaum zugehört, wenn man ihm etwas gesagt hat und nur wirres Zeug von sich gegeben. Da wusste ich schon, dass was nicht in Ordnung ist. Vor einigen Tagen dann wieder dieser Zustand. Ich machte mir meine Gedanken, da er doch mit keiner zusammen war, die ihn hĂ€tte verlassen können. Ich hab ihn dann gefragt und da hat er mir gerade heraus erzĂ€hlt, dass seine frĂŒhere Freundin, der er immer noch nachtrauert, jetzt mit seinem, bis dahin besten Freund zusammen ist. Sie haben sich auf seiner Geburtstagsparty kennen gelernt. Deshalb muss er jetzt wieder jede Nacht los. Da sein frĂŒherer, bester Freund jetzt fĂŒr solche Touren nicht mehr in Frage kommt, soll ich halt mit. Obwohl wir beide uns nie sonderlich nahe standen. Wir arbeiten zusammen.

„Ich weiß nicht, wir haben morgen im BĂŒro um neun eine Besprechung.“
Mark schaut mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an, so als ob er nicht fassen kann, was ich da sage. „Ein Bier noch und das wars, dann ruf ich ein Taxi" sagt er bestimmt.

Als wir aus dem Taxi steigen, regnet es und wir nehmen aus Versehen den falschen Eingang, der hinunter in die 24 Stunden Pornovideothek fĂŒhrt. Am Tresen ein junger, gut aussehender Typ mit „Psycho" Schriftzug auf dem T-Shirt und Hornbrille. Er sieht ein wenig so aus wie der SĂ€nger von Pulp. Er schaut von seinem Comicheft kurz zu uns herĂŒber und liest dann, ohne uns weitere Aufmerksamkeit zu schenken weiter. Wir sind die einzigen Kunden.

Mir ist es auf einmal etwas peinlich hier unten in der 24 Stunden Pornovideothek vor diesem Typen zu stehen der ausschaut wie der SĂ€nger von Pulp, aber da kommt Mark und zeigt mir dieses Video mit dem unglaublichen Titel „Teenager fressen Scheiße" und da gibt es kein Halten mehr und wir prusten los, und als ob das nicht ausreicht, entdecke ich, dass es sich dabei offensichtlich schon um den zweiten Teil handelt und wir bekommen sofort wieder einen Lachanfall.
Wir versuchen uns zu beruhigen und Mark lÀsst sich von dem SÀnger von Pulp erklÀren, wie wir in die Madame Bar kommen.

Der TĂŒröffner brummt und wir gehen hinein und durch einen ziemlich dunklen Flur hinauf in die erste Etage. Es riecht nach altem Holz und auf der Treppe liegt ein abgewetzter weinroter Teppich, der auf jeder Stufe mit einem goldenen BĂŒgel befestigt ist, wie man das aus manchen Hotels kennt. An den holzgetĂ€felten WĂ€nden hĂ€ngen schwarz/weiß Fotografien von Jazzmusikern, worĂŒber ich mich etwas wundere.
Ich bedaure meinen Entschluss noch mitgegangen zu sein, da bemerke ich eine ziemlich dicke Schwarze, die uns oben am Ende des Flurs erwartet. Als sie uns im Licht besser sehen kann, schaut sie plötzlich sehr unfreundlich, scheinbar sieht sie in uns keine gute Kundschaft.
Drinnen ist es kaum grĂ¶ĂŸer als in einem Partykeller. An der u-förmigen, quadratischen Theke sitzen nur zwei Kerle, die uns gut gelaunt mit ihren Bieren zuprosten. Die Dicke geht sofort wieder hinter die Theke und nimmt eine Zigarette aus dem Aschenbecher, die sie wohl dort ablegte, bevor sie uns abgeholt hat. Sie setzt sich auf den Barhocker, stĂŒtzt sich auf den Ellenbogen und lĂ€sst die Hand mit der Zigarette lĂ€ssig nach unten fallen. Mit schief gelegtem Kopf schaut sie mich fordernd an. Anstatt was zu bestellen, frage ich blöd, ob sie die Jazz Fotografien im Treppenhaus aufgehangen hat.
„Nein SĂŒĂŸer, die hat Satchmo hier höchstpersönlich nach einem Privatkonzert aufgehangen“ antwortet sie sichtlich gelangweilt und dann weiter: „Also, was möchtet ihr beiden trinken?“
Ich bestelle Bier und Mark sagt „fĂŒr mich auch" und wir stellen uns etwas abseits, um nicht von den zwei Vertretertypen in ein GesprĂ€ch verwickelt zu werden.
Mark: „Was kann man denn bei Ihnen noch so alles fĂŒr sein Geld bekommen?"
„Piccolo, Whisky, Kirschwasser - alles, was dein Portomanai so hergibt“ antwortet sie gereizt.
Eine sehr junge Blonde mit modischem Kurzhaarschnitt taucht plötzlich auf und stellt sich zu uns.
„Und sonst?“ Mark wird konkreter und setzt dabei ein sĂŒffisantes Grinsen auf.
„Du bleibt wohl besser beim Bier“ antwortet sie gelassen.
Ich verliere das Interesse an dem GesprÀch, aber Mark ist irgendwie vernagelt und will tatsÀchlich wissen, was es mit ihr kostet?
„Und was machst du hier" frage ich ziemlich dusselig die Blonde.
Aber sie ist gnĂ€dig und antwortet sachlich: „Ich arbeite hier".
Sie trĂ€gt einen weißen Hosenanzug wie aus einem 70er Jahre Film mit einem Ausschnitt bis zum Bauchnabel. Ich schaue in ihr Gesicht: Sie sieht nett aus, mĂ€dchenhaft, mit großen grĂŒnen Augen - vielleicht ein wenig zu pummelig.
„Und was arbeitest du hier?" frage ich und denke sofort Bravo, nĂ€chste peinliche Frage.
„Als Animierdame" antwortet sie ruhig. „Ich trinke mit den GĂ€sten ein Glas Sekt, wenn sie mir eins ausgeben." „Oh Entschuldigung" unterbreche ich. „Darf ich dir was bestellen?"
Sie lĂ€chelt mich an. „Einen Sekt bitte Pony" ruft sie in Richtung Theke und die Dicke greift, ohne zu uns herĂŒber zu sehen, scheinbar ĂŒber einen Witz von Mark schallend lachend unter den Tresen und holt eine Piccoloflasche hervor.
„Ich trinke Sekt mit den GĂ€sten und unterhalte mich. Ich arbeite erst vier Wochen hier und die Chefin ĂŒberlĂ€sst es mir selbst zu entscheiden was ich tue und was nicht.“
Wir prosten uns zu, und dann erzĂ€hlt sie mir, dass sie gerade eine Lehre abgebrochen hat und hier eigentlich nur aus Langeweile jobbt und weil sie die Sache interessiert und sie sowieso gerade nicht weiß was sie machen soll und wie es weitergeht und so weiter. Dabei wirkt sie ganz entspannt und die SĂ€tze sprudeln nur so aus ihr heraus.
„Vielleicht gehen wir mal zusammen Essen?" höre ich mich sagen und ahne, dass ich das besser nicht hĂ€tte sagen sollen, da ich das GefĂŒhl habe, dass so was zu nichts fĂŒhren wird, aber der Alkohol treibt die Gedanken ja immer in Echtzeit heraus, da kann man meist nichts machen.
„Warum?“ fragt sie zurĂŒck.
„Weil ich dich gerne nĂ€her kennen lernen wĂŒrde“ erfinde ich halb und nippe an meinem Bier.
Zu meinem absoluten Erstaunen geht sie auf mein Angebot ein und antwortet: „O.K. aber lass uns was trinken gehen.“
„Du gehst nicht gern Essen?“ hake ich nach.
„Ich hoffe du hĂ€ltst mich jetzt nicht fĂŒr vermindert genussfĂ€hig oder so, aber ich stehe einfach nicht auf Essen gehen, tollen Wein und diesen ganzen Kissenfurzerscheiß. Ich esse entweder zu Hause oder gehe zu McDonalds.“
Ich bin erstaunt.
„Im Ernst, ich esse am liebsten bei McDonalds. Dort weiß ich immer was ich bekomme, egal wo ich bin, in welcher Stadt, in welchem Land, ob es dort schön oder hĂ€sslich ist, gleich wie ich mich fĂŒhle: Du gehst um die Ecke und da ist auf einmal ein McDonalds genauso, wie man es kennt. Die Einrichtung und die QualitĂ€t entsprechen deiner Erwartung. Wenn du hineingehst bist du kein Tourist. Die Regeln und das Angebot sind bekannt. Ein Cheeseburger ist ein Cheeseburger - in Hamburg oder in Amsterdam. Wenn du dich irgendwo auf der Welt einsam und fremd fĂŒhlst, gehe zu McDonalds, bestelle ein MenĂŒ und schon geht es dir besser.
„Was ist mit Burger King?“ frage ich.
„Keine Alternative“. Sie schĂŒttelt ernst den Kopf. „SpĂ€testens beim Bezahlen wĂŒnscht du dir wieder bei Mc Donalds sein.“
Ich schaue sie fragend an.
„Ist dir aufgefallen, dass bei Burger King die Schlangen an den Kassen immer deutlich lĂ€nger sind als bei McDonalds? Bei McDonalds gibst du die Bestellung auf und der Typ hinter der Kasse sagt dir was du zu bezahlen hast, bevor er losmarschiert um deine Sachen klar zu machen. In dieser Zeit zĂ€hlst du in Ruhe dein Geld ab und hast es dann schon passend in der Hand, wenn es ans Bezahlen geht. Bei Burger King wartet der Typ, bevor er auch nur einen Handschlag tut, bis du bezahlt hast und dabei glotzt er dich die ganze Zeit an, so als ob er sagen will, wollen wir doch erst einmal sehen, ob du dir dass hier ĂŒberhaupt leisten kannst.
Nur weil Burger King ihren Kunden nicht vertraut, mĂŒssen sie lĂ€nger warten. Deshalb wird sich Burger King auch nie richtig durchsetzen."
„Obwohl die Pommes dort besser sind“ wirft ein kleiner, Zigarillo rauchender Mann ein, der eben noch nicht da war, und sich wĂ€hrend des GesprĂ€chs unbemerkt nah zu uns heran gestellt hat.

Mark reißt plötzlich an meinem Arm. „400 und wir können beide mit ihr hoch. Bei Pony ist auch fĂŒr zwei genug dran" lallt er und alle prusten los.
Die Vertreter nicken mir aufmunternd und breit grinsend zu. Ich lehne dankend ab, bestelle eine Runde Bier fĂŒr alle und bekomme zur Belohnung einen Kuss von Pony zugehaucht, die zu mir rĂŒber kommt und mich zum Tanzen auffordert. Ich versuche so gut wie möglich auf „You don't really want to hurt me" von Boy George mit ihr zu tanzen (eng), aber plötzlich wird mir klar, dass ich sofort gehen muss. Wir tanzen bis zum Ende des Liedes und ich dann möchte meine Jacke aus der Garderobe holen, kann sie aber nicht finden. Der kleine Zigarillo rauchende Mann ist auch verschwunden. Ich frage in die Runde aber eigentlich hört mir keiner zu. Mark tanzt mittlerweile eine Art Blues mit Pony und der Hosenanzug lacht mit den beiden Vertretern an der Theke und die hören mich nicht, weil einer der Vertreter sich ĂŒber die Theke beugte und „Sunshine Reggae" sehr laut aufgedreht hat. Also frage ich jeden einzeln, aber niemand weiß von der Jacke. Ich versuche die Contenance zu bewahren und bezahle ohne Jacke meine GetrĂ€nke. Dann schreibe ich noch meine Telefonnummer auf einen Bierdeckel (die Blonde, deren Namen ich immer noch nicht kenne, bat mich darum) und lasse mir ein Taxi rufen.

Auf der RĂŒckfahrt entdecke ich ein McDonalds das noch geöffnet hat. Da der Tag, eigentlich die ganze Woche ziemlich beschissen war, beschließe ich, die Nacht mit einem McRip-MenĂŒ zu beenden und bitte den Taxifahrer anzuhalten. Mc Donalds Philosophie denke ich bei mir. Mal sehen ob es funktioniert.

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