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Gewissen-Haft
Eingestellt am 09. 11. 2000 09:54


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 115
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Gewissen-Haft

Die Schuhe des Bahnfahrers tappen trĂ€ge ĂŒber den Boden. Er ist mĂŒde. Seine Augen tun ihm weh. Aber seine Umgebung gönnt ihm keine Abwechslung, um die TrĂ€gheit von ihm zu schĂŒtteln.
Sein Weg ist ein Tunnel. Doch ist dies keiner der dunklen, unterirdischen Bahntunnel, wie jene, die er frĂŒher einmal befahren haben muß. So haben sie bestimmt nicht ausgesehen, dem ist sich der Bahnfahrer sicher. Trotzdem kommt er nicht umhin, diesen Gang stĂ€ndig mit jenen U-Bahn-Tunneln zu vergleichen, die er einmal gekannt haben muß. Das sind sicherlich nicht solch krumme Tunnel gewesen. Dieser Stollen verlĂ€uft nie gerade. Er beschreibt eine stetige Linikskurve, die der Bahnfahrer nur zehn, vielleicht auch zwölf Meter weit einsehen kann. Dahinter verschluckt die Biegung seine weitere Sicht.
Und alles ist erleuchtet. Obwohl keine Lampen zu sehen sind, ist es hier so hell, daß ihm die Augen schmerzen von dem weißen Licht. Es wird von den WĂ€nden mit den vielen Buchstaben reflektiert. Ja, es scheint sogar aus den WĂ€nden mit den vielen Buchstabenreihen zu leuchten, denn woher soll das Licht wohl sonst kommen, wenn es keine Lampen gibt?
Dieser Tunnel ist wie das Innere eines Schlauches. Es gibt keinen ebenen Fußboden, auf dem man angenehm laufen kann. Es gibt auch keine Winkel oder Ecken, die ĂŒber dem Kopf eine konkrete Decke wahrnehmen lassen könnten. Es gibt keine Schienen und keine Signalampeln, keine Nischen in denen sich Telefone oder Feuerlöscher befinden, und erst recht keine NotausgĂ€nge. Obwohl die doch ĂŒberall sein sollten, falls mal was passiert. Stattdessen gibt es nur Wand. Eine Wand, die durchgĂ€ngig und rund um ihn herum verlĂ€uft, als laufe er wie ein kleines Insekt durch einen ĂŒberdimensionalen Schlauch. Nur ist diese Wand nicht weich, sondern unnachgiebig und hart wie Beton.
Und sie ist beschrieben. Mit Milliarden von Buchstaben. Alle sind verschiedenen Schrifttyps und daher auch unterschiedlich groß. Sie stehen in Zeilen, sind aber ohne offensichtliches System vollkommen wirr aneinandergereiht, wie nach einem fĂŒr den Bahnfahrer unverstĂ€ndlichen Geheimcode. Sonst gibt es nichts. Nur Buchstaben. Die ganze unendliche Wand entlang. Stetiger, unzusammenhĂ€ngender, sinnloser Kauderwelsch. Nur hin und wieder entdeckt den Bahnfahrer inmitten dieser Zeilen komplette Wörter. Oder besser: Buchstabenkonstellationen, die Wörter sein könnten, die aber wohl durch das Prinzip des Zufalls entstanden sind. Es sind Worte, wie "ForRan" oder "VaiTer" oder "NahsenaAcH" oder "DalLank".
Der Bahnfahrer fragt sich schon lange, wann diese Kurve denn endlich enden möge. Es gibt nie eine Steigerung oder ein GefĂ€lle. Es gibt auch keine Abbiegungen nach links oder rechts. Es gibt ĂŒberhaupt kein Rechts, sondern nur ein sanft gebogenes Links, das nie enger oder weiter wird und das der KrĂŒmmung nach zu urteilen, gar nicht so langwegig sein kann. Seine maternden Zweifel, der Tunnel habe ĂŒberhaupt kein Ende, hat der Bahnfahrer bereits des öfteren zu verdrĂ€ngen versucht. Auch den Verdacht, dieser Gang sei eigentlich ein Ring, der sich irgendwie um ihn geschlossen habe und die BefĂŒrchtung, er habe in dieser stupiden, nie andersartigen und doch stĂ€ndig wechselnden Umgebung den Überblick verloren, an einer Stelle schon einmal vorbeigekommen zu sein - all das hat er in seinem Kopf schon oft wirsch beiseitegeschoben und sich eingeredet, daß dies doch nicht sein könne.
Aber diese Bedenken dringen immer wieder in das Schneckenhaus seiner Gedanken. Wie Ungeziefer schleichen sie sich stets aufs neue an ihn heran, umschwirren ihn und plagen ihn mit stechenden Kopfschmerzen.
Obwohl der Bahnfahrer schon lange unterwegs ist, verspĂŒrt er weder Hunger noch Durst. Er spĂŒrt nur noch MĂŒdigkeit. Und den penetranten Drang, weiterkommen zu mĂŒssen, immer nur weiter zu laufen, um endlich das Ziel, das Ende dieses verfluchten Tunnels, zu erreichen, um endlich - endlich - eine Pause zu machen, um endlich mal etwas anderes zu sehen, wie auch immer es aussehen möge. Der Bahnfahrer versucht sich zu erinnern, wie lange er schon diesen Gang entlangirrt. Es muß Ewigkeiten her sein, daß er losgegangen ist.
Aber was hat er, ein Bahnfahrer, ĂŒberhaupt in diesem Tunnel verloren?
"Ich bin ein Bahnfahrer", sagt er laut zu sich selbst, als dĂŒrfe er es nicht vergessen. "Ich trage eine Bahnfahrer-Uniform und eine Bahnfahrer-MĂŒtze. Über meine Schulter hĂ€ngt eine Tasche, in der sich ein Fahrplanbuch, eine Palette Fahrkarten und etwas Wechselgeld befindet. Also bin ich offensichtlich ein Bahnfahrer. Ich bin es gewohnt, in langen Tunneln zu sein."
Gewiß. Offensichtlich ist der Bahnfahrer ein Bahnfahrer. An diese Offensichtlichkeit klammert er sich wie ein Ertrinkender an eine Rettungsboje. Und wenn er ein Bahnfahrer ist, so muß er demnach zweifelsohne eine Bahn gefahren haben. Eine U-Bahn, in der er sicherlich viele Stunden verbracht hat. Mit der er bestimmt mal viele dunkle Stollen befahren, wahrscheinlich an zahllosen Stationen gehalten und möglicherweise Hunderte und Tausende Menschen befördert hat. Wenn er sich zwingt, sich daran zu erinnern, ist sein offenbarer Beruf das Einzige, an das er noch eine Erinnerung hat. Alles Übrige ist mit der Zeit zusammengeschrumpft zu einem ewigen Laufen durch einen hellen, linksgebogenen Tunnel, deren WĂ€nde mit unendlich vielen Buchstaben verschiedener Schrifttypen beschrieben sind. Seine ganze Vergangenheit, all seine Vorlieben, Neigungen, Freuden und Leiden, all diesen Rest muß er scheinbar irgendwann beim Laufen verloren haben. Es ist so schleierhaft und fadenscheinig geworden, als liege es hinter einem milchig-weißen Vorhang, bedruckt mit Alltagsgeschwafel, mit Buchstabenreihen, die keinen Sinn mehr ergeben. Aber das Nicht-Erinnern fĂ€llt ihm sehr leicht. Scheinbar ist dieser Rest, den er nicht mehr versteht, auch nicht wirklich wichtig gewesen.
Obgleich es ihm so vorkommt, als habe seine Arbeit als U-Bahnfahrer ihn oft sehr gelangweilt. Er muß mit seiner Bahn doch stĂ€ndig durch dunkle, monotone und vermeintlich endlose SchienenschĂ€chte gefahren sein, den Blick stĂ€ndig auf kreischende Lichtkegel gerichtet, die sich vor seiner Bahn durch die SchwĂ€rze geschoben haben. Wie oft hat er wohl das helle Ende vermißt? Doch hat er sicherlich auch stets das Wissen gehabt, das dieses Ende irgendwann kommen mußte.
Und dann das Geschwafel seiner FahrgĂ€ste, jener Alltagsmenschenhorden, die hinter seinem RĂŒcken dumpfe, ausdruckslose und desinteressierte Zwangskonversation betrieben haben mußten. All das muß er als Bahnfahrer doch damals gehaßt haben und muß doch froh darĂŒber gewesen sein, in seiner Fahrerkabine von dem stumpfsinnigen Gebrabbel weitgehend verschont zu bleiben.
Jetzt wĂŒrde er es gerne wieder hinter sich hören. Ach, wie sehr glaubt er nun, seine Bahn zu vermissen. Und das unterirdische Dunkel. Das Kreischen der Lichtkegel, die vor ihm ĂŒber die Schienen schaben. Wie sehr verlangt es ihm nun nach einer Station. Er wĂ€re schon glĂŒcklich, ein Zeichen zu sehen, ein Signal, das ihm anzeigt, wie weit es noch bis zur nĂ€chsten Haltestelle ist. Aber all das gibt es hier nicht. Hier gibt es nicht einmal Schienen.
Ohne seine Bahn glaubt sich der Bahnfahrer schrecklich nackt zu fĂŒhlen. Er kann die Stille des Buchstabentunnels nicht mehr hören. Dieses Schweigen, das ja gar kein Schweigen ist, denn es sind ja ĂŒberall Wörter. Aber er ist Wörter nunmal nicht gewohnt. Sicherlich könnte er Symbole lesen, oder Schilder, oder auch ein Pfeifen. Wenn es erklingt, wĂŒrde er sich bestimmt auch wieder erinnern, was seine Bedeutung ist. Aber mit Wörtern, nein, damit kennt er sich nicht aus.
Der Bahnfahrer reibt sich die brennenden Augen. Hinter seiner Stirn rumort der Kopfschmerz. Es fĂ€llt ihm schwer, sich ins GedĂ€chtnis zurĂŒckzurufen, wie er hier ĂŒberhaupt hineingelangt ist. Das muß wohl alles schon sehr lange her sein. Aber irgendwann muß er doch in diesen Tunnel gegangen sein, sonst wĂ€re er schließlich nicht hier. Aber was ist der Grund gewesen? Ein Auftrag? Soll er vielleicht etwas in diesem Tunnel ĂŒberprĂŒfen oder in Ordnung bringen? Oder hat man ihn losgeschickt, weil dieser Weg zu seiner Bahn fĂŒhrt, mit der er dann eine zugeteilte Strecke fahren soll? Aber seit wann ist ein Tunnel so lang? Und warum gibt es hier keine Schienen?
‚Hier ist mehr nicht in Ordnung, als ich allein wieder in Ordnung zu bringen fĂ€hig wĂ€re', denkt sich der Bahnfahrer. Da ĂŒberfĂ€llt ihn plötzlich ein ganz anderer Gedanke: ‚Vielleicht will man mich testen. Ja ... Möglicherweise will man meine psychische Belastbarkeit prĂŒfen und hat mich deshalb in diesen Stollen geschickt.' Aber weshalb? Mißtraut man etwa seinen FĂ€higkeiten? Glaubt man etwa, er sei unfĂ€hig, seinen Beruf gewissenhaft auszufĂŒhren?
"Ich werde ihnen schon zeigen, wie belastbar ich bin", raunt der Bahnfahrer grimmig. "Und wenn dieser verdammte Tunnel noch so lang ist, ich werde schon an das Ende kommen. Ich werde ihnen beweisen, daß ich ein guter, gewissenhafter Bahnfahrer bin. Ich tu das, was man von mir verlangt und bringe meine AuftrĂ€ge ordentlich zuende. Zeit ist schließlich Geld. Ich muß pĂŒnktlich sein. Wo und wann auch immer. Sonst gerĂ€t am Ende alles durcheinander. Menschen kommen zu spĂ€t, wenn ich zu spĂ€t komme."
Also lĂ€uft er weiter voran. Immer weiter durch den Tunnel, den er wegen seiner sanften LinkskrĂŒmmung nicht einsehen kann, entlang an unendlich langen Zeilen aus unendlich vielen Buchstaben unterschiedlichen Schrifttyps.
Aber seine Bedenken schweigen nicht. Sie rĂŒpeln weiterhin und immer heftiger durch die SchneckenhausgĂ€nge seiner Gedanken, bis sich sein Kopf wie ausgeschabt anfĂŒhlt. Was ist, wenn es gar kein Ende gibt? Was ist, wenn all seine Überlegungen stimmen und er sich die ganzen Zeit im Kreis bewegt. NatĂŒrlich ist er irgendwann in diesen Tunnel hineingegangen, also muß es doch logischerweise auch irgendwo einen Eingang geben. Aber nun lĂ€uft er schon so lange ... und alles sieht gleich aus ... und doch wieder nicht ... und ein Ende ist nicht abzusehen ...
Der Bahnfahrer will seine BefĂŒrchtungen endlich zum Schweigen zu bringen und entschließt sich, einen Test zu machen: Er sucht beim Gehen die Buchstabenzeilen an der Wand nach einer gĂŒnstigen Buchstabenreihenfolge ab. Nach einem Ausschnitt, den er sich leicht merken und wiederfinden kann. - Nach einem Ausgangspunkt.
Bald findet er einen Zeilenausschnitt in Augenhöhe. c lautet er. Auch wenn der Bahnfahrer keine Bedeutung in dieser Buchstabenreihe sieht, so meint er doch, daß sie sich sehr schön lesen und einprĂ€gen lĂ€ĂŸt. Nun will er weitergehen und die Reihe im Auge behalten und genau darauf achten, ob der Ausschnitt wieder auftaucht. Wenn dies geschehe, wĂŒrde das bedeuten, daß er sich tatsĂ€chlich in einem Kringel bewegt. Eine Weile denkt er ĂŒber seinen Plan naczh. ‚Um wirklich sicher zu gehen und nichts zu ĂŒbersehen,' ĂŒberlegt er, ‚mĂŒĂŸte ich zusĂ€tzlich mit dem Finger die Zeile verfolgen. So kann es mir nach einer Umrundung - sofern es eine Umrundung wird - nicht passieren, daß ich an der Zeile vorbeilaufe ohne sie zu entdecken.'
Die Schlauchform des Ganges hindert ihn jedoch, nah an die Zeile heranzugehen. So ist seine Fortbewegungsweise höchst unbequem, da er sich weit ĂŒberbeugen muß, um mit seinem weit ausgestreckten Arm und Zeigefinger an die entsprechende Zeile zu kommen. Gleichzeitig muß er sich auf seine Schritte konzentrieren, damit er nicht ĂŒber seinen eigenen FĂŒĂŸe stolpert.
Schritt um Schritt geht er weiter den Tunnel entlang. Fuß um Fuß zieht er nach, den Arm ausgestreckt haltend, immer mal wechselnd, da er in dieser Haltung schnell lahm wird. Konzentriert wie ein SchulanfĂ€nger, der sich beim Lesen noch nicht sicher ist, verfolgt er mit angestrengtem Blick seinem Zeigefinger auf der einen Zeile entlang, um sie auch ja nicht zu verlieren, um auch bloß nicht den einen wiederholten Ausschnitt zu verpassen, wenn er den Kreis - sofern es ein Kreis ist, in dem er sich befindet - einmal umrundet hatte.
Der Bahnfahrer beginnt, das kurze "Nuzediceid", das er sich ausgesucht hatte, zu vermissen. Er kann sich nichts Sehnlicheres mehr vorstellen, als es endlich wiederzusehen. Je weiter er geht, um so mehr bedeutet ihm dieser Ausschnitt. Er wird fĂŒr ihn wie ein StĂŒck Heimat, auf das er sich in der Fremde freut. Wie eine Oase in der WĂŒste wird dieses "Nuzediceid" fĂŒr ihn sein, wenn er es denn dann wiederfindet.
So bewegt er sich verkrampft Stunde um Stunde weiter fort. Viel lĂ€nger und weiter, als die KrĂŒmmung des Tunnels einen Kreis zulassen wĂŒrde. BestĂ€ndig brabbelt er das unendliche Zeilenwort vor seinen Augen nach, voller Konzentration, jederzeit eine Bedeutung herauszuhören. Ab und an unterbricht er seinen stetigen Monolog, um sich seinen geliebten Zeilenausschnitt in Erinnerung zu rufen, damit er ihn nicht vergißt oder in der langen Buchstabenreihe4 ĂŒbersieht. Aber die Arme werden ihm lahm. Immer öfter wechselt er sie, weil sie in der ausgestreckten Haltung immer eher mĂŒde werden. Seine FĂŒĂŸe schmerzen ihm, da sie dieses verkrampfte Gehen nicht gewohnt sind. Aber der Bahnfahrer beißt die ZĂ€hne aufeinander und hĂ€lt durch; lĂ€uft weiter durch den scheinbar endlosen gebogenen Stollen, mit den nie enden wollenden Zeilen aus Buchstaben unterschiedlichen Schrifttyps an den WĂ€nden.
Doch das "Nuzediceid", bei dem er gestartet ist, taucht einfach nicht auf.
Die ganze Zeit hielt er den Blick starr auf die Reihe aus Buchstaben gerichtet. Das weiße Licht, das ihm aus der Wand entgegenleuchtet, schmerzt ihm in den Augen. Oft muß er blinzeln und TrĂ€nen laufen ihm das Gesicht herab. Vielleicht hat er einen seiner mĂŒden, schweren Arme irgendwann ein StĂŒck gesenkt und vielleicht genau zu einem Zeitpunkt, als er gerade wegen dem Licht hatte blinzeln mĂŒssen. Vielleicht hat er so nicht bemerkt, daß er sich versehentlich versehen und in der Zeile vertan hat. Er hat auch öfter mehrere andere Wortkonstellationen entdeckt, die wie zufĂ€llig angeordnet mitten in der Zeile standen. "CEitisgĂ€lt" hatte er gelesen und zuerst gehofft, das sei der Schluß seines geliebten, sehnsuchtsvoll erwarteten "Nuzediceid" gewesen.
Einmal hat er geglaubt, ein "Wekisasciel" gelesen und darin eine vage Bedeutung erahnt zu haben. Aber als er den Blick wieder zurĂŒckverfolgte, war der Ausschnitt nicht mehr zu finden. Dabei hĂ€tte er schwören können, es gelesen zu haben. Aber es war fort. Wo er es erahnt hatte, befand sich wieder nur Kauderwelsch, zufĂ€llig aneinandergereihte Buchstaben, deren Kombination nur Geschwafel darstellen, das keinerlei Bedeutung besitzt.
Der Bahnfahrer bekommt es mit der Angst. Wenn es nun so ist, daß sich die Buchstaben von alleine verschieben? Dann kann es auch sein, daß seine geliebte "Nuzediceid"-Zeile einfach verschwunden ist. Und dann kann er noch so lange in diesem Rund - wenn es ein Rund ist - herumlaufen und nicht merken, daß er um etwas drumherumlief. Und selbst dann, wenn er doch die gesuchte Zeile wiederfinden wĂŒrde, so fĂ€llt ihm nun ein, so wĂ€re das ja noch lĂ€ngst keine Lösung. Denn dann wĂŒĂŸte er zwar, daß er sich in einem Kreis befindet, doch wie sollte er dann aus seinem runden GefĂ€ngnis ausbrechen?
Verzweifelt kommt der Bahnfahrer zu dem Schluß, daß er die ganze Zeit, in der er nach einer Lösung fĂŒr seine Zweifel gesucht hat, diese Zeit nur vertrödelt hat. Er hat sie schlecht genutzt. Nun kommt er nicht mehr pĂŒnktlich, wohin auch immer er pĂŒnktlich kommen soll. Alles ist nun verloren. Sein Zug oder seine Bahn ist jetzt sicher ohne ihn abgefahren.
Aus lauter Verzweiflung und ohne es wirklich zu merken, verfÀllt der Bahnfahrer wieder in eine schnellere Gangart, einzig wegen der vagen Hoffnung, dieser Tunnel könnte doch ein Tunnel sein und irgendwo ein Ende haben. Vielleicht ist ja doch noch nicht alles verloren. Vielleicht kann er die mit dem dummen Test vertrödelte Zeit wieder aufholen.
"Ich werde es ihnen zeigen. Ich bin ein guter, gewissenhafter Bahnfahrer", brummt er verĂ€rgert immer wieder vor sich hin, wĂ€hrend er mit hĂ€ngendem Kopf seine laufenden FĂŒĂŸe voranhetzt. "Ich werde an das Ende kommen. Ich tue, was man von mir verlangt. Ich bringe meine AuftrĂ€ge ordentlich zuende. Zeit ist Geld. Ich muß pĂŒnktlich sein. Sonst gerĂ€t alles durcheinander. Ich bin ein guter, gewissenhafter Bahnfahrer."
Da hĂ€lt er mit einem Male so abrupt inne, daß er beinahe gestrauchelt wĂ€re. Entgeistert starrt er an, was urplötzlich die stete Eintönigkeit des Buchstabentunnels unterbrochen hat: Direkt vor seinen Schuhen sprießt ein zierliches GĂ€nseblĂŒmchen und reckt sein weißes Köpfchen dem verdutzten Bahnfahrer entgegen. Der kleine Trieb hat mit seiner sanften Gewalt den harten Boden des Stollens einfach aufgebrochen und sich seinen Weg ins Innere des Stollens durchwachsen.
Der Bahnfahrer ist von diesem feingliedrigen Anblick so verblĂŒfft, daß er zunĂ€chst glaubt, er trĂ€ume. Verwundert reibt er sich die geröteten Augen, schĂŒttelt den Kopf, reibt sich noch einmal die Augen, geht dann zögernd in die Hocke und stubst das GĂ€nseblĂŒmchen vorsichtig mit seinem zitternden Zeigefinger an. Doch das PflĂ€nzchen verschwindet nicht einfach, wie der Bahnfahrer vermutet hatte. Es denkt gar nicht daran, sich als SinnestĂ€uschung zu entpuppen, sondern bleibt dort, wo es aus dem Boden sprießt und schwingt, von der Fingerkuppe des Bahnfahrers angestoßen, leicht und fröhlich hin und her. Fast, als freue es sich darĂŒber, hier bei ihm in diesem Buchstabentunnel zu sein.
Der Bahnfahrer kann es einfach nicht fassen, solch ein PflĂ€nzchen hier zu sehen. ‚Ob dies das Ende ist?' fragt er sich. ‚Ob hier die normale Welt wieder beginnt und dieses GĂ€nseblĂŒmchen nur ein Vorbote von ganzen Wiesen und Auen voller GĂ€nseblĂŒmchen ist, die irgendwo da vorne auf mich warten?'
Unsicher schaut er sich um. Aber natĂŒrlich ist niemand zu sehen, der ihn und seine Reaktion beobachten könnte. Trotzdem fĂŒhlt er sich verunsichert. Er glaubt, sich sehr wohl an diese Pflanze zu erinnern. Sie ist ein Unkraut, das weiß er. Und UnkrĂ€uter, auch das glaubt er noch zu wissen, sind schlecht fĂŒr SchienenstrĂ€nge. Sie sprengen mit ihren Wurzeln, ihren frechen GĂ€nsefĂŒĂŸchen Asphalt und sogar Beton. Außerdem ĂŒberwuchern sie sicherlich völlig rĂŒcksichtslos die oberirdischen Gleise. In seinem U-Bahntunnel hat er bestimmt nicht viel mit UnkrĂ€utern zu tun gehabt, aber in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden, so schließt der Bahnfahrer aus seinen Resterinnerungen, muß man sicherlich alle Gleise vom schĂ€dlichen Unkraut befreien, da die Sicherheit der Schienenstrecken sonst gefĂ€hrdet ist.
Der Bahnfahrer fĂŒhlt sich hin und hergerissen. Was soll er nun tun? ‚Vielleicht', so ĂŒberlegt er weiter, ‚werde ich ja doch beobachtet und sehe meine Beobachter nur nicht. Vielleicht ist dies auch ein Test. Schließlich bin ich im Dienst. Ich trage meine Bahnfahrer-Uniform, demnach bin ich also im Dienst. - Ich muß es tun.' Und mit einer ruckartigen, kurz entschlossenen Bewegung bĂŒckt er sich und rupft das GĂ€nseblĂŒmchen samt Wurzel aus dem Boden. Das kleine Loch, in dem das PflĂ€nzchen sproß, schließt sich innerhalb eines weiteren Augenblickes. Kurz darauf ist nichts mehr zu sehen, außer eine winzige, kaum zu erkennende Narbe zwischen zwei Buchstabenreihen.
Fassungslos starrt der Bahnfahrer auf die Stelle. Dann schaut er auf das entwurzelte BlĂŒmchen, das schlaff zwischen den Fingern seiner Hand liegt. Es lĂ€ĂŸt das weiße BlĂŒtenköpfchen hĂ€ngen, welkt in Sekunden dahin, trocknet aus, zerfĂ€llt zu feinem Staub, der zu Boden rieselt, wo er gĂ€nzlich verschwindet.
Immer noch gafft der Bahnfahrer mit offenem Mund abwechselnd auf die verschlossene Stelle am Boden und auf seine leeren HĂ€nde. Ein wirrer, und trotzdem unermesslich langsamer Gedanke schleicht sich durch das Schneckenhaus in seinem Kopf. Dieser Gedanke erzĂ€hlt ihm von GĂ€nseblĂŒmchen. Von vielen GĂ€nseblĂŒmchen auf einer riesigen Wiese, auf der kleine, bloße GĂ€nsefĂŒĂŸchen herumlaufen. GĂ€nsefĂŒĂŸchen. Mit denen jeder Satz beginnt. Oder aber endet. Solange er nur ausgesprochen wird.
Eine unendlich lange Zeit steht der Bahnfahrer regungslos da, starrt nur herab auf HĂ€nde und Tunnelboden. In diesen wenigen Minuten altert er scheinbar um Jahrzehnte.
Dann beginnt er wieder zu gehen. Doch sind seine Schritte nur noch ein Schlurfen, schwer und mĂŒde, als rolle er seit Urzeiten einen großen Stein einen Berg hinauf. TrĂ€ge schleift er die FĂŒĂŸe hinter sich her. Nur nebenbei bemerkt er, daß er dabei die Tinte der Buchstaben verschmiert. Doch das ist dem Bahnfahrer egal. Er fĂŒhlt sich nur noch mĂŒde. Er versucht, nur auf seine Schuhe zu schauen, um die Buchstabenzeilen nicht mehr sehen zu mĂŒssen und um sich auf den nĂ€chsten Schritt zu konzentrieren, nur noch auf den nĂ€chsten Schritt. Und stets kommt ihm dieser schwerer vor als der letzte. Alles ist ihm egal geworden. Und selbst wenn die schienenartigen Streifen, die er hinter sich herzieht, irgendwann vor ihm auftauchen werden, so wird ihm auch das egal sein. Der einzige Vorteil, den er darin sehen wird, wird sein, daß es zumindest wie Schienen aussieht, was ihm den Weg in eine Unendlichkeit weist. In Gewissen-Haft. In eine schlauchartige Unendlichkeit einer einzigen runden Wand, bedruckt mit Buchstaben verschiedensten Schrifttyps, in langen Reihen aneinandergefĂŒgt, ohne Sinn und Bedeutung, wie das stumpfsinnige Geschwafel von Leuten, die hinter einer Bahnfahrerkabine stehen und sich mit nichtswertigen Informationen einlullen.
Und so schiebt er sich auf verschmierten Tintengleisen weiter voran, ohne etwas anderes zu wollen, als endlich ein wohltuendes Dunkel am Ende dieses Tunnels zu sehen.

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Markus Veith
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Eine wertvolle Kritik. Hatte diese Titel-Variante auch noch gar nicht bedacht. - Vielen Dank.

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