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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Gewissen-Haft (2.Runde)
Eingestellt am 17. 05. 2001 22:36


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Markus Veith
Routinierter Autor
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GewissenHaft

Die Schuhe des Bahnfahrers tappen trĂ€ge ĂŒber den Boden. Seine Augen tun ihm weh. Er ist mĂŒde. Aber seine Umgebung gönnt ihm keine Abwechslung, um die TrĂ€gheit von ihm zu schĂŒtteln.
Sein Weg ist ein Tunnel. Doch ist dies keiner der dunklen, unterirdischen Bahntunnel, wie jene, die er frĂŒher einmal befahren haben muß. So haben sie bestimmt nicht ausgesehen, dessen ist sich der Bahnfahrer sicher. Trotzdem kommt er nicht umhin, diesen Gang stĂ€ndig mit jenen U-Bahn-Tunneln zu vergleichen, die er einmal gekannt haben muß. Das sind sicherlich nicht solch krumme Tunnel gewesen. Dieser Stollen verlĂ€uft nie gerade. Er beschreibt eine stetige Linkskurve, die der Bahnfahrer nur zehn, vielleicht auch zwölf Meter weit einsehen kann. Dahinter verbirgt die Biegung seine weitere Sicht.
Und alles ist erleuchtet. Obwohl keine Lampen zu sehen sind, ist es hier so hell, daß ihm die Augen schmerzen von dem weißen Licht. Es wird von den WĂ€nden mit den vielen Buchstaben reflektiert. Ja, es scheint sogar aus den WĂ€nden mit den vielen Buchstaben zu leuchten, denn woher soll das Licht wohl sonst kommen, wenn es keine Lampen gibt?
Dieser Tunnel ist wie das Innere eines Schlauches. Es gibt keinen ebenen Fußboden, auf dem man angenehm laufen kann. Es gibt auch keine Winkel oder Ecken, die ĂŒber dem Kopf eine konkrete Decke wahrnehmen lassen könnten. Es gibt keine Schienen und keine Signalampeln, keine Nischen in denen sich Telefone oder Feuerlöscher befinden, und erst recht keine NotausgĂ€nge. Obwohl die doch ĂŒberall sein sollten, falls mal was passiert. Stattdessen gibt es nur Wand. Eine Wand, die durchgĂ€ngig und rund um ihn herum verlĂ€uft. Nur ist diese Wand nicht weich, sondern hart wie Beton.
Und sie ist beschrieben. Mit Milliarden von Buchstaben. Alle sind verschiedenen Schrifttyps und daher unterschiedlich groß, stehen in Zeilen, sind aber ohne offensichtliches System aneinandergereiht, wie nach einem unverstĂ€ndlichen Geheimcode. Nur hin und wieder entdeckt der Bahnfahrer inmitten dieser Zeilen komplette Wörter. Oder besser: Buchstabenkonstellationen, die Wörter sein könnten, die aber wohl durch das Prinzip des Zufalls entstanden sind. Es sind Worte, wie "ForRan" oder "VaiTer" oder "NahsenaAcH" oder "DalLank".
Der Bahnfahrer fragt sich schon lange, wann diese Kurve denn endlich enden wĂŒrde. Es gibt keine Steigerung und kein GefĂ€lle. Es gibt auch keine Abbiegungen und es gibt ĂŒberhaupt kein Rechts, sondern nur ein sanft gebogenes Links, das nie enger oder weiter wird und das der KrĂŒmmung nach zu urteilen, gar nicht so langwegig sein kann. Seine maternden Zweifel, der Tunnel habe ĂŒberhaupt kein Ende, hat der Bahnfahrer bereits des öfteren zu verdrĂ€ngen versucht. Auch den Verdacht, dieser Gang sei eigentlich ein Ring, der sich irgendwie um ihn geschlossen habe und die BefĂŒrchtung, er habe in dieser stupiden, nie andersartigen und doch stĂ€ndig wechselnden Umgebung den Überblick verloren, an einer Stelle schon einmal vorbeigekommen zu sein - all das hat er in seinem Kopf schon oft wirsch beiseitegeschoben und sich eingeredet, daß dies doch nicht sein könne.
Aber wie Ungeziefer schleichen sich diese Bedenken stets aufs neue an ihn heran, umschwirren ihn und plagen ihn mit stechenden Kopfschmerzen.
Obwohl der Bahnfahrer schon lange unterwegs ist, verspĂŒrt er weder Hunger Durst. Er spĂŒrt nur noch MĂŒdigkeit. Und den penetranten Drang, weiterkommen zu mĂŒssen, immer weiter zu laufen, um endlich das Ziel, das Ende dieses verfluchten Tunnels, zu erreichen, um endlich - endlich - eine Pause zu machen und etwas anderes zu sehen, wie auch immer es aussehen möge. Der Bahnfahrer versucht sich zu erinnern, wie lange er schon diesen Gang entlangirrt. Es muß Ewigkeiten sein.
Aber was hat er, ein Bahnfahrer, ĂŒberhaupt in diesem Tunnel verloren?
"Ich bin ein Bahnfahrer", sagt er laut zu sich selbst, als dĂŒrfe er es nicht vergessen. "Ich trage eine Bahnfahrer-Uniform und eine Bahnfahrer-MĂŒtze. Über meine Schulter hĂ€ngt eine Tasche, in der sich ein Fahrplanbuch, eine Palette Fahrkarten und etwas Wechselgeld befindet. Also bin ich offensichtlich ein Bahnfahrer. Ich bin es gewohnt, in langen Tunneln zu sein."
Gewiß. Offensichtlich ist der Bahnfahrer ein Bahnfahrer. An diese Offensichtlichkeit klammert er sich wie ein Ertrinkender an eine Rettungsboje. Und wenn er ein Bahnfahrer ist, so muß er demnach zweifelsohne eine Bahn gefahren haben. Eine U-Bahn, in der er sicherlich viele Stunden verbracht hat. Mit der er bestimmt einmal viele dunkle Stollen befahren, wahrscheinlich an zahllosen Stationen gehalten und möglicherweise Hunderte und Tausende Menschen befördert hat. Wenn er sich zu einer Erinnerung zwingt, ist sein offenbarer Beruf das Einzige, an das er noch eine Erinnerung hat. Alles Übrige ist mit der Zeit zusammengeschrumpft zu einem ewigen Laufen. Seine ganze Vergangenheit, all seine Vorlieben, Neigungen, Freuden und Leiden, all diesen Rest muß er scheinbar irgendwann beim Laufen verloren haben. Er ist so schleierhaft und fadenscheinig geworden, als liege er hinter einem milchig-weißen Vorhang, bedruckt mit Alltagsgeschwafel, mit Buchstabenreihen, die keinen Sinn mehr ergeben. Aber das Nicht-Erinnern fĂ€llt ihm sehr leicht. Scheinbar ist dieser Rest auch nicht wirklich wichtig gewesen.
Obgleich es ihm so vorkommt, als habe seine Arbeit als U-Bahnfahrer ihn oft sehr gelangweilt. Er muß mit seiner Bahn doch stĂ€ndig durch dunkle, monotone und vermeintlich endlose SchienenschĂ€chte gefahren sein, den Blick stĂ€ndig auf kreischende Lichtkegel gerichtet, die sich vor seiner Bahn durch die SchwĂ€rze geschoben haben. Wie oft hat er wohl das helle Ende vermißt? Doch hat er sicherlich auch stets das Wissen gehabt, das dieses Ende irgendwann kommen mußte.
Und dann das Geschwafel seiner FahrgĂ€ste, jener Alltagshorden, die hinter seinem RĂŒcken dumpfe, ausdruckslose und desinteressierte Zwangskonversation betrieben haben mußten. All das muß er als Bahnfahrer doch gehaßt haben, froh darĂŒber, in seiner Fahrerkabine von dem stumpfsinnigen Gebrabbel verschont zu bleiben.
Jetzt wĂŒrde er es gerne wieder hinter sich hören. Ach, wie sehr glaubt er nun, seine Bahn zu vermissen. Und das unterirdische Dunkel. Das Kreischen der Lichtkegel, die vor ihm ĂŒber die Schienen schaben. Wie sehr verlangt es ihm nun nach einer Station. Er wĂ€re schon glĂŒcklich, ein Signal zu sehen, das ihm anzeigt, wie weit es noch bis zur nĂ€chsten Haltestelle ist. Aber all das gibt es hier nicht. Hier gibt es nicht einmal Schienen.
Ohne seine Bahn glaubt sich der Bahnfahrer schrecklich nackt zu fĂŒhlen. Er kann die Stille des Buchstabentunnels nicht mehr hören. Dieses Schweigen, das ja gar kein Schweigen ist, denn es sind ja ĂŒberall Wörter. Aber er ist Wörter nun einmal nicht gewohnt. Sicherlich könnte er Symbole lesen, oder Schilder, oder auch ein Pfeifen. Wenn es erklingt, wĂŒrde er sich bestimmt auch wieder erinnern, was seine Bedeutung ist. Aber mit Wörtern, nein, damit kennt er sich nicht aus.
Der Bahnfahrer reibt sich die brennenden Augen. Hinter seiner Stirn rumort der Schmerz. Es fĂ€llt ihm schwer, sich ins GedĂ€chtnis zurĂŒckzurufen, wie er hier ĂŒberhaupt hineingelangt ist. Das muß wohl alles schon sehr lange her sein. Aber irgendwann muß er doch in diesen Tunnel gegangen sein, sonst wĂ€re er schließlich nicht hier. Aber was ist der Grund gewesen? Ein Auftrag? Soll er vielleicht etwas in diesem Tunnel ĂŒberprĂŒfen oder in Ordnung bringen? Oder hat man ihn losgeschickt, weil dieser Weg zu seiner Bahn fĂŒhrt, mit der er dann eine zugeteilte Strecke fahren soll? Aber seit wann ist ein Tunnel so lang? Und warum gibt es hier keine Schienen?
‚Hier ist mehr nicht in Ordnung, als ich allein wieder in Ordnung zu bringen fĂ€hig wĂ€re.' Da ĂŒberfĂ€llt ihn plötzlich ein ganz anderer Gedanke: ‚Vielleicht will man mich testen. Ja ... Möglicherweise will man meine psychische Belastbarkeit prĂŒfen und hat mich deshalb in diesen Stollen geschickt.' Aber weshalb? Mißtraut man etwa seinen FĂ€higkeiten? Glaubt man etwa, er sei unfĂ€hig, seinen Beruf gewissenhaft auszufĂŒhren?
"Ich werde ihnen schon zeigen, wie belastbar ich bin." Seine grimmigen Worte raunen an der beschriebenen Wand entlang. "Und wenn dieser verdammte Tunnel noch so lang ist, ich werde schon an das Ende kommen. Ich werde ihnen beweisen, daß ich ein guter, gewissenhafter Bahnfahrer bin. Ich tu das, was man von mir verlangt und bringe meine AuftrĂ€ge ordentlich zu Ende. Zeit ist schließlich Geld. Ich muß pĂŒnktlich sein. Wo und wann auch immer. Sonst gerĂ€t am Ende alles durcheinander. Menschen kommen zu spĂ€t, wenn ich zu spĂ€t komme."
Also lĂ€uft er weiter voran. Immer weiter durch den Tunnel, den er wegen seiner sanften LinkskrĂŒmmung nicht einsehen kann, entlang an unendlich langen Zeilen aus unendlich vielen Buchstaben unterschiedlichen Schrifttyps.
Aber seine Bedenken rĂŒpeln weiterhin und immer heftiger durch die SchneckenhausgĂ€nge seiner Gedanken, bis sich sein Kopf wie ausgeschabt anfĂŒhlt. Was, wenn es kein Ende gibt? Was, wenn all seine Überlegungen stimmen und er sich die ganzen Zeit im Kreis bewegt. NatĂŒrlich ist er irgendwann in diesen Tunnel hineingegangen, also muß es doch logischerweise auch irgendwo einen Eingang geben. Aber nun lĂ€uft er schon so lange ... und alles sieht gleich aus ... und doch wieder nicht ... und ein Ende ist nicht abzusehen ...
Der Bahnfahrer entschließt sich, einen Test zu machen: Er sucht beim Gehen die Buchstabenzeilen an der Wand nach einer gĂŒnstigen Buchstabenreihenfolge ab. Nach einem Ausschnitt, den er sich leicht merken und wiederfinden kann. - Nach einem Ausgangspunkt.
Bald findet er einen Zeilenausschnitt in Augenhöhe. "Nuzediceid" lautet er. Der Bahnfahrer sieht keine Bedeutung in dieser Buchstabenreihe, doch lĂ€ĂŸt sie sich sehr schön lesen und einprĂ€gen. Nun will er die Reihe im Auge behalten und genau darauf achten, ob der Ausschnitt wieder auftaucht. Wenn dies geschehe, wĂŒrde das bedeuten, daß er sich tatsĂ€chlich in einem Kreis bewegt. Eine Weile denkt er ĂŒber seinen Plan nach. ‚Um wirklich sicher zu gehen und nichts zu ĂŒbersehen,' ĂŒberlegt er, ‚werde ich zusĂ€tzlich mit dem Finger die Zeile verfolgen. So kann es mir nach einer Umrundung nicht passieren, daß ich an der Zeile vorbeilaufe ohne sie zu entdecken.'
‚- Sofern es eine Umrundung ist', fĂŒgt ein schnell flĂŒchtender Gedanke in ihm hinzu.
Die Schlauchform des Ganges hindert ihn jedoch, nah an die Zeile heranzugehen. So ist seine Fortbewegungsweise höchst unbequem, da er sich weit ĂŒberbeugen muß, um mit seinem ausgestreckten Zeigefinger an die entsprechende Zeile zu kommen. Gleichzeitig muß er sich auf seine Schritte konzentrieren, damit er nicht ĂŒber seinen eigenen FĂŒĂŸe stolpert.
Schritt um Schritt geht er weiter den Tunnel entlang. Fuß um Fuß zieht er nach, den Arm ausgestreckt haltend, immer mal wechselnd, da er in dieser Haltung schnell lahm wird. Konzentriert wie ein SchulanfĂ€nger, der sich beim Lesen nicht sicher ist, verfolgt er mit angestrengtem Blick seinem Zeigefinger auf der Zeile entlang, um sie auch ja nicht zu verlieren, um auch bloß nicht den einen wiederholten Ausschnitt zu verpassen, wenn er den Kreis einmal umrundet hat.
- Sofern es ein Kreis ist. -
Der Bahnfahrer beginnt, das kurze "Nuzediceid", das er sich ausgesucht hatte, zu vermissen. Er kann sich nichts Sehnlicheres mehr vorstellen, als es endlich wiederzusehen. Je weiter er geht, um so mehr bedeutet ihm dieser Ausschnitt. Er wird fĂŒr ihn wie ein StĂŒck Heimat, auf das er sich in der Fremde freut. Wie eine Oase in der WĂŒste.
So bewegt er sich weiter fort. Viel lĂ€nger und weiter, als die KrĂŒmmung des Tunnels einen Kreis zulassen wĂŒrde. BestĂ€ndig brabbelt er das unendliche Zeilenwort vor seinen Augen nach, voller Konzentration, jederzeit eine Bedeutung herauszuhören. Ab und an unterbricht er seinen stetigen Monolog, um sich seinen geliebten Zeilenausschnitt in Erinnerung zu rufen, damit er ihn nicht vergißt oder in der langen Buchstabenreihe ĂŒbersieht. Aber die Arme werden ihm lahm. Immer öfter wechselt er sie, weil sie in der ausgestreckten Haltung immer schneller ermĂŒden. Seine FĂŒĂŸe schmerzen ihm, aber der Bahnfahrer beißt die ZĂ€hne aufeinander und hĂ€lt durch; lĂ€uft weiter durch den scheinbar endlosen gebogenen Stollen, mit den nie enden wollenden Zeilen aus Buchstaben unterschiedlichen Schrifttyps an den WĂ€nden.
Doch das "Nuzediceid" taucht nicht auf.
Das weiße Licht der Wand schmerzt ihm in den Augen. Oft muß er blinzeln und TrĂ€nen laufen ihm das Gesicht herab. Vielleicht hat er einen seiner mĂŒden, schweren Arme irgendwann ein StĂŒck gesenkt. Vielleicht genau zu einem Zeitpunkt, als er gerade hatte blinzeln mĂŒssen. Vielleicht hat er so nicht bemerkt, daß er sich versehentlich versehen und in der Zeile vertan hat. Er hat auch andere Wortkonstellationen entdeckt, die wie zufĂ€llig angeordnet mitten in der Zeile standen. "CEitisgĂ€lt" hatte er gelesen und zuerst gehofft, das sei der Schluß seines geliebten, sehnsuchtsvoll erwarteten "Nuzediceid" gewesen.
Einmal hat er geglaubt, ein "Wekisasciel" entdeckt und darin eine vage Bedeutung erahnt zu haben. Aber als er den Blick wieder zurĂŒckverfolgte, war der Ausschnitt nicht mehr zu finden. Wo er es erahnt hatte, befand sich wieder nur Kauderwelsch, zufĂ€llig aneinandergereihte Buchstaben, deren Kombination nur Geschwafel darstellen, das keinerlei Bedeutung besitzt.
Der Bahnfahrer bekommt es mit der Angst. Wenn es nun so ist, daß sich die Buchstaben von alleine verschieben? Dann kann es auch sein, daß sein geliebtes "Nuzediceid" einfach verschwunden ist. Und dann kann er noch so lange in diesem Rund herumlaufen.
- Wenn es ein Rund ist. -
Und selbst wenn er die gesuchte Zeile wiederfinden wĂŒrde, so fĂ€llt ihm nun ein, so wĂ€re das ja noch lĂ€ngst keine Lösung. Denn dann wĂŒĂŸte er zwar, daß er sich in einem Kreis befindet, doch wie sollte er aus seinem runden GefĂ€ngnis ausbrechen?
Verzweifelt kommt der Bahnfahrer zu dem Schluß, daß er die ganze Zeit nur vertrödelt hat. Er hat sie schlecht genutzt. Nun wird er nicht mehr pĂŒnktlich ankommen, wo auch immer er pĂŒnktlich ankommen soll. Sein Zug ist jetzt sicher ohne ihn abgefahren.
Ohne es wirklich zu merken, verfÀllt der Bahnfahrer wieder in eine schnellere Gangart, einzig wegen der vagen Hoffnung, dieser Tunnel könnte doch ein Tunnel sein und irgendwo ein Ende haben. Vielleicht ist ja doch noch nicht alles verloren. Vielleicht kann er die mit dem dummen Test vertrödelte Zeit wieder aufholen.
"Ich werde es ihnen zeigen. Ich bin ein gewissenhafter Bahnfahrer", brummt er immer wieder vor sich hin, wĂ€hrend er mit hĂ€ngendem Kopf seine FĂŒĂŸe voranhetzt. "Ich werde an das Ende kommen. Ich tue, was man von mir verlangt. Ich bringe meine AuftrĂ€ge ordentlich zu Ende. Ich muß pĂŒnktlich sein. Sonst gerĂ€t alles durcheinander. Ich bin ein guter, gewissenhafter Bahnfahrer."
Da hĂ€lt er mit einem Male so abrupt inne, daß er beinahe gestrauchelt wĂ€re. Entgeistert starrt er an, was urplötzlich die stete Eintönigkeit des Buchstabentunnels unterbrochen hat: Direkt vor seinen Schuhen sprießt ein zierliches GĂ€nseblĂŒmchen und reckt seine weiße BlĂŒte dem verdutzten Bahnfahrer entgegen. Der kleine Trieb hat mit seiner sanften Gewalt den harten Boden des Stollens einfach aufgebrochen und sich seinen Weg ins Innere des Stollens durchwachsen.
Der Bahnfahrer ist von diesem Anblick so verblĂŒfft, daß er zunĂ€chst glaubt, er trĂ€ume. Verwundert reibt er sich die geröteten Augen, schĂŒttelt den Kopf, reibt sich noch einmal die Augen, geht dann zögernd in die Hocke und stubst das GĂ€nseblĂŒmchen vorsichtig mit seinem zitternden Zeigefinger an. Doch das PflĂ€nzchen verschwindet nicht. Es entpuppt sich nicht als SinnestĂ€uschung, sondern bleibt, wo es ist und schwingt, von der Fingerkuppe des Bahnfahrers angestoßen, leicht und fröhlich hin und her. Fast, als freue es sich, hier bei ihm zu sein.
Der Bahnfahrer kann es einfach nicht fassen. ‚Ob dies das Ende ist?' fragt er sich und schaut sich beunruhigt um. Es ist niemand zu sehen, der ihn und seine Reaktion beobachten könnte. Trotzdem fĂŒhlt er sich verunsichert. Er glaubt, sich sehr wohl an diese Pflanze zu erinnern. Sie ist ein Unkraut, das weiß er. Und UnkrĂ€uter, auch das glaubt er noch zu wissen, sind schlecht fĂŒr SchienenstrĂ€nge. Sie sprengen mit ihren Wurzeln, ihren dreisten GĂ€nsefĂŒĂŸchen Asphalt und sogar Beton. Außerdem ĂŒberwuchern sie sicherlich völlig rĂŒcksichtslos die oberirdischen Gleise. In seinem U-Bahntunnel hat er bestimmt nicht viel mit UnkrĂ€utern zu tun gehabt, aber in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden, so schließt der Bahnfahrer aus seinen Resterinnerungen, muß man sicherlich alle Gleise vom schĂ€dlichen Unkraut befreien, da die Sicherheit der Schienenstrecken sonst gefĂ€hrdet ist.
Der Bahnfahrer fĂŒhlt sich hin und hergerissen. ‚Vielleicht', so ĂŒberlegt er weiter, ‚werde ich ja doch beobachtet und sehe meine Beobachter nur nicht. Vielleicht ist dies auch ein Test. Schließlich bin ich im Dienst. Ich trage meine Bahnfahrer-Uniform, demnach bin ich also im Dienst. - Ich muß es tun.' Und mit einer kurz entschlossenen Bewegung bĂŒckt er sich und rupft das GĂ€nseblĂŒmchen samt Wurzel aus dem Boden. Das kleine Loch, in dem das PflĂ€nzchen sproß, schließt sich innerhalb eines weiteren Augenblickes. Kurz darauf ist nichts mehr zu sehen, außer einer kaum zu erkennenden Narbe zwischen zwei Buchstabenreihen.
Fassungslos starrt der Bahnfahrer auf die Stelle. Dann schaut er auf das entwurzelte BlĂŒmchen, das zwischen den Fingern seiner Hand liegt. Es lĂ€ĂŸt das weiße Köpfchen hĂ€ngen, welkt in Sekunden dahin, trocknet aus und zerfĂ€llt zu feinem Staub, der zu Boden rieselt, wo er gĂ€nzlich verrinnt.
Immer noch gafft der Bahnfahrer mit offenem Mund abwechselnd auf die verschlossene Stelle am Boden und auf seine leeren HĂ€nde. Ein unermesslich langsamer Gedanke schleicht sich durch das Schneckenhaus in seinem Kopf. Dieser Gedanke erzĂ€hlt ihm von GĂ€nseblĂŒmchen. Von vielen GĂ€nseblĂŒmchen auf einer riesigen Wiese, jenseits dieses engen Kringels, auf der kleine, bloße GĂ€nsefĂŒĂŸchen herumlaufen. GĂ€nsefĂŒĂŸchen. Mit denen jeder Satz beginnt. Oder aber endet. Solange er nur ausgesprochen wird.
Lange Zeit steht der Bahnfahrer regungslos da, starrt nur herab auf HĂ€nde und Tunnelboden und altert scheinbar um Jahrzehnte.
Irgendwann beginnt er wieder zu gehen. Doch sind seine Schritte nur noch ein Schlurfen, schwer und mĂŒde, als rolle er seit Urzeiten einen großen Stein einen Berg hinauf. Nur nebenbei bemerkt er, daß er dabei die Tinte der Buchstaben verschmiert. Doch das ist dem Bahnfahrer egal. Er fĂŒhlt sich nur noch mĂŒde. Er versucht, nur auf seine Schuhe zu schauen, um die Buchstabenzeilen nicht mehr sehen zu mĂŒssen und um sich auf den nĂ€chsten Schritt zu konzentrieren, nur noch auf den nĂ€chsten Schritt. Und stets kommt ihm dieser schwerer vor als der letzte. Alles ist ihm egal. Und selbst wenn die schienenartigen Streifen, die er hinter sich herzieht, irgendwann vor ihm auftauchen werden, so wird ihm auch das egal sein.
Der einzige Vorteil wird sein, daß sein Weg in die Unendlichkeit zumindest wie Schienen aussehen wird.

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pirx
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo,

das hier gehört zu den besten Kurzgeschichten, die ich kenne. Ohne Übertreibung!

Wie ich sehe, bist Du meinem damaligen Rat gefolgt und hast den Schluß geĂ€ndert. Aber irgendwie gefĂ€llt er mir immer noch nicht so richtig.

...daß er dabei die Tinte der Buchstaben verschmiert.

Das sollte das Ende sein. Nun, ich bin ein Freund "harter Schnitte". Sowohl bei Filmen als auch bei BĂŒchern und Geschichten. Mein Vorschlag ist sicherlich nicht jedermanns Sache, wĂŒrde mich aber freuen, wenn Du mal darĂŒber nachdenkst.

Ferner hatte ich damals angeregt, die Geschichte in "Nuzediceid" umzubenennen. Nach wie vor fĂ€nde ich, daß das ein besserer Titel wĂ€re.

Kannst Du mal bei Gelegenheit posten, wann und wo Dein Buch erscheint?

Beste GrĂŒĂŸe

Pirx

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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Hallo, Pirx!
Vielen Dank nochmals. Ja, ich habe das Ende arg ("Aaarrgghh!!") zusammmengestrichen. Wie so oft fiel es mir nicht leicht. (Die alte Autorenkrankheit.) Deinen Vorschlag, es nochmals zu kĂŒrzen habe ich mir bereits notiert.
Zu dem Titel: Ich finde "Nuzediceid" als Überschrift eigentlich auch besser. Die Fremdartigkeit der Schreibweise fĂ€llt nicht weiter ins Gewicht und ich denke, er macht auch neugieriger als der momentane Titel. Der Grund, den Text immer noch nicht umbenannt zu haben, ist, dass ich befĂŒrchte, ein "Nuzediceid" könnte Leser auf eine falsche FĂ€hrte bringen. Es geht weniger darum, dass der Bahnfahrer seine Zeit nicht richtig nutzt, als vielmehr darum, dass er an der AlltĂ€glichkeit der Dinge, an den Wiederholungen, die sein Leben ausmachen, zweifelt. Dass er sich förmlich weigert zu bemerken, daß er aus seinem "Schneckenhaus" nie herauskommen wird, wenn er nicht etwas Ă€ndert. "Nuzediceid" wĂ€re mir da etwas eng. Ich denke aber nochmal darĂŒber nach. Ich habe noch einige Lesungen, bei denen ich die Geschichte mal unter diesem Titel ausprobieren werde.
Das Buch wird sicherlich noch lange auf sich warten lassen. Ich möchte es gerne wie einen Sonettenkranz aufbauen und dazu brauche ich noch fĂŒnf Geschichten (Ich weiß immerhin schon mal, worum es in ihnen gehen wird.) und muß noch vier bereits angefangene zuende schreiben. - Also noch viel, viel Arbeit.
Mit literarischen GrĂŒĂŸen
Markus Veith

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Ole
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2001

Werke: 31
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Hallo Markus,

also diese Geschichte hat bei mir keinen rechten Zugang gefunden. Sicherlich sollte die "Langatmigkeit" (wie ich sie empfand) dieses GefĂŒhl des Nichtausbrechenkönnens aus dem ewigen Alltagstunnel unterstreichen. Nur ich persönlich musste mich fast "zwingen" weiter zu lesen. Vielleicht war ich aber auch nur zu ungeduldig. Rein literarisch gesehen ist sie sicherlich nicht schlecht, kann ich nicht recht beurteilen. Daher noch einmal deutlich: Nur meine Empfindung als einfacher Leser!

schönen Gruß
Ole.
__________________
"...Wir sitzen mit unsern GefĂŒhlen
meistens zwischen zwei StĂŒhlen --
und was bleibt, ist des Herzens Ironie..."

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