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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gläserner Traum/Halbmond
Eingestellt am 24. 11. 2001 15:57


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Suzie
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Gläserner Traum/ Halbmond

Traumbild: Du standest in einer silbernen Halle, alles war ganz ruhig und leer. In der Ferne schimmerte ein rotgoldenes Licht, doch ich konnte nicht ausmachen, ob es die aufgehende, scharf blendende Sonne war oder nur der Schein einer übermächtig flackernden Kerze. Ich ging einen langen, hellen Gang entlang und wollte den Saal betreten, in dem du dich befandest und selbstversunken in einem riesigen, mit unzählig vielen, zarten Perlen verzierten Spiegel betrachtetest. Ich setzte konzentriert einen Fuß vor den anderen, doch so sehr ich mich auch bemühte, vorwärts zu kommen, es war als hinderte mich eine unsichtbare Wand daran, zu dir zu gelangen. Wie ein starkes magnetisches Feld, das jeden meiner Schritte verschluckte und mich unerbittlich wieder in die Galerie zurückwarf. Ich versuchte zu rennen, aber meine Beine fühlten sich plötzlich so unglaublich schwer und gefühllos an, so als würden sie gar nicht mehr zu meinem Körper gehören, als hätte ich keine Gewalt mehr über sie, als verweigerten sie mir störrisch ihren Dienst. Ungläubig nahm ich wahr, dass sie sogar anfingen sich langsam aufzulösen. Ein wabernder Nebel entstand um mich herum; ich wollte nach meinen Füßen tasten, doch diese hatten sich bereits verflüchtigt, waren einfach verschwunden, so als hätte es sie niemals gegeben. Seltsamerweise bleib ich völlig gelassen, ich beobachtete dich noch immer, dein Gesicht lächelte seinem Spiegelbild merkwürdig fasziniert zu. Ich öffnete meinen Mund, um nach dir zu rufen, doch kein Ton drang hervor. Ich spürte meine Stimmbänder vibrieren, hörte aber nicht, dass irgendein Laut sich seinen Weg aus mir heraus bahnte. Ich hob meine durchsichtigen Hände, die ebenfalls schon im Begriff waren, in Nichts aufzugehen und berührte die Mauer, welche mir den Weg versperrte. Ich glitt an ihr hinunter, sie fühlte sich kühl und metallisch an, aber irgendwie auch lebendig weich und pelzig. Etwas pulsierte in ihr, ich gewahrte den Herzschlag genau: gleichmäßig und friedlich. Ich begann, gegen diese organische Barriere zu hämmern und da auf einmal spürte ich, wie die Wand sich in Bewegung setzte und Wellen schlug. Als die erste Welle sich brach, war ein wildes Donnern zu vernehmen, dass ungefähr so klang, wie wenn die Planeten im Kosmos zusammenstoßen. Konzentriert. Die Geräusche stieben auseinander und verbreiteten sich rasend schnell im umliegenden Raum. Als sie dich erreichten, strecktest du gerade versonnen einen Arm aus, um mit den Fingern dein Bild nachzufahren. Ich konnte deutlich erkennen, wie dein Antlitz erstarrte, als es dich packte und dein Lächeln zu einer hässlichen Fratze verzerrte. Dann ergriff ein heftiges, unkoordiniertes Zucken deinen Leib, dem du dich erst widersetzten wolltest, doch was dich sogleich noch härter und mächtiger umschlang, als es dein Aufbegehren bemerkte. Du wurdest hochgerissen, sodass du für einen kurzen, zähen Moment anmutig zu schweben schienst. Die Zeit gefror für einen Sekundenbruchteil und du warst wieder der strahlende Engel im funkelnden Gewand, nach dem ich mein Leben lang immer gesucht hatte. Für einen winzigen Augenblick vernahm ich wieder das sanfte Zittern des Meeres in der Abendglut, das leise Seufzen des Windes, der die Wogen kräuselte und zärtlich über unsere Körper strich und unsere Stimmen, die sich mit dem Lied des Wassers vermischten. Dies wurde jedoch zerstört, als du brutal herumgewirbelt und an die Mauer geschleudert wurdest, die mich von dir trennte. Deine Augen waren weit aufgerissen vor Qual und Zorn und ich erkannte die nie verlorengegangene Sehnsucht in diesen saphirfarbenen Sternen. Ich konnte sofort wieder in deinen Kopf eindringen, bei uns genügte immer nur ein einziger Blick, um den anderen aufzunehmen und in sein Innerstes zu sehen. Deine Gedanken schwirrten in deinem Gehirn herum wie ängstliche, aufgescheuchte Vögel; Erinnerungsfetzen trieben vorbei, wie wenn sie auf der Flucht vor einer Bedrohung waren, Spuren von fast vergessenen Gefühlen jagten durch deine Nervenbahnen hindurch und alles flimmerte und flirrte wie nach einem starken Kurzschluss. Dein Mund formte unaufhörlich Worte, nur konnte ich nichts verstehen, die Sperre dämmte jeden Laut, doch ich wusste, dass dein gepeinigtes Gehirn mir zeigen würde, was du sagen wolltest.
Ich strengte mich an, in dem ganzen Durcheinander zu lesen, doch unerwartet zog es dich gewaltsam von der Scheibe zurück, die uns begrenzte und schmetterte dich erneut in den Raum. Maßlose Wut überkam dich, du fingst an zu schreien und da geschah es. Etwas saugte dich auf den Boden zurück, dass du wieder auf deinen Füßen zu stehen kamst. Zuerst glaubte ich, es hätte von dir abgelassen, aber sogleich fiel es mit einer solchen Wucht über dich her, dass du die Balance verlorst, ins Stolpern gerietest und rückwärts in den Spiegel stürztest. Die Scherben splitterten so laut, dass ich ihr anklagendes Klirren auch auf meiner Seite der Mauer wahrnahm. Du fielst immer weiter, als würde ein Sog dich in den Spiegel ziehen und als du schließlich ganz eingetaucht warst, schloss er sich hinter dir und du warst verschwunden. Sofort löste sich auch die Wand auf und mein Körper kehrte wieder; ich war schon fast gänzlich verweht gewesen, was ich aber kaum bemerkt hatte.
Völlig verwirrt trat ich in den Saal hinein und ging zu dem wunderschönen Spiegel, welcher dich soeben verschlungen hatte. Ich blickte hinein und erschrak dermaßen, dass ich entsetzt einige Schritte zurückwich. Anstatt meines eigenen Spiegelbildes sah ich nun dich, du warst im Spiegel gefangen. Deine Augen bedeuteten mir verzweifelt, näher zu kommen. Unsicher berührte ich das hauchdünne Glas und sogleich durchzuckte mich ein so beißender Schmerz, dass ich meine Hand instinktiv wieder wegzog. Eine feine Wunde bildete sich auf meiner Haut, doch sie heilte sofort wieder. Ich sah, wie du von innen gegen den Spiegel schlugst, ein leichtes Beben durchfuhr die Fläche, die daraufhin in viele feine Kristalle aufsprang. Angestrengt versuchte ich, nachzudenken, doch mein Schädel fühlte sich taub und leer an. Ich holte weit aus, ballte meine Faust und stieß sie mit aller Kraft gegen die eisige Fläche. Ein furchtbarer Knall, das Glas zerbarst mit ohrenbetäubenden Lärm, es gellte und toste, als würde der Spiegel aufjaulen unter entsetzlichen Krämpfen. Die scharfkantigen Splitter flogen wild durch die Halle, ich musste mich auf den Boden werfen, um nicht von ihnen durchbohrt zu werden. Als der Krach langsam verhallte und die Stille den Saal wieder überzog, erhob ich mich vorsichtig, um dir herauszuhelfen.
Doch ich konnte dich nicht entdecken, nur den unversehrten Rahmen des Spiegels, in den das Glas vorher eingefasst war, zeugte von dem Geschehenen und schwieg mich vorwurfsvoll an.
Fassungslos setzte ich mich nieder und blickt auf meine blutenden Hände. Die Scherben hatten tiefe Furchen in meine Haut geschnitten, doch ich verspürte nur ein leises Brennen.
Ich kauerte mich zusammen, legte den Kopf auf die Knie und begann zu weinen. Die Tränen tropften auf den Boden und benetzten die Fragmente des Spiegels, die überall im Raum verstreut lagen. Ich weiß nicht, wie lange ich so saß, irgendwann richtete ich mich wieder auf und mein Blick fiel auf einen besonders großen Splitter, der mir direkt zu Füßen lag. Meine Finger griffen nach ihm und hoben ihn auf. Ich erstarrte. Mich sahen zwei wunderschön dunkelblaue Augen an. Bestürzt starrte ich in deine unbeschreiblich herrlichen Saphire, bis die Erkenntnis wie ein Orkan in mein Bewusstsein brach. Mir versagten die Beine und ich fiel hart auf den Boden zurück. Ein gewaltiges Schluchzen quoll wie entfesselt aus meinem Leib hervor, durchquerte meine Kehle und drängte sich zwischen meinen Lippen hinaus. Mein Schrei wurde wie ein Spielball von den Wänden reflektiert, hin und her geworfen und verstärkt... ein Nebel begann zu kreisen, immer schneller; der Strudel rotierte um mich mit einer solchen Geschwindigkeit, dass ich hineingezogen wurde und mich kopfüber im Sog drehte. Ich versuchte, irgendwo Halt zu finden, aber im Kern des Sturms verfinsterte es sich zunehmend, sodass es mir nicht möglich war, irgendwelche Gegenstände auszumachen, an denen ich mich hätte festhalten können.
Plötzlich flammte ein scharfes Licht auf und bahnte sich seinen Weg in das Dunkel. Empört heulte der Sog, und wollte die lodernde Helligkeit zurückschmettern, doch sie kämpfte verbissen und durchdrang schließlich alles. Der Sturm zirkulierte bald immer kraftloser und mit einem letzten Wimmern gab er auf und ließ mich abrupt los.
Ich stürzte direkt auf meinen Schädel, fühlte den schmerzhaften Aufprall und versank dann in wohliger Ruhe.
Erst als ich Geräusche von außen wahrnahm, kehrte mein Bewusstsein zurück. Eine Berührung an meinem Arm.
Ich öffnete benommen meine Augen und... es war Licht.
__________________
*On ne trouve pas le freins; ou pas aussi vite qu'on ne trouve le merveilleux...*

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