Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87747
Momentan online:
476 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erzählungen
Glück ist leuchtend gelb
Eingestellt am 03. 11. 2010 17:29


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Diejoh
Hobbydichter
Registriert: Oct 2010

Werke: 1
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Diejoh eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die Wohnungstür fiel ins Schloss. Meine ältere Schwester war auf dem Schulweg. Vater war schon viel früher zur Arbeit gefahren. Da hatte ich noch geschlafen. Er hatte sein altes Fahrrad aus dem Keller geholt und war durch die dunkle Winternacht einem harten Tagewerk entgegen gefahren. Aber mein Vater war stark. Er war der stärkste Mann der Welt. Kälte machte ihm nichts aus und den ganzen Tag mit der Schaufel zu arbeiten war ein Klacks für ihn. Jedenfalls hatte ich ihn nie klagen hören.

Aber jetzt war auch meine Schwester gegangen und nun durfte ich aufstehen. Schnell schlüpfte ich aus dem Bett, huschte durch das frostige Schlafzimmer ins unbeheizte Bad. Eiskalt war das Wasser und es kostete mich ziemlich viel Überwindung mit dem tropfnassen Waschlappen durchs Gesicht zu fahren. Aber ich wusste, Mutter war unerbittlich, wenn es um Sauberkeit ging. Geschafft! Glänzend sauber und eingekremt öffnete ich die Wohnzimmertür und wohlige Wärme schlug mir entgegen. Dieser kleine Kohleofen war doch ein rechtes Wunderding.

„Ahhhh“, rief meine Mutter entzückt, als hätte sie mich seit Wochen nicht gesehen, „da ist ja mein kleiner Sonnenschein!!!“. Und diesmal kam die wohlige Wärme nicht von Außen. Sie breitete sich von Innen aus. Verglichen mit meiner Mutter war der Kohleofen dann doch eher ein Stümper.

„Komm“, sagte meine Mutter, während sie mich hochhob und auf einen Stuhl stellte, „jetzt wollen wir dich schnell anziehen“. Natürlich konnte ich mich mit meinen fast 5 Jahren schon selbst anziehen, aber auf dieses morgendliche Ritual wollte ich nicht verzichten – und ich glaube, meine Mutter auch nicht. Weg mit dem Schlafanzug, hinein in die Unterwäsche, dann das Leibchen mit den Strapsen und danach die langen braunen Strümpfe mit den Knöpfen. Nun noch das weiße Hemd, das Mutter aus Vaters altem Sonntagshemd genäht hatte, und die kurze schwarze Hose – auch umgenäht aus Vaters Sonntagsstaat. Zum Schluss der handgestrickte dunkelgrüne Pullover und fertig angezogen stand ich vor ihr. Vor meiner Mutter, die mir so unvergleichlich schön vorkam und die so schön singen und summen konnte und die immer so schöne Worte für mich fand. Worte die mich umschmeichelten und mein Herz öffneten.

Voller Liebe schaute sie mich an. Mich, ihren Jüngsten, ihr Nesthäkchen. Sie sah mich an, als wäre ich etwas unfassbar Wertvolles, als hätte sie noch nie etwas gesehen, das so liebenswert war wie ich. Im Überschwang ihrer Gefühle nahm sie mich fest in die Arme, drehte sich mit mir im Kreise, küsste meine Pausbacken und sang mehr als dass sie sprach: „Ohhhh, mein Maximilian – mein kleiner Maximilian!!!!!!“.

Das Zimmer verschwand in einer Explosion aus hellem Licht. Pulsierende Strahlen umfingen mich, so als badete ich im Sonnenschein. In diesem Moment habe ich erfahren: Glück ist leuchtend Gelb.


Eine Generation später ….
…saß ich im Straßencafe. Ich hatte mit meiner Frau verabredet, dass wir uns hier treffen wollten. Wir hatten geplant, nochmals einen Bummel durch die Lübecker Altstadt zu machen. Der Altweibersommer war einfach zu schön um ihn ungenutzt verstreichen zu lassen. Im Büro hatte ich mir den Nachmittag freigenommen und saß nun hier vor meiner Tasse Kaffee, beobachtete das Treiben um mich herum und wartete.

Bereits von Weitem – noch bevor ich die Konturen ihres Gesichtes genau erkennen konnte – fiel mir eine junge Frau auf. Es war ihr Gang der mir zuerst auffiel. Aufrecht aber nicht stolz. Eher mehr natürliche Eleganz. Auffällig war auch das Kleid das sie trug: Ein langärmeliges burgunderrotes Kleid – hochgeschlossen und leicht ausgestellt bis auf das Knie fallend. Ein gefährlicher Schnitt, für Frauen die glauben sie könnten unter so einem Kleid Körperfülle verbergen. Aber bei dieser Frau fiel das Kleid, wie die Robe einer Königin. Und an jeder Hand lief eine Prinzessin. Zwei kleine Mädchen im Kindergartenalter und ein jedes trug eine kleine Kopie von Mutters Kleid. Welch ein schönes Bild. Viele Leute blieben stehen, und schauten entzückt auf dieses Dreigestirn. Offensichtlich gab es viel zu erzählen. Denn immer wieder legte sich eines der blonden Köpfchen in den Nacken, schaute zur Mutter hinauf und hatte offenbar etwas sehr wichtiges zu sagen. Inzwischen waren sie etwas näher gekommen und ich konnte erkennen, wie die Mutter mit liebevoller Geduld auf die 1000 Fragen ihrer Kinder einging und dabei ihren dunkel gelockten Kopf mal zu dem einen dann zu dem anderen Kind neigte und lächelnd Antwort gab.

Sie kamen noch näher und immer weiter öffnete sich mein Herz. Dann hatte diese schöne Frau mit den unvergleichlichen Augen mich gesehen. Sie blieb stehen, legte den Kopf keck in den Nacken und strahlte mich an. So hatte sie mich vor 10 Jahren verzaubert und noch immer hatte der Zauber nichts an Kraft verloren.

Hören konnte ich es nicht, aber von den Lippen meiner Frau konnte ich lesen: „Da vorne sitzt euer Papa“. Zwei Köpfchen wirbelten herum, zwei Augenpaare erstrahlten als sie mich fanden, zwei Schreie durchschnitten die Luft: „PAPAAA“ und zwei Kometen schossen auf mich zu. Und hinter ihnen kam Fortuna – die unter allen Anderen gerade mich ausgewählt hatte.


Wieder eine Generation später ….
…warte ich erneut. Diesmal am Hamburger Flughafen. Unsere Älteste kommt uns besuchen – mit ihrer ganzen Familie. Sie wohnt jetzt in London und so häufig sehen wir uns nun nicht mehr.

Ich stehe vor diesen ominösen automatischen Glastüren – blickdicht – und warte. Dieses Warten ist nervtötend. Noch schlimmer als im Theater, wenn man die Minuten zählt bis endlich der Vorhang aufgeht. Ich stehe in einer bunten Menge und alle haben wir etwas gemeinsam. Wir starren auf diese öde Glastür. Gespräche finden nicht statt, jeder ist abgelenkt. Denn manchmal öffnet sich die Tür für den einen oder anderen Passagier und keiner möchte diesen kurzen Moment verpassen, wenn man einen Blick in die Innenhalle erhaschen kann. Doch dann strömen plötzlich viele Menschen durch die Tür. Kann das schon ihre Maschine sein? Nein, die sind doch gerade erst gelandet. Trotzdem recke ich meinen Hals um über die Köpfe hinwegsehen zu können. Vielleicht war ihr Koffer ja der Erste. Nein! Nichts!

Die Tür ist wieder zu. Ich warte. Jede Tafel, jedes Bild, jede Werbung rund um die Tür habe ich bestimmt schon x-mal angesehen, behalten habe ich nichts. Swusch, die Tür öffnet sich und ein großgewachsener Mann kommt heraus. Ist das nicht der Wickert? Ja, das ist der Wickert – dieser Nachrichtensprecher. Egal, wer ist schon Wickert. Ich warte auf meine Tochter! Und da ist sie! Für einen Sekundenbruchteil kann ich sie sehen.

Erstaunlich, wie viel Zeit ein Sekundenbruchteil ist, wenn zwei Blicke sich finden. Ich sehe ihre Augen aufleuchten und ich weiß, es geht ihr gut. Sie hat die Freude in meinem Blick gesehen und ich sehe, dass auch sie sich freut. Sie erkennt, wie der väterliche Stolz aus mir hervorbricht und ihre Augen antworten mir mit diesem kecken Lächeln, das sie von ihrer Mutter geerbt hat. Swusch, noch einmal schließt sich die Tür.

Hastig umgehe ich die Absperrung und postiere mich am linken Durchgang. Noch einmal swusch und da sind sie alle. Meine Tochter, mit dem Baby auf dem Arm, daneben ihr Ehemann und vorweg die „Große“ die nun schon fasst 3 Jahre alt ist. Als sie mich sieht, läuft sie auch schon auf ihren dünnen Mädchenbeinen los. „OPAAAA!!!!“, schreit sie und öffnet weit die Ärmchen. Ich gehe in die Hocke, greife dem Glück buchstäblich unter die Arme, hebe es hoch und wirble es herum. Dann kommen wir zur Ruhe und das Glück hält mich fest umklammert.


Ich bin nicht abergläubisch. Aber niemals würde ich es wagen, Lotto zu spielen. Ich würde mich zu Tode schämen, wenn Fortuna hinzukäme, gerade wenn ich meine Kreuzchen auf einem dieser Scheine machen würde. Undank und Glück gehen niemals zusammen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Erzählungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!