leselupe.de Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   4530
Themen:   72239
Momentan online:
14 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?

 Leselupe-Werke   Werke suchen
Foren-Übersicht
Prosa-Foren
Lyrik-Foren
Das Beste
Das Neueste
Werke des Monats
Die LL empfiehlt
Schreibwerkstatt
Diskussionsforen
Anonymus

 Leselupe-Service
Anthologien u. Reihen
Ausschreibungen
Lektorat
Literaturagentur
Edition Leselupe
Neues von der LL
Rezensionen
Für Webmaster
Literatur-Webkatalog
Fan-Shop

 Leselupe-Wissen
Ein Buch schreiben...
...und vermarkten
...im Selfpublishing
eBooks erstellen...
...und vermarkten
...oder herunterladen
eBook Reader
Books on Demand
Hörbuch downloaden
Bücher online lesen
Alte Bücher verkaufen


Leselupe.de > Humor und Satire
Goethe versus Bushido
Eingestellt am 02. 05. 2012 11:34


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Kaleidoskop
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jul 2011

Werke: 58
Kommentare: 435
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Kaleidoskop eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Goethe versus Bushido

Mein Uterus verkrampft sich, als der Poet beschreibt, wie er einer Schwangeren die befruchtete Eizelle aus ihrem Mutterleib reißt, um sich daraus seinen eigenen Hitler zu klonen. Dabei wippt am Finger seiner Rechten, am Beugel hängend, die halb leere „Flens“*; in der Linken hält er das zerknitterte Manuskript, dem er nicht mehr völlig mühelos die Zeilen entreißt. Er grinst mit dem Schädel auf seinem „Wacken“-Shirt um die Wette. Sein Blick leuchtet klar, wie der Flascheninhalt.

Es ist Samstagabend. Der Samstagabend, auf den ich seit Wochen, seit Monaten hingefiebert und gearbeitet habe. Es ist Poetry-Slam-Abend. Der Raum atmet, redet, fiebert; die Bühne erhebt sich im Scheinwerferlicht … und ich nehme teil; mein erstes Mal.

Noch wenige Minuten zuvor saß ich Backstage, wurde von einigen Teilnehmern in die Geheimnisse eines erfolgreichen Slam-Vortrages eingeweiht.
„Es sind die Schlüsselworte! Es müssen Begriffe wie Penis oder Hitler fallen, damit der Text zieht.“, war man sich einig.
„Dann sind alle meine Texte Mist“, erwiderte ich lächelnd.
Ein weiteres Problem erhebt sich nach Meinung meiner Mitstreiter gipfelgleich: Ich bin mit Gedichten am Start.
Gedichte … das klingt für viele wie: Wortschmalz mit Grieben.

„Na klar, ich könnte ein Gedicht über Hitlers bestes Stück schreiben, um den Anforderungen zu genügen“, denke ich und denke kaum zu Ende, da startet ein Automatismus: Meine Datenbank sucht einen passenden Reim auf „Penis“.

„No match found“, meldet es und weicht stattdessen auf Synonymsuche aus.
Erste Assoziation: Gehänge.
Darauf einen Reim zu finden, ist dem geübten Gehirn ein Leichtes.
„Gedränge“ drängt sich förmlich auf. Während die linke Gehirnhälfte noch ein Synonym für „Hitler“ sucht, macht sich die Rechte daran, einen Satz daraus zu legen, der sich als Gedichtzeile eignen würde. Nach wenigen Sekunden spuckt es aus:
In Führers Hose herrscht Gedränge.
Ein vierhebiger Jambus.

„Schluss damit!“, schreit mein Herz auf und kappt die Gedanken-Kette, bevor deren Reaktion unabwendbar zu einem der furchtbarsten Gedichte führen würde, das je einem Hirn entsprungen ist. „Das ist doch nicht dein Style!“, maßregelt es mich und hat recht. Ich bin wohl eher die „Doris Day“ des Poetry-Slam; die Sauberfrau, die kleine Alltäglichkeiten anekdotisch verdichtet. Gerne gereimt, im antiken Versmaß, auf die Senkung eine Hebung folgend, ins strenge Korsett der Metrik passend.

„Kann das was werden?“, frage ich mich, als ich die Treppe heruntersteige, die Backstage-Tür hinter mir schließe und auf die Bühne blicke, um die herum sich inzwischen Zuschauer gesammelt haben wie Trauben um die Rebe, „Kann man die Anti-Gedicht-Stimmung der Leute aus ihren Köpfen sonetten?“

Der Moderator macht mir Mut. Er erklärt dem Publikum, dass jede Form des selbst verfassten Textes auf die Slam-Bühne gehört. „Es könnten Goethe und Bushido auftreten, aber keinen von beiden erwarten wir heute Abend“, erklärt er. Das Publikum lacht.
Während ein Slammer nach dem anderen auftritt, wird mir klar, dass nicht einer von ihnen auf Goethes Pfaden wandelt.

Ich trete als Vorletzter auf, rede frei, moduliere, gestikuliere, bewege mich leichtfüßig wie Spiderfrau über die Bühne, performe meine Gedichte mit vollem Körpereinsatz und lande mit meinem Beitrag im hinteren Mittelfeld. Der Hitlerkloner wird Vierter.

Lieber Goethe, heute Abend haben wir gegen Bushido voll abgeloost.

Sorry.





* im norddeutschen Raum umgangssprachlich für „Flensburger Pilsener“ - ein Bier mit Beugelverschluß.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Architheutis
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jul 2011

Werke: 56
Kommentare: 613
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Architheutis eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Kalei,

meinen Vorredner kann man sich anschliessen. Handwerklich gibt es nichts zu mäkeln, so dass ich mich allein an dem Inhalt versuchen möchte:


Taugt das klassische Sonnett für einen Poetry-Slam?

Das Sonnett als Klanggedicht taugt dem Wesen nach dem gesprochenen Vortrag. Eine Lesung ist dem Sonnett vielleicht wesensimmanenter als den meisten anderen Gedichtformen. Das Vortragen an sich kann also nicht das Problem sein.

Poetry-Slam ist eine unmittelbare Erfahrung des gesprochenen Wortes. Wärend beim Sonnett das Versmaß und die Metrik ein Korsett schnüren, geht es beim Poetry-Slam doch mehr um den "Flow" der Sprache. Atemberaubende Wortakrobatik steht im Vordergrund, die dem Vortragenden ein enormes Maß an Zungenfertigkeit abverlangt. Dies wird umso mehr gesteigert, als dass es ein Zeitlimit gibt, innerhalb dessen man sich zu bewegen hat. Es geht also auch um Sprechgeschwindigkeit.

Dieser Geschwindigkeit muss ein Sonnett sicher einiges an Tribut zollen. Dem steht jedoch gegenüber, dass Sonnette auch gelesen funktionieren, hingegen die Poetry-Slam-Texte ihr Pulver meist allein in akustischer Hinsicht zu verschiessen vermögen.

Hat nun Goethe gegen Bushido abgeloost?

Ne, sehe ich anders. "Hinteres Mittelfeld" ist nicht der letzte Platz. Es gab also auch Günstlinge des Textes im Publikum. Vielleicht verhinderte allein die Qualität des Textes eine bessere Platzierung? Quod erat demonstrandum! :-)

Wer Bushido hört, ist meist ein junger Mensch. Viele der Hörer haben sicher auch ein sozial schwieriges Umfeld. Da steht zu Hause sicher nicht der Faust im Buchregal. Wenn aber von all den Kiddies auch nur eine Handvoll Gefallen daran finden, ihre Empfindungen mittels lyrischer Sprache auszudrücken, finde ich das OK.

Wer zu David Garrett ins Konzert geht, hat auch keine Ahnung von klassischer Musik. Die Hemmschwelle zu klassischen Konzerten ist sicher hoch. Wenn man David Garrett als Enthemmer braucht, ist auch das OK. Wenn auch hier wieder eine Handvoll junger Menschen später in die "richtigen" Konzerte gehen usw...

Ich weiß auch nicht, ob das Poetry-Slam-Klientel das klassische Bushido-Klientel ist. Ich denke eher, dass es sich um vorwiegend junge Menschen mit gutem Bildungshintergrund handelt. Und denen soll es gegönnt sein, die Lyrik weiterzuentwickeln.

Im übrigen erinnere ich an den Streit, den schon Goethe führen musste. Ich empfehle sein Werk "Dichtung und Wahrheit".

Es ist alles nicht neu, es wird lediglich variiert. Das ist doch das Schöne an Sprache, vor allem an lyrischer. :-)

Schön geschriebener Text, allerdings vermag mich die Botschaft nicht ganz zu überzeugen. Aber sie hat mich zum nachdenken angeregt; dafür meinen Besten Dank. :-)

Gruß,
Archi

Bearbeiten/Löschen    


7 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Humor und Satire Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.

Schnellzugriff:
Foren-Übersicht, Geschichten, Gedichte, Das Beste, Das Neueste, Kurzgeschichten, Erzählungen, Fantasy & Märchen, Science Fiction, Krimis & Thriller, Horror & Psycho, Humor & Satire, Essays, Rezensionen, Kolumnen, Erotische Geschichten, Fremdsprachiges und MundART, Kindergeschichten, Kurzprosa, Tagebuch - Diary, Experimentelles - Experimentelle Lyrik, Gereimtes, Ungereimtes, Fremdsprachiges und MundART (L), Fingerübungen, Schreibwerkstatt, Theoretisches, Rund um den Literaturbetrieb, Veröffentlichungen unserer Autoren, ISBN Suche, Buch schreiben, Buch veröffentlichen und drucken, Bücher verkaufen online, Books on demand, Hörbuch Download, eBook Download, eBook erstellen, eBooks verkaufen, Schreibblockade, Lektorat, Literaturagentur, Bücher online lesen, eBook Reader, Literaturforum, Rezensionen