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Goldener Lotos
Eingestellt am 10. 09. 2002 17:56


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Rolf-Peter Wille
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Goldener Lotos

von Rolf-Peter Wille


Man sollte annehmen, daß der Kopf — als Sitz des Gehirns — der Stolz des Menschen sei. Doch die Geschichte scheint diese Annahme nicht zu bestĂ€tigen. Zwar haben die Könige ihre Krone in der Regel schon auf dem Kopf getragen; auch haben sie sich ihrer Feinde oft dadurch entledigt, daß sie ihnen denselbigen — den Kopf nĂ€mlich — abschlagen ließen; doch gibt es genĂŒgend Beispiele dafĂŒr, daß zu bestimmten Zeiten ganz andere Körperteile die Phantasie beflĂŒgelten: Bei manchen Völkern ist es ein besonders langer Hals, bei anderen wiederum die recht weiße Hautfarbe. Auch die inneren Organe — das Herz zum Beispiel — kommen nicht zu kurz. Es sind auch keineswegs nur exotische Völker oder altertĂŒmliche Zivilisationen, die solch skurrile Regionen des menschlichen Körpers verehren. Nein, sogar unsere eigene hochzivilisierte, hochtechnologisierte, demokratisch westliche Welt ist nicht frei von solcher Götzenanbetung. Man braucht nur in das nĂ€chste Health Center zu schauen, um zu sehen, wie viele MĂ€nner an den Nautilus Maschinen ihre Muskeln stĂ€hlen. Ganz zu schweigen ĂŒberhaupt von der Industrie, die sich der Verschönerung des weiblichen Körpers widmet.

Die Idee, der Natur durch eine kleine Schönheitsoperation nachzuhelfen, ist allerdings ziemlich alt. Doch gab es recht unterschiedliche Schönheitsideale. Bis vor kurzem etwa galt in China ein weiblicher Fuß nur dann als schön, wenn er so winzig war, daß man ihn kaum noch sehen konnte. Die FĂŒĂŸe der kleinen MĂ€dchen wurden absichtlich verkrĂŒppelt, ungefĂ€hr wie die Zweige eines Bonsai Baumes, um das natĂŒrliche Wachstum derselben zu verhindern. Die reichsten und vornehmsten Damen konnten sich die kleinsten FĂŒĂŸe erlauben, da sie nicht im Feld zu arbeiten brauchten und nur zu Hause in SĂ€nften getragen wurden. Kleine FĂŒĂŸe galten deshalb als ungemein vornehm und elegant, und ein MĂ€dchen mit ungebundenen FĂŒĂŸen hĂ€tte ĂŒberhaupt keine Heiratschancen gehabt. Ein perverser Kult entwickelte sich um das FĂŒĂŸebinden, einschließlich Wettbewerbe fĂŒr die kleinsten FĂŒĂŸe. Der Gang einer Frau mit gebundenen FĂŒĂŸen — von EuropĂ€ern meist mit dem einer watschelnden Ente verglichen — galt bei chinesischen MĂ€nnern als derart reizvoll, daß ein Poet die Allegorie von der Lotosblume erfand: Nach jedem Schritt sprießt eine Lotosblume aus der Erde hervor; daher der Name fĂŒr gebundene FĂŒĂŸe — goldener Lotos. Heute ist diese Tradition mit den hochhackigen Schuhen fortgesetzt. Doch ich möchte nicht als frauenfeindlich gelten. Zugegeben: Wir MĂ€nner haben auch unsere besondere Verehrung fĂŒr glĂ€nzende Lederschuhe, wenngleich sich diese auch eher in Maßen hĂ€lt.

Oder sollte ich sagen — bis vor kurzem in Maßen hielt? Seit jenem unseligen Tag nĂ€mlich, an dem sich Herr S. seine Schuhe ĂŒberscheinen ließ, hat sich einiges geĂ€ndert hierzulande, und ich fĂŒrchte fast, daß wieder so ein entsetzlicher Schuhkult entsteht wie seinerzeit beim goldenen Lotos — in anderer Form natĂŒrlich. Aber ich sehe schon — Sie wissen natĂŒrlich gar nicht, wer Herr S. ĂŒberhaupt ist. Und wie könnten Sie ihn auch kennen? Herr S. ist doch nur ein ganz unbedeutender kleiner GeschĂ€ftsmann, ein SekretĂ€r, ein Unterling. Man kann ja heute solche BĂŒromenschen gar nicht mehr voneinander unterscheiden. Sie alle tragen den gleichen Anzug, das gleiche Hemd, die gleichen Schuhe und den gleichen AttachĂ©-Case. Sie alle wirken emsig nervös beschĂ€ftigt. Sie alle stolpern morgens zur gleichen Zeit hastig ins Office, verschlingen mittags hastig ihr Essen und verlassen feierabends hastig das BĂŒro.

Herr S. war natĂŒrlich in keinem dieser Punkte eine Ausnahme. S. hatte ĂŒberhaupt nur eine einzige Angewohnheit, die auf einen gewissen Individualismus schließen ließ, und die ihn von dem Heer der anderen BĂŒromenschen, SekretĂ€re und ‘Executives’ unterschied — und dies war das Schuheputzen. Nicht, daß S. wirklich geputzte Schuhe liebte. Eigentlich waren ihm diese recht gleichgĂŒltig. Jedoch war er gezwungen durch die allmorgendlichen Verkehrsstaus, recht frĂŒh ins BĂŒro zu fahren. Da kam er hĂ€ufig viel zu frĂŒh an und wußte nicht, wie er die Zeit totschlagen konnte. Zuerst ging er ins Mac Donald Restaurant, um Kaffee zu trinken und die Zeitung zu lesen. Doch mußte er dort Schlange stehen, und einen Sitzplatz konnte man schon gar nicht erlangen. Nun gab es jedoch vor dem gegenĂŒberliegenden Massageparlor einen Schuhputzer, und S. setzte sich in seiner Verlegenheit auf den Stuhl und ließ sich die Schuhe polieren. Hier konnte er in Ruhe die Zeitung lesen, die ihn auch vor den Blicken der vorbeieilenden SekretĂ€re und BĂŒromenschen schĂŒtzte. Das Polieren der Schuhe wirkte gleichzeitig als angenehme Fußmassage und beruhigte die Nerven von S. AllmĂ€hlich machte er es sich zur Gewohnheit, jeden Morgen recht frĂŒh noch vor dem Verkehrsstau anzukommen, um sich dann eine halbe Stunde vor Beginn der Arbeit beim Schuhepolieren und Zeitunglesen zu entspannen.

Bald entwickelte sich auch ein GesprĂ€ch zwischen dem Schuhputzer und S. Nach zwei Monaten allmorgendlichen Polierens kannte S. die Lebens- und FamilienverhĂ€ltnisse des Schuhputzers so gut, daß er eine genaue Biographie hĂ€tte schreiben können. Seit ĂŒber fĂŒnfzehn Jahren putzte dieser schon Schuhe — und zwar tĂ€glich, ohne auch nur einen einzigen Tag Ferien zu machen. Die Einnahmen waren mehr schlecht als recht, hatten sich jedoch seit zwei Jahren erheblich gebessert, da er nun fĂŒr den Massageparlor arbeitete. Er bezog also ein festes Grundgehalt, da seine Aufgabe eher im Aufpassen lag, ob irgendein Polizist vorbeikam. Der Massageparlor hatte um diese frĂŒhe Stunde noch gar nicht wieder zugemacht, und der Schuhputzer döste meist nur so vor sich hin, da er schon die ganze Nacht durch Wache gehalten hatte. Aber er putzte auch tatsĂ€chlich hin und wieder ein paar Schuhe, da manche Kunden des Massageparlors ihre Schuhe draußen ließen und erwarteten, sie beim Verlassen des Etablissements geputzt wieder vorzufinden. Der Schuhputzer war ein sehr einfacher Mensch und, im Gegensatz zu S., kein bißchen nervös. Sein ganzer Lebensinhalt war eigentlich nur der Streit mit seiner Frau, da diese ihm tĂ€glich vorwarf, er habe es nicht ĂŒber den Beruf eines Schuhputzers hinausgebracht, und sie mĂŒsse nun ihr lebelang arm bleiben. Der Schuhputzer hingegen meinte, sie habe großes GlĂŒck gehabt, ĂŒberhaupt einen Mann zu finden, da sie nur ein Waisenkind gewesen sei und ohne ihn bestimmt Prostituierte geworden wĂ€re.

Die Klarheit und Einfachheit dieser Leute und der Ansichten, die sie vertraten, gefielen S., da sie ihn von seinen eigenen komplizierteren Angelegenheiten ablenkten. Er kaufte alsbald gar keine Zeitung mehr und hörte sich nur noch die Berichte des Schuhputzers an, ĂŒber die jĂŒngsten Entwicklungen, die dessen Streit mit seiner Frau genommen hatte. Auch der Akt des Putzens selbst schien von diesen Entwicklungen beeinflußt zu sein. War der Schuhputzer zum Beispiel besonders wĂŒtend auf seine Frau, so konnte er sich bisweilen in eine richtige Rage hineinpolieren. S. freute sich schon immer im voraus auf solche WutausbrĂŒche, da seine Schuhe danach nur umso heller glĂ€nzten.

Eines guten Tages jedoch schien der Streit des Schuhputzers mit seiner Frau ein ganz außergewöhnliches Ausmaß angenommen zu haben. Er sprach ĂŒberhaupt kein Wort mit S. Ja, er begrĂŒĂŸte ihn nicht einmal sondern fing sofort und ohne weitere UmstĂ€nde mit dem Schuhepolieren an. Seine Bewegungen waren dabei von derartiger Wut beflĂŒgelt, daß sie auch einem erfahrenen Kungfu Meister alle Ehre gemacht hĂ€tten. HĂ€tte S. dem Schuhputzer nur etwas mehr Zeit gegeben, so hĂ€tte ihm dieser die FĂŒĂŸe sicherlich bald auf die OriginalgrĂ¶ĂŸe der elegantesten goldenen LotosfĂŒĂŸe heruntergerieben. Doch S. stand schließlich von selbst auf, da er sich ins Office begeben mußte. Nun hatte ihm der Schuhputzer die FĂŒĂŸe zwar nicht weggerieben; das ĂŒbermenschlich intensive Putzen und Polieren hatte jedoch den Glanz der Schuhe zu einer ĂŒberirdisch blendenden Brillanz transzendiert. Ohne Sonnenbrille hĂ€tte man sich bestimmt die Netzhaut des Auges verletzt, wenn man lĂ€ngere Zeit direkt in diese Schuhe geblickt hĂ€tte. Die glitzernde und funkelnd strahlende Radianz dieses Glanzes beschrĂ€nkte sich ĂŒbrigens nicht allein auf die FĂŒĂŸe sondern schien noch eine flimmernde Aura um dieselben zu werfen, so daß S. wie mit einem Heiligenschein um den FĂŒĂŸen entschwebte.

Sie werden bestimmt glauben, daß meine Beschreibung dieses Glanzes der S.’schen Schuhe etwas ĂŒbertrieben ist. Jedoch mĂŒssen Sie bedenken, daß S. nicht besonders reich war und, im Gegensatz zu Imelda Marcos, eigentlich nur ein einziges Paar schwarzer Lederschuhe besaß. Es waren also dieselben Schuhe, die da allmorgendlich poliert wurden. Nun stellen Sie sich vor, man wĂŒrde sich jeden Tag die Haare schneiden lassen. Da bliebe von Haaren bald nicht mehr viel ĂŒber. Und so Ă€hnlich war es bestimmt auch mit den S.’schen Schuhen, die wohl kaum noch Leder enthalten mochten und zu 99% aus einer dicken, öligen Schicht von SchuhcrĂšme bestanden. Jeden Morgen wurde noch eine neue Schicht auf die bereits glĂ€nzenden Unterschichten aufgetragen. Der Glanz verdichtete sich dabei allmĂ€hlich. Es gab kaum noch schwarze Farbe sondern nur noch eine spiegelnde OberflĂ€che.

Doch kehren wir zu S. zurĂŒck, der sich mit diesen Wunderschuhen ins BĂŒro begab. Bereits im Fahrstuhl erregten seine Schuhe die allgemeine Aufmerksamkeit. Der Fahrstuhl ist ja ĂŒberhaupt der Ort, an dem man im allgemeinen die FĂŒĂŸe der anderen Leute beschaut. Die meisten Fahrstuhlfahrer sind zu scheu, den anderen FahrgĂ€sten in die Augen zu schauen, und so starrt jeder in seiner Verlegenheit nach unten, um die Schuhe der anderen zu inspizieren. Dies ist gar nicht so dumm, denn an den Schuhen eines Menschen kann man vieles ablesen. In einer verdreckten Stadt, wie Taipei zum Beispiel, ist es ganz unmöglich draußen herumzuspazieren und dabei saubere Schuhe zu behalten. Ein Mensch mit glĂ€nzenden Lederschuhen muß deshalb bestimmt wohlhabend sein, da er entweder ein eigenes Auto hat, mit dem Taxi fĂ€hrt, oder aber sich unentwegt neue Schuhe kauft. Die FahrstuhlgĂ€ste, die mit S. zusammen eingestiegen waren, hĂ€tten bestimmt Ă€hnliche GedankengĂ€nge gehabt, doch kamen sie gar nicht dazu. Die S.’schen Schuhe blendeten derart, daß einjeder sofort wegschaute. Die FahrgĂ€ste mußten sich alle gegenseitig anstarren, und fĂŒr die meisten war dies ein so unbekanntes und beĂ€ngstigendes Erlebnis, daß sie alle in den falschen Stockwerken ausstiegen.

Sie können sich nun sicher auch leicht vorstellen, lieber Leser, welche Sensation die S.’schen Schuhe hervorriefen, als S. ins BĂŒro stolzierte. S. war nĂ€mlich eigentlich gar nicht als Stutzer bekannt. Seine AnzĂŒge waren ĂŒberhaupt nicht von gediegener QualitĂ€t, seine Manschettenknöpfe höchst gewöhnlich, und auch die Uhr war nur die allgemein gĂ€ngige geschmacklose Rolex Imitation. Zu dieser so mittelmĂ€ĂŸigen Erscheinung aber bildeten die Funkelschuhe erst recht einen Kontrast, und so wie bei gewissen Reklameplakaten das Gesicht nur dazu da ist, die elegante Zigarette herauszustreichen, so schien die Funktion der S.’schen Person und ihrer Erscheinung nur darin zu bestehen, jene Schuhe zur Geltung zu bringen. Es wirkte geradezu, als wenn die gewöhnliche ArbeitsathmosphĂ€re des BĂŒros durch die S.’schen Schuhe gestört wurde. Den Grundtonus der Stimmung in diesem Office bildete fĂŒr gewöhnlich der recht alberne Flirt, der sich routinemĂ€ĂŸig zwischen den jĂŒngeren SekretĂ€ren und -tĂ€rinnen entspann. Diese schnellen und neckischen KlĂ€nge waren sozusagen die hohen Instrumente des BĂŒroorchesters, wĂ€hren die tieferen und gesetzteren Töne meist von den höheren Executives in leitenden Positionen angestimmt wurden. Diese mochten sich wohl auch mit ernsteren Angelegenheiten beschĂ€ftigen, wie zum Beispiel dem Golfspielen und dem ‘Real Estate Market’.

Doch wie durch Magie schien an diesem Morgen der natĂŒrliche Fluß der GesprĂ€che durch das Leitmotiv der S.’schen Schuhe unterbrochen, da man immer wieder witzelnde Bemerkungen ĂŒber deren ungewöhnlichen Glanz machte. S. wurde dabei allmĂ€hlich das Zentrum des Flirts. Allerlei verwegene Mutmaßungen wurden aufgestellt, die S. scherzhafterweise in ein recht zweifelhaftes Licht stellten. NatĂŒrlich behauptete man, daß S. allnĂ€chtlich nur den Massageparlor frequentierte, und deshalb seine Schuhe automatisch draußen so regelmĂ€ĂŸig poliert wĂŒrden. Man fragte S. im Scherz nach allen Details ĂŒber diese Massage aus, die dieser natĂŒrlich auch im Scherz beantwortete. Der Schabernack entwickelte sich derart, daß sich ein paar Kollegen von S. verabredeten, den nĂ€chsten Morgen frĂŒher als gewöhnlich einzutreffen, um S. eventuell beim Verlassen des Massageparlors — ‘in flagranti’ sozusagen — zu ertappen. Jener saß aber nur in der Tat beim Schuhpolierer. Und was blieb den Freunden nun noch weiter ĂŒbrig, als ebenfalls das Schuhepolieren auszuprobieren. NatĂŒrlich riet man dem Schuhputzer an, die Schuhe auch ja so recht schön glĂ€nzend wie die S.’schen zu polieren, was dieser auch, angestachelt durch seinen Berufsstolz, in die Tat umzusetzen versuchte. Im ĂŒbrigen hatten die Kollegen nun erfahren, wie man den Verkehrsstau vermeiden konnte und wie man zu so frĂŒher Stunde und vor der Hitze des Tages eigentlich ganz gemĂŒtlich draußen sitzen und plaudern konnte, bevor man sich dann etwas entspannter ins BĂŒro begab.

Es entwickelte sich allmĂ€hlich ein Kult um das Schuhputzen, und es gehörte bald zum guten Ton, sich morgens vor dem Massageparlor ein halbes StĂŒndchen beim Polieren zu entspannen. Der Schuhputzer selbst war natĂŒrlich nicht dumm geblieben. Und da er den ungeahnten Andrang kaum selbst bewĂ€ltigen konnte, hatte er seine Söhne angeheuert, so daß nun eine ganze Mannschaft von Schuhputzern allmorgendlich die FĂŒĂŸe der BĂŒromenschen mit gezĂŒckten Lappen erwartete. Man darf eine gewisse Kraft nicht unterschĂ€tzen, die hierzulande unsere Gesellschaft formt: Man wird bemerkt haben, wie einige MarktstĂ€nde oder GeschĂ€fte niemals Kunden haben, wĂ€hrend andere immer voll sind. Dieses PhĂ€nomen wird im allgemeinen dem ‘Fong Shuei’ zugeschrieben, doch behaupte ich, daß es nur die Attraktionskraft ist, die hier wirkt. Die Chinesen sind gesellig, wie man immer wieder festgestellt hat, und begeben sich gerne dorthin, wo es bereits von Artgenossen wimmelt, was dann so hĂ€ufig den bekannten Ölsardineneffekt hervorruft.

Das Schuhputzzentrum vor dem Massageparlor war nun ein derartiger Attraktionspunkt geworden. Es wimmelte bald von Gaffern und Neugierigen, die allesamt wohl glauben mochten, irgendein wichtiges Ereignis zu verpassen. Man kann auf den NachtmĂ€rkten oder dem Schlangenmarkt in Taipei beobachten, wie manch ein besonders gewiefter VerkĂ€ufer oder Schausteller eine derartige Situation geschickt zu seinen Gunsten ausnutzen kann, um irgendein womöglich ganz miserables Produkt in Unmengen zu verkaufen. Auch Politiker bedienen sich hĂ€ufig recht geschickt dieser Masseninstinkte. Auch ist es beĂ€ngstigend und faszinierend zugleich, zu beobachten, wie viele Leute das Opfer einer derartigen psychologisierenden Suggestion werden und etwas kaufen, daß sie in nĂŒchternem Zustand gar nicht ansehen wĂŒrden und — zu Hause angekommen — bald wegschmeißen werden.

Um es kurz zu machen: Das Schuheputzen vor dem Massageparlor war alsbald ein blĂŒhendes GeschĂ€ft geworden; ein Umstand, der ĂŒbrigens dem Inhaber des Massageparlors nicht lange verborgen blieb. Dieser hatte auch insgeheim schon seit einiger Zeit beschlossen, sein GeschĂ€ft dicht zu machen, da es immer weniger Kunden gab. Was lag also nĂ€her, als den Betrieb ĂŒberhaupt umzufunktionieren und einen Schuhputzparlor aufzumachen. Mit dem Schuhputzer und seinen Söhnen war man schnell ins reine gekommen, und so entstand nun in dem gleichen GebĂ€ude, in dem noch vor kurzem ein recht zweideutiges Gewerbe betrieben wurde, ein höchst eleganter Schuhsalon.

Nun ja — da Sie, lieber Leser, sicherlich bereits eine Reihe von Ă€hnlichen Geschichten von mir gelesen haben, werden Sie sich sicherlich ganz gut vorstellen können, wie es mit dieser Schuhputzmanie weiterging. NatĂŒrlich blieb es nicht bei diesem einen Schuhputzsalon. Es entwickelte sich natĂŒrlich eine Kette von ‘Polierstores’, die alle nach dem ‘Seven-Eleven’ Vorbild 24 Stunden rund um die Uhr Service anboten. NatĂŒrlich blieb es nicht bei unserem S.’schen BĂŒro, sondern das Schuhpolieren wurde der letzte Schrei aller BĂŒromenschen, SekretĂ€re und Executives. Ziel aller dieser BemĂŒhungen war es, jenen letzten unĂŒbertrefflichen Glanz zu erreichen, den S. als erster bei seinen Schuhen erzielt hatte. Dieses Ă€ußerste Stadium der Brillanz erhielt den Namen ‘Chin-Guang’ (Goldglanz ) Schuh und ließ sich nur nach monatelangem hartnĂ€ckigen Polieren erreichen. Ein SekretĂ€r zum Beispiel, der ein Chin-Guang Stadium erreicht hatte, konnte fast sicher sein, einen höheren Posten zu erhalten.

NatĂŒrlich entwickelte sich auch eine besondere Philosophie um den Chin-Guang Schuh. TrĂ€ger von Chin-Guang Schuhen behaupteten, durch das Tragen eine Art magischer Energie zu erhalten. Die Brillanz wirkte offensichtlich nicht nur nach außen sondern ĂŒbertrug sich auch als geheimnisvolle Energie auf den Kreislauf des TrĂ€gers und stachelte diesen zu besonders intensiver Arbeit an. Hatten viele Angestellte frĂŒher ‘Ice’ und andere Amphetamine inhaliert, um gegen die stĂ€ndige MĂŒdigkeit anzukĂ€mpfen, so schwörten sie jetzt auf den Chin-Guang Schuh. Es versteht sich von selbst, daß die meisten stolzen Besitzer dieser Schuhe ihre wertvolle Fußbekleidung gar nicht mehr auszogen und noch mit ihren Chin-Guang Schuhen zu Bett gingen. Durch das stĂ€ndige Tragen schien sich das Energieniveau ĂŒbrigens noch zu verstĂ€rken, und viele Leute spĂŒrten ein starkes Kribbeln und Jucken, welches sich, von den FĂŒĂŸen ausgehend, auf den ganzen Körper ĂŒbertrug. Gewisse zynische Ärzte behaupteten allerdings, daß dieses PhĂ€nomen eine besonders ausgeprĂ€gte Variante des Fußpilzes sei — hervorgerufen durch das stĂ€ndige Tragen und die LuftundurchlĂ€ssigkeit jener Schuhe. Auch dieses PhĂ€nomen erhielt natĂŒrlich sofort einen recht witzigen Namen und wurde ‘Chin-Gang’ Fuß genannt, eine Zusammenziehung aus ‘Chin-Guang’ und ‘Hsiang-Gang’ (Hongkong; ‘Hongkong Fuß’ ist im Chinesischen die Bezeichnung fĂŒr Fußpilz).

Diese Chin-Gang FĂŒĂŸe wurden zu einem echten Gesundheitsproblem. Es stellte sich nĂ€mlich fatalerweise heraus, daß man jene Chin-Guang Schuhe gar nicht mehr ausziehen konnte, wenn man sie lĂ€ngere Zeit getragen hatte. Es wurden genauere Untersuchungen angestellt, und man entdeckte, daß in der Tat von dem ursprĂŒnglichen Schuhleder keine Spur mehr vorhanden war. Die SchuhcrĂšme war also sozusagen ganz fest in die FĂŒĂŸe verrieben worden und war mit diesen zu einer völlig untrennbaren Einheit verschmolzen.

Das Jucken schien bei allen Betroffenen zu einer ganz unertrĂ€glichen Qual anzuwachsen. Es war ihnen das Stillesitzen unmöglich geworden, und man konnte bald an jeder Straßenecke ein paar Executives erblicken, die mit ihren scheinenden FĂŒĂŸen einen wilden Tanz auffĂŒhrten, der meist noch die Weltmeister des Lambada an VirtuositĂ€t ĂŒbertraf. Das wilde Tanzen linderte die Qual des Juckens jedoch nicht, sondern bewirkte lediglich, daß sich jener ĂŒberirdische Glanz der FĂŒĂŸe allmĂ€hlich auf den ĂŒbrigen Körper verteilte. Die TĂ€nzer erstrahlten in ĂŒberirdischer Pracht, und man konnte wohl glauben, daß es sich um fremde Wesen von magischer Energie handeln mochte, die sich von dem phantastischen Planeten eines fernen Sonnensystems zufĂ€llig in die trĂŒbe KĂŒmmernis unseres Alltaglebens verirrt hatten. Mit dem Glanz zusammen hatte sich jedoch leider auch der Fußpilz auf den gesamten Körper verteilt. Die tanzenden Executives mußten sich unentwegt kratzen, ohne jedoch in der Lage zu sein, den Glanz wegzukratzen. Durch das stĂ€ndige Reiben und Kratzen entzĂŒndete sich der Körper allerdings und schwoll hĂ€ufig auf den drei- bis fĂŒnffachen Umfang an, so daß die Opfer schließlich als ĂŒberdimensionale strahlende BĂ€lle auf den Straßen herumkugelten.

Es ist leicht einsichtlich, daß die ganze Angelegenheit nunmehr zu einer rechten VolksbelĂ€stigung angewachsen war, und die Regierung es sich nicht lĂ€nger erlauben konnte, tatenlos zuzusehen. Nicht allein war der ohnehin schon chaotische Verkehr jetzt völlig paralysiert, nein, man hatte auch festgestellt, daß diese leuchtenden Riesenkugeln eine hohe RadioaktivitĂ€t ausstrahlten, und einige Wissenschaftler schienen nicht auszuschließen, daß diese wandelnden Atomreaktoren unmittelbar in einer Art nuklearen Explosion verglĂŒhen wĂŒrden.

Die Regierung ließ kurzerhand alle Schuhputzer verhaften und verhĂ€ngte eine totale Ausgangssperre. Die gesamte Infanterie wurde in kĂŒrzester Zeit mobilisiert und rĂŒckte gegen die Leuchtkugeln vor, welche sich inzwischen zu einer einheitlichen Kampffront solidarisiert hatten. Die beiden feindlichen StreitkrĂ€fte trafen auf dem Platz vor dem Tschiangkaischek Memorial aufeinander. Doch genau in dem Moment als das Feuer eröffnet werden sollte, verschmolzen alle Leuchtkugeln plötzlich zu einem riesigen Feuerball und flogen in die LĂŒfte, wobei sie eine Weile als eine zweite Sonne irrsinnig rotierend am Himmel standen. Infolge des verminderten Luftdrucks verlor diese Sonne jedoch an innerer StabilitĂ€t und explodierte endlich in einem spektakulĂ€ren Feuerwerk. Die Executives stoben dabei als funkelnde Sterne auseinander und wirbelten in den Weltraum. Die Kampfflugzeuge unserer Luftwaffe machten sofort Jagd auf diese Sterne, doch waren sie schon nach kurzer Zeit in den Weiten des Weltraums verschwunden, und sowohl die Star-Executives als auch die Kampfflugzeuge werden bis heute vermißt.

Seit jenem schauerlichen Vorfall hat sich manches hierzulande geĂ€ndert: Das Schuheputzen ist bei Todesstrafe verboten. Der ‘Tuo-Hsie’ (‘Slipper’, Latschen ) wurde zum Nationalschuh ernannt. Die Wirtschaftslage verbesserte sich sofort, da so viele verrĂŒckte Executives auf einen Schlag verschwunden waren. Die Astronomie machte bedeutende Fortschritte, da nun endlich das Mysterium von der Entstehung der Sterne aufgeklĂ€rt war.

Was können wir aber nun lernen von der Geschichte des Herrn S. sowie der anderen Executives und BĂŒromenschen, die jetzt als Sterne durch den Weltraum fliegen? Nun, man kann durchaus ein Star werden, wenn man sich nur immer die Schuhe grĂŒndlich putzen lĂ€ĂŸt.




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Barbarella
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Hi !
Na, ich denke, da bleibe ich doch lieber bei meinen Turn- und Leinenschuhen, die meiner Mutter immer zu dreckig fĂŒrs BĂŒro waren, die man aber bequem in die Waschmaschine werfen kann . Ich fĂŒrchte, mir persönlich war die AusfĂŒhrung auch etwas zu lang ... sorry. Ich fand es nur interessant, daß S. sich plötzlich garnicht mehr hinter seiner Zeitung versteckte, wie anfangs. Ach ja, was hat eigentlich die Frau des Schuhputzers gearbeitet ?
Gruß
Barbarella

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Rolf-Peter Wille
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Verkaeuferin von stinkendem Sojabohnenkaese

Ja, Barbarella, was soll sie arbeiten? Hauptberuflich ist sie Ausschimpferin des Schuheputzers natuerlich. Nebenberuflich..., Verkaeuferin von stinkendem Sojabohnenkaese? Tempelwaerterin? Taxifahrerin wird sie nicht sein, denn da haette sie nicht genug Zeit, um sich mit ihrem Gemahl zu streiten. "Was ist stinkender Sojabohnenkaese?" hoere ich Dich fragen. Oh je, dann musst Du auch noch meine naechste (kuerzere!!!) Geschichte, "Hohe Nase", lesen.

Gruss,
RP

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