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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Goldenes Lebens-ABC
Eingestellt am 04. 10. 2010 23:50


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Arno Abendsch├Ân
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Adle heilig deine W├╝rde
Bleibe stets der Tugend treu ...



Auf dem Heimweg vom Friedhof wurde sie gegr├╝├čt, das kam nur selten vor. So sehr sie ihre Augen anstrengte, die verschwimmenden Z├╝ge vor ihr riefen keine Erinnerung wach. Die andere musste viel j├╝nger sein als sie selbst, die Achtzigj├Ąhrige, und war doch schon eine ├Ąltere Dame. Ob sie vom Grab ihres Mannes komme, wollte die viel j├╝ngere ├Ąltere Dame wissen. Jetzt erkannte sie sie an der Stimme: Es war Fr├Ąulein Kr├╝ger, die Tochter des Apothekers, ledig geblieben.

Sie sprachen einige S├Ątze miteinander. Beim Auseinandergehen bat die Greisin das Fr├Ąulein, zu Hause die Mutter zu gr├╝├čen. Fr├Ąulein Kr├╝ger stutzte und sagte dann, ziemlich heiter, wie ihr schien: "Aber, Frau Martin, meine Mutter ist doch schon Jahre tot ..." Dann fuhr sie ernster fort: "Sie hat doch diesen Autounfall gehabt, sie ist totgefahren worden. Erinnern Sie sich nicht?" Die Greisin stand gr├╝belnd da. Die alte Kr├╝gerin tot? Und das Fr├Ąulein so gut gelaunt?


Centnerschwer dr├╝ckt oft die B├╝rde
Doch verzage nicht dabei ...



Ebenso unangenehm war ihr einige Wochen sp├Ąter eine andere Erinnerungsst├Ârung. Auf dem Friedhof fiel ihr ein Mann mittleren Alters in ihrer N├Ąhe auf. Sie ging einige Schritte vor und erkannte, seit langem vertraut mit den Grabstellen dieser Abteilung, vor welchem Grab er stand. Sie sprach ihn an: "Jetzt erkenne ich Sie, wo ich sehe, welches Grab Sie besuchen. Sie sind doch mit meiner Tochter in eine Schulklasse gegangen ..."

Er lie├č sich ihren Namen nennen und sagte dann, sie irre sich, sie verwechsele ihn mit seiner eigenen Mutter. "Meine Mutter und Ihre Tochter sind in eine Klasse gegangen. Ich bin schon der Sohn." Er hatte wohl Recht, wie hatte sie sich so t├Ąuschen k├Ânnen ... Zum Gl├╝ck verga├č sie den Vorfall noch vor dem Abend.


Ehrsam seine deine Taten
Forsche stets der Wahrheit nach
Gehe froh auf ihren Pfaden ...



Nur selten kam Besuch. Zweimal w├Âchentlich sah sie ihre Tochter bei sich, die ein warmes Essen brachte und Vorgekochtes, das sie an den Folgetagen aufw├Ąrmen konnte. Die Tochter kam mit dem Gesicht eines m├╝rrischen Lieferanten und hatte es immer eilig. Und sie selbst wollte sich beklagen, dass sie noch schlechter sehe und h├Âre und immer allein sei. Doch sie kam nicht dazu. Der pflichtbewusste Ton in der Stimme der Tochter ver├Ąnderte sich schon. Es klang ungeduldig, gereizt. Sie hatte Besseres zu tun, als sich ├╝berfl├╝ssige Klagen anzuhh├Âren. Nach zehn Minuten war sie fort.

Leider hatte sie nur dieses Kind. Sie hatten sich nie recht verstanden, deshalb war sie zur├╝ckgekehrt in ihr eigenes Haus. Bei wem sonst konnte sie sich beklagen, bei den Nachbarn? Die waren selbst alt und krank.


H├╝te dich vor jeder Schmach
In des Lebens Labyrinthen
Kommst du ├╝ber Stock und Stein ...


Einmal im Vierteljahr kam der Neffe und brachte Frau und Tochter mit. Sie hatten dann den ganzen Nachmittag Zeit f├╝r sie. Die Frau des Neffen entdeckte die Spinnwebf├Ąden, die f├╝r die Greisin unsichtbar waren. Der Neffe lie├č sich den Besen geben und entfernte den Trauerflor, der sanft von der Decke herabwehte. Ob ihr Enkel immer noch ledig sei, wollte die Frau des Neffen wissen, ihr einziger Enkel, der weit fort war und den sie nur einmal im Jahr sah. Sie wusste nichts Neues von ihm. Sie wusste fast nichts von seinem Leben jetzt. Neulich war er drei├čig geworden.

"Oma, er wird mit einer Frau zusammenleben", sagte die Tochter des Neffen, "das wird es sein." Sie wunderte sich. Der Gedanke war ihr nie gekommen. Fr├╝her hatte es das nicht gegeben. Sie sagten ihr, das komme jetzt oft vor, besonders in Gro├čst├Ądten.


Lasse nie den Gleichmut sinken
Mag's Geschick auch widrig sein ...


Der Enkel schrieb ihr viel zu selten, in vier Wochen ein kurzer Brief - und jetzt in der Pfingstwoche wartete sie schon seit Ostern auf seine Antwort. Sie wollte sich nicht l├Ąnger gedulden. Sie nahm die Lupe, den dicken Filzstift und das Linienblatt und schrieb ihm, sie m├╝sse vielleicht doch am Auge operiert werden. Er solle im Urlaub nicht nach Spanien fliegen, wie leicht k├Ânne ihm was passieren. Beckers Rudi sei da beim Baden ertrunken ... Sie wusste nicht mehr, was sie bereits geschrieben hatte. Selber lesen konnte sie es nicht. W├╝rde er es lesen k├Ânnen? Die Adresse schrieb ihr eine Nachbarin auf den Umschlag. Sie schickte den Brief als Einschreiben ab.

Es dauerte noch einmal zehn Tage, bis seine Antwort kam. Aufgeregt und stolz lie├č sie sich den Brief vorlesen und behielt vor aufgeregtem Stolz nichts vom Inhalt. Und schrieb sofort zur├╝ck, was sie immer schrieb: dass es ihr schlecht gehe und dass ihm was passieren k├Ânne. Dann begann sie wieder, zunehmend ungeduldig auf Antwort zu warten.


Nie enth├╝lle andrer Schw├Ąchen
O, du leidest selbst daran ...


Diesmal versagten ihr die Beine vollkommen. Der Rettungswagen brachte sie nicht zum ersten Mal ins Krankenhaus. Doch jetzt konnte sie nicht einmal aus dem Sessel aufstehen. Die Gelenke schienen vollkommen versteift. Die Sanit├Ąter trugen sie im Sessel auf die Stra├če. Der Sessel wurde mit ihr abgesetzt, um die T├╝ren des Wagens zu ├Âffnen. Die K├Âpfe von Nachbarn zeigten sich: "Geht es Ihnen so schlecht, Frau Martin?" - "Wer wei├č, ob wir uns wiedersehen!" Man hob sie aus dem Polster und setzte sie auf dem des Wagens nieder. Ihre Haltung blieb k├Âniglich leidend. Es war ein bedeutender Tag f├╝r sie.

Auf der Station ging es n├╝chterner zu. Die Untersuchung durch zwei junge ├ärzte erschien ihr fl├╝chtig. Als sie "Neurologie konsultieren" verstand, wusste sie, sie w├╝rde das Krankenhaus bei n├Ąchster Gelegenheit verlassen. Vor Jahren hatte sie einmal einige Wochen auf der Neurologisch-Psychiatrischen Abteilung des Universit├Ątskrankenhauses gelegen. Nie wieder dorthin! W├Ąhrend die Schwester mit der Tochter telefonierte und sie bat, die n├Âtige W├Ąsche zu bringen, verlie├č die Achtzigj├Ąhrige die Station. Sie huschte am Pf├Ârtner vorbei und bog eilig um die Stra├čenecke. Zu Fu├č erreichte sie zwei Stunden sp├Ąter ihr Haus. Kurz nach ihr traf ihre Tochter, auf dem R├╝ckweg vom Krankenhaus, mit der W├Ąsche dort auch wieder ein.


P├╝nktlich halte dein Versprechen
Qu├Ąle dich mit keinem Wahn ...


Alle ├╝brigen Tage gingen gleichf├Ârmig dahin, einer nach dem anderen, ohne Unterschied, ohne Neues - als w├Ąre ihr Leben schon zu Ende und ihre Gewohnheiten w├╝rden noch eine Zeitlang von einer ihr fremden Person teilnahmslos weitergef├╝hrt.

Jeden Morgen stand sie um halb acht auf, fr├╝hst├╝ckte, ging zum Arzt. Sie lie├č sich die Spritze gegen den Zucker geben. P├╝nktlich zu Beginn der Kassenstunde betrat sie die Schalterhalle der Bank. Man legte ihr Anweisungen zur Unterschrift vor, Formulare, die sie selbst nicht mehr auszuf├╝llen imstande war. Meistens bat sie dann noch um Beratung in ihren Verm├Âgensangelegenheiten. Sie hatte erfahren, es gab noch andere Arten der Geldanlage als das ihr vertraute Sparbuch mit den k├╝mmerlichen drei Prozent. Es war eine Verschreibung, wie hie├č das nur ... Jetzt hatte sie es: Schuldsparverschreibung. - "Sparschuldverschreibung", berichtigte das Fr├Ąulein l├Ąchelnd, wie es das immer tat, und versuchte noch einmal, ihr die Sache zu erkl├Ąren. Sie m├╝sse jetzt dreiundzwanzigtausend Mark einzahlen und bekomme in sieben Jahren vierzigtausend zur├╝ck. - Ging das denn mit rechten Dingen zu? Und was bedeutete: abgezinst? Und wenn sie vorher st├╝rbe? - Dieser Fall war an sich nicht vorgesehen, dann ende der Vertrag vorzeitig und die Endsumme m├╝sse neu berechnet werden. - Wie immer sagte sie nur, sie wolle es sich ├╝berlegen, und verlie├č die Bank mit den Ausz├╝gen. Sie legte sie daheim in die gro├če Schublade zu den ├╝brigen ungepr├╝ften.

Im Supermarkt war das Verfahren einfacher, die Hilfe unmittelbarer. Sie legte Waren in den Rollwagen, und die Kassiererin nahm Scheine und M├╝nzen aus ihrer Geldb├Ârse. Sie bekam den Kassenbon und durfte zum Packtisch gehen.


Recht tun gelte dir zur Ehre
Sittlichkeit sei dein Gebot ...



Jeden Nachmittag ging sie auf den Friedhof. Die Begonien bl├╝hten in jenem letzten Sommer besonders reich. Befriedigt ├╝bersah sie die Doppelgrabstelle. Sie hatte selbst den dunklen Marmorstein ausgesucht und die Inschrift bestimmt: Eheleute Martin-Schreyer, nichts weiter, keine Vornamen, keine Daten. Es kam billiger so: Die Erben w├╝rden nach ihrem Tod den Bildhauer kein zweites Mal beauftragen m├╝ssen.

Oft dachte sie an ihren letzten Besuch im Krankenhaus damals zur├╝ck. Dass man den armen Mann mit neunundachtzig noch am Bruch zu operieren versucht hatte! Sie dachte an seine Abschiedsworte: "Ich danke dir f├╝r alles, was du mir gewesen bist." Das hatte er noch zu ihr gesagt, sie t├Ąuschte sich doch nicht?


Trockne deines Bruders Z├Ąhre
Und erleichtre seine Not ...


Auf dem R├╝ckweg vom Friedhof bog sie oft an der Ecke ihrer Stra├če ab und ging zum Bahnhof. Wie lange war sie nicht mehr mit dem Zug gefahren, zwanzig Jahre, f├╝nfundzwanzig Jahre? Sie w├╝rde nie mehr die Treppe zum Bahnsteig hinaufgehen, nie mehr fortfahren oder irgendwen vom Zug abholen. Sie ging hier nur vorbei, weil sie den Umweg durch die Bahnhofstra├če nahm. Der Nachmittag zu Hause war sonst endlos. Gew├Âhnlich ging sie schon um sechs Uhr zu Bett. Meist schlief sie dann gegen zehn Uhr ein.

Einmal fand sie unterwegs ein Taschentuch. Es lag im Rinnstein. Der, der es verloren hatte, musste einen gewaltigen Schnupfen gehabt haben. Sie ekelte sich nicht, sie b├╝ckte sich und steckte es ihn ihre Manteltasche. Zu Hause wusch und b├╝gelte sie es und verleibte es ihrem W├Ąschebestand ein. Dabei freute sie sich, ganz wie fr├╝her.


Vorsicht sei die starke S├Ąule
Welche tr├Ągt und st├╝tzt dein Haus ...



An einem Herbstnachmittag kam sie heim und fand das Lebens-ABC auf dem Fu├čboden liegen. Gerissen war das Schuhband, das die gerahmten Sinnspr├╝che so viele Jahre am Nagel festgehalten hatte. Sie hob den Glasrahmen auf und ertastete zwei klaffende Spr├╝nge auf der Scheibe. Die Spr├╝che waren ihr zum gr├Â├čten Teil entfallen. Sie noch einmal durchzugehen, war nicht mehr m├Âglich. Sie tat das ABC in eine Schublade zu anderen Dingen, die nicht mehr ben├Âtigt wurden.


Xenien der Liebe teile
Zum Geschenke allen aus.

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