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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Golem Tours
Eingestellt am 19. 04. 2000 00:00


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Uwe Ruprecht
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

Werke: 6
Kommentare: -1
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G O L E M T O U R S

"Haben Sie Golem?" fragte ich den Marionettenschnitzer am Josefst├Ądter Kopf der Karlsbr├╝cke. Durch das schwarze Tor zog der Menschenstrom und dr├Ąngte uns an das Gel├Ąnder zu F├╝├čen einer Heiligenstatue.
"Nein, das ist nicht unsere Welt", sagte der ergraute, kleine und runde Mann - unwillig wie es schien.
Doch ich hatte Clara versprochen, einen Golem aus Prag mitzubringen. In ihrer Vorliebe f├╝r ├ťbersinnliches hatte sie sich in Gustav Meyrinks okkulten Roman vernarrt. Nicht, dass sie mit einer Puppe, die ich an irgendeinem Stand gekauft h├Ątte, zufrieden gewesen w├Ąre.
"Schlamm und Schrift", hatte sie gesagt, "lass dir was einfallen."

"Also sandte er an einem Fasttag die Bitte gen Himmel, ihn durch einen Traum aufzukl├Ąren. Er erhielt darauf eine Antwort, die aus einzelnen Schriftzeichen bestand, welche keinen Sinn ergaben. Da beschloss er, sich auch darin der Hilfe des Golem zu bedienen. Er schrieb die Schriftzeichen einzeln auf verschiedene Zettel und gab dem Golem auf, sie in der richtigen Reihenfolge zu ordnen." (Micha Josef bin Gorion)

GOLEM TICKETS
Mirovick├í, eine Stra├če hoch auf dem H├╝gel im Norden, mehrere Schnellbusstationen vom Bahnhof Holesovice entfernt. Wenn am Stra├čenrand der Sternenspiegel n├Ąchtlicher Stadtlichter aufblitzt, muss ich aussteigen. Troja hei├čt das Viertel in der Tiefe neben dem Supermarkt.
Ein Plattenneubau, noch von Gruben und Ger├╝sten umgeben. Wie Weimar, denke ich, wo ich zum ersten Mal einen Plattenbau betrat; wo der Abgrund zwischen dem gestaltend-gewachsenen Stadtkern und der notd├╝rftigen Au├čenbezirksarchitektur ├Ąhnlich war. Zur├╝ck aus dem Rausch der goldenen Gassen in die real existierende N├╝chternheit meiner Unterkunft f├╝r sieben Tage.
Wie erwartet klopft es an der T├╝r, sobald ich im Zimmer bin, und Golem, der gro├če Mann mit breiter Brust, kurzem Hals und dem Metzgergesicht unter der Glatze, l├Ądt mich zu "pivo", echt Pilsen, in die K├╝che ein. Die Dvor├íkova, seine Gattin, wirft den Morgenmantel ├╝ber das Nachthemd - nun wird geradebrecht.
Golem versteht kein Deutsch, nur manchmal brummt er etwas Tschechisches, das die Gattin fauchend zur├╝ckschleudert; ihr ├╝blicher Umgangston offenbar. Mir bietet er noch ein pivo an, und er grinst so strahlend, dass ich fast unsicher werde: Ist er Kind oder B├Âsewicht, der mich f├╝r ein Kind h├Ąlt?
Im Wohnzimmer nebenan, das ihr Schlafzimmer ist, solange G├Ąste die beiden anderen R├Ąume belegen, pocht hartn├Ąckig eine Uhr auf die Zeit. Golem gef├Ąllt das, ├╝bersetzt die D., als ich immer wieder zu dem Unget├╝m hin├╝berschaue, das im Dunkel meinen Blicken verborgen bleibt. Nur mit ihrer Rente als gewesene Ambulanzfahrerin und seinem Lohn als Bauarbeiter w├Ąre die Marktwirtschaft nicht zu ertragen.
Wir Touristen sch├Ątzen den Verfall der tschechischen Krone um so mehr und nehmen das Fr├╝hst├╝ck im Hotel Europa, mit Fenster zum V├íclavsk├ę n├ímesti, wo die B├╝rger am Sockel des Heiligen Wenzel anstehen, um sich in eine Unterschriftenliste einzutragen: zum Referendum zur Abspaltung der Slowakei. Statt Planerf├╝llungspropaganda sch├╝tten dieselben Lautsprecher heitere Musik bis in die Seitengassen.
├ťberall Wechselstuben. Du schiebst deine Scheine in den Schlitz und die rummelnde Stadt geh├Ârt dir zum Schein. St├Ądte sind Organismen, Stra├čen ihre Nervenbahnen; der Langmut, mit dem die Prager die Touristenmassen in den Gassen erdulden, kommt dem M├Ąrtyrertum nah.
Tschechisch / Deutsch / Russisch waren die Aufschriften vieler Gesch├Ąfte. Russisch wird eliminiert oder durch Englisch ersetzt; deutsche Mark und Zunge bleiben m├Ąchtig in Prag.
Kaum ein Kellner kann Kafka im Original lesen, aber jeder wei├č, wo man ihn findet. Er ist der Gott der Gassen in dieser Saison, in der ein Standesgenosse auf dem Hradschin regiert. Was Salzburg sein Mozart, Hamburg sein Hans Albers, ist Prag sein Heimatdichter, der die Stadt nie beim Namen nennt. Und wie er in ihr rotiert ist: Zwanzig H├Ąuser werden als Ged├Ąchtnisst├Ątten ausgewiesen - noch sind nicht alle plakettiert, wie es sich f├╝r ein gutes Museum geh├Ârt.
Kafkas Kopf, wei├č auf schwarz, riesig mit Totenh├Âhlenaugen starrend, auf einem Transparent zwischen die Giebel gespannt - eine Prager Eigenart der Werbung - lockt in ein St├╝ck ohne Worte. Kartenvorverkauf f├╝r die stumme Angelegenheit: Golem Tickets.

"Das ganze Leben ist NICHTS anderes als formgewordene Fragen, die den Keim der Antwort in sich tragen - und Antworten, die schwanger gehen mit Fragen. Wer irgendetwas anderes drin sieht, ist ein Narr." (Gustav Meyrink)

LUMP UND NARR
"Schlamm und Schrift", hatte Clara gesagt. Kinder lieben das Spiel mit Schlamm. Sand, mit Wasser vermischt, formbare Materie, von der Fantasie belebt, Klumpen mit wechselnden Gesichtern, Mulden, in denen Schatten verlaufen, H├Âhen, ├╝ber die Licht streicht. Urmasse der Sch├Âpfung, Schlamm, der einst die ganze Erde bedeckte, bevor Gott ihn auf menschliches Ma├č schrumpfte, knetete, mit seinem Wort belebte: "Adam".
Urmaterie Schlamm und Schrift: Gottes Wort, dem gebackenen, magisch zubereiteten Gesch├Âpf in die Stirn geritzt oder auf einem Zettel unter die Zunge gelegt - und Golem geht. Aber er spricht nicht. Umso ausf├╝hrlicher haben andere seine Geschichte erz├Ąhlt, so dass die Magie ganz gut ohne Schlamm auskam, um zu wirken.
Mary Shelley kannte die Sage vermutlich, als sie um 1816 ihren "Frankenstein" schrieb. Hundert Jahre sp├Ąter nahm Gustav Meyrink das Motiv auf. Er hatte als Bankier Meyer in Prag gelebt, war f├╝r Duelle und Haschisch-Sitzungen ber├╝chtigt und galt als "der Eingeweihte" schlechthin. Zur Jahrhundertwende brach der Wunderglaube epidemisch aus, und Meyer war Mitglied ziemlich aller Geheimlogen, magischen Zirkel, spiritistischen Clubs oder Sekten. Seine Empfindlichkeit in Ehrenh├Ąndeln brachte ihn vor Gericht. Er zog nach Starnberg um, schrieb dort - nat├╝rlich - sieben Jahre am "Golem".
Der j├╝dischen Legende nach kann jeder Gerechte einen Golem erschaffen. Vor vierhundert Jahren, zwischen 1590 und 1592, unternahm der Rabbi L├Âw zu Prag mit zwei Gehilfen an der Moldau einen Sch├Âpfungsversuch. Vier Uhr morgens, am Scheitel der Nacht, waren die vier Elemente symbolisch versammelt: Erde vom Ufer, der erste Gehilfe, der als Feuer, der zweite, der als Wasser die Gestalt am Boden siebenmal, Zauberformeln murmelnd, umrundet, worauf nun der Rabbi, als Geist der Luft, der Figur Leben einhaucht, indem er ihr das Schem in den Mund steckt.
Das Schem oder Sch‘ma wird als Metall oder Papier, Pergamentrolle oder Gebetskapsel wie sie zur j├╝dischen Tracht geh├Ârt oder an T├╝rpfosten h├Ąngt beschrieben.
Mal wird das j├╝dische Hauptgebet mit dieser Pille verabreicht, mal eine Formel der Kabbalah, des "Codes" zur Entzifferung der Thora, des Gebets- und Lehrbuchs, in dem alles Weltgeschehen, vergangenes wie zuk├╝nftiges, verzeichnet sein soll. Die kundigsten Nacherz├Ąhler sprechen vom Schl├╝sselwort der Kabbalah, dem Tetragrammaton, dem unaussprechlichen Namen Gottes.
Im "Handbuch" kabbalistischer Weisheit, dem Tarot, entsprechen die einundzwanzig Tr├╝mpfe oder Gro├čen Arkana plus dem gesondert gez├Ąhlten "Narren" den zweiundzwanzig Buchstaben des hebr├Ąischen Alfabets, die wiederum Anhaltspunkte der Zahlen- und Buchstabenkombinatorik der zweiundzwanzig Stationen des kabbalistischen "Lebensbaumes" sind. Meyrink vergleicht seine Hauptfigur, den Gemmenschneider Athanasius Pernath, dem der Golem begegnet, mit dem Tarot-Narren, der vom ersten Arkanum, dem "Magier" geleitet, durch das Labyrinth des Lebensbaumes von Erkenntnis zu Erkenntnis klettert. Das hebr├Ąische golem bedeutet Keim, Formloses, Ton, Lumpen, Narr.
F├╝r den Theologen Gershom Scholem "hat der Golem immer auf zwei ganz verschiedenen Ebenen existiert. Die eine war die Ebene der ekstatischen Erfahrung, auf der die Lehmfigur, in die alle Ausstrahlungen des menschlichen Geistes, die die Kombinationen aller m├Âglichen Alfabete sind, einflie├čen, f├╝r einen Moment der Ekstase, aber nicht au├čerhalb von ihr, lebendig wird." Auf der anderen Ebene verwandelt sich "das Ger├╝cht von den kabbalistischen Spekulationen" in "handfeste Erz├Ąhlungen".

HORMONE DER FANTASIE
Wie seit einem halben Jahrtausend gibt die Karlsbr├╝cke auch an diesem Abend keinen Kommentar zu den Menschen, die ├╝ber sie hinweggehen. Vollmond ├╝ber den T├╝rmen. An den Sockel eines Dichters gelehnt singt ein B├Ąrtiger "Traviata"-Arien und zupft eine Klampfe. Weiter drau├čen ├╝ber der Moldau, von der pl├Âtzlich Nebel aufsteigt wie in Wolken, die Prager Off-Szene bei Flaschenbier und einer Punk-Interpretation von "This goes out to the one I love".
"Nicht unsere Anschauung", wiederholt der Marionettenschnitzer, als ich nachfrage, wieso er keinen Golem hat. Er spricht gebildetes Deutsch, liest wohl, aber seine Grammatik ist gebrochen; keine Ahnung, wovon er sich abgrenzt, vielleicht vom Judentum?
Unter seinen Puppen war mir ein gr├Ą├člich gr├╝ner Unhold aufgefallen. Aber er winkt ab, als ich den Namen wissen will; dabei ist es der Marionettenspieler Zwakh, den Meyrink die Sage erz├Ąhlen l├Ą├čt. Mit gel├Ąufigen Begriffen werden mir aber die ├╝brigen Spielzeuge erkl├Ąrt, w├Ąhrend er sie vom Haken nimmt und in Plasikt├╝ten steckt, die ihm ein Assistent hinh├Ąlt: K├Ânig, Kaiser, Prinzessin.
Der lange und hagere Assistent nickt zustimmend und l├Ąchelt mir verstehend zu, w├Ąhrend die Puppen im Sack verschwinden. Er tr├Ągt eine Baskenm├╝tze, und als Paar von Dick und D├╝nn erinnern sie mich an den Porzellansammler Utz und seinen Freund Orl├şk in Bruce Chatwins Roman; auch Orl├şk ist d├╝rr und tr├Ągt Baskenm├╝tze. Die Leidenschaft des Sammlers f├╝r die gebrannten und glasierten Tonfiguren belebt diese auf ihre Weise, wie etwas anderes als Worte die Marionetten dieser beiden erweckt.
"Puppen", sagt mein Zwakh in seinem sonderbaren Deutsch, "sind die Hormone unserer Fantasie und eine Waffe gegen die harte Wirklichkeit." Weniger aus Gesch├Ąftssinn, sondern wie um mich von Golem abzubringen, h├Ąlt er mir immer wieder den Harlekin hin, und - ganz zum Schluss, ein buntscheckiges und glubsch├Ąugiges Holzwesen, das an seinen Strippen zappelt: "der Narr, der weise spricht".
"Wunder", schlie├čt er und wendet sich zum Hradschin, der aus Nacht und Nebel aufstrahlt, "Wunder muss man auf Schritt und Tritt beobachten." Er sieht mich an und sch├╝ttelt den Kopf. "Die Menschen aber sehen und h├Âren nicht." So dass ich glaube, er ist b├Âse, dass ich immer noch meinen Golem suche.

"...in altmodische, verschossene Kleider geh├╝llt, gleichm├Ą├čigen und eigent├╝mlich stolpernden Ganges, so, als wolle er jeden Augenblick vorn├╝ber fallen." (Gustav Meyrink)

KAFFEEHAUS I
In einer Kav├árna an der Malostransk├í unterhalb der Burg. V├íclav Havel soll hier geschrieben haben, hei├čt es. Die Prager lesen viel, hei├čt es ebenso. Ihre Zeitungen jedenfalls sind in Schriftgr├Â├čen gedruckt, die denen entgegenkommen, die gewohnt sind, ihre Nasen dicht ins Papier zu dr├╝cken.
Wie in einem Treibhaus wuchs hier Literatur aus der Reibung der Kulturen. Vom Kaffeehaus Rilkes und Werfels, dem Arco am Bahnhof Republiky, wird den Touristen abgeraten; als ich dort Essen wollte, war die K├╝che eben geschlossen. Literatur erstand hier ebenso an der Unterdr├╝ckung, als Jude oder als Tscheche.
Am Ausgang stolpert ein kleinw├╝chsiger Mann ├╝ber eine Stufe. Er bleibt lange auf dem R├╝cken liegen, sucht vergebens Halt mit den Armen. Ich r├╝hre mich nicht, Leute, auch zwei Kellner gehen gleichg├╝ltig vorbei. Ein Betrunkener, der hier geduldet wird, denke ich, f├Ąllt ├Âfter auf die Nase, wird sich schon wieder berappeln.
Endlich hilft ihm der Zahlkellner auf und in Zeitlupe, Schrittchen f├╝r Schrittchen, tastet sich der Kleine an den Nebentisch heran. Dort sitzt, wie ich nun erst bemerke, ein Mann mit Gipsbein bei zwei Gl├Ąsern.
Wie hingeworfen liegt der Kleine im Stuhl. Seine F├╝├če in den Sandalen sind geschwollen, die Oberschenkel so d├╝nn, dass der eingesunkene Stoff der Hose leer erscheint. Die Beine bewegt er, indem er sie mit beiden H├Ąnden an den Knien unterfasst.
Der verwachsene R├╝cken, der verdrehte, winzige Kopf in der Schultermulde, die braune Haut mit den Bartstoppeln wie geschnitztes Holz, eine Mahagoni-Miene mit Schmerzfalten, wie eine von den F├Ąden geschnittene Marionette.

"Josel war der Name des Golem von Rabbi L├Âw. An Wochentagen f├╝hrte er alle m├Âglichen niederen Arbeiten aus. Er hackte Holz, fegte die Stra├če und die Synagoge und diente als Wachhund f├╝r den Fall, dass die Jesuiten etwas im Schilde f├╝hrten." (Bruce Chatwin)

GRAB IN DEN SCHRIFTEN
R├╝cksichtlich meiner Gro├čv├Ąter: Der Golem, geschaffen um Pogrome zu verhindern, ist als Gedankengestalt, ├╝ber die Gr├Ąber hinweg, gewisserma├čen mein Gegner, soweit es ein Gewissen f├╝r Geschichte gibt. Oder verk├Ârpert im R├╝ckblick der Golem nicht auch das Grauen, gegen das er sch├╝tzen soll? F├╝r Egon Erwin Kisch, der im "Rasenden Reporter" seine Suche nach dem Grab der z├Âlibat├Ąren Zeugung schildert, ist Golem "der dem fremden Willen bedingungslos untertane und f├╝r fremden Nutzen arbeitende Menschenautomat" - wie ihn die Nazis ertr├Ąumten und verwirklichten.
Zehn Jahre nach Meyrinks Roman, aber vor dem Holocaust, stieg Kisch auf den Dachboden der Altneusynagoge, wo der Tonmensch unter einem Schriftenberg, Altpapier liegen sollte. Das Ghetto des Rabbi L├Âw war schon zerst├Ârt. Nach dem Modell der Sanierung der Pariser Arbeiterviertel durch den Baron Haussmann begann 1893 die Vernichtung des Gassengewinkels. Meyrinks Golem erscheint als Vorbote dieses Untergangs; die letzten Szenen des Romans spielen in den Ruinen der Judenstadt.
Nur die Synagogen blieben stehen. Die Altneue hat auch die Nazis ├╝berdauert. Hitler hatte sie zum Museum der auszurottenden Kultur ausersehen. J├╝dische und nicht-j├╝dische Fachleute restaurierten das Gem├Ąuer aus dem vierzehnten Jahrhundert und seine Einrichtung, um anschlie├čend erschossen zu werden.
Nur zwei der sieben Synagogen Prags werden von den tausend der ehemals hunderttausend Mitgliedern der j├╝dischen Gemeinde benutzt. Die anderen stehen unter erbarmungslosem Touristenandrang. W├Ąhrend mehrere Gruppen sich im zweischiffigen Innenraum um das Pult des Rabbi, das Almemor, dr├Ąngen, trommeln die drau├čen dicht an dicht in der Gasse Stehenden an die T├╝r.
Nachdem er den Golem zum Ger├╝mpel gelegt hatte, erlie├č der Rabbi ein Verbot, den Dachboden zu betreten. Das Verbot ist dokumentiert und wirkte, bis Kisch hinaufkletterte. Er fand keinen Lehm, aber eine Erkenntnis: Dass Victor Hugos "Notre-Dame de Paris" eine Variante der Sage sei, Golem der Quasimodo des ketzerischen Domherrn. Von einer Liebesgeschichte Golems mit einer Esmeralda wei├č die Legende freilich nichts. Im Gegenteil: "Er musste ohne Zeugungstrieb erschaffen werden, sonst h├Ątte sich kein Weib vor ihm retten k├Ânnen, und es w├Ąre wieder das eingetreten, was sich in der Urzeit begeben hatte, als die Engel an den Menschent├Âchtern Gefallen fanden", soll der Rabbi selbst gesagt haben.

ZAUBERZETTEL
1512, 1513, 1520 sind vermeintliche Geburtsdaten des Rabbi Jehuda L├Âw ben Bezalel, als Geburtsort kommen Posen und Worms in Frage. Seine Tumba, der ein Zelt nachahmende Grabstein f├╝r bedeutende Personen, verzeichnet nur seinen Sterbetag, den 17. September 1609. Das Epitaph sagt von ihm: "er drang ein mit Erlaubnis und ohne solche / nichts lie├č er unbeachtet / Kleines und Gro├čes sammelte und vereinte er"; von Golem, Kabbalah oder Magie sagt es nichts.
Rabbi L├Âw war das geistige Oberhaupt des Ghetto in einer Zeit, in des es unangefochten war wie selten. Dass dem biblisch alten Weisen mit dem langen Bart ├╝bernat├╝rliche Kr├Ąfte nachgesagt wurden, war unvermeidlich - die Wundertat des Golem w├Ąre wie eine "Erkl├Ąrung" f├╝r den Frieden der Epoche. F├╝r 1590 vermerkt E. E. Kisch, dass die an den Ostertagen ├╝blichen Gewaltexzesse ausblieben. Die "Blutbeschuldigung", dass die Juden zum Passahfest Kinder schlachten w├╝rden, war ernst genug, damit jahrhundertelang Kaiser und K├Ânige, die Ruhe in den Mauern haben wollten, Erlasse verabschiedeten, die die Juden im Vorweg freisprachen.
Die Tumba des Rabbi ist die Hauptattraktion auf dem Alten J├╝dischen Friedhof. Man dr├╝ckt sich aus der Altneusynagoge heraus, ├╝berl├Ąsst sich dem Menschenstrom, der von der Pariser Stra├če weg f├╝hrt und gelangt durch eine Gasse, die auch ohne das Gewimmel eng w├Ąre, zur Pforte der beim Abriss des Ghettos geschlossenen Nekropolis. Am Weg fliegende H├Ąndler; ich entdecke zwei junge Burschen, die Golems, plumpe Tonwesen verschiedener Gr├Â├če, als Kerzenhalter anbieten: Das Licht steht im schwanger vorgew├Âlbten Bauch und leuchtet aus dem Sch├Ądel. Aber ich kann mich aus dem Strom nicht befreien, und sp├Ąter sind sie fort.
Im Mauerschatten, aus dem siebenfach geschichteten Boden herausragend wie Stalaktiten, bilden die Grabsteine ein Labyrinth, dessen Spiegelung die Touristenscharen sind, deren Slalom von ihnen markiert wird.
Um die Tumba des Rabbi konkurrieren die Gruppen. Der zerfressene Stein ist mit Zetteln und Kieselsteinen ├╝bers├Ąt. Wie Christen mit Blumen gr├╝├čen Juden mit Kieseln ihre Toten. Die Zettel enthalten W├╝nsche, die der Rabbi erf├╝llen solle, sagt eine Fremdenf├╝hrerin. Eine christliche Verfremdung, setzt ihre Kollegin hinzu. Aber lesen d├╝rfe man die Zettel nicht, erg├Ąnzt die erste, sonst wirke der Zauber nicht. Damit der Zauber wirke, sagte die zweite, braucht es keine Zettel; W├╝nsche und Wunder seien etwas pur Geistiges. Die Zettel w├╝rden nicht, erkl├Ąrt die erste nun, wie in Jerusalem und anderen heiligen St├Ątten regelm├Ą├čig vernichtet - deshalb seien es so viele.
Vereinzelt liegen mit Kieseln beschwerte Zettel auch auf anderen Steinen. Auf der Pyramide des Mathematikers und Mustersch├╝lers des Rabbi, David Gans, h├Ątte beides kein Halt. Sein kleines Grabmal wird auch von den Fremdenf├╝hrerinnen ├╝bergangen. Obwohl er eine Tumba mit langer Inschrift h├Ątte haben k├Ânnen, verzichtete er darauf. Gans war auch der Chronist des Ghetto; in diesem "steinernen Archiv" ragt er nicht heraus.
"Golem war der erste Roboter", sagt die Fremdenf├╝hrerin. Roboter sei auch das Wort, mit dem das Tschechische die Weltsprache bereichert habe; Karel Capek ("Der Krieg der Molche") hat es erfunden, es leitet sich ab vom tschechischen Wort f├╝r "arbeiten". "Golem I" hie├č der erste israelische Computer; Gershom Scholem hatte den Namen vorgeschlagen. "Golem XIV" nennt Stanislaw Lem eines seiner vielen B├╝cher ├╝ber artifizielle Intelligenz. Der "Schem ha meforasch", Gottes wahrer Name, als Strom, der aus dem bin├Ąren Ja / Nein wie aus den zweiundzwanzig Buchstaben eine imagin├Ąre Gestalt schafft: Computer-Output: oszillierende Lichtzeichen auf Glasschirmen.

KAFFEEHAUS II
Gegen├╝ber dem Nationaltheater, in der Kav├árna Slavia. An der Wand ein ├ľlschinken: Auf dem letzten Tisch, an dem der letzte Gast in die Luft starrt, sitzt eine durchsichtige, nackte gr├╝ne Dame. Zum Fenster hinaus die Baustelle am Kopf der Br├╝cke des 1. Mai.
Unter dem Netz der Elektrostrippen, w├Ąhrend der Asphalt noch aufgerissen wird, fahren die Stra├čenbahnen ├╝ber die freigelegten Schienen, schl├Ąngeln Autos sich durch die Absperrungen. Um nicht an einem Steinhaufen entlanglaufen zu m├╝ssen, nutzen die Fu├čg├Ąnger eine Stelle zwischen den Gittern, die nur mit einem roten Band abgesperrt ist. Beim ├ťberwinden des Hindernisses ├╝berbieten sie sich an H├Âflichkeit, einer dient dem anderen das hochgehobene Band zum Hinunterdurchkriechen oder ├ťbersteigen an.
Brummend und knarrend sch├╝ttet ein kleiner Bagger Sand an die Seite oder auf das Heck eines Lastwagens. Wie ein aufgeregtes Insekt kreiselt er, winkt mit seiner Schippe, st├Â├čt vor und zur├╝ck in einem Affentempo - eben h├Ątte er um ein Haar den Pkw gerammt, der hinter seinem R├╝cken vorbeifahren wollte, w├Ąhrend er eine Pirouette drehte. Dabei warnt die Drehleuchte auf seinem Dach alle, ihm zu nahe zu kommen.
Im Eisenger├Ąt, dem Maschinendiener auf R├Ądern, mit dessen ├╝bermenschlicher Kraft ihn Kn├Âpfe, Hebel und Pedale verbinden, ein bulliger Mann in blauer Montur. Die Maschine ist seine R├╝stung, doch ist er wie f├╝r sie gemacht. Sie, das Serienmodell, war vor ihm da und hat gewartet auf einen Bediener, der zu ihr passt. Wirklich sitzt er in dem Apparat, als h├Ątten sich in jahrelangem Arbeitszusammenhang die K├Ârperformen des menschlichen Partners dem Sitz angepasst, den die Maschine vorschreibt.

"Auch besa├č er die Eigenschaft, dass er den Wechsel der Stunden zur Tages- und Nachtzeit genau empfand. Es weht n├Ąmlich zu jeder Stunde vom Garten Eden ein Wind auf die Erde, der die Luft reinigt, und diesen Lufthauch vernahm der Golem dank seinem feinen Geruchssinn." (Micha Josef bin Gorion)

SCHEMEN, STUMME ZEUGEN, STEIN
Der Hradschin um acht. Zerkl├╝ftet und gl├Ąnzend im Mondschimmer wie verkohlte Holzst├╝mpfe die T├╝rme des Veitsdomes. Ich stehe auf der Br├╝cke ├╝ber den Hirschgraben, mit Blick zum Pulverturm. Zwei Wachsoldaten, stumm im Dunkel vor dem hinteren Burgtor, sind Zeugen meiner Notizen.
Leer die Gassen, leer die Br├╝cke. Als sei ich der einzige, der die Nachricht vom Weltuntergang nicht erhalten hat und noch am├╝siert herumspaziere, so schlagartig sind die Menschen verschwunden, hat ihr Kreuzen und Queren aufgeh├Ârt. Die H├Ąuser sind allein, und dabei unerbittlich. Sehnsucht nach der Gegenwart der anderen Schemen kommt auf.
Der Pr├Ąsident regiere nicht gern hier, hei├čt es. Mir ist, als ich die Soldaten passiere, nicht als betrete ich den verwaisten Burghof oder ein Museum, sondern ein Grab. Je l├Ąnger ein Geb├Ąude steht, desto mehr wird es zum Grab, zum erbarmungslos stummen Zeugen der Geschichte.
Aber ein Wachoffizier stolziert ├╝ber das Katzenkopfpflaster und seine Stiefel klappern Obacht. Was g├Ąbe ich f├╝r einen japanischen Touristen, um mir beizustehen gegen diese allzuferne N├Ąhe, allzunahe Ferne der Zeit!
Der Mythos des Hradschin verdankt sich Kaiser Rudolf II., der seine Regierung von Wien hierher verlegte. Bis zu seiner Abdankung 1611 versuchte Rudolf, sich aus allem herauszuhalten und widmete sich vor allem seiner Sammlung von seltsamen Dingen und sonderbaren Menschen wie Tycho de Brahe, Johannes Kepler oder Guiseppe Archimboldo, von dem er sich mit Kirschenlippen und Brombeeraugen als Gott der Verwandlung Vertumnus portraitieren lie├č. Im Nebeneffekt war die Epoche friedfertig. Weil aber durch Eroberungsfeldz├╝ge kein Geld in die Kassen kam, war Rudolf auf j├╝dische Finanziers angewiesen. Mordechai Maisl und Jakob Bassewi wurden mit Privilegien bedacht, von denen auch das Ghetto profitierte.
Wie es kam, dass es weniger gef├Ąhrlich war im Ghetto, daf├╝r fand die Legende ein Gesicht: Golem. Sie bringt daher den Kaiser h├Ąufig in Zusammenhang mit dem Rabbi, als k├Ânne ein M├Ąrchenwesen schlecht f├╝r sich allein bestehen und suche die N├Ąhe anderer, um glaubhafter zu erscheinen. Rudolf allerdings war kabbalahkundig wie viele nicht-j├╝dische Mystagogen und Wissenschaftler. Und geh├Ârten nicht zu seiner Sammlung auch Automaten und technische Wunderwerke wie Christoph Margrafs Kugellaufuhr, bei der die sekundengenau rollenden Kugeln zugleich Akteure in Miniatur-Szenen zwischen Bildern und Figuren sind? Rudolfs Homunculus im Glas verscholl bereits im Drei├čigj├Ąhrigen Krieg mit anderen mythenbeladenen Objekten.
Nicht zuletzt ist eine Zusammenkunft des okkultistischen Kaisers mit dem Rabbi am 23.Februar 1592 verb├╝rgt - durch L├Âws Schwiegersohn Isak Kohen, der angibt, an der Unterredung teilgenommen zu haben, und durch David Gans, auch Mitarbeiter des Hofastronomen Kepler, der freilich von einem Gespr├Ąch "unter vier Augen, so wie Freunde" schreibt. Einm├╝tig schweigen Kohen und Gans, "wie bei kaiserlichen Angelegenheiten ├╝blich", ├╝ber den Inhalt der Audienz. Die Legendendichter sind redseliger: Hier wurde die Schaffung des Golem verabredet.
Abends um acht habe ich den Hradschin f├╝r mich allein und h├Âre die Grillen zirpen. In der Jirsk├í erschrickst du ├╝ber den Schlag der Stunde. H├Ârst, was Schritte sind. Ein Kind vor mir in der steil auf ein Tor zufallenden Gasse hat Angst vor dem eigenen Schatten an der dunklen Mauer und schreit, dass es weit und hoch widerhallt.
Heilige und Huren
Vor dem Kultusministerium am Valdsteinsk├ę Platz. Ein offenes Fenster: Sehe K├Âche schw├Ątzen, dick in wei├čen Sch├╝rzen, Radiomusik bringt die Kessel zum Klingen; eine junge K├Âchin, vor Hitze halb entkleidet, legt Schnitten zurecht. Dann weiter, die Gasse wird wieder dunkel, bis auf den goldgelben Schimmer in der H├Âhe, wie vom Heiligenschein einer Ikone. Wenn du zur├╝ckl├Ąufst, das Fenster w├Ąre geschlossen, von einem Vorhang verdeckt, du findest es nicht wieder, inzwischen ist es ganz finster.
"Der Scho├č", w├╝rde Brecht sagen. Unterhalb des roten Metronoms, das mit zwei unabl├Ąssig schlagenden Glocken von der H├Âhe des Parks die Opfer des Stalinismus in Erinnerung ruft, am Kopf der Br├╝cke ein sch├Ąbiger Trupp M├Ąnner, Bierflaschen vor sich auf der Br├╝stung. Einer sieht mich und streckt den Arm hoch, grinst mir entgegen. Wie auf Kommando gr├Âlen die Kumpane auf. Dass ich nichts verstehe, erleichtert es, nicht zu reagieren.
Wo die Rampe zum Nationalmuseum, die der V├íclavsk├ę ist, Am Graben seine Basis hat, am U-Bahn-Einstieg, einem Beton-Unterschlupf, aus der Hausecke ausgespart, dusteres Loch im sonst so lichten Platz, dasselbe Handzeichen von einem halbstarken Skin, der auf der Br├╝stung, hinter der die Rolltreppen in die Tiefe gleiten, die Beine baumeln l├Ąsst.
Auf den V├íclavsk├ę, sagt mir eine Lehrerin, k├Ânne man abends nicht mehr gehen, die Kriminellen, die Zigeuner, die Huren. In ihrer Schule in einer Seitenstra├če sitzt hinter einer Glast├╝r ein schm├Ąchtiger blonder Sch├╝ler an einem gro├čen Holztisch. Er hat "Hausdienst". Besonders "in letzter Zeit" k├Ąmen "Asoziale und Zigeuner" in alle H├Ąuser, und weil man sowenig Platz habe, st├Ąnden Unterrichtsmaterialien im Treppenhaus und den Fluren. Es werde viel gestohlen, ├╝berall, "in letzter Zeit".
Und die Huren, die, von der Polizei geduldet, den Platz entweihen. Ohne zu ├╝berlegen habe ich einer von ihnen, die sich mit beiden H├Ąnden an ihrem Kaffee festhielt, ein warmes L├Ącheln geschenkt. Solche wie ich sind schreibende Huren, Pflastertreter und Eckensteher eigener Art, die ihre Seele, ihre innersten Empfindlichkeiten f├╝r ein paar Groschen beliebigen Magazinen andienen.
"Tausende steinerner Heiliger, die euch heute noch von allen Seiten anschauen, die euch drohen, verfolgen, hypnotisieren" - so Milan Kundera ├╝ber Prag. Metropole der Mythen von Bisch├Âfen und Herz├Âgen, Zauberern und Prinzessinnen, zu Stein geronnen, die den Gassen etwas Unaufgekl├Ąrtes belassen, trotz Tourismus und Autoverkehr. "Mutter der St├Ądte", in der man gnadenlosen Verf├╝hrungen der Geschichte(n) ausgesetzt ist, dem stummen Karneval der Putten und Masken.
Gr├╝belnd durch die Nacht, die leergefegten Gassen, wo ich neben einer qualmenden M├╝lltonne den Schrecken meines langen Schattens erlebe. Nass gl├Ąnzt der Weg, ein Sprengwagen verfolgt ein Liebespaar. Ich w├╝rde mich nicht wundern, wenn unversehens die Giebel in der H├Âhe zusammengewachsen w├Ąren in diesem Nest der zwielichternen Einbildungen. Dort der Alte mit dem schwarzen Handschuh an der Rechten, mit der er den Abfall durchsucht; er zieht nur Papier heraus, bedruckt oder beschrieben.
Auch das Gest├Ąnge eines psychischen Automatismus ist wie Golem: Fatale Imagination, denke ich, w├Ąhrend das drittklassige Ballett des Nationaltheaters zu einem Verdi-Potpourri die "Kameliendame" gibt; zu jedem zweiten Szenenwechsel f├Ąllt die Hauptfigur in Ohnmacht. Unterdessen k├Ąmpfe ich auf meinem Platz an der Br├╝stung im zweiten Rang mit H├Âhenangst.

GRAB DES GOLEM
Auf Golem muss man aufpassen, sonst bricht er aus. Eine geringe Unachtsamkeit nur, ein Versehen, und der dienstbare Geist wendet sich gegen seinen Sch├Âpfer. Dann ist h├Âchste Zeit, den Zettel unter der Zunge herauszuholen.
Am Sabbath ruhte der Golem des Rabbi L├Âw, wie alle Gesch├Âpfe Gottes. Doch an einem verh├Ąngnisvollen Freitagnachmittag verga├č der alte Mann das Schem im Maul. Ohne Befehle wurde das Wesen selbst├Ąndig, wuchs, als wolle er so gigantisch werden wie der urspr├╝ngliche Adam, und w├╝tete. Der Amoklauf zerst├Ârte das halbe Ghetto, ehe der Rabbi ihm das Wort aus dem Mund rei├čen konnte.
Auf dem Dachboden der Synagoge ruhte das abgeschaltete Monster nicht lange, berichtet E. E. Kisch. Gehilfen des Rabbi entwendeten es, ihre Wiederbelebungsversuche indes waren vergeblich. Den unheimlichen Gast im Haus, starben zwei Kinder eines der Zauberlehrlinge an der Pest. Der Golem wird verantwortlich gemacht; aber wie kommt er ungesehen fort - und wohin damit? Zwei Kinder in einen Sarg, Golem in den zweiten.
"J├╝discher Backofen", Zidovsk├ę pece, hei├čt das Gel├Ąnde, das Kisch als Grab des Golem bezeichnet, "ein kaum f├╝nf Meter hoher H├╝gelzug, sch├╝ttere Grasb├╝schel, Sandsteinfelsen". Bis 1866 war hier der Rabenstein mit dem Galgen.
Stra├čenbahnlinie neun vom V├íclavsk├ę bis zur Malesick├í im dritten Bezirk Zizkow. Totenhaltiges Terrain. Unweit der bei der Pestepidemie 1680 angelegte j├╝dische Friedhof, der Neue J├╝dische mit dem Grab Kafkas und ein tschechischer Totenacker in Vinohrady. Nicht das goldene, das ganz gew├Âhnliche Prag mit aschgrauen Waschbetonk├Ąsten, der Zufahrtstra├če zum Elektrogro├čbetrieb am Containerbahnhof entlang. Ich verfehle den regul├Ąren Weg und muss durch Gestr├╝pp den H├╝gel erklimmen.
Ein weites, leeres Feld, sp├Ąrlich von B├Ąumen umstanden, abgem├Ąhtes Gras verstreut. Der Wachtturm des Container-Terminals und der neue TV-Turm, f├╝r den der Mahler-Park weichen musste, stecken das Panorama ab.
Kinderhaltiges Terrain. Am Fu├č des H├╝gels der Verkehrs├╝bungsplatz eines Kindergartens. In einem Sandloch formt eine Schar neuer Menschen Burgen.
Wege mit gr├╝nen B├Ąnken, um kleinere Erhebungen geschlungen. Auf einer davon harken zwei Frauen und ihre Kinder das Heu mit Rechen zu Haufen. Zwischen Felsbrocken und Mauerresten ein Kinderwagen, aus dem es mir schon von weitem entgegenlacht. W├Ąhrend ich vor├╝bergehe, strahlen wir uns an; ich h├Âre es in meinem R├╝cken weiterlachen, drehe mich noch einmal um.
Auf den Asphalt ein Teppich aus Kreidezeichnungen, noch ein l├Ąrmender Spielplatz mit Kletterger├╝sten und Sandk├Ąsten. Im Halbkreis aus B├Ąumen sieben Findlinge, mit okkulten Symbolen bemalt, wie eine archaische Kultst├Ątte. Dunkel sind die Zeichen nur f├╝r mich; Graffiti tschechischer Kids offenbar.
Noch ein Kindergarten, und der sich verengende H├╝gelzug mit dem Park verebbt zwischen gestaffelt stehenden Hochh├Ąusern. Im Unterholz finde ich einem sechzehn-Millimeter-Filmstreifen mit einer Sequenz beschriebener Bl├Ątter, die ich nicht entziffern kann; an der Zufahrtstra├če hatte ich das Schild eines "Film-Archivs" bemerkt.
Lastwagen r├Âhren, am Terminal kl├Ąfft ein Hund zwischen Kohlehalden, Maschinenstahl knallt und schabt. Dort ein Abbruch des H├╝gels, das Gras verdorrt, im Sand vier Steine, umgittert von roten Rohren. Ich mache ein Foto von der leeren W├Âlbung: Grab der Kopfgeburt aus Ton und Zauberwort. Da l├Ąuft ein Kind in rotem Hemd, ein wei├čes Tuch um den Kopf gewickelt, durchs Bild. F├╝r einen Moment steht es auf dem H├╝gel wie ein Grabmal f├╝r den Homunculus.

GOLEM GESCHEITERT
Golem als unf├Ârmiges Get├╝m mit zwei Augenh├Âhlen und einem Loch im Kopf, wie es beim T├Âpfern vor dem Brennen gemacht wird, wie es auch f├╝r Tumbheit, Torheit steht. In den Sagen wird der Golem als "Mann von drei├čig Jahren" beschrieben - diese Postkarten, die ich schlie├člich nach langem Suchen erstanden habe, zeigen ihn als rundum misslungene Sch├Âpfung. Der Rabbi mag ein gro├čer Magier gewesen sein, hiernach w├Ąre er ein j├Ąmmerlicher Bildhauer. Der k├╝nstliche Mensch sieht aus wie eine Tonfigur, die ein Kind gemacht hat. Geborsten ist er, die Wunde seiner Brust schlecht verpflastert. Golem, Schutzheiliger der Prager Juden, ist gescheitert. Ein Wesen wie aus Kinderhand; wie die Zeichnungen, die in der ehemaligen Totenkammer des Alten Friedhofs ausgestellt sind: von den nach Theresienstadt deportierten Kindern.

LETZTE WUNDER
Wunderliches wei├č die letzte Fremdenf├╝hrerin am Grab des Rabbi zu berichten. Den Schem beschreibt sie als Stein; er sei in der Gosse gelandet, nachdem der Rabbi ihn aus dem Mund des Monsters genommen habe. Wer ihn f├Ąnde, k├Ânne den Golem wiedererwecken.
Als die Nazis in Prag w├╝teten, erz├Ąhlt sie weiter, ging eine Geschichte unter den Juden um. Da wollte einer den P├ęr├ík gesehen haben, wie er den Schergen entkam, indem er ├╝ber eine Stra├čenbahn sprang. Oder Verfolgten half, indem er pl├Âtzlich, von irgendwoher gesprungen, die Bewacher durcheinander wirbelte. P├ęr├ík, der Sprungfedermensch, ├╝bermenschlich, wunderbar unverwundbar.
Nein, nein, erhebt eine ├Ąltere Zuh├Ârerin Widerspruch. Nichts Mystisches sei am Spannfedermenschen, aber gegeben habe es ihn, sie erinnere sich, in ihrer Kindheit von ihm geh├Ârt zu haben.
Erst k├╝rzlich, f├Ąhrt die Fremdenf├╝hrerin fort, habe sie mit Juden gesprochen, die sagten, P├ęr├ík helfe ihnen nun gegen die Pal├Ąstinenser.
Mirjam, die Fremdenf├╝hrerin, wei├č noch mehr zu erz├Ąhlen, als ich sie zum Kaffee einlade. Die Achtzehnj├Ąhrige ist Tochter eines lyrisch begabten Musikprofessors und hat selbst unter m├Ąnnlichem Pseudonym vielbeachtete Erz├Ąhlungen ver├Âffentlicht. "Pernath?" frage ich nach, als sie den Namen nennt. Nein, lacht sie, Perner.
Sie hat ein Faible f├╝r Gespenster. Die siebenundzwanzig vor dem Altst├Ądter Rathaus ins Pflaster eingelassenen Steine betrete sie nie, weil sie dem Gedenken von Heiligen gewidmet sind. Wir sehen eine Weile zu, wie die Menge achtlos ├╝ber die Stelle latscht.
Mirjam erz├Ąhlt auch von Dr. Sladek - "das hei├čt soviel wie s├╝├č" -, dem Verf├╝hrer der tschechischen Faschisten, die es bei den Wahlen zum s├╝db├Âhmischen Landtag auf dreiundzwanzig Prozent gebracht haben. Havel solle zur├╝ck in den Knast, meint Dr. Sladek, denn er ist f├╝r "Ordnung". In einem TV-Interview, sagt Mirjam, habe er sich vor allem durch Nietzsche-Zitate hervorgetan. Uns schaudert vor der N├Ąhe von ├ťber- und Unmensch.

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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