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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Grabetief
Eingestellt am 09. 11. 2000 22:13


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Grabetief

Er dreht den SchlĂŒssel, und der Motor des Baggers stoppt rĂŒttelnd. Hier hinter den BĂŒschen wird man ihn nicht gleich sehen.
Die heiße Luft der Heizung unter dem Sitz blĂ€st ihm auf die Fersen seiner Arbeitsschuhe. Bald wĂŒrde er die Heizung ausmachen mĂŒssen. Das Mistding lĂ€ĂŸt sich nicht mehr regulieren und lĂ€uft nur noch volle Pulle. Irgendwann wĂŒrde es dann so heiß in der kleinen Kabine, daß es nicht mehr auszuhalten ist. Aber im Augenblick ist ihm die WĂ€rme noch angenehm.
Es nieselt aus dem Grau des Himmels und die feinen Regentropfen plazieren sich auf der senkrechten Frontscheibe.
In einiger Entfernung sieht er den trauernden Zug schwarz gekleideter Gestalten mit Regenschirmen langsam dahinziehen, gefĂŒhrt von dem Mann im hellen Talar.
Dieser verlauste Meßdiener. Weiß ganz genau, daß gleich schon die nĂ€chste Trauerfeier ist und predigt trotzdem ĂŒber zwanzig Minuten. Typisch Neu-Apostolen. Gleich fangen sie wieder an zu singen.
Genervt verzieht er sein Gesicht und wĂŒhlt in der Brusttasche seiner Latzhose nach seinen Zigaretten und dem Feuerzeug.
Die blaugrauen Schwaden verteilen sich trĂ€ge und werden von der aufsteigenden Hitze auseinandergerissen. Hinter sich hört er ein ratterndes GerĂ€usch, das mit einem Male verstummt und mit einem Surren nĂ€her herangleitet. Sein Blick fĂ€llt gelangweilt in den verregneten Außenspiegel und entdeckt den alten, grĂŒnen Muldenkipper, auf dem sein parkavermummter Kollege, der Klemens, hockt und nun halblaut auf das Wetter flucht. Er wĂŒrde ihn ja gerne mit in seine trockene Fahrerkabine lassen, aber in diese Affenschaukel paßt ja nur einer rein.
Dieser Tag ist so trĂŒbe, wie er trĂŒber kaum mehr sein kann. Drei Beerdigungen. Zwei Reihen, eine Gruft. Eigentlich ganz normal. -- Ach ja, und noch eine Urne um Eins. Aber damit haben sie ja nichts zu tun. Er muß nur baggern. Grab auf, Grab zu. Na ja, und das Drumherum eben. Aufbauen, abbauen. Was halt so dazugehört und zu tun ist.
ReihengrĂ€ber sind da noch ganz simpel. Der Stahlrahmen, auf dem die TrĂ€ger laufen und die Roste fĂŒr Pfarrer und TrauergĂ€ste werden einfach dort gelassen oder nur umgesetzt. Und die Grube mit dem Sarg wird mit der Erde des nĂ€chsten Loches daneben zugemacht.
Bei diesem Sauwetter, wenn der Boden weich ist, muß man immer besonders vorsichtig arbeiten, da es dann schon mal sein kann, daß was einbricht. Aber das passiert eher bei Gruften. Oder WahlgrabstĂ€tten, wenn sich das besser anhört.
So ein Humbug. Die ganze Welt sagt Gruften.
Bei Gruften muß man alles erst ankarren. Das ganze Material, die Ausbaubretter, Laufroste, Rahmen, Spindeln, ErdbehĂ€lter, TannengrĂŒn und alles. Dann sucht man erst nach der richtigen Grabstelle und kommt unter UmstĂ€nden nicht mal mit dem Bagger in den Weg, und dann muß mit der Hand geschachtet werden und ... Ach, ist schon manchmal Mist. So schöne einfache GrabstĂ€tten am Weg direkt gibt es halt nicht so hĂ€ufig.
Aber der Boden in der Reihe ist Scheiße auf diesem Gottesacker. Durchgehend hart. Zumindest das Feld, das sie momentan vollpacken. Alles ErweiterungsgelĂ€nde. AngeschĂŒttete und festgefahrene Erde. Viel Mist drin. Rohre, BetonstĂŒcke, Steine, Plastik und alles knochenhart. Doch der Mist, den man rausholt, der kommt nachher meist auch wieder rein, es sei denn, er ist zu groß. Gut nur, daß die Toten nicht sehen, wie und mit was sie in der Erde liegen. Und die Angehörigen sehen es auch nicht, weil bei der Beisetzung die grĂŒnen Kunstrasenmatten im Loch hĂ€ngen und die ErdwĂ€nde verdecken. Alles nicht das Wahre. Aber was soll man denn sonst machen, nicht wahr? Es gibt sicher Schlimmeres.
Leiser Gesang klingt ĂŒber die GrĂ€ber hinweg. Die Trauergemeinde singt den Toten in den ewigen Schlaf.
Ein kleiner Schwarm KrÀhen erhebt sich flatternd vom grobscholligen Feld nebenan, um gleich darauf wieder zu landen. Einige Möwen sind ebenfalls dazwischen.
Eine alte Frau geht zum Abfallkasten und schĂŒttelt ihre kleine PlastiktĂŒte aus, in der sie das gelbe Birkenlaub gesammelt hat.
Die Leute kommen wirklich bei jedem Wetter und machen ihre GrĂ€ber fertig. Da kann es auch Scheiße regnen, die kommen trotzdem. Nicht zu fassen.
Er macht die Heizung aus und reckt sich.
Kinderbeerdigungen beispielsweise sind schlimmer. Eigentlich am schlimmsten.
Er macht den Job hier schon ziemlich lange, aber an Kinderbeerdigungen wird er sich wohl nie gewöhnen können. Wenn er das kleine Loch ausschachten muß, ob nun mit dem Bagger oder mit Spaten und Schaufel. Wenn er den kleinen weißen Sarg sieht oder ihn sogar aus der KĂŒhlzelle in die Trauerhalle schieben muß. Der manchmal so leicht ist, daß man ihn ohne Probleme alleine hochheben kann. Wenn er warten muß, bis die große Zahl von Trauernden vom Loch weg ist, wobei die in TrĂ€nen aufgelösten Eltern meist jĂŒnger sind als er selbst. Oder wenn er die fast zierlichen Grabsteine hinten auf den KindergrabhĂŒgel sieht. Engel gehen zu Engeln.
Er wird sich wohl nie daran gewöhnen können.
Dann lieber eine Umbettung. Das ist zwar ekelig, geht ihm aber nicht so an die Nieren. Und fĂŒr das Geld, das man dafĂŒr bekommt, nimmt er es auch in Kauf, jedes Mal kotzen zu mĂŒssen.
So wie letztes Mal. Eine alte Frau, gerade ein paar Monate tot. Die war an irgendeiner Krankheit gestorben und lag in einem Plastiksack in ihrem Sarg. Und den konnte man nicht im Ganzen aus dem Loch holen. War kein besonders toller Anblick. Er weiß noch, wie er bei dem Anblick an diese BratschlĂ€uche denken mußte. Das alte MĂ€dchen, so dunkel wie sie schon war, lag praktisch in ihrem eigenen Saft. Er weiß auch noch, wie schnell er mit einem Male wurde, als sein damaliger Kollege den Sack ĂŒber der Schulter hatte und die Folie plötzlich aufriß.
Bei dem Gedanken daran muß er nun unwillkĂŒrlich leise lachen.
Ja, heute kann er darĂŒber lachen. Damals fand er das alles nicht ganz so witzig. Aber mit der Zeit stumpft man hier ab. Wer sich in diesem Gewerbe keinen pechschwarzen Galgenhumor anlernt, der hat verloren.
Wenn man diesen Job ĂŒberhaupt Gewerbe nennen kann. Bestatter, ja, das ist ein Gewerbe.
Aber TotengrĂ€ber? Hm - Das ist einer jener Jobs, bei deren ErwĂ€hnung man nur mit den Schultern zuckt und dann sowas sagt wie: Einer muß es ja machen.
Obwohl er persönlich im Normalfall gar nicht viel mit den Toten zu tun hat. Meist sieht er nur die geschlossenen SĂ€rge. Es kommt schon mal vor, daß er einen offenen Sarg in die Schauzelle schieben muß. Aber das ist eigentlich auch schon alles. Im Normalfall. Er muß die Leichen wenigstens nicht aus- und anziehen, waschen, schminken und ihnen ein unnatĂŒrliches Grinsen ins Gesicht schieben, das dann wie ein glĂŒckliches LĂ€cheln aussehen soll. Er findet das pervers. Welcher Verstorbene kann denn das wollen? Hinter Glas von einigen schluchzenden TrauergĂ€sten angegafft zu werden, die sich einreden, den Toten sehr gut gekannt zu haben und meist bloß scharf darauf sind, nach der Beerdigung tĂŒchtig - wie sagt man doch - das Fell zu versaufen.
Er, fĂŒr seinen Fall, will spĂ€ter verbrannt werden, wenn er das Zeitliche segnet. Schnell, ratz-fatz, ab in den Aschenbecher und ohne viel Aufhebens unter die Erde. Da hat dann niemand viel Arbeit, es ist billiger und vermutlich auch hygienischer. Am liebsten wĂ€re es ihm, wenn seine Asche in einen Fluß gestreut werden wĂŒrde. Von einem guten, alten Freund.
Auf ewig in Bewegung sein. Auch noch nach dem Tod.
In einen schönen, reißenden Fluß in ... ja, vielleicht in Norwegen. Da soll es so schön sein. Dort wollte er immer schon mal hin. So ist ihm der Gedanke an den Tod ertrĂ€glich.
Aber diese Erdbestattungen ... Nein, beerdigt werden will er nicht. Das könnte er nicht mit sich vereinbaren. Er weiß schließlich Bescheid.
Er weiß, wie es knappe zwei Meter unter den RĂ€dern seines Grabetiefs aussieht. Er weiß, wie man spĂ€ter aussieht, liegt man erst einmal - da unten.
Vielleicht ist er dafĂŒr ja zu eitel, mag ja sein, aber ... irgendwo in der Erde liegen, aufgedunsen und grĂŒnspanĂŒberdeckt. Von WĂŒrmern und Ă€hnlichem Getier angeknabbert und wieder in den Kreislauf zurĂŒckgeschissen werden. Einen Zefallsprozeß mitmachen, der ĂŒber ein Jahrzehnt anhalten könnte. Nee.
Gut, man bekommt nicht mehr allzu viel davon mit, aber wer weiß das schon genau?
Ob nun Blasphemie oder nicht. Er ist nicht unglĂ€ubig; er stellt sich bloß Fragen.
Was ist denn, wenn man dort unten alles mitbekommt? Das gibt einem dann im Jenseits sicherlich einen ziemlichen Knacks.
Er hat sich vor langer Zeit mal mit einem alten Kollegen, der auch mal hier gearbeitet hat, ĂŒber Gott und diesen ganzen philosophischen Krimskrams, ĂŒber den man halt so redet, unterhalten. Der hatte zu ihm gesagt:
"Mein Junge, was glaubst du denn? Ich bin ein TotengrĂ€ber. Wie kann ich denn da glĂ€ubig sein? Das ist genauso, als wenn du als Kind einen Zirkus besuchst und dort mal ein wenig neugierig zwischen den ganzen Zelten und Wagen herumstöberst und dann hinter einer GarderobentĂŒr beobachtest, wie sich ein Clown abschminkt. Es lĂ€ĂŸt dich an der ganzen schönen, großen Musik- und Glitzerwelt zweifeln.
Nee, nee, mein Junge, mein bester Freund ist eher der Wurm als Gott. Bei diesen kleinen, langen Mistviechern kann ich wenigstens ganz sicher sein, daß sie fĂŒr immer bei mir bleiben. Auch dann, wenn ich mich verbrennen lasse. Das werde ich nĂ€mlich, mein Junge, darauf kannst du einen lassen. Und dann lasse ich mich in einem Aschenbecher aus Glas beisetzen. Damit ich dann beobachten kann, wie diese Wurmviecher sich Ă€rgern." Darauf hat er heiser und rauh losgelacht.
Heute dĂŒrfte der Alte es genau wissen. Im vergangenen Jahr haben sie seine Asche oben auf Feld neunzehn beigesetzt. Allerdings in einer normalen Urne.
Schöner, weicher Boden, dort oben, auf Feld neunzehn.
Der Regen wird stĂ€rker. Er öffnet kurz die TĂŒr und schnippt die Zigarettenkippe heraus auf den nassen Asphalt des Weges. Ganz knapp neben eine feuchtrote Nacktschnecke, die selbst schuld ist, wenn sie sich bei diesem Wetter auf die Wege verirrt.
Er sieht auf die Uhr. Die Leute stehen immer noch am Grab. Der Pfarrer und die TrÀger sind lÀngst fort. Nur noch die Angehörigen stehen und heulen, bekunden Mitleid und Trauer und werfen mit der kleinen, schwarzen Schaufel Erde in das Grab.
'Man sollte wirklich mal eine große SchĂŒppe da hinstellen. WĂ€r' gleich weniger Arbeit', geht es ihm, wie schon oft, durch den Kopf. Er nickt seinem Kollegen auf dem Muldenkipper hinter ihm zu, dann dreht er den ZĂŒndschlĂŒssel um. Sein 'Grabetief' springt rappelnd an. Im Schrittempo lĂ€ĂŸt er ihn langsam vorwĂ€rtsrollen. Ein kleiner, kurzer Ruck und der Kranzwagen, den er hinten festgemacht hatte, rollt wippend hinterher.
Es sind recht viele KrĂ€nze vor und in der Halle gewesen. Auf dem anderen Karren, hinter dem Muldenkipper seines Kollegen, sind auch noch drei KrĂ€nze und fĂŒnf, sechs Gestecke.
Schriftliches Mitleid flattert in tristen Farben zwischen den Blumen heraus.
Langsam steuert er den Bagger hinter den hohen BĂŒschen hervor auf den Hauptweg und lĂ€ĂŸt ihn in Richtung des Reihengrabfeldes rollen. Dort bleibt er wieder stehen, lĂ€ĂŸt den Motor jedoch laufen. Der Muldenkipper folgt ihm.
Einige TrauergÀste haben sich endlich vom Grab entfernt und wandeln die schmalen PlattenbÀnderwege entlang dem Ausgang zu.
Eigentlich soll man sich ja nicht unbedingt von den Angehörigen sehen lassen; zumindest den Bagger nicht. Aber sonst können sich die ja nie von der Kiste trennen. Sollten die noch lĂ€nger dort stehenbleiben und sinnieren, wird er einfach hinfahren und abrĂ€umen. Lange können sie nicht mehr warten. Sie mĂŒssen noch zwei Löcher zu- und eines aufmachen.
Er zĂŒndet sich noch eine Zigarette an.
'Wieso rege ich mich eigentlich auf?' fragt er sich. Nur die Ruhe. Wenn er Hektik hat, liegt das doch nur an ihm selbst oder aber an seinem Vorarbeiter.
Sein Job ist vielleicht frustrierend, aber im Grunde nicht schlecht.
Ja, frustrierend ist er in der Tat. Wenn er daran denkt, daß er etwas 'Richtiges' gelernt hat. Er kennt hier jede Pflanze mit botanischem Namen. Aber irgendwie ist er mal irgendwann hier gelandet, auf diesem verfluchten Gottesacker, eins-achtzig ĂŒber dem Tod, und man hat ihn dann auf diesen Bagger, seinen 'Grabetief' gesetzt. So richtig freiwillig macht er das mit Sicherheit nicht.
Oh, er könnte mehr Geld verdienen, wenn er nur wollte. Ein guter Freund von ihm arbeitet im Krematorium. Der hat mal gesagt, er mĂŒsse sich bloß dazu entscheiden, dann könne er sofort ĂŒbernommen werden. Ins Krematorium ...
Na ja, direkt mit den Leichen hat er dort auch nichts zu tun. Er mĂŒĂŸte bloß die Kisten in die Öfen schieben und nachher den Rest ausfegen. Das war's auch schon. Hm ...
Aber er hat auch von ihm erfahren, wie es im Krematorium ist. Im Sommer schweineheiß, im Winter arschkalt, da alles im Keller ablĂ€uft. Man kommt auch fast nie raus. Und dann noch dieser sĂŒĂŸliche Geruch, den man dort stĂ€ndig in der Nase hat.
Nee, lieber nicht, das ist ihm das Geld dann doch nicht wert. Und außerdem hat er sich schon so an seinen 'Grabetief' gewöhnt. Die Hebel und Knöpfe und die Schaufel sind ihm richtig ans Herz und an die HĂ€nde gewachsen. Er macht schon alle Bewegungen automatisch. Hinter seinem Sitz an der Scheibe lehnt sogar ein Kennzeichenschild mit dem Schriftzug GRABETIEF darauf. Das hat er mal zum DienstjubilĂ€um von seinen Kollegen bekommen.
Die letzten weinenden Angehörigen verlassen das Grab. Jetzt können sie ans Loch.
WĂ€hrend Klemens die Dekoration, die Matten, die Stricke und all das abrĂ€umt und in die Mulde seines Kippers packt, versucht er den Bagger in die richtige Position an den Rand des Lochs zu lenken. Dann steigt er aus der WĂ€rme der Baggerkabine in die durchweichte, schlammig durchfurchte Wiese und macht sich daran, das GrĂŒnzeug von dem Haufen neben der Kuhle abzusammeln.
Ein Tau hat sich unter dem Sarg verklemmt und Klemens zerrt heftig daran. Er ist noch nicht lange hier mit dabei, aber er ist ein sehr guter Arbeiter. War frĂŒher Malergeselle. Mußte aber diesen Beruf aufgeben, da er eine Farballergie bekommen hatte.
Unten im Loch rumpelt es. Erschrocken hÀlt Klemens inne. Doch dann atmet er auf. "Ich denke jedes Mal, der da unten legt sich auf die Seite, wenn ich die Kiste so seitlich anhebe."
Der Baggerfahrer zuckt mit den Schultern. "Na und. Was glaubst du, wie viele hier auf den Friedhöfen auf der Seite liegen?"
Klemens grinst. "Ist das denn nicht unbequem?" fragt er.
"Das ist tödlich", nuschelt der Baggerfahrer an seinem Zigarettenstummel vorbei, der erloschen zwischen seinen Lippen baumelt. Mit vereinten KrÀften ziehen sie den Strick heraus, legen den Aluminium-Laufrahmen um, und wÀhrend sein Kollege auf den dumpf klingenden Sarg steigt, um die Verbaubretter loszumachen, die die Seiten aufrecht halten, wartet er am Grabesrand, um die breiten, schweren Metalleisten anzunehmen und fortzuschaffen.
Als die erste Ladung Erde auf die Kiste klatscht, knarrt sie verdÀchtig. Und die soll noch drei Tonnen Erdreich aushalten? - Hat der Bestatter mal wieder gespart.
Gleich daneben machen sie das neue Loch auf. Der Boden ist wegen des Regens erst schmierig und weiter unten knochenhart. Wie immer. Auf halber Tiefe kommt ein kaputtes Drainagerohr zum Vorschein. Klemens bröckelt es mit dem Spaten und einiger MĂŒhe aus der Wand.
Er zĂŒndet sich noch eine Zigarette an. Er raucht wieder zu viel, das weiß er.
Sein Blick schweift ĂŒber die Felder von Grabsteinen und ĂŒber das ErweiterungsgelĂ€nde auf der anderen Seite.
Wir haben viele Karnickel dieses Jahr.
Das ganze Feld wird zu Gruften, kaum Reihen.
Warum bloß? ReihengrĂ€ber werden viel schneller verkauft als Gruften.
Es hat aufgehört zu regnen.
Wie schön muß es nun wohl in Norwegen sein.
Wenn man hier so steht, bemerkt man erst, wie schnell doch die Wolken ziehen.
"Mach' doch auch gleich die Verbaue rein."
Als er weiterschachtet, geht Klemens mal eben pinkeln und fĂ€hrt danach das Dekorationsmaterial weg. Indessen macht er das Loch fĂŒr den NĂ€chsten fertig.
Er zĂŒndet sich eine neue Zigarette an, spuckt sie aber, erst halb aufgeraucht, aus. Der aufsteigende Qualm piesackte ihm in den Augen.
In einiger Entfernung, vom Ort herĂŒber, erklingen die Glocken der Kirche fĂŒr die nĂ€chste Trauerfeier.

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maskeso
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2000

Werke: 28
Kommentare: 280
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Makaber finde ich die Geschichte eigentlich weniger, auch wenn die Perspektive es irgendwie nahelegt. Das ist es auch, was mir hier ein wenig fehlt - das Makabere. Anderseits hĂ€tte dies wohl einen großen Teil der AuthenzitĂ€t genommen, der Unmittelbarkeit mit der man der Szene beiwohnt. Mir gefĂ€llt die Geschichte gut, auch wenn ich beim Inhalt irgend etwas vermisse.
__________________
Die Hölle sind wir selbst.

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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 115
Kommentare: 81
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Vielen Dank! Das tut gut.

Nun ja, ich habe es erlebt. Ich war zweieinhalb jahr TotengrÀber und habe die Szenen teilweise so oder Àhnlich erlebt.
Was das Makabere betrifft, so hat Maskeso durchaus recht. Dieser Beruf ist nicht makaber, wenn man ihn ausĂŒbt. Und TotengrĂ€ber sind lĂ€ngst nicht gruselig oder sonstiges, was man sich auch immer am liebsten unter diesen Gestalten vorstellen möchte. Daher wĂ€re es meiner Meinung nach falsch, den Job anders zu beschreiben als er ist.

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