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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Grenzenlose Gerechtigkeit
Eingestellt am 29. 09. 2001 03:47


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Sriver
Hobbydichter
Registriert: Sep 2001

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Grenzenlose Gerechtigkeit

Wie jeden Freitag sitzt Konstantin mit Rita im Casa Palermo und genießt einen
gepflegten Weißwein. Mit Sorgenfalten wischt er sich die KĂ€sesahnesoße aus den
Mundwinkeln, nimmt einen wohldosierten Schluck und lĂ€ĂŸt ihn nachdenklich in seinem
Munde kreisen, um ihn dann nach und nach die Kehle hinuntergleiten zu lassen.
Sein Vortrag,"Die Moral im 21.Jahrhundert", den er am Sonntag vor Gewerkschafts- und
Kirchenvertretern halten soll, bereitet im einiges Kopfzerbrechen.

Wenn doch nur dieser Anschlag nicht passiert wÀre. Gedankensplitter jagen ihm durch den Kopf
und zum ersten Mal, seitdem sich die beiden kennen, verschlÀgt es ihm völlig die Sprache.
Konstantin, der joviale, gebildete und souverÀne Meister des gesprochenen Wortes ist nicht
mehr wiederzuerkennen. "Schatz, was ist denn nur mit dir los? Du freust dich ja gar nicht.
Hast du etwa vergessen,daß wir am Montag fĂŒr zwei Wochen nach Rom fliegen? Sonne, Espresso
und die wunderschönen alten Kirchen. Mensch Konstantin, die FlĂŒge nach Italien sind sicher.
Ich habe noch heute nachmittag beim AuswĂ€rtigen Amt und im ReisebĂŒro nachgefragt und beide
haben mir bestĂ€tigt, daß es keinerlei Hinweise auf geplante AnschlĂ€ge gĂ€be.
Die setzen sogar Soldaten fĂŒr die Kontrollen ein. Also mach dir mal keine Sorgen.
Du erledigst deinen Vortrag am Sonntag, dann noch Mutters Geburtstag am Abend und danach
packen wir unsere Koffer und treten unseren wohlverdienten Urlaub an."

Mindestens eine Minute vergeht, bis er zu einer Antwort ansetzen kann. Das ist ungewöhnlich.
Sein Blick wirkt leer und entrĂŒckt. Kein Flackern in den Augen, keine ausgeglichenen
GesichtszĂŒge, kein verstĂ€ndnisvolles LĂ€cheln und auch die HĂ€nde, die er gerne
gestikulierend bei Antworten einsetzt, bleiben wie zwei gestrandete Schiffe links und
rechts neben seinem Teller liegen. Es erscheint fast so, als ob soeben ein blĂŒhender
Garten in eine SteinwĂŒste verwandelt worden wĂ€re. "Sehr schön Rita. Ich erledige also
mal ganz nebenbei diese Kleinigkeiten am Sonntag. Ist dir eigentlich klar, was du da von
dir gibst? Das ist nicht mal soeben aus dem Ärmel zu schĂŒtteln. Um die Pastoren und die
Gewerkschaftsdelegierten mache ich mir keine Gedanken, wenn da nicht diese Gastgruppen
aus der TĂŒrkei, Eritrea und Afghanistan wĂ€ren und nun haben sie aus aktuellem Anlass auch
noch eine Gruppe Amerikaner eingeladen. Die kommen aus Frankfurt und sind dort beschÀftigt.
Mehr weiß ich nicht. Aber das kann man sich wohl an fĂŒnf Fingern abzĂ€hlen, daß die nicht
im Straßenbau arbeiten. Das werden Bank- und Börsenangestellte sein oder gibt es noch
etwas anderes in Frankfurt? Fehlen nur noch ein paar Army-Leute."

"Ich glaube, du machst dir zuviel Sorgen. Nimm doch wie immer ein paar schöne philisophische
Zitate, am besten eines aus jedem Kulturkreis der Anwesenden, und weise auf das Gemeinsame
aller Menschen hin. Du mußt die Gandhirolle nehmen und ab und zu sagen: Ich habe einen
Traum oder so Àhnlich. Niemand kann das besser als du. Du willst doch jetzt nicht anfangen
nach der Wahrheit zu suchen oder sie gar Ă€ußern zu wollen? Niemand will die Wahrheit hören
und das weißt du. Wer eindeutig Stellung bezieht, verbrennt sich nur die Finger.
Das sind deine Worte. Und selbst wenn du die Wahrheit sagst, wirst du nichts bewegen.
Gerade eben haben sie noch von Gott gesprochen und vor Liebe
geschluchzt und im nÀchsten Augenblick jagen sie ihrem Feind ohne mit der Wimper zu
zucken eine Kugel durch den Kopf. Hast du schon die Worte des amerikanischen PrÀsidenten
vergessen: Entweder sie sind fĂŒr uns oder fĂŒr die Terroristen. Und die anderen
schreien in derselben Tonart. FĂŒr die sind wir doch alle UnglĂ€ubige, die das Böse
und Unreine in sich tragen und mit denen man sich auf gar keinen Fall einlassen darf.
Ich sage nur eines: Steinigung und Scheiterhaufen. Die machen kein langes Federlesen."

Konstantin wird zunehmends bleich im Gesicht. Es scheint ihm StĂŒck fĂŒr StĂŒck klarer zu
werden, vor welche Aufgabe er gestellt ist." Weißt du was Rita, vielleicht ist jetzt
nicht mehr die Zeit fĂŒr schlaue, nostalgische SprĂŒche, die ich mal soeben ganz nach
Bedarf aufwĂ€rme und in die große Suppe werfe. Das hat die letzten Jahre hervorragend
funktioniert, gerade weil die Leute nichts von der Wahrheit wissen wollten.
Ich brauchte doch nur die Schallplatte aufzulegen, die sie hören wollten und alles war
in Butter. Die Linken, wie die Rechten wollten immer nur ihre eigenen Lieder hören,
genauso wie die Gewerkschaftler, die Wirtschaftler, die Intellektuellen und die Religiösen.
Kannst du dich noch an die Tutsi und die Hutus erinnern? Hundertmal soviele Opfer wie
jetzt in den USA, ich glaube es waren fĂŒnfhunderttausend Menschen, die in dem Gemetzel
umkamen. Und wie waren meine VortrĂ€ge damals besucht? Vor fĂŒnfzig Leuten habe ich gesprochen
und von denen haben sich die meisten mehr fĂŒr das kalte Buffee interessiert, weil es das
umsonst gab. Knapp sechzig Mark hatte ich nachher in der Spendendose. Das war nicht mal
die HÀlfte des Wertes einer Kravatte, die die Herren Zuhörer trugen. Kein Aufschrei,
keine Angst, kein Interesse. Nichts. Die Lachsbrötchen und der Wein hatten die Leute mehr
in Bewegung versetzt, als die abgeschlachteten Menschen.

Da wurden keine Truppen in Bewegung versetzt , weil die Sache ja nicht von
internationalem Interesse war. Man hat schön zugeschaut. Und jetzt reden sie von
Menschlichkeit, Gott, Gerechtigkeit, Freiheit und das wir, der zivilisierte Teil der
Menschheit die Freiheit verteidigen werden, so wie wir es schon immer getan haben.
Ich erinnere mich noch an den Typen, der wÀhrend meines Vortrages sein Handy auspackte
und anfing zu telefonieren. Ich hÀtte ihn rauswerfen sollen, aber stattdessen habe ich
so getan, als ob nichts wÀre."
"Schatz, ich glaube du solltest dich jetzt da nicht so hineinsteigern. So ist die Welt und
wir mĂŒssen trotzdem weitermachen und unser tĂ€gliches Brot verdienen. Du wirst jetzt
niemandem helfen, wenn du auf Konfrontationskurs gehst." "Du meinst also, daß es taktisch
klĂŒger sei, sich mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen zurĂŒckzuhalten, damit man
niemandem auf die FĂŒĂŸe tritt. Kannst du mir bitte mal erklĂ€ren wie lange man das tun soll?"

Ärger blitzt in seinen Augen auf und er nimmt noch einen ordentlichen Schluck Wein, der
ihm die zuvor arretierte Zunge mehr und mehr löst. Seine rechte Hand erhebt sich und
fÀhrt den Zeigefinger aus, um den nun folgenden Worten mehr Gewicht zu verleihen.
"So, so Rita, oder sollte ich besser Frau Dekanin sagen? Wir mĂŒssen also weiterhin
unser tÀgliches Brot verdienen und uns schön anpassen und die Klappe halten.
Weißt du eigentlich, was du da sagst? Soll ich dir mal erklĂ€ren, was unser tĂ€gliches
Brot ist? Jeder von uns fÀhrt ein eigenes Auto, wir leben in einer gerÀumigen
Vierzimmerwohnung und fahren zweimal im Jahr fĂŒr ein paar tausend Mark in Urlaub."
"Aber Konstantin, du willst doch jetzt nicht..." "Nein Rita, jetzt hörst du mir zu
und laß deine Schönwettervernunft mal in der Schublade, denn ich bin noch nicht fertig.
Ganz im Gegenteil, ich habe gerade erst angefangen, falls du es nicht bemerkt hast.
WĂ€hrend die Leute in Afghanistan und anderswo sich seit Jahrzehnten von Gras und ein
paar Reiskörnern ernĂ€hren mĂŒssen, nicht genĂŒgend Wasser und kein Dach ĂŒber dem Kopf
haben, sind wir die Weltmeister im Fleischverzehr, im Biertrinken und im Langzeitduschen.
Abends sitzen wir gemĂŒtlich vor dem Fernseher, lassen unser Gehirn zermanschen und
gehen am nÀchsten Morgen wieder zur Arbeit, um dieses tÀgliche Brot, wie du sagst, zu
verdienen. Ich will dir mal was sagen, worum es hier geht. Es geht hier nicht um
grenzenlose Gerechtigkeit, sondern um grenzenlose Verlogenheit. Denn in Wahrheit
interessieren wir uns doch nur fĂŒr uns selbst."



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Rote Socke
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Registriert: Not Yet

Hallo Sriver,

in Deinem Text gÀbe es so einiges zu kritisieren: Zum Beispiel: "Konstantin, der joviale,... ist nicht mehr wiederzuerkennen. "Schatz...""
Hier weiß ich als Leser zunĂ€chst nicht: Wer erzĂ€hlt die Geschichte und warum folgt gleich dieser Satz, offensichtlich von Rita gesprochen, hinter der Einleitung von Konstantin.
Aber ich will da erst mal Deine Meinung zu hören, was Du mit dem Text vor hast, bbevor ich tiefer in die Kritik einsteige.
So gesehen könnte es ja eine Satire werden, weil, auf der einen Seite frönt Konstantin das Schlemmerleben im Restaurant und auf der anderen Seite verdammt er die Ungerechtigkeiten.
Sollte es aber keine Satire sein sondern mehr ein kritischer, ernsthafter Text, dann finde ich, drĂŒckst Du zu sehr auf die MoraldrĂŒse. Wer mich bei der LL kennt, weiß, dass ich vielem kritisch gegenĂŒber stehe und auch gerne ĂŒber solche Themen diskutiere, wie Du sie in diesem Text anschneidest. Aber der Text könnte gestrafft werden und dĂŒrfte nicht mit zu vielen Schuldzuweisungen beladen sein, wobei dann auch fundierte ErlĂ€uterungen fehlen Von daher gesehen, ist auch der Schlusssatz (die Aussage)nicht ganz korrekt.

Wie gesagt, ich kenne jetzt nicht Deine tiefere Absicht mit dem Text.

(Nur am Rande: Ich war als Nothelfer in Ruannda nach diesem Genozid. Es waren fast 1 Million Opfer zu beklagen. Wobei die offiziellen Angaben bei unter 1 Million lagen und inoffiziell weit darĂŒber.)

Gruss
Volkmar

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Sriver
Hobbydichter
Registriert: Sep 2001

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Grenzenlose Gerechtigkeit

Sei gegrĂŒĂŸt Socke,

mein Text war eine spontane Reaktion auf die Ereignisse und die Berichterstattung in den Medien.
Das Ganze auch auf dem Hintergrund jahrelanger Erfahrungen in der FlĂŒchtlingssozialarbeit, wo ich gesellschaftliche, wie persönliche Gegebenheiten und Reaktionen unglaublicher Art erlebt habe.

So litt mit Sicherheit die literarische Form meines Beitrages und da ist auch Deine Kritik in einigen Teilen
voll berechtigt.

Es ging mir nicht um Schuldzuweisung, sondern um eine Beschreibung der verschiedenen RealitÀten und die fallen,
vielleicht wirdt Du mir da Recht geben, fĂŒr ganze Gesellschaftsgruppen und NationalitĂ€ten knĂŒppelhart aus.

Und so steht nicht nur Konstantin vor der schwierigen Frage:
" Wie verhalte ich mich persönlich ?"

Ich weiß nicht, wie Volker mit Erfahrung vor Ort, solche
Berichterstattung und Redensweisen von Politikern et al
empfindet? Der Anschlag mit all seinen Folgen ist fĂŒr mich
ein wichtiger Grund, um ĂŒber Verhalten nachzudenken.

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Rote Socke
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Hi,

danke fĂŒr die rasche ErklĂ€rung. Ich werde noch nĂ€her darauf eingehen. Ich muss nochmal in Ruhe Deinen Text durchlesen.

Gruss
Volkmar

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Hi Sriver,

ich hÀtte da vielleicht eine Idee, falls sie Dir zusagt:

Du könntest den Inhalt des Textes im großen und ganzen so belassen. NatĂŒrlich musst Du die Dialoge vom ĂŒbrigen Text klar trennen. Mutters Geburtstag wĂŒrde ich rauswerfen, das treibt die Story nicht voran.
Du solltest zunĂ€chst mehr den Konflikt von Konstantin beleuchten, in welchem er sich befindet. Gehe doch einfach ans Ende und schreibe weiter, wie Konstantin plötzlich die Nerven verliert, weil er Angst bekommt, weil er nicht mehr weiter weiß: Er stellt fest, dass er in einem schönen Restaurant schlemmert, dass er nach Rom fliegen will, dass er ganz schön viel Kohle hat, und in anderen Teilen der Welt sterben die Menschen wie die Fliegen an Hunger und Krieg. Dies ist zunĂ€chst ein starker Konflikt fĂŒr Konstantin, der Leser will erfahren, wie Konstantin den Konflikt löst. Verstehst Du Sriver, damit hĂ€lst Du nicht einfach pauschal die "Wahrheitsparolen" vor die Augen des Lesers. Der Leser kann sich ja seine Gedanken machen, aber er hat so auch die Möglichkeit zu sagen, ok, das ist Konstantins Problem, es ist sein Konflikt, es sind seine Thesen, ich der Leser sehe das anders...etc. etc.
Aber so erreichst Du, dass der Leser sich ĂŒberhaupt Gedanken macht.
Außerdem baust Du so einen Spannungsbogen auf, weil der Leser wissen will wie Konstantin den Konflikt löst. FĂŒr die Lösung gibt es auch wieder mehrere Möglichkeiten. Du könntest den Ausgang offen lassen, Du könntest auch Rita dazu bringen fĂŒr Konstantins Konflikt eine Lösung vorzuschlagen.

Wie auch immer. So wie der Text jetzt ist, wird ihn kaum jemand lesen wollen, weil Du den Konflikt nicht Konstantin aufdiktierst sondern dem Leser.
Am Sprachstil gÀbe es auch noch ein wenig zu feilen, auch an den Dialogen. Teilweise klingt manches zu naiv, was Du sicher nicht wolltest.

Gruss
Volkmar

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Sriver
Hobbydichter
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Grenzenlose Gerechtigkeit

Hallo Volkmar,
danke fĂŒr Deine konstruktive Kritik. Beim nĂ€chsten mal gebe ich mir etwas mehr MĂŒhe.

Du hast schon recht, ich bĂŒrde dem Leser da ne dicke Last auf, die ihn leicht erdrĂŒcken kann.
Was so ein Attentat nicht alles auslöst, ein Überschwang der GefĂŒhle, bei dem zwangslĂ€ufig die Distanz leidet.

Was die Lösungen jedoch anbetrifft, tja, da mĂŒĂŸte die Geschichte noch weitergehen. Ich sah selbst keine fĂŒr diesen
Konflikt, also gab es keine.
In meinen Augen soll der Leser sich selbst Lösungen verschaffen. Angesichts der komplexen Dramatik mancher
Ereignisse ist es nicht mein Ding, irgendeine Lösung aus dem Hut zu zaubern...

An der intellektuellen Distanz und ihrem Wert zweifel ich
hingegen sehr. Das liegt in der Problematik, das Chaos mit Konstrukten verbinden zu wollen.

Meine Sprache zielt somit mehr auf Direktheit.
Was ihre Ausformulierung und den Aufbau anbetrifft, mein Gott, da stecke ich noch in den Kinderschuhen, aber es geht weiter.

Merci, Sriver

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Sriver,

ist ja auch in Ordnung so. Aber am Text solltest Du weiter feilen, denn dafĂŒr steht er ja in der Werkstatt. Ich wĂŒrde mich ĂŒber eine Überarbeitung freuen und sie wieder lesen.
Gruss
Volkmar

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