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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Grenzgängerin - Teil 1
Eingestellt am 04. 12. 2003 12:33


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Hetära
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Ich werde keine Anzeige mehr aufgeben. Ich werde nicht mehr die Flut von Emails erhalten. Von Männern, alten und jungen, großen und kleinen, dicken und dünnen, intelligenten und weniger intelligenten. Von solchen, die überarbeitet sind. Und von solchen, die sich langweilen. Und von solchen, die überarbeitet sind und sich gleichzeitig langweilen. Die Verheirateten, Geschiedenen, Singles und welche mit ‚Freundin‘ oder ‚Partnerin‘ oder ‚in fester Beziehung‘. Sie alle antworten mir, mit oder ohne Bild und alle wollen eines: Sex. Und sind bereit, dafür zu zahlen. Fast alle denken, ich sei billiger als die professionellen, aber das Gegenteil ist der Fall, ich bin teurer. Denn bei mir ist es etwas ganz Besonderes, nicht wie bei denen, die gelangweilt einen nach dem anderen drannehmen, so wie die Ärztin ihre Patienten. Es erstaunt mich immer wieder, die Männer, mit denen ich mich dann treffe, halten mich wirklich für etwas ganz Besonderes. Vielleicht müssen sie sich das aber auch sagen, um das viele Geld zu rechtfertigen, das sie mir bezahlen.

Ohne die vielen Emails werde ich mich langweilen. Wenn ich jetzt auf ‚Senden/Empfangen‘ drücke, gibt es kaum noch neue Nachrichten. Und ich bemerke jetzt, wie sehr ich mich daran gewöhnt habe. Es ist zur Gewohnheit geworden wie früher die Ablage oder die Post. Auch jetzt sortiere ich: in den Papierkorb, in den Ordner ‚Antworten‘. Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen ... Und dann, wenn sich abzeichnet, dass ich jemanden treffen werde, erhält er einen eigenen Ordner. ‚Tom‘ oder ‚Stefan‘ oder ‚Peter‘. Von den ‚Tom‘-Ordnern gibt es die meisten. Nicht, dass diese Männer wirklich ‚Tom‘ hießen.

Ich lese die Emails alle und amüsiere mich. Und eigentlich macht es mich auch stolz. Wie sie sich bemühen ... Denn sie wissen, dass Ihnen nicht einmal eine Antwort sicher ist. Ich habe nie zuvor so oft gehört oder gelesen, dass ich eine ganz einmalige Frau bin, mit einem wunderbaren Körper, sinnlich und intelligent, eine Frau mit dem Ungewöhnlichen, Einzigartigen, der Ausstrahlung. Und noch immer kann ich es kaum glauben, dass sie das alles wirklich so meinen.

An der Emailadresse, manchmal auch am Text erkenne ich die, die immer wieder schreiben, egal, wie meine Anzeige aussieht. Manche kopieren immer wieder den gleichen Text. Die landen gleich im Papierkorb. Dann gibt es die, die sich Mühe geben, auf meinen Text antworten. Und bei denen ändert sich von Mail zu Mail schon mal Alter und Gewicht. Die Größe nie, wenn ich Zweifel habe, ob es vielleicht derselbe ist, daran kann ich es immer erkennen.





Warum ich es tue? Das ist die Frage, die mir die Männer stellen, immer wieder. Und ich weiß darauf keine Antwort, noch immer nicht. Wegen des Geldes wahrscheinlich. Ich liebe es, die Scheine zu zählen, zähle sie immer wieder. Es macht mich stolz. Ich lasse mich zum Essen einladen, unterhalte mich mit einem interessanten Mann und habe anschließend Sex mit ihm. Ich bin gut im Bett und ich mache die Männer fast immer verrückt. So verrückt, dass sie von mir träumen, mir Emails und SMS schicken. Wenn mir das zuviel wird, stelle ich mein Vera-Handy einfach ab. Natürlich heiße ich nicht wirklich Vera. Aber es ist schön, sich selbst einen neuen Namen geben zu können … Und immer wieder denke ich daran, dass ich das Handy eines Tages abmelden werde und es keine Anzeigen und keine Treffen mehr geben wird. ‚Vera’ wird verschwunden sein, für immer.

Ich bin nicht besonders ehrgeizig, habe im Leben keine ‚Ziele‘. In meinem anderen Leben, dem offiziellen, da geht es immer wieder darum, Ziele zu definieren. Und ich mache widerwillig mit. Vielleicht ist das der einzige Ehrgeiz, den ich habe: ‚Der Orgasmus des Mannes ist die Befriedigung der Frau‘. Ein Satz von Freud, mit 19 gelesen und nie vergessen. Dabei habe ich ein schlechtes Gedächtnis. Nie kann ich mir ihre Namen merken und die Gesichter, ich muss ihre Emails nachlesen, mit den Worten kommen die Bilder, aber nicht die Gesichter, sondern eine Szene im Restaurant, eine schlecht eingerichtete Wohnung, ein Schwanz, der sich nicht zum zweiten oder dritten Mal heben wollte, obwohl eigentlich natürlich das zweite und dritte Mal ‚gebucht‘ war. Es war nicht wirklich ‚gebucht‘, ich lege mich nicht fest, nicht auf Praktiken und nicht darauf, etwas Bestimmtes zu versprechen. Es ist nur das Zusammensein mit mir, meine Anwesenheit, das ist versprochen. Nicht einmal das ‚wie lange‘ ist klar, aber damit experimentiere ich. Das ist ungewöhnlich, ich habe noch von keiner anderen Frau gehört, die das so macht. Alle verkaufen Praktiken oder ihre Zeit. Das fängt bei einer halben Stunde an. Aber ich mache es so, wie es mir gefällt. Ich schaue nun mal nicht gern auf die Uhr. Am liebsten ist es mir in jedem Fall, wenn ich den Abend verabrede, und das ist dann so wie eine Verabredung mit einem Freund. Je nachdem, wie es sich entwickelt, beende ich den Abend früher oder später. Wenn ich gelangweilt oder müde bin, ist der Abend vorbei. Manchmal beendet ihn auch der Mann, was mich ärgert. Abgespritzt und weggeschickt, diese Männer treffe ich nicht wieder.

Es ist, als wären wir alle, die Frauen, die sich verkaufen und die Männer, die kaufen, aneinander angeschlossen, als gäbe es einen riesigen Sog, der uns alle anzieht und durcheinanderwirbelt und uns zu etwas Unpersönlichem, etwas nicht Individuellem macht, uns anschließt an ein größeres Ganzes. Es ist wie eine Orgie, in verschiedenen Räumen und zu verschiedenen Zeiten, in die wir alle eingeschlossen sind. Und dabei erlebe ich jede Begegnung als etwas Einmaliges. Ich gebe mich jedem Mann so hin, als sei er der Einzige und in dem Moment denke und lebe ich auch nur mit ihm, in dieser begrenzten Zeit, die wir miteinander haben. Und jede Begegnung ist wie ein Bild, ein Gemälde, das sein ganz Eigenes hat und doch gibt es diesen Bilderrausch, die vielen Bilder, die sich gegenseitig verdrängen, miteinander konkurrieren, sich vergessen machen, einander ähneln, es gibt diesen Stil und jenen Stil, die Vorlieben kann ich kategorisieren. Und ich weiß auch, dass ich wie ein Chamäleon bin, keiner dieser Männer erlebt die gleiche Frau, jedem biete ich das, was er braucht, zeige die Seiten von mir, die er sehen will und die anderen bleiben versteckt. Das ist eigentlich leicht, aber dann auf Dauer doch nicht so leicht. Mechanisch bin ich nicht geworden oder zumindest noch nicht, denn jetzt habe ich gemerkt, ich brauche eine Pause, einige Wochen Stille. Vielleicht gebe ich dann wieder eine Anzeige auf ...

Ich bin nicht jung. Ich habe die vierzig überschritten. Das steht auch in meinen Anzeigen. Ich bin auch nicht schön. ‚Attraktiv‘ ist das Attribut, das passt. Und natürlich ist mein Körper mein Kapital. Ein Körper, um den mich sehr viel jüngere Frauen noch immer beneiden. Und das reicht scheinbar, verbunden damit, dass ich meinen Kopf gebrauchen kann und man merkt, dass ich studiert habe. Gebildet nennt man das. Das weckt Phantasien, sie haben da ein Luxusgeschöpf und zwar eines mit Erfahrung und noch dazu ein ganz liebes, denn auch das bin ich. Das bringt sie dazu, zu träumen und dazu, dass ihr Schwanz sich hebt. Immer wieder erstaunt es mich, wie schnell das geht. Eine Frau ist wie ein guter Wein. Gereift durchs Alter. Na ja, auch der beste Wein ist nicht unbegrenzt genießbar.

__________________
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Betty Blue
Guest
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Hallo Hetära

Deinen Text zu lesen war für mich, als würde ich über mich selbst lesen.

Er ist bis auf ein paar Winzigkeiten völlig identisch und jetzt fallen mir soviele Begegnungen wieder ein....aber sie alle sind Gesichts- und Seelenlos.

Er gefällt mir sehr.

Ohne Schnörkel, ohne Selbstmitleid oder Selbstbeweihräucherung.

Respekt!


Ich bin sehr gespannt auf den 2.Teil (oder ist der schon veröffentlicht?...werde gleich mal nachsehen)

Ein Gruß von Betty Blue

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Inu
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Hallo Hetära

Das ist ein gut geschriebener und amusant zu lesender Text, wobei ich aber glaube, dass ein so leichtes und lustvolles Dasein als bezahlte "Frau für alle Fälle" eher einem naiven, weiblichen Wunschtraum als der Realität entspricht.
Und was ist nun der Unterschied zwischen Deiner Ich-Erzählerin und einer Prostituierten?


Immerhin ein interessanter, erotischer Beitrag, der ein Gewinn für die Lupe ist.

Ich bin auch auf den 2. Teil gespannt. Da erwarte ich nämlich dann die Komplikationen und das Zähneklappern


Liebe Grüße
Inu

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Hetära
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Hallo Betty Blue,

danke für Deine netten und ermunternden Zeilen. Scheinbar habe ich genug recherchiert, um den richtigen Ton zu treffen, das gibt mir Sicherheit, so weiter zu machen.

Der Text ist nämlich der Anfang eines größeren Manuskriptes, weitere Teile habe ich schon mal hier eingestellt unter den Titeln: ‚Tom- der Nachbar’ und ‚Tom – der scheue Vogel’. Nachdem sich die Diskussion aber hauptsächlich darum drehte, ob so etwas denn überhaupt möglich sei, habe ich die beiden Geschichten wieder herausgenommen. Nach einer Überarbeitung werde ich sie dann vielleicht noch mal einstellen. Soviel dazu.

Wie es dann dramaturgisch weitergeht: Die Protagonistin hat im Rahmen dieser Treffen eine Begegnung mit einem Mann, den sie bereits aus früherer Zeit (Jugend und Kindheit) kennt. Dieser entwickelt eine Obsession für sie, die die weitere Handlung vorantreibt. Am Ende stirbt er dann bei einem selbstverschuldeten Unfall (ist mal was anderes, sonst sterben immer die Frauen, die zu frech und ausschweifend sind). Ein weiterer Handlungsstrang betrifft die Mutter, die herausfindet, was ihre Tochter so treibt. Na ja, und deren Reaktion ist natürlich auch spannend. Aber alles in allem: ich bin ein überzeugter Fan von Happy-Ends.

Lieber Gruß

Hetära

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Hetära
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Liebe Inu,

vielen Dank für Dein Lob. Das freut mich (gerade von Dir) besonders!

Zu Deinen Zweifeln: das ist das einzige an meinem Manuskript, das ich so gut recherchiert habe, dass ich sagen kann: genau so geht es. (Ich sage jetzt nicht, wie weit die Recherche gegangen ist *smile*, aber es gibt tatsächlich solche Möglichkeiten). Übrigens hat Felix Ihlefeld ein Sachbuch zum Thema geschrieben, das mir auch weitergeholfen hat.

Und der Unterschied zu einer Prostituierten ist: diese muss, meine Hauptdarstellerin kann es sich aussuchen. Es übt keiner (sanften) Druck auf sie aus, sie hat auch kein Zimmer gemietet und muss die Miete wieder reinholen. Sie selbst entscheidet: der Mann ist spannend genug und der andere nicht. Wenn sie nein sagt, verzichtet sie halt auch auf das Geld. Aber sie muss ja auch nicht davon leben. Und illegal ist das, was sie macht, mittlerweile auch nicht mehr.

Komplikationen wird es natürlich geben, aber ich dachte, dass diesmal vielleicht mehr die Männer die Probleme haben könnten. Ich denke nicht, dass ich dem Klischee entsprechen muss, dass eine Frau, die sich verkauft, umgebracht werden muss.

Liebe Grüße

Hetära

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heike von glockenklang
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Registriert: Jul 2002

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lach, spannend

und erheitert lass ich dein geständnis.
die aussage einer lebendigen selbstbewußten frau.
das ungeschnörkelte und damit sehr authentisch wirkende deines stils fasinierte mich.
heike
__________________
Wenn das Leben dir einen Kinnhaken gibt, kühle dein Kinn und lass dich auf deinem Weg nicht beirren.
H Keuper-g /13.07.06

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