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Leselupe.de > Erzählungen
Großvater-Größe
Eingestellt am 02. 12. 2011 13:22


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Für viele bin ich offenbar ein ausgesprochener Vatertyp und inzwischen (wegen meines fortgeschrittenen Alters) sogar die Verkörperung des typischen Großvaters. Zum Glück reicht es aus Altersgründen zum Urgroßvater noch nicht.
Nun gut, nahezu weiße Haare auf dem Kopf und der graue Vollbart sind unübersehbar passende Attribute.
Dennoch ist es eine Last, in Familiendramen fremder Kinder und Enkelkinder mitzuspielen, denn eigentlich bin ich ein friedliebender Mensch, der aus Angst vor Konflikten einsam bleibt und zugleich liebevolle Kontakte sucht.
Wenn ich genau hinhöre, bombardieren Frauen mich mit Vorwürfen enttäuschter Töchter gegen ihre Väter oder sie halten mich für den unzweideutig Schuldigen an psychischen und sozialen Behinderungen ihrer bemitleidenswerten Mütter, obwohl ich ihre Mütter überhaupt nicht kenne, geschweige denn, kennen lernen möchte.
Aber wehe, ich behaupte, wirklich nicht ihr Vater, geschweige denn, der ihrer Mütter zu sein. Dann stutzen sie und sehen mich verständnislos an, um mich danach unbeeindruckt noch heftiger zu beschuldigen, damit ich nicht die kleinste Chance wittere, dieser Schuldfalle zu entkommen.
Und schließlich fügen sie, kurz bevor sie mich stehen lassen, lakonisch hinzu: „Natürlich weiß ich, dass Sie nicht mein Vater sind“ oder „Klar ist mein Opa anders.“
Inzwischen sind jene Damen (leider) immer häufiger über ihre Lebensmitte hinaus. Doch ihre Vorwürfe unterscheiden sich kaum von denen einst jüngerer Frauen.
Manchmal halte ich diese Zusammentreffen für schicksalhaft, da ich zur unvermeidbaren Begegnung der besonderen Art erhoben werde und dadurch offensichtlich zu einer gewissen Bedeutung im Leben jener weiblichen Wesen gelange.
Doch zumeist gehen diese Konfrontationen für mich äußerst ärgerlich aus. Und manches Mal sind die Damen so überzeugend, dass ich den Kampfplatz mit erheblichen Schuldgefühlen räume und mich nachts in meinen Träumen vergeblich gegen weitere Anwürfe wehre.
Mein Revier sind Museumscafés. Dort nähere ich mich Damen, die mir zuvor beim Rundgang durch die Ausstellungsräume als kulturinteressierte Einzelgängerinnen aufgefallen waren.
Vor einem Monat besuchte ausgerechnet eine Sonderausstellung erotischer Kunst.

Armgard war nicht mehr die Jüngste. Deutlich konnte ich ihr Bemühen erkennen, ihr Alter mit sorgfältig und doch ein wenig zu dick aufgetragener Schminke unkenntlich zu machen. Den Austellungskatalog versuchte sie ohne Brille mit weit aufgerissenen Augen am ausgestreckten Arm zu lesen. Diese Phase der Sehschwäche hatte ich schon lange hinter mir und mich schießlich für eine randlose Brille entschieden.
Armgard vermied jegliches Lächeln. Vermutlich, um einigen Falten um die grünblauen Augen und um den Mund keine erkennbaren Chancen zu geben.
Die Erwiderung meines unwillkürlich und freundlich vorgetragenen Grußes geriet wegen der erstarrten Mimik daher eher kühl arrogant.
Meine mehr oder weniger geistreichen Aufreißer-Sprüchen kamen – zugegebener Maßen - höchstens als vorsichtige Beziehungsanbahnungssätzchen daher und waren möglichst kunstsachverständig klingende Bemerkungen zu den Aktbildern im Katalog. Die veranlassten sie nach gut jedem dritten Satz zu einem verächtlichen „Typisch Mann“. Dabei griff sie, scheinbar die Frisur ordnend, in ihr braun gefärbtes volles Haupthaar, ohne mir, wie sie es sicherlich in jungen Jahren versucht hätte, mit Anmut den Hals zu präsentieren. Der glich nämlich inzwischen dem einer älteren Landschildkröte.
Ihr Tonfall war unüberhörbar vorwurfsvoll.
Das Gespräch kam – mit Sicherheit von ihr bewusst gelenkt und von mir unbewusst ihrer Absicht folgend – erstaunlich schnell auf ihr Elternhaus.
„Sie hat sich ihm immer geopfert! Total!“ klagte sie und verdrehte mitfühlend die Augen.
Natürlich ahnte ich, von wem sie sprach. Als ich dennoch vorsichtig nachfragte, zischte sie, ich sei doch wohl intelligent genug, um mir das denken zu können.
Solche Angriffe gewohnt, gestand ich leise seufzend: „Von Ihrer Mutter. Und die hat sich bestimmt ihrem allzu machtsüchtigen Ehemann total unterworfen.“
Sie nickte. Natürlich. Und ich solle mir ja nicht einbilden, einer von den besseren Männern zu sein.
Weitere Vorwürfe und meine Verteidigungsversuche erspare ich mir hier, da sie ohnehin nicht meinem sonstigen geistigen Niveau entsprachen. Ihrem vermutlich auch nicht.
Jedenfalls gingen wir nach gut drei Stunden auseinander. Ich mit dem Gefühl, eine meiner üblichen Niederlagen eingesteckt zu haben.
Und ob sie sich als Siegerin fühlen konnte, wage ich zu bezweifeln.
Dabei war sie eigentlich ganz nett und sah, wenn sie mich nicht gerade mit wutverzerrtem und gegen ihren Willen zerfurchtem Gesicht beschimpfte, für ihr Alter überdurchschnittlich frisch und sympatisch aus.

Armgard traf ich ein paar Wochen später im Foyer des Theaters am Dom wieder. Dort spielten sie zumeist komische oder tragikomische Beziehungsdramen.
Sie machte einen äußerst aufgeräumten Eindruck und bat mich, ihr zuliebe auf die Vorstellung zu verzichten und ihr ins Theatercafé zu folgen.
Ich zögerte. Umgehend sah Armgard mich mit dem Blick einer Tochter an, die ich keinesfalls enttäuschen durfte.
Nach dem ersten Cocktail blickte sie mir in die Augen und befand, so übel sei ich eigentlich gar nicht.
Ich verstand das Friedensangebot, legte vorsichtig meine Hand auf ihren nackten Unterarm und suchte in meinem Hirn nach einem möglichst wahrheitsgetreuen Kompliment.
Schließlich entwich mir ein fast spontanes „Tolles Kleid, dass du da anhast.“
Sie nickte. Es sei schon eines ihrer älteren. Und im übrigen sei nicht der Stoff wichtig, sondern das, was darin stecke.
Vorsichtig zog ich meine Hand von ihrem Unterarm zurück, um mich meinem Cocktail zu widmen. Schon herrschte sie mich an: „Mein Vater hat auch lieber gesoffen, als sich mit meiner Mutter abzugeben.“
„Aber ich werde doch wohl noch meinen Cocktail…“
Sie stand auf und rauschte in Richtung Toilette davon.
Mit deutlich nachgezogener Kriegsbemalung kam sie zurück. Der Mund röter, die Augenlider blauer und der Lidstrich kräftiger.
„Gut siehst du aus!“ behauptete ich.
„Das war immer der dümmste und zumeist einzigste Spruch, der meinem Vater einfiel, wenn er mit meiner Mutter ins Bett wollte.“
„Aber ich will doch gar nicht…“
„Dafür bin ich dir wohl nicht mehr attraktiv genug…“
Inzwischen drehten sich an den anderen Tischen des mäßig besetzten Theatercafés einige grinsend nach uns um.
„Kannst du nicht ein wenig leiser…“ bat ich.
„Die Leute sollen ruhig hören, was du für einer bist.“
Jetzt reichte es mir. Ich stand auf und ging zur Tür, was dazu führte, dass der Kellner mir hinterher rannte, weil er fürchtete, ich wollte mich vor dem Zahlen drücken.
Also blieb ich stehen, um ihm mit einem großzügigen „Stimmt so!“ einen Schein in die Hand zu drücken. Das Trinkgeld muss wohl mehr als ausreichend gewesen sein, denn er bedankte sich und hielt mir die Tür auf, durch die jedoch Armgard schnell vor mir her schlüpfte.
Auf dem Weg zum Taxistand blieb sie vor mir stehen und herrschte mich an, ihr Vater sei wirklich ein Ekel gewesen.
Ich zuckte mit den Schultern. „Und, was kann ich dafür?“
„Eigentlich nichts.“ Schweigend sah sie zu Boden. „Eigentlich nichts,… aber… der, der hat mich nicht einmal in die Arme genommen. Nie.“
„Also gut.“ Widerwillig breitete ich beide Arme aus.
Sie roch nach Minze, legte den Kopf an meine Schulter und schwieg ziemlich lange.
„Ja, so viel Nähe hätte der nie ausgehalten“, flüsterte sie und küsste mich behutsam auf die Wange.


__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Version vom 02. 12. 2011 13:22

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Architheutis
Guest
Registriert: Not Yet

Lieber Karl,

ein unterhaltsames Thema gekonnt vorgetragen.

Dass mit dem Alter auch eine gewisse Weisheit einhergeht, dafür legt dieser Text sein Zeugnis ab.

Ich habe einzelne, starke Sätze ausfindig machen können:

quote:
der aus Angst vor Konflikten einsam bleibt und zugleich liebevolle Kontakte sucht.

Ja hört das denn nie auf, nichtmal im Alter?

quote:
Und manches Mal sind die Damen so überzeugend, dass ich den Kampfplatz mit erheblichen Schuldgefühlen räume und mich nachts in meinen Träumen vergeblich gegen weitere Anwürfe wehre.

Selten genug, dass man Worte findet, die anderen aus der Seele zu reden scheinen. Du hast es hier sicher geschafft.

quote:
Mein Revier sind Museumscafés. Dort nähere ich mich Damen, die mir zuvor beim Rundgang durch die Ausstellungsräume als kulturinteressierte Einzelgängerinnen aufgefallen waren.
Vor einem Monat besuchte ausgerechnet eine Sonderausstellung erotischer Kunst.

Wir sehen dich, Karl, wir sehen dich! Herrlich anschaulich geschildert. Man kauft dir jedes einzelne Wort ab. Stark!

quote:
Diese Phase der Sehschwäche hatte ich schon lange hinter mir und mich schießlich für eine randlose Brille entschieden.

Köstlich. :-)

Ein paar Kleinigkeiten, die ich änderte:

quote:
Die Erwiderung meines unwillkürlich und freundlich vorgetragenen Grußes geriet wegen der erstarrten Mimik daher eher kühl arrogant.
Nach meinen mehr oder weniger geistreichen Aufreißer-Sprüchen, die – zugegebener Maßen - allenfalls als vorsichtige Beziehungsanbahnungssätzchen daherkamen und möglichst kunstsachverständig klingende Bemerkungen zu den Aktbildern im Katalog waren, ließ sie nach gut jedem dritten Satz ein verächtliches „Typisch Mann“ folgen. Dabei griff sie sich, scheinbar die Frisur ordnend, in ihr braun gefärbtes volles Haupthaar, ohne mir, wie sie es sicherlich in jungen Jahren versucht hätte, mit Anmut den Hals zu präsentieren.

Hier wählst du für meinen Geschmack einen arg aufgeblähten Satzbau. Ein, zwei kurze Hauptsätze eingeschoben, schon liest es sich flüssiger. Ich hakte jedenfalls an dieser Stelle. Da der Rest in einem Guß geschrieben ist, sticht dies hier so sehr ab.

quote:
Der glich nämlich inzwischen dem einer – böse gesagt - älteren Landschildkröte.

Ich streichte hier die Parenthese. Warum diese Entschuldigungsgeste, warum nicht volles Rohr? :-)

Ich überlege auch, ob eine Straffung der Geschichte nicht dienlich wäre. Ein erstes Treffen im Museum mit anschließendem Cafébesuch und der finalen Taxiszene. Die beiden anderen, erneuten Treffen wiederholen mir zu sehr das eingangs so bildhaft dargestellte Grundproblem des Erzählers. Der Leser braucht diese erneuten Erklärungen mittels zwischenmenschlicher Anschauung nicht zwingend. Dafür hast du das Thema zu gut vorbereitet, es zieht sich als roter Faden hindurch.

Ich empfand es eher als störend, aber das ist nur meine Sicht.

Große Anerkennung deiner Sprachwahl! Hier ist soviel scharfe Beobachtungsgabe mit herrlich-subtilem Witz vereint, dass es eine helle Freude war, dies gelesen zu haben.

Ein echter Karl, dank Chappie *lach*

Lieben Gruß,
Archi

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