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Leselupe.de > Erzählungen
Gut oder Böse
Eingestellt am 28. 04. 2002 02:31


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Dorian
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2002

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Der Wecker rasselte und weckte Mieter aus einem schrecklichen Traum von wütenden Finanzbeamten und unpünktlichen Umsatzsteuervoranmeldungen für den Monat Mai. Mieter fuhr hoch, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah auf die Uhr: fünf Uhr dreißig.
Mieter sprang aus dem Bett und trabte ins Badezimmer, duschte, rasierte sich, zupfte die Nasenhaare aus und putzte sich die Zähne.
Nach dem Frühstück zog er sich an und ging die Stufen hinunter.
Verdammt, er hatte ja Schuhe an!
Zu spät. Die Wohnungstür des Hausmeisters wurde aufgemacht und Frau Nowak sah heraus.
„Natürlich“, sagte sie mit ihrer kreischenden Stimme. „Mieter. Habe ich ihnen nicht schon hundertmal gesagt, dass sie die Schuhe ausziehen sollen, wenn sie die Treppe benutzen? Sie machen ja das Holz kaputt. Gestern erst habe ich das Treppenhaus gewischt. Wofür tue ich mir diese Arbeit eigentlich an? Rücksichtslose Leute wie sie sind es, die meine ganze Arbeit immer zunichte machen. Ich werde mit meinem Mann sprechen Herr Mieter, der wird ihren Vertrag noch mal überdenken.“
„Äh“, sagte Mieter. „Tut mir leid Frau Nowak.“
„Ja ja, das kennen wir schon. ‚Tut mir leid, Frau Nowak.’ Von Entschuldigungen kann ich mir nichts kaufen ...“
Mieter ließ sie stehen und rannte die Treppe hinunter, während die Hausmeisterin hinter im herschimpfte. Eine Zeitlang konnte er sie noch hören, was er lieber vermieden hätte. Wenigstens musste er diesmal keine ‚Entschädigungszahlung’ leisten.

Mieter suchte gerade seinen einzigen Radiergummi, der unter den Tisch gerollt war, als der Chef vor seinem Arbeitsplatz auftauchte. Mieter kroch auf allen vieren unter dem Schreibtisch umher, als er die braunen Schuhe, die braunen Socken und die braunen Hosenaufschläge seines Chefs erblickte.
„Mieter!“, kam sein dröhnender Bass von oben und Mieter zog sich eine Beule am Hinterkopf zu, als selbiger mit plötzlicher Wucht in Kontakt mit der Tischplatte trat.
Mieter erhob sich so untertänig er konnte.
„Tut mir leid, Herr Ranzner“, erklärte er demütig.
Herr Ranzner war keine einssechzig und damit ein gutes Stück kleiner als Mieter, aber sein Auftreten war das eines Ausbildungs-Feldwebels beim US-Marine Corps. Wenn er seine Stimme erhob, klang es wie das Donnergrollen kurz vor der Sintflut und sein Blick hatte die Schärfe einer Rasierklinge. Jetzt musterte er Mieter derart durchdringend, als wolle er ihm ein Loch in den Leib brennen.
„Was hatten sie da unten zu suchen, Mieter?“, donnerte Herr Ranzner.
„Meinen Radiergummi, Herr Ranzner“, sagte Mieter scheu und zeigte den Krümel vor, der ihm als einzige Korrekturmaßnahme zugeteilt worden war. Herr Ranzner warf einen skeptischen Blick darauf und Mieter hatte den Eindruck, dass der Radiergummi sich am liebsten in einem finsteren Winkel verkrochen hätte, um diesem Blick zu entgehen. Mieter konnte ihn gut verstehen.
„Mieter, sie sind mit den Umsatzsteuervoranmeldungen für fünfzig Prozent der Firmen in ihrem Distrikt im Rückstand. Morgen ist der Fünfzehnte, da müssen sie abgegeben werden. Sie werden das noch heute erledigen, ist das klar? Und jetzt erzählen sie mal, wie es zu dieser Ungeheuerlichkeit kommen konnte.“
„Nun ja, äh, wissen sie, Herr Ranzner, die meisten dieser Firmen sind nicht sehr vertrauenswürdig und viele der Geschäftsführer halten sich hauptsächlich im Ausland auf, bei anderen wurde Konkurs angemeldet, oder ich bekomme keine Daten. Ich halte es für das Beste, wenn wir diese Firmen schätzen lassen...“
Mieter sah den Blick seines Chefs.
„Äh, natürlich nur, äh, wenn sie nichts dagegen haben, äh, Herr Ranzner.“
Herr Ranzner sah Mieter sehr lange und durchdringend an. Mieter spürte die Blicke seiner Kollegen auf sich ruhen. Ihm wurde heiß und er bekam rote Ohren.
„Sehen sie mich nicht so von oben herab an, Mieter.“ Die Stimme Herrn Ranzners war gefährlich leise und ruhig. Mieter schluckte.
„Jetzt kann er sich auf was gefasst machen“, hörte er jemanden im Hintergrund flüstern.
„Aber... Herr Ranzner, ich habe nie...“
„Mieter! Halten sie die Klappe!“
Mieter schloss den Mund und wartete demütig auf die Standpauke, die nun unweigerlich folgen würde. Er hörte Herrn Ranzner tief durchatmen und mit den Fingerknöcheln knacken. Mieter senkte den Kopf. Jemand kicherte.
„Sie, lieber Mieter“, Herrn Ranzners Stimme war jetzt ganz ruhig, „werden heute Überstunden machen, unbezahlt natürlich, und zwar so lange, bis sie alles aufgearbeitet haben. Unsere Steuerberatungskanzlei hat einen Ruf zu verlieren, falls sie es noch nicht mitbekommen haben sollten. Morgen früh, Punkt sieben Uhr, liegen diese Akten auf meinem Schreibtisch, erledigt und fertig zum Unterschreiben. Haben wir uns verstanden?“
„Ja, Herr Ranzner“, flüsterte Mieter.
„Ich kann sie nicht hören!“
„Ja, Herr Ranzner!“
„Besser. Ach, noch was Mieter. Sie sind heute eine halbe Stunde zu spät gekommen. Haben sie irgendetwas zu ihrer Verteidigung zu sagen?“
„Nun, der Bus hatte Verspätung und ich...“
„Also nicht, wie? Nun gut, Mieter. Sie wollen es wohl so. Ab morgen ist für sie Dienstbeginn um sechs Uhr dreißig. Klar? Machen sie mir keine Schwierigkeiten mehr Mieter, sie sitzen sowieso schon auf einem wackligen Stuhl. Nehmen sie sich lieber ein Beispiel an Kollege Winter. Und jetzt fangen sie an.“
Herr Ranzner fuhr auf dem Absatz herum und stakste zurück in sein Büro. Er war ein hässlicher kleiner Kerl.
In dem Großraumbüro, das bis jetzt totenstill gewesen war, setzte nun Gemurmel und Gekicher ein und nach einer Weile auch wieder die normalen Arbeitsgeräusche. Mieter setzte sich auf seinen wackligen Stuhl und verhielt sich für den Rest des Tages mucksmäuschenstill.

Gegen zweiundzwanzig Uhr schließlich stand Mieter vor der Haustür und kramte in seinen Hosentaschen nach dem Schlüssel. Er war müde und abgespannt und er hatte Hunger. Die beiden alten Damen an der Bushaltestelle, die sich vorgedrängelt hatten, waren auch nicht hilfreich gewesen. Ebenso wenig der Busfahrer, der das Siebenfache des Fahrpreises als Trinkgeld eingestrichen hatte, weil er angeblich nicht herausgeben konnte.
Mieter öffnete die Tür und ging leise die Treppe hinauf in den fünften Stock. Er hielt es nicht für nötig, sich die Schuhe auszuziehen, denn um diese Uhrzeit schliefen die Nowaks meist schon. Doch er hatte sich zu früh gefreut. Als er an der Wohnungstür des Hausmeisterehepaares vorbei war ging das Licht im Treppenhaus an.
„Mieter“, sagte eine raue Stimme hinter ihm. Mieter drehte sich um. Hinter ihm stand Herr Nowak, zwei Meter groß, Hundertfünfzig Kilo schwer, das Kinn unberührt von jeglicher Rasierklinge, das Unterhemd fleckig von Resten des Abendessens (es hatte wohl zerkochtes Rindfleisch mit Spinat gegeben, dazu mehrere Fässer Rotwein), die Fäuste in die Hüften gestemmt. Ein Fuß trommelte einen gereizten Takt auf dem Fußboden.
„Guten Abend, Herr Nowak.“
„Sie haben schon wieder Schuhe an, Mieter. Sehen sie sich das an. Der Fußboden ist völlig zerkratzt.“
Mieter konnte nichts erkennen.
„Sie werden das bezahlen müssen, Mieter. Morgen bekommen sie einen Bescheid, wie das Ganze aussehen wird und außerdem einen Erlagschein für die Miete, die natürlich erhöht wird. Darüber hinaus werde ich dem Hausbesitzer vorschlagen, die Ablöse für ihre Wohnung herunterzusetzen. Schönen Abend noch, Mieter.“
Sprachs, kehrte in seine Wohnung zurück und schloss die Tür. Das Licht im Treppenhaus ging aus. Mieter setzte sich im Dunkeln auf die Stufen und weinte leise. Seit fünfunddreißig Jahren jeden Tag dasselbe. Geringschätzigkeiten, Demütigungen, mitleidvolle Blicke, Machtdemonstrationen, Frustration, Depressionen, tagein, tagaus dasselbe.
Irgendwann ging Mieter in seine Wohnung. Er machte kein Licht. Er sah aus dem Fenster und spielte wie so oft schon mit dem Gedanken an Selbstmord. Aber was hätten sie dann gesagt? Er konnte es sich lebhaft vorstellen: Der war ja noch nicht mal imstande mit dem Leben fertig zu werden. Ich habe schon immer gesagt, dass der ziemlich labil ist. Der blöde Hund hat vor dem Schlußmachen noch nicht einmal den Kühlschrank leergeräumt. Und so weiter.
Aber eines Tages würde er es ihnen schon zeigen.
„Ich würde dafür meine Seele an den Teufel verkaufen“, flüsterte er den Bäumen auf der Straße zu.
„Stets zu Diensten.“
Mieter warf einen Blick dorthin, wo die Stimme hergekommen war. Er rechnete halb damit, dass es eine Sinnestäuschung gewesen war. Doch da saß jemand leger in Mieters bequemstem Sessel und ließ ein Bein über die Armlehne baumeln. Es war ein junger Mann, vielleicht zwanzig Jahre alt, ganz in schwarz. Er trug eine schwarze Hose, ein seltsam avantgardistisches Jackett aus Baumwolle und Leder, schwarze Schaftstiefel und einen schwarzen Hut. Sein langes pechschwarzes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden und in seinem linken Ohr glitzerten mehrere silberne Ringe.
Mieter riss die Augen auf.
„Was... wer... wer sind sie?“
Der junge Mann nahm seinen Hut ab und sah Mieter direkt ins Gesicht. Mieter schrak vor diesem Blick zurück. Das Gesicht war hübsch, fast schön, aber von unirdischer Bosheit gezeichnet und von unnachgiebiger Härte. Doch am schrecklichsten waren seine Augen. Schwärzer als alles, was Mieter jemals gesehen hatte, schwärzer noch als Onyx, oder die Finsternis, die hinter jedermanns Augenlidern lauerte, oder die dunklen Weiten des Weltalls. Wenn es stimmte, dass die Augen das Fenster zur und der Spiegel der Seele waren, dann wollte Mieter lieber gar nicht wissen, was in diesem jungen Mann vorgehen mochte.
Mieter huschte zum Lichtschalter, aber der junge Mann machte nur eine Handbewegung und Mieter konnte sich nicht mehr bewegen.
„Oh, bitte. Lassen sie das doch.“ Der junge Mann klang gelangweilt. „Sie wissen doch genau, wer ich bin. Schließlich haben sie mich gerufen.“
„Ich habe was?“
„Mich gerufen. Gerade eben. ‚Ich würde dafür meine Seele...’ und so weiter. Aber kommen wir zum Geschäftlichen. Was kann ich für sie tun?“
Mieter konnte nicht anders, als den Mund weit aufzusperren und zu staunen.
„Sie... sie sind der Teufel?“
„Oh nein, wo denken sie hin? Ich bin nur ein Teufel. Der Teufel würde sich mit so etwas wie ihnen gar nicht abgeben.“
Toll. Nicht mal die Hölle wusste ihn zu würdigen.
„Aber... was wollen sie von mir?“
Der junge Mann grinste entwaffnend... oder es sollte wohl so wirken.
„Die Frage ist doch, was sie von uns wollen. Sie haben mich gerufen, jetzt bin ich gespannt, was sie zu sagen haben. Legen sie los.“
„Aber ich will gar nichts von ihnen. Das war doch nur so eine Redensart.“
„Sind sie sicher? Kein Geld? Macht? Hübsche Frauen? Hmm... Selbstsicherheit?“
Mieter nickte benommen. Dann schüttelte er den Kopf. Langsam wurde ihm schwindelig. Er vertrug Stress nicht besonders gut. Jedenfalls hatte das Mama immer gesagt.
Der junge Mann... der Teufel stand auf, setzte seinen Hut wieder auf und schien nicht sonderlich erbaut von der Entwicklung der Dinge zu sein.
„Das ist aber gar nicht gut. Wissen sie, ich kann nicht einfach ausrücken, minutenlang wegbleiben und dann mit leeren Händen zurückkehren. Mein Boss würde mir die Hölle heiß machen... oder so ähnlich. Sie wissen was ich meine. Verzeihen sie den schlechten Scherz. Nun, laut §684, Abs. 3, Z. 5, Seeleneinbringungsgesetz, bin ich ermächtigt, hiermit ihre Seele einzuziehen, es sei denn, sie hätten eine gute Seele. Moment...“
Der Teufel streckte einen Arm Richtung Mieter aus, schloss die Augen und schien sich zu konzentrieren.
„Verdammt“, sagte er. „Sie haben eine gute Seele. Igitt.“
Er schüttelte sich.
„Und was heißt das?“
„Das heißt, laut §684, Abs. 3, Z. 6, dass sie mir als Austausch für ihre Seele drei andere zukommen lassen müssen. Böse Seelen, wohlgemerkt. Sie töten drei Menschen mit schlechten Seelen, den Rest übernehmen wir. Danach sind sie frei.“
„Was passiert, wenn ich mich weigere?“
„Dann gehört ihre Seele nach ihrem Ableben uns. Aber ich will sie nicht anlügen. Wir würden dafür sorgen, dass ihr Ableben in nicht allzu ferner Zukunft stattfindet.“
Mieter schluckte. Er würde wohl darauf eingehen müssen.
„Na gut“, sagte er. „Ich habe wohl keine Wahl.“
„Eine kluge Entscheidung“, sagte der Teufel, griff in sein Jackett und förderte eine Rolle Papier zutage, die er Mieter hinhielt.
„Lesen sie das. Lassen sie sich ruhig Zeit.“
Mieter entrollte das Papier und las zuoberst: VERTRAG
Mieter hatte genug Erfahrung mit der Bürokratie um zu verstehen, was da in Beamtenlatein geschrieben stand. Es war genau das, worauf sie sich geeinigt hatten.
„Alles klar“, sagte Mieter.
„Unterschreiben sie.“
Mieter legte den Vertrag auf den Tisch und griff nach einem Kugelschreiber.
„Nicht so“, sagte der Teufel, packte Mieters linke Hand und mit einem plötzlich langen, scharfen Fingernagel ritzte er Mieters Handfläche auf. Dann reichte er Mieter einen schwarzen Federkiel.
„Mit ihrem Blut.“
Mieter zögerte, tauchte aber schließlich den Federkiel in sein eigenes Blut und unterschrieb damit. Der Teufel nahm den Vertrag und den Federkiel wieder an sich, besah sich kurz das Schriftstück und rollte es wider zusammen.
„Wir sehen uns noch, Herr Mieter.“
Dann war er weg. Einfach so. Kein Rauch kein Schwefelgestank gar nichts. Er war nicht mal richtig verschwunden. Mieter blinzelt einfach nur und als er die Augen öffnete, war er weg.
Mieter schauderte.. Aber er wusste schon, wer ihm die drei Seelen liefern würde, mit denen er seine eigene freikaufen konnte.

Franz Nowak war ein wenig versöhnlicher Mann. Das er verheiratet war, lag nur daran, dass seine Frau noch viel unversöhnlicher war. Zum Glück war die alte Schreckschraube gerade zum Einkaufen.
In seinem Job als Hausmeister hatte Nowak nicht viel zu tun. Hausmeister an sich hatten im Normalfall natürlich schon viel Arbeit, aber diese spezielle Hausmeister pfiff einfach drauf.
Glühbirnen im Treppenhaus austauschen? Drauf gepfiffen!
Gehwege kehren? Auch drauf gepfiffen!
Darauf achten, dass die Sicherheitsbestimmungen eingehalten wurden? Pfeif doch drauf!
Hin und wieder ein paar Parteien zusammenscheißen? Ah, jetzt kommen wir der Sache schon näher! Dieser Teil machte wenigstens Spaß. Wenn es etwas zusammenzuscheißen gab, war Franz Nowak der Erste, der sich antrug sein Bestes zu geben.
Vor allem dieser Mensch mit dem eigentümlichen Namen Mieter, der in Nr. 16 wohnte. Der Mann hatte ein Gesicht, das einen geradezu herausforderte ihn zu piesacken und Nowak kam dieser Herausforderung immer wieder gerne nach.
Es war jetzt zehn Uhr vormittags und Nowak lümmelte in seinem Schlafanzug im Couchsessel vor dem Fernseher und sah sich das Kinderprogramm an. Er nahm gerade einen Schluck Kaffee um einen Keks hinunterzuspülen, als es an der Türe läutete. Wer konnte das sein? Wenn es nicht wirklich wichtig war, würde Nowak nicht zögern, seinem Unmut lautstark Ausdruck zu verleihen.

Mieter hatte die ganze Nacht lang kein Auge zugetan, hatte nur stocksteif in seinem Sessel gesessen und über den folgenden Tag nachgedacht, beinahe zwölf Stunden lang. Dann war er in die Küche gegangen, hatte zusammengekramt, was er brauchte und war die Treppe hinuntergegangen.
Jetzt läutete er. Wenig später ging die Tür auf und Herr Nowak blickte überrascht und verärgert zugleich auf ihn herab.
„Mieter! Was...“, brüllte Nowak, weiter kam er nicht, da Mieter ihm die dreißig Zentimeter lange Chrom-Vanadium-Stahlklinge eines Küchenmessers in den Hals trieb.
Nowak zappelte noch ein bisschen, als Mieter ihn zurück in den Flur der Wohnung stieß und ihm selbst folgte. Mit dem Ellenbogen warf er schnell die Tür zu, zog die vorsorglich mitgebrachten Haushaltshandschuhe und die Plastiküberschuhe an und breitete eine ebenfalls mitgebrachte Kunststoffplane auf, auf die er Nowak rollte. Mit einem Seil schnürte er die Plane am Fußende zu und zerrte die eingewickelte Leiche daran ins angrenzende Bad, wo er sie unter größten Mühen in die Badewanne bugsierte. Dann zog er das Messer aus der Wunde, reinigte es und ging durch die Küche ins Wohnzimmer. Dort setzte er sich in einen Couchsessel und sah sich das Kinderprogramm an.

Helga Nowak schleppte die Treppe hinauf und schnaufte und keuchte dabei wie eine Dampflok, was nicht am Gewicht ihrer Einkäufe lag (Lippenstift, Nagellack und Tampons extra groß sind nicht besonders schwer), sondern daran, dass sie fett war. Das wusste sie, aber wenn es jemand gewagt hätte, sie darauf aufmerksam zu machen, so hätte sie dem Betreffenden schon gezeigt, worauf es im Leben ankam. Frau Nowak hatte einen bemerkenswerten rechten Haken.
Schließlich sah sie sich in der glücklichen Lage vor ihrer Haustür zu stehen und begann, den Wohnungsschlüssel aus ihrer Handtasche, welche mindestens doppelt so schwer wie ihr Einkaufskorb war, zu kramen. Sie öffnete die Tür, trat in den Flur, schloss die Tür wieder, übersah völlig die blutige Schweinerei auf dem Boden, ging durch das Wohnzimmer in die Küche, stellte den Korb auf die Anrichte, rief nach ihrem Mann und ging zurück ins Wohnzimmer, wo ihr jemand mit einer ihrer heißgeliebten, scharfgeschliffenen, echten Wikinger-Streitäxte, die sie während ihres letzten Urlaubs mit ihrem Mann in Rumänien erstanden hatte, sauber den Kopf von den Schultern trennte.
Mieter ging mit der Axt ins Bad und warf sie auf Herrn Nowaks Leiche. Er vergewisserte sich, dass dieser auch wirklich tot war, wobei er sorgfältig darauf achtete, dass er seinen Anzug nicht mit Blut bekleckerte. Im Flur ließ er äußerste Vorsicht walten, als er den großen Blutfleck umrundete, der sich immer tiefer in den Teppich saugte, und zog die Überschuhe aus, die er zusammen mit den Haushaltshandschuhen in einen Plastikbeutel stopfte.
Als er zur Tür hinaus war huschte er die Treppe hinauf in seine Wohnung, legte das Messer zurück in seine Schublade, warf den Plastikbeutel in den Mülleimer, sich selbst ins Bett, stellte den Wecker und schlief.

Um 6:10 abends hatte Herr Ranzner einen schweren Tag hinter sich. Nicht zuletzt deshalb, weil Mieter nicht aufgetaucht war, was ihm zwar einen heftigen Wutanfall beschert hatte, aber niemanden, an dem er ihn auslassen konnte. In wenigen Tagen würden sich die Finanzämter melden und die Voranmeldungen verlangen und achtzig Prozent seiner Mitarbeiter hatten überhaupt nichts erledigt, sondern sich darauf verlassen, das Mieter für sie in die Bresche springen würde.
Das heißt, Herr Ranzner, der zurzeit als Einziger im Büro war, war nun rechtschaffen übler Laune. Gerade, als er so richtig in Rage geraten war, öffnete jemand die Tür. Der kam ihm gerade recht!
Herr Ranzner wirbelte herum und warf einen scharfen Blick in die entsprechende Richtung. In der Tür stand Mieter und sah schrecklich aus: sein Anzug war zerknittert, sein fettes Haar klebte am Schädel, er hatte Ringe unter den Augen und sein Gesicht war kreidebleich. Der konnte was erleben!
„MIETER!“, brüllte Herr Ranzner mit einer Stimme, die wilde Tiger dazu veranlasst hätte, sich nach geeigneterer Beute umzusehen, oder einen hohen Baum zu erklettern. „Mieter! Was hat das zu bedeuten, verdammt noch mal?! Was haben sie sich eigentlich dabei gedacht, heute nicht zum Dienst zu erscheinen? Was, glauben sie, hat das unsere Firma gekostet? Sind sie noch ganz...“
Ein scharfer Knall unterbrach Herrn Ranzner bei seiner Standpauke. Mieter hielt einen rauchenden Revolver in der Hand und Herr Ranzner fühlte plötzlich einen stechenden Schmerz im Bein. Mieter ließ den Revolver fallen, holte einen schweren Maurerhammer aus der Innentasche seines Jacketts und ging auf Herrn Ranzner zu, der auf ein Knie gefallen war und Mieter ungläubig und mit vor Schmerz geweiteten Augen anstarrte.
„Was haben... Mieter“, stieß er hervor. „Was haben sie...“
Ein kurzer trockener Schlag auf die Schläfe schickte ihn vorerst ins Reich der Träume.

Gegen 22 Uhr stand Mieter wieder vor dem Fenster in seinem Wohnzimmer und wartete auf die Ankunft des Teufels. Er sah auf die Uhr.
„Es ist wohl ein wenig zu früh“, dachte er.
„Guten Abend, Herr Mieter.“
Diesmal war Mieter nicht überrascht, als er sich umdrehte und den jungen Mann wieder in seinem Lieblingssessel sitzen sah. Der Teufel tippte an seine Hutkrempe und lächelte spöttisch.
„Ich stelle fest“, sagte er, „ dass sie ihren Teil der Abmachung erfüllt haben. Sehr gut. Aber...“
Er holte den Vertrag aus den Tiefen seiner Jacke hervor und warf die Dokumentenrolle Mieter zu.
„Lesen sie das Kleingedruckte“, bat er.
Mieter entrollte den Vertrag und entdeckte die Stelle dank seines geübten Auges sofort.
„Sollten sich während oder nach der Erfüllung des Vertrages spezielle Veränderungen in der Gesinnung der Schuldnerpartei einstellen“, las Mieter, „so ist der Vollzugsbeamte ebenfalls berechtigt deren Seele mit sofortiger Wirkung einzuziehen, lt. § s. o.“
Mieter hatte diesen Zusatz schon beim ersten Lesen bemerkt, ihm jedoch keine Bedeutung beigemessen. Er blickte auf.
„Und was hat das mit mir zu tun?“
Der Teufel stand auf und machte zwei Schritte auf Mieter zu, der unwillkürlich zurückwich.
„Sehr viel sogar. Zuerst werden wir ihre Gesinnung testen, dann sehen wir weiter.“
Er schloss die Augen und streckte einen Arm aus. Als er die Augen wieder öffnete, zeigten seine Züge Genugtuung.
„Ooh, tut mir leid, Herr Mieter, wirklich. Aber ihre Seele ist plötzlich schlecht geworden. Sie dürften Gefallen daran gefunden haben, diese drei Menschen zu töten. Das hat ihre Seele korrumpiert. Tut mir wirklich wahnsinnig leid. Ich fürchte ich muss ihre Seele einziehen.“
Mieter wurde noch bleicher, als er schon war und wich noch einen Schritt zurück, dann fiel er auf die Knie.
„Nein...“, stammelte er. „Das können... das können sie doch nicht machen.“
„Ich fürchte doch, Herr Mieter.“
Die Stimme des Teufels schwang vor hohntriefendem Mitleid. Mieter kauerte sich ganz zusammen und wimmerte leise. Der Teufel sah verächtlich auf ihn herab und als er sprach, war seine Stimme kalt wie Eis und hart wie Stahl.
„Wissen sie noch, dass ich gesagt habe es täte mir leid?“, fragte er.
Mieter antwortete mit einem winselnden Geräusch, dafür sprach der Teufel wieder.
„Das war eine Lüge. Haben sie schon jemals von einem Teufel oder Dämon gehört, der etwas bedauert? Mir KANN gar nichts leid tun. Lassen sie uns gehen.“






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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

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Es gefällt mir sehr,

die Protagonisten mit Mieter usw. zu bezeichnen, da muss ich doch mal ein paar Punkte vergeben.

liebe Grüße
anemone

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Dorian
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2002

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Diese Geschichte war ursprünglich ein Drehbuch, daß ich vor einigen Jahren in Grundzügen mit einem Freund entwarf. Da aus dem Film nichts wurde(wir hätten natürlich selbst gespielt, Regie geführt usw...), machte ich irgendwann eine Kurzgeschichte draus. Mieter war der Arbeitsname des Protagonisten und da mir auf die Schnelle nichts Besseres einfiel, behielt ich ihn bei.
Nach zwei Seiten hatte ich den Namen so liebgewonnen, daß ich seitdem nichts geändert hatte. Nur die Familie Nowak hieß ursprünglich Kowalsky, aber das war mir nicht typisch österreichisch genug.

Da fällt mir ein, der Titel der Geschichte gefällt mir nicht, im Titel geben bin ich ganz schlecht. Habt Ihr irgendwelche Vorschläge?

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