Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87739
Momentan online:
129 Gäste und 2 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Guten Appetit
Eingestellt am 02. 10. 2005 16:21


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Mumpf Lunse
Routinierter Autor
Registriert: May 2004

Werke: 11
Kommentare: 387
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Mumpf Lunse eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Guten Appetit von Mumpf Lunse

Nach zwei Stunden war das meiste Wasser ausgesch├Âpft. Was verblieben war, m├╝sste mit Lappen und T├╝chern entfernt werden oder einfach von allein trocknen. Der hereinst├╝rzende Wolkenbruch hatte den Dreck von Jahren wenn nicht gar Jahrzehnten aufgeschwemmt.
Unter einem der Karteischr├Ąnke lag ein kleiner K├Ârper. Entweder war es eine sehr fette Maus oder eine ziemlich kleine Ratte. Er war nicht sicher und schubste ihn mit dem Besen in die Mitte des Raumes, dahin wo die 40-Watt-Birne unter dem Metallschirm eine Lichtinsel auf den nassen Boden zeichnete. Der Geruch von altem Papier aus den oberen F├Ąchern der Schr├Ąnke mischte sich mit dem modrigen Geruch des abgestandenen Wassers. ├ťber all dem dominierte etwas Fauliges, Erdiges, als h├Ątte es eingetrocknet und geduldig eine Ewigkeit darauf gewartet durch ein Ereignis wie dieses endlich befreit zu werden.
Der 'Usbeke' - so nannten ihn seine Freunde seit kurzem, weil er sich vor einem Monat, zu seinem 15. Geburtstag, eine Glatze hatte scheren lassen - ging auf die Knie um das Tier genauer zu betrachten. Entsetzt sprang er zur├╝ck und prallte mit dem R├╝cken hart und schmerzhaft gegen ein Regal; er glaubte, eine Bewegung gesehen zu haben.
W├Ąhrend er sich aufrichtete und mit einigen tiefen Atemz├╝gen versuchte den Schmerz zu l├Âsen, behielt er misstrauisch den kleinen toten K├Ârper im Blick.
Dann, schwankend zwischen Neugier und Abscheu n├Ąherte er sich vorsichtig, fast ├Ąngstlich, dem Kadaver erneut.
Es war eine Maus, daran bestand kein Zweifel. Zu Lebzeiten sicher nicht mal besonders gro├č. Jetzt war die Haut, durch die N├Ąsse fast haarlos wirkend, prall gedunsen und durchsichtig wie Pergament. Es zeichneten sich, die nach jedem Segment eingeschn├╝rten K├Ârper fetter, kinderfingergro├čer Maden darunter ab. Eine langsame, ungeordnete Bewegung, die man nur bei genauem Hinsehen bemerkte, erzeugte den Eindruck, das, was da lag, w├Ąre lebendig. Nicht wie atmen oder zittern, aber lebendig - irgendwie. Irgendwie war es das ja auch - wenn es auch nicht das Leben der Maus war, das sich da bewegte.
Er w├╝rgte und rannte aus dem Keller.
Drau├čen atmete er tief und gierig die hei├če Sommerluft. Er musste sich nicht ├╝bergeben, aber das Bild der madenprallen Maus verfolgte ihn tagelang.
Erst als niemand mehr bereit war sich dieses Erlebnis schildern zu lassen, verblasste es und er konnte wieder ohne ├ťbelkeit essen.

Er hatte es vergessen, zumindest seit vielen Jahren nicht mehr daran gedacht - so wie er vergessen hatte, dass er mal der 'Usbeke' war. Jetzt, im fahlen Licht der hellen Sommernacht, zwischen den Ger├Ąuschen der Werkst├Ątten und dem Geruch der Gr├Ąser und Unkr├Ąuter, welche ├╝ber alle Mauern hinweg die Luft schw├Ąngerten, war alles wieder da.
Der Anblick, der sich ihm bot - angek├╝ndigt von angewiderten, emp├Ârten Ausrufen, derer die vorn gingen - bef├Ârderte das Bild blitzartig aus den Tiefen der Erinnerung in die Gegenwart. Sofort waren auch die anderen Empfindungen von damals wieder pr├Ąsent. Eine leichte ├ťbelkeit, ein Anflug von Panik, das Gef├╝hl weglaufen zu m├╝ssen - f├╝r einen Augenblick, glaubte er sogar den Staubgeruch in der Nase zu sp├╝ren.

Die Kolonne war auseinander gefallen. Eigentlich gab es keine Kolonne mehr, es gab nur 60 M├Ąnner: Angeekelt, w├╝tend, fasziniert, auf eine einmalige Prozession starrend.
Vom Gulli in der Mitte des 15 Meter breiten, betonierten Bereichs zwischen den Geb├Ąuden bis zur weit ge├Âffneten T├╝r des K├╝chentraktes, aus der ein Kegel gelben Lichtes fiel, als solle er die Szene festlich beleuchten, zog eine 20 bis 30 Zentimeter breite Prozession fetter, sich windender Maden. Keine kleinen Mehlw├╝rmchen, keine ein wenig unappetitlichen M├Ądchen, wie sie jeder schon mal gesehen hat. Diese hier hielten dem Vergleich mit den Kinderfingern, die er als Usbeke gesehen hatte, locker stand.

Das eine Ende der eigenartigen Prozession verschwand im Gulli, das andere in der K├╝che. Alles bewegte sich unabl├Ąssig, aber es war nicht zu erkennen, ob es sich aus der K├╝che - und damit von dem, was sie gleich essen w├╝rden, weg - oder zur K├╝che und damit zu dem, was sie gleich essen w├╝rden, hin bewegte. Der Unterschied mag marginal wirken, in einem solchen Moment aber, wenn die Distanz fehlt, die unsere Fragen mit einer minimalen Vernunft ausstattet, scheint er eine zentrale Bedeutung zu haben. Zentral genug, um zu spalten. Hinein, meinten die einen – hinaus, die anderen. Da es, zumindest in der K├╝rze des Eindrucks, nicht durch Beobachtung entschieden werden konnte, musste man sich, um die Frage zu beantworten, entscheiden.
A - Ist es besser mit Lebensmitteln verpflegt zu werden, die schon so verwest sind, dass die Maden sich aus Ekel davor in den Gulli verdr├╝cken? Oder
B - Ist es besser, dass der Unrat, den man zu essen bekommt, das niederste Geschmeiss aus dem f├Ąkalen Untergrund lockt?
Er konnte sich nicht entscheiden.
Nat├╝rlich h├Ątte er sich einfach zu einer der Meinungen bekennen k├Ânnen, aber es fiel ihm schon immer schwer, eine Wahl zu treffen, wenn es keine wirkliche Alternative gab. Er erfand stattdessen eine Variante die beide Aspekte vereinte: Es war ja durchaus denkbar, dass sie einen best├Ąndigen, wenn auch im Allgemeinen verborgen ablaufenden Zyklus beobachteten, der beides, ein Kommen und ein Gehen, beinhaltete.
Sp├Ąter, als die erste 'Betroffenheit' einer n├╝chterneren Betrachtungsweise Platz machte, wurden die entscheidenden Fragen v├Âllig andere.
Was f├╝r eine Art Insekten w├╝rde aus diesen Monstern schl├╝pfen?
W├╝rde vielleicht eines Tages die Luft schwirren von den Fl├╝gelschl├Ągen ├╝berdimensionaler farbenfroher Schmetterlinge?
War der Tag nah, an dem ein Heer ausgehungerter, gefl├╝gelter, monstr├Âser Raubinsekten durch die vergitterten Fenster, auf der Suche nach Lebendfutter in die Zellen einfallen w├╝rde?
Es ergaben sich in den folgenden Wochen aus diesem Ereignis verschiedene mehr praktische, sehr zur Kurzweil beitragende Aspekte, die nach und nach beleuchtet werden wollten.
Im Augenblick war das enorme Unterhaltungspotenzial einer glibberigen Kinderfingermadenprozession aber niemandem so richtig bewusst.
Alle waren auf Essen eingestellt gewesen, jetzt waren sie dabei ihren Organismus auf Kotzen oder zumindest ├ťbelkeit oder wenigsten Ekel, umzuschalten.

'Der Lange' begann w├╝tend, gesch├╝tzt durch die schweren Arbeitsschuhe, mit einem Bein hinein zu trampeln. Mit einem deutlichen Ger├Ąusch, welches an das Prasseln von feuchten Holzscheiten in einem Lagerfeuer erinnerte, platzten die Tiere. Ihr Inneres spritzte gut einen halben Meter weit und ├╝bers├Ąte die Hosenbeine der Nahestehenden mit gelblichen Flecken.
Der M├Ąnnerklumpen platzte - wie die zertretenen Maden - und stob panisch auseinander.
'Klingel' der gerade noch rechtzeitig zur├╝ckgesprungen war, um dem "Platzregen" zu entgehen, zischte, den Langen mit einem w├╝tenden Sto├č fast inmitten der wogenden Prozession zu Fall bringend: "Vorsicht, du Vogel".
Ein leicht scharfer, etwas s├Ąuerlicher Geruch breitete sich aus. 'Rio' musste kotzen und f├╝gte das strenge Aroma seines Mageninhalts hinzu.
Die Bullen, die bis dahin mit schadenfroher Genugtuung dem allgemeinen Abscheu seinen Lauf gelassen hatten, begannen, fast ebenso panisch, herumzubr├╝llen: "Ordnung herstellen! Dreierreihen! Dreierreihen! Weiter, gehen Sie weiter!"
Die Kolonne legte, ohne sich wirklich neu zu formieren, lautstark fluchend, die verbliebenen 50 Meter zum Speisesaal zur├╝ck.

In dem riesigen Saal wirkte das H├Ąufchen Nachtschicht verloren. Es gab eine grauschleimige, F├Ąden ziehende Suppe unbekannter Zusammensetzung. Den meisten war das Essen vergangen. Einige hatten sich trotzdem einen Teller geholt, stocherten mit ihren L├Âffeln hungrig darin herum, brachten aber keinen Bissen hinunter.
Nur 'Bombus', der Nazi, schaufelte, ab und an einen halb zerkauten Knorpelbrocken auf den Tisch spuckend, die Suppe in sein schwammiges Gesicht.
"Du Sau!" br├╝llte 'Hotta' ihn an, nachdem er ihm eine Weile fassungslos zugesehen hatte. Bombus erwiderte mit vollem Mund:
"Ich wei├č nicht, was ihr wollt, ist doch alles wie immer."
Und w├Ąhrend er sprach, quoll bei jedem Wort grauer Schleim ├╝ber seine wulstigen Lippen.
Er hatte recht, n├╝chtern betrachtet.
Am Schichtende, bevor man sie wieder in den Zellen einschlie├čt, wird man sie zum Fr├╝hst├╝ck bringen. Die meisten werden sich gierig auf die Pappeimer mit Marmelade st├╝rzen - sp├Ątestens dann ist wirklich alles wie immer.





__________________
┬ę by Mumpf Lunse
Schreiben ist etwas ├╝berraschendes

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Piratenbraut
???
Registriert: Jun 2005

Werke: 1
Kommentare: 28
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Puh!
Zum ersten Mal kann ich ├╝berhaupt nicht einordnen, wie ich das jetzt finde.

Sprachlich wunderbar, soviel ist klar.
Das Folgen und Verkn├╝pfen fiel mir allerdings schwer, war anstrengend.

Aber irgendwas hat mich bewogen, bis zum Ende zu lesen und dann noch mal von vorn anzufangen. Normalerweise klickt man doch einfach weg, wenn die Geschicht nicht fasziniert oder fesselt.


Gru├č, PB (verwirrt)

Bearbeiten/Löschen    


Mumpf Lunse
Routinierter Autor
Registriert: May 2004

Werke: 11
Kommentare: 387
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Mumpf Lunse eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil



liebe piratenbraut,
danke erstmal, f├╝r den schnellen kommentar.
wie du es einordnen sollst kann ich dir leider auch nicht sagen.
aber ich nehm deine verwirrung mal als kompliment.
(ich unterstelle einfach, dass es nicht an meiner unf├Ąhigkeit, sondern an der geschilderten szene liegt.) vielleicht kommen ja noch andere kommentare (lesarten)...

liebe gr├╝├če
gunter
__________________
┬ę by Mumpf Lunse
Schreiben ist etwas ├╝berraschendes

Bearbeiten/Löschen    


petrasmiles
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2005

Werke: 31
Kommentare: 867
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um petrasmiles eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Boah!

... wenn ich nicht aufh├Âren konnte bei diesem Text, wie s├╝chtig macht Deine Schreibe, wenn Du etwas Appetitliches schreibst?
Wie ich mich jetzt f├╝hle? "Eine leichte ├ťbelkeit, ein Anflug von Panik, das Gef├╝hl weglaufen zu m├╝ssen ..."
Jetzt geh' ich mal weiterlesen ...
P., nicht nur einfach beeindruckt
__________________
Nein, meine Punkte kriegt Ihr nicht ... ! Gegen Bevormundung durch Punktabzug f├╝r Gutwerter!

Bearbeiten/Löschen    


Mumpf Lunse
Routinierter Autor
Registriert: May 2004

Werke: 11
Kommentare: 387
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Mumpf Lunse eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Re: Boah!

hallo petra,
vielen dank. ich sollte es vielleicht mal wieder versuchen. das appetitliche ist aber schwerer, viel schwerer. es freut mich das der text diese empfindungen bei dir ausgel├Âst hat.
(zumindest eine ahnung davon.)

liebe gr├╝├če
gunter
__________________
┬ę by Mumpf Lunse
Schreiben ist etwas ├╝berraschendes

Bearbeiten/Löschen    


Mazirian
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 21
Kommentare: 193
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Mazirian eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hi Mumpf,

ma wieder ganz stikum ein kleines Meisterwerk dazwischen geschmuggelt? Frag mich nicht, warum ich so entz├╝ckt bin. Vielleicht, weil es surreal und doch so unpr├Ątenti├Âs am Leben dran ist. Vielleicht, weil ich die Art Leute mag, die in deinem Text agieren. Vielleicht wegen der (schon l├Ąnger) ertrunkenen Ratte, die ich letztens im Regenfass fand.
Keine Ahnung.

Was die Botschaft angeht: in seinem solchen Text brauch ich keine. Der wirkt f├╝r sich. Oder du m├╝sstest sagen "hei├č" oder "kalt". Mein pers├Ânlicher Schl├╝sselsatz ist:

"Ich wei├č nicht, was ihr wollt, ist doch alles wie immer."

Und meine Lieblingsstelle:
"Erst als niemand mehr bereit war sich dieses Erlebnis schildern zu lassen verblasste es und er konnte wieder essen ohne ├ťbelkeit."
... wenn ich auch "ohne ├ťbelkeit essen" geschmeidiger f├Ąnde und zwischen "lassen" und "verblasste" ein Komma geh├Ârt.

Gestolpert bin ich ├╝ber die "M├Ądchen". Da dachte ich zuerst an erk├Ąltete K├╝chenhilfen in so├čenfleckigen Kitteln.

Hier und da gibts ein paar kleine Stilunsauberkeiten (oder das, was ich daf├╝r halte):

- schw├Ąchliche Lichtinsel
- sofern es erlaubt ist diesen Begriff hier zu verwenden,(braucht man nicht)
- im fahlen Licht der hellen Sommernacht
und noch zwei drei andere.
Das "Guten Appetit" am Ende w├╝rde ich vorschlagen wegzulassen. Irgendwie scheint es nicht zum Text zu geh├Âren.

sch├Ânen Gru├č

Achim

__________________
Es ist alles schon gesagt worden - nur noch nicht von jedem (Karl Valentin)

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!