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Leselupe.de > Erzählungen
H.
Eingestellt am 17. 09. 2003 09:46


Autor
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Nicholas Cyphre
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 11
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H.
Tief in den W√§ldern, nur √ľber einen v√∂llig unwegsamen und beschwerlichen Weg erreichbar, liegt das jahrhundertealte Haus, dessen Eigent√ľmer H. ist. Es ist ein wehendes Haus, denn die T√ľren und Fenster sind niemals geschlossen; es ziehen und gleiten unz√§hlige Vorh√§nge im Wind nach drinnen und drau√üen; B√ľcher, die in den R√§umen √ľber die B√∂den wild verteilt liegen, klappen auf und verschicken ihre flatternden Seiten in die k√ľhlen, freundlichen Luftstr√∂me, die sie mit sich rei√üen und erst in den W√§ldern, hier und da an einem Baume h√§ngend, verstreuen.. In diesem Haus gibt es weniges Mobiliar; alles ist alt und verstr√∂mt eine zeitlose Gleichg√ľltigkeit gegen√ľber dem Betrachter. An die W√§nde sind viele Zeichnungen und Texte geheftet, alte und neue, gro√üe und kleine, verschiedenste Motive ‚Äď Gedichte, Aktskizzen, Architektenbl√§tter und einzelne Sinnspr√ľche. Es gibt Tausende und Abertausende B√ľcher in dem Haus ‚Äď in Regalen, Schr√§nken, Kommoden, Truhen und Kisten, auf genagelten Brettern, in Nischen und Ritzen, aufgereiht entlang einer Wand, gestapelt bis zur feuchten Decke, auf dem Boden √ľberall verteilt. Manche sind neu und riechen frisch, andere starren vor Alter, schimmeln und verbreiten einen sachten Verwesungsgeruch ‚Äď da letztere den wesentlichen Teil der Sammlung stellen, liegt √ľber allen R√§umlichkeiten ein s√ľ√ülich-schwerer Geruchsteppich von F√§ulnis.
Ein Mann von unbestimmtem Alter sitzt in einem Sessel vor dem Kamin. Es ist Winter, und es hat lange Tage geschneit. H. kann es sich nicht leisten, alle R√§ume zu beheizen, darum entfacht er nur das eine Feuer; alle anderen R√§ume mit den vielen B√ľchern betritt er w√§hrend dieser Jahreszeit nicht. Neben dem Kamin stapeln sich bis zur Decke die im Herbst gehackten Holzscheite. Er sitzt unbewegt, den Blick starr auf die Fackeln gerichtet. √úber seinen Scho√ü hat er eine Decke gelegt, weil es ihn immer noch friert. Darauf schlummert behaglich eine namenlose Katze. H.s Z√ľge sind versteinert, die Lippen eng gepresst und blass, als habe er seit langer Zeit nicht mehr gesprochen. Aus den gr√ľnlichen Augen spricht Alter. Ein feiner Teppich aus grauen Bartstoppeln liegt auf seiner unteren Gesichtsh√§lfte, grober, fester Staub steckt in den Haaren, eine √ľberm√ľtige Spinne krabbelt auf ihm herum. Dies alles und sein mageres, ausgehungertes √Ąu√üeres lassen darauf schlie√üen, dass H. sich seit Stunden und Tagen, seit Wochen vielleicht, nicht erhoben hat.
Doch dem ist nicht ‚Äď jederzeit, und sei er noch so steinern in seinen Gem√§chern, bewegt sich H. Der alte Mann schickt seine Seele, die einem Vogel gleicht, auf weite Reisen ‚Äď durch die W√§lder, in die St√§dte; √ľber Fl√ľsse, Gebirge und Schluchten hinaus durch die Welt; in die Tiefen unerforschter Meeresgr√ľnde und in die verspielt wei√üen Wolkengebirge √ľber dem Horizont. Er ist ein ruheloser Wanderer, obgleich die Augen eines Betrachtenden meinen m√∂chten, dass er starr s√§√üe und vielleicht schon gestorben sei. Die B√ľcher haben H. das Seelen-Reisen gelehrt, sie sind seine zahllosen Lichter ins Innere. Aber die B√ľcher zerfleddern, und die Zeiten schreiten uneinsichtig voran. Und derweil drau√üen Kriege toben, Seuchen w√ľten, Aufst√§nde und Umst√ľrze das Menschendenken ver√§ndern, ruht H. suchend vor seinem Feuer.
So sitzt H. seit Jahren. Der Wind, der k√ľhler wird und wieder w√§rmer, wird alle Seiten aller B√ľcher forttragen, ehe er das Haus zerbl√§st und schlie√ülich den alten Mann selbst, der nur noch Staub sein wird und Asche, auf einer weichen Luftzunge durch die tiefen W√§lder hinaustr√§gt in die Welt.

__________________
von Christophe B

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 2
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Hi, Nicholas,

eine atmosphärische, surreal-traumhafte Szene. Schön! Nah und distanziert. Mit leichter Tendenz zur Drama- und Romantisierung.
Ein "v√∂llig unwegsamer" Weg ist nat√ľrlich auch "beschwerlich", also k√∂nnte man es als tautologisch empfinden.
Manche stimmungsverst√§rkende W√∂rter und unterst√ľtzende Adjektive tauchen auf: "tief", "jahrhundertealt", "wild verteilt", "in die Tiefen unerforschter Meeresgr√ľnde" (habe ich wohl schon √∂fter geh√∂rt), "Kriege toben, Seuchen w√ľten", "tiefe W√§lder".
Aber ich will die Tendenz nicht hier und jetzt kritisieren. Es wären Erwägungen eines letzten Schliffs.
Ein wirklich schöner Text.

Beste Gr√ľ√üe
__________________
Monfou

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Stoffel
gesperrt
One-Hit-Wonder-Autor

Registriert: Jun 2002

Werke: 468
Kommentare: 8220
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Hallo,

gef√§llt mir das Bild, man sp√ľrt f√∂rmlich diese K√ľhle, sieht ihn dort sitzen...und es riecht..nach Verg√§nglichkeit..

Dennoch mal paar Gedanken zu manchen Zeilen, nur als Anregung:

"Haus gibt es weniges Mobiliar..."

"Ein Mann, unbestimmten Alters, sitzt im Sessel vor dem Kamin.."

"Es ist Winter und es hat viele Tage lang geschneit"...

"Ein feiner Teppich aus grauen Bartstoppeln ziert die untere Gesichtsh√§lfte des augehungert wirkenden Mannes und in seinen verstaubten Haaren, krabbelt eine Spinne munter umher. Man k√∂nnte bei diesem Anblick meinen, er habe(h√§tte) sich seit Tagen, Wochen, gar Monaten nicht mehr vom Fleck ger√ľhrt, aber dem ist nicht so.."

lG
Stoffel


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Inu
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2002

Werke: 120
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Hallo Nicolas

Deine Geschichte ist mir erst jetzt aufgefallen, weil sie empfohlen wurde. Ich bin froh, dass ich sie gelesen habe!

Die ganze Atmosphäre hat mich gefangen genommen. Sie ist so voller Wehmut. Wunderschön.

Gruß
Inu

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Grit1962
???
Registriert: Jul 2003

Werke: 7
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Hallo Nicolas,

Gru√ü von Stephen, dem King. So k√∂nnten Horrorgeschichten beginnen. Es ist ein dichtes Bild, sch√∂n atmosph√§risch gemalt, aber irgendetwas fehlt und macht es f√ľr mich nicht rund. Ich mache mir noch Gedanken......

lg
Grit
__________________
Grit62

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