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Handtuch-Mike [20 schwule Geschichten mit Ralf, Nr. 18]
Handtuch-Mike war einer von denen, die mit achtzehn Jahren in die Gruppe kommen und später nie wieder so hübsch aussehen wie an diesem ersten Tag. Am jenem ersten Tag ist Mike aber nur ein verhuschtes Pummelchen gewesen, das unterm Wuschel hervorgelinst hat, durch die Drahtbrille haarscharf vorbei an jedem. Mike ist rot geworden und hat gedruckst. Ihm war bewusst, wie schmerzlich seine Stimme anzuhören war. Ein Sweatshirt hat er angehabt mit breiten blau-weißen Streifen, unvorteilhaft, weil Mike nicht groß war und nicht grade schlank.
Vornehmlich nachmittags auf den Klappen trugen sich seinerzeit die Herzensangelegenheiten von Mike noch zu. Die Tragischte rankte sich um Karl, einen uns vom Hörensagen her bekannten Ledernen, damals wohl so Ende Zwanzig. Karl, der Lederne, hatte Mike, den Wuschel, rausgeholt aus diesen muffelnden Löchern und ihm die Welt gezeigt. Das „Blue Bossa“ in Freindersheim, ein Lover mit Lederjacke und Drei-Tage-Bart, damals war das die Welt. Mike hätte alles aufgegeben für Karl, den Ledernen. Aber als Karl ihn dämpfte auf der Heimfahrt, halblang solle er mal machen, ein Versicherungs-Azubi sei er doch erst, dem Mamma die sauberen Unterhosen richte, brach für den armen Mike eine ganze Welt entzwei. Da rauschte der Kadett mit den beiden in einen Graben hinab, sie kamen mit Schrammen und dem Schrecken davon. Und Mike hatte die erste große tragische Geschichte seines Lebens erlebt, die wir alle von da an noch oft zu hören bekommen sollten.
Mike wurde nun zu einem, der Sachen mit Markenaufnähern trägt, Diäten ausprobiert, ein blaues Brillengestell und im Ohr einen Knopf hat. Links, man muss den Leuten nicht auf die Nase binden, was man zu Hause im Bett macht. Er errang Tanzpokale und er rang sich durch zur Heterosexualität. Aber es gab immer noch seine Clique. Etwa drei Monate lang war er zweimal pro Woche in der Schwulenbar mit denen gewesen, mit keinem war am Ende aber was gewesen. Aber über die Clique kannte er einen Schauspieler. Dem wurde von tausend Leuten zugejubelt, so gut war der. Mike und der Schauspieler speisten italienisch.
Natürlich wusste Mike, dass der Schauspieler die ganze Zeit schon mit einem von den Kumpeln aus der Clique im Bett gewesen war. Am Ende führte logische Konsequenz dazu, Mikes Anstand verlangte es, dass er seinem Leben ein Ende zu setzen hatte, hatte er doch, schließlich waren sie Freunde, dem aus der Clique gebeichtet, dass nach dem italienischen Essen der Schauspieler auch ihn selbst vernascht hatte. Es hatte diesen Selbstmordversuch gegeben, der ebenso glimpflich abgegangen war wie vordem die Fahrt im Kadett. Allerdings war von nun an Mike der erste, einzige und offizielle Dauerselbstmordkandidat in unserem Kreis.
Wir, der H.A.K., waren zum Geburtstag von Klaus in den Aischgrund gebeten worden. Notgedrungen war Klaus, der Mann vom Arnd, heim gezogen, um vom Vater die Leitung eines Elektrikergeschäftes zu übernehmen. Die mittelfränkische Party bestand aus Klaus und Arnd, etlichen H.A.K.-Jünglingen, der hässlichen Schwester vom Klaus und deren einigermaßen abgedrehten Hetero-Freunden. Die Ereignisse, von denen hier die Rede sein soll, trugen sich in einer Zeit zu, als es auf dem Land noch nicht von diesen Grufties und In-Extremo-Modeopfern mit schwarzen Lederkutten, Ketten und fünfzackigen Sternen wimmelte. Sonst wären es solche wohl gewesen.
Mike hatte damals seine Stimmbruch-Stimme, die, wenn er sich aufregte, nach oben kippte, immer schriller wurde. Mikes Hang zur Hysterie war bekannt. Kaum sieht er den Klaus, quiekt er: „Oh Gott! Mein Gott! Du bist das. Das halt ich nicht aus! Ich hätt’s wissen müssen! Schon, wie der Arnd dich beschrieben hat. Klaus, der Name hätte es mir sagen müssen!“ Alle gucken. Klaus wiegelt ab, sagt, wir haben uns mal wo getroffen. Alle sind wieder im Bilde. Die Schwulen unter den Anwesenden allemal. „Mal wo getroffen.“ Ha!
Klaus und Arnd führten eine traditionelle Zweierpartnerschaft, auch wenn es gesetzlich die Homoehe damals noch nicht gab. Klaus ist acht Jahre älter, ein fleißiger Arbeiter, ein aufrechter Kamerad, den jeder gern hat. Arnd ist die spillerige Tunte, keine Sekunde still, das funkelnde Leben in unserer tristen Bude, mit seinen Scherzchen oft etwas derb, aber meint es nicht bös. Verletzen will er höchstens seinen Klaus manchmal, wenn von den Klappengeschichten was rauskommt. Denn die Schlampe von den Zwei ist Klaus, der doch so überaus seriös ausschaut.
Mit dunkler Entschlossenheit schweigen wir Mikes Geblöke tot. Bloß jetzt nicht die fliegenden Untertassen, mit denen Arnd schon mal renommiert hatte. Georgios nimmt Mike auf die Seite. Mikes Seele ist erschüttert. Ausgerechnet Arnds derzeitiges Ehegespons war ihm mal sein Schwanz der frühen Jahre gewesen.
Wir stehen diese Party durch und verbringen bei Klaus die Nacht. Im Morgengrauen geht Mike in den Tod. Gibt sich alle erdenkliche Mühe, dorthin zu gelangen. Keine Sekunde hat er geschlafen, sich statt dessen durchgerungen, alle Konsequenzen aus der unseligen Personalkonstellation auf sich zu nehmen. Er ist ins Bad und hat sich ein Handtuch ums Genick geschlungen und sich an den Wasserhahn gehängt. Dann ist rechtzeitig Klaus auf den Plan getreten, hat ein armseliges, gequältes Täubchen vor dem großen Wolf im Jenseits gerade noch mal gerettet.
Auf der Autobahn sitzen wir wie Sardinen, denn Mike ist nicht mitgekommen, sein Auto fehlt. Er kann jetzt noch nicht fahren. Erst muss Klaus dran arbeiten, damit er einsieht, dass mit seinem Opfer niemand geholfen wäre. „Der muss jetzt halt wieder in den Graben krachen, dann geht es ihm besser“, stellt Georgios nüchtern fest. „Den Hals soll er sich brechen“, fügt Arnd hinzu.
Jahre später treffe ich Mike im Zug. Er wohnt immer noch im Elternhaus, arbeitet aber inzwischen bei der Aachen-Leipziger in Heilbronn. Millionen von Kaufleuten tun ihren Job an jedem Tag, einer davon ist er. Einer mit unheimlich groß gemustertem Schlips. Ich pendle zur Zeit immer in die Medienakademie. Ständig läuft nun irgendwo in der Bahn dieser grelle Schlips mir über den Weg. Man muss Smalltalk machen mit einem, den man als blau bebrillten Suizidalen im Gedächtnis hat und nach zehn Jahren eigentlich am liebsten gar nicht mehr getroffen hätte.
Ich weiß nicht, ob Mike jetzt eher schwul ist oder wieder stinknormal. Die Krawatte spricht für Ersteres, das kanariengelbe Hemd, die blassgrünen Streifen, die das und mich seckieren. Auf Mikes Jackett könnten wir Reiseschach spielen, so gewürfelt ist das. Leid tut mir Mike aber dann doch auch wieder, als er sich in Rage redet. Ewiger Stimmbruch, meiner Treu, mit dreißig schlingert, rutscht und piepst das immer noch wie einst beim rot angelaufenen Azubi.
Schwulenmäßig treffen ich Mike aber nie irgendwo. Kann sein, dass er alles übers Internet geregelt kriegt. Deshalb fällt mir im sommerlichen Park Monate später auch kein Mike ein, als nachts um zwei ein blasser Trench mir im Finstern entgegen zwitschert.
Wenn einer Mantel trägt, gehört der hier nicht her. Mäntel, helle Mäntel erst recht, schwarze Schuhe mit klackenden Sohlen aus echtem Leder verraten uns den Touristen. Der hat sich abgeseilt vom Bankett, folgt kurz mal dem Spartacus und wird enttäuscht, in unserem Park alles logisch. Solche Typen flattern eine Runde, klackern zurück durchs Tor, dann rauscht ein BMW zum Schätzlein daheim oder zur Minibar im seelenlosen Hotelzimmer.
Der Bursche im hellen Mantel hält an, ganz in meiner Nähe. Fast wie der Handtuch-Mike sieht der aus, nur etwas dicker. Trotzdem freue ich mich, als ich merke, dass er Interesse hat. Der will gleich von Anfang an mich, ich will den gleich von Anfang an, das ist schon einen Asbach Uralt wert.
Und weil mir dieser Typ nicht besonders gefällt, weil es bei dem fast egal ist, wenn ich mir noch was verderbe, ist Anmache hier und jetzt mal ein Kinderspiel für mich. Ich renne nur einfach ran an den. Da weicht er ein letztes Mal zurück. Er geht nicht wirklich, ist eher so, als rufe er: „Komm nur her, aber halte fünf Meter Sicherheitsabstand ein!“
Trotz edlem Schuhwerk und feinem Tuch schlägt er sich nun quer über den matschigen Rasen in die feuchten Büsche hinüber. Und dass er dort hinten wartet, kann keiner wissen außer mir. Eine Einladung, die auf der Hand liegt, kombiniere ich hellsichtig. Und eben: Der Mantel ist schon auf, der Schwanz stockt steif, sein Kinn hat er nach rechts oben weggestreckt.
Als seinerzeit die ersten Kontaktlinsen kamen, hatte Mike das ähnlich gemacht, als sehe er der entflogenen Brille hinterher. Und er ist es doch! Der Handtuch-Mike! Ich erschauere. Aber dann mache ich mir klar, dass ich bei Handtuch-Mike nie landen könnte, selbst wenn mir das den nötigen Aufwand jemals wert wäre.
Ich nehme ihm den Schwanz ab, mache ihm den Gürtel auf und schiebe meine Hand unters Hemd. Alles hier ist haarig, fließend und weich, der hat mehr Speck als ich. Wer schätzt das denn, wenn einer so jung ist und fast einen Busen! Dem gängigen Schönheitsideal entspricht das nicht - und meinem auch nicht. Darum kapiere ich nicht, warum mir so ein Mike plötzlich solche Freude macht. Der ist jetzt genau der, den ich brauche. Ich mag das Weiche, wenn ich es auch nicht begreife.
Er senkt sein Kinn und küsst. Ich bin zurückhaltend, er aber will es feurig, eigentlich will ich ja auch. Wir küssen und küssen. Ich lasse den Schwanz los. Ich lächle, er lächelt. Wir lächeln uns an, und wer gegenüber lächelt, ist niemand anders als Mike, Selbstmörder und Lebensversicherungsverkäufer. Ich bin etwas verunsichert, sage „Hm“ und frage mich, kann ich den nicht stehen lassen. Er macht meinen Reißverschluss auf und nimmt meinen Kleinen zwischen die Lippen, was mir die Entscheidung aus den Händen schlägt.
Überraschend subtil macht Mike alles, mild und insistierend mit Liebe. Eben noch ist er mir so zaghaft erschienen, nun aber schafft er sich rein. Am Anfang war der Meine schlaff, jetzt träuft er. Ich weiß nicht, woher ich es weiß, aber ich weiß genau, Mike wird immer weiter machen, so lange, wie ich ihn machen lasse. So etwas erlebt man hier also immer noch, heute noch. Aber von Mike hätte ich es nicht erwartet.
Trotzdem sollte ich diese Freundlichkeit nicht über Gebühr strapazieren. Das Ende, auf das es hier zulaufen sollte, fühle ich meinerseits arg in die unbestimmte Schwebe gehoben, darum ziehe ich Mike herauf, küsse ihn, nun blase ich. Gegen Mikes Membrum gibt es kaum etwas zu sagen. Aber er hat ja nur ein einziges Ei! Das eine ist ein dünnes. Und wieder tauschen wir die Rollen.
Ich streichle sein Haar. Ganz allmählich baut sich was auf. Es kommt von weit weg her auf mich zu mit majestätischer Gelassenheit und reißt mich in einen Strudel mit Elementargewalt. Plötzlich wimmere ich, lasse alles fahren, offener Mund, geschlossener Blick, mein Schädel sinkt und lässt das Steuer gehen.
„Mir kommt’s“, warne ich gerade noch. Was weiß nach all den Jahren der Mike von mir und meinen Abenteuern und Fehltritten? Ich könnte doch positiv sein. Und doch ist das Verlangen erbarmungslos und besteht drauf, dass er dran bleiben muss jetzt bis zum bitteren Ende, dass er schlucken soll, und wäre es noch so bitter.
Und der Mike macht weiter. Ein letztes Mal halte ich mich zurück, merke den Moment, an dem ich ganz zuletzt doch noch hätte stoppen können. Mike aber schluckt es. Vielleicht sollte ich dasselbe bei ihm machen. Nun, da ich selbst gekommen bin, habe ich aber keinerlei Lust mehr, so ungerecht kann Sexualität sein. Ich drehe Mike um, knete und wichse. Er kommt sehr bald. Wir wischen uns sauber, ziehen uns an, wir nehmen uns für einen Kuss noch mal in den Arm. Schon fangen die Zungen mit ihren Spielen von vorne an. Ich zünde mir eine Zigarette an. Wir gehen vor auf den Weg.
„Mike, hab dich vorhin nicht erkannt. Hab dich auch etwas schlanker in Erinnerung.“
Mike sagt, er kommt eben aus dem Planschodream. In die Szene, sagt er, geht er schon viele Jahre nicht mehr. Mir ist zwar klar, dass ich spreche wie eine Axt im Walde, aber es will raus: „Mike, beim Sex bist du ja umwerfend! Hätt ich dir, ehrlich gesagt, nicht zugetraut.“ „Ach Ralf, hab wohl genug Lehrmeister gehabt“, sagt er. Das klingt nach bitterem Vorwurf, aber mich kann er damit nicht meinen.
„Aber, du hast ja nur ein Ei!“
„Das gibt es.“
Ich fasse das nicht, dass ich hier solchen Stuss hören muss, und er kommt mir aus dem Mund! So schön ist das gewesen mit dem Mike. Aber schon wieder bin ich dabei ihn abzutasten, ob die alten Minderwertigkeitsgefühle noch triezen.
„Tschüss“, sagt er. „Vielleicht sieht man sich hier mal wieder.“
Was dann auch geschieht, einige Male sogar. Beim dritten Mal ist er so schlank, wie er mit achtzehn nicht war. Und dieses Mal spuckt er aus.
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"Die uns bekannte Welt versinkt, indem sie Geschichten für passé erklärt, im Wahnsinn."
(John Ashberry)
Version vom 04. 06. 2009 01:26 Version vom 11. 05. 2010 14:18
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