Hauptsache es raucht

Nachtigall

Mitglied
Hauptsache es raucht

Helga lerne ich im Krankenhaus kennen. Die zierliche, etwa fünfzig jährige Frau belegt das Bett neben mir. Gestürzt sei sie, erzählt sie mit gesenktem Blick und habe sich dabei eine Rippe gebrochen. Ihr in allen Farben schillerndes Gesicht lässt mich wohl zu ungläubig staunen, denn sie wiederholt noch einmal etwas lauter, dass sie gestürzt sei.

„Er schlägt Dich oder?“ frage ich zurück. Helga flüstert „Jetzt nicht mehr, früher schon. Der Tabak war schuld“. „Der Tabak? Wie kann Tabak aus einen sonst friedlichen Mann einen Schläger machen?“ Helga beugt sich etwas zu mir herüber und wispert tonlos: „Na gut, ich erzähle es Dir, aber Du musst darüber den Mund halten. Er darf nichts davon erfahren.“ Ich verspreche es ihr und sie beginnt damit, dass sie und ihr Mann eine kleine Landwirtschaft betreiben. Sie seien absolute Selbstversorger und sogar der Tabak, den er im Laufe des Jahres in seiner Pfeife rauche sei selbst angebaut. Niemals würde er sich Tabak kaufen.

Für das Ausbringen ist ihr Mann verantwortlich. Ernten würden sie zusammen, doch das Bündeln, Trocknen und Schneiden der Blätter sei ihre Aufgabe.
Anfangs reichte der Tabak immer gut von einer Ernte zur nächsten obwohl ihr Mann von Jahr zu Jahr immer öfters seine Pfeife stopfte.
Lange ging das natürlich nicht gut und er quittierte seinen Entzug immer häufiger mit Schlägen. Er entwickelte eine tyrannische Art, die ihr Angst einjagte und selbst die beiden Buben begann er zu drangsalieren. Sie dachte natürlich daran ihn zu verlassen. Doch der Hof gab kaum etwas her und so hatte sie eine geniale Idee.
Sie musste doch nur den Tabak vermehren, dann würde wieder alles gut werden.

Zur Tabakernte schnitt sie von nun an auch eifrig Rübenblätter und hängte sie heimlich mit unter die Tabakbündel zum Trocknen. Da sie selbst Nichtraucherin war, konnte sie natürlich schlecht beurteilen wie sich immer mehr Rübenblätter geschmacklich auswirkten. Angstvoll bemerkte sie, wie ihr Angetrauter immer mehr Pfeifen anzündete, doch blieb ihr keine Wahl. Mehr und mehr Rübenblätter mussten untergemischt werden. War erst einmal alles fein geschnitten, konnte so gut wie nichts mehr schief gehen. Da sie immer sorgsam darauf achtete, dass sein Tabakkästchen gut gefüllt war, hatte er natürlich keinen Grund den Dachboden zu besteigen. So ging das jahrelang gut, ja bis eben der letzte Sturm Ziegel abdeckte und er höchstpersönlich seinen wertvollen Tabak vor dem herabprasselnden Regen in Sicherheit bringen wollte. Das konnte sie natürlich nicht zulassen.

Flugs hing sie die betroffenen Bündel ab, konnte jedoch aus Zeitnot die Leiter auf der sie balancierte nicht umstellen. Die kippte und sie fiel mit dem Gesicht nach unten auf ein altes abgestelltes Eisenbettgestell. Da sie nicht wieder auftauchte sah er nach ihr und holte den Arzt.
Jetzt ist sie hier. Als die Besuchszeit näher rückt, wird Helga immer nervöser und ängstlicher. Mit Tränen in den Augen kommt er schließlich und schiebt ihr schüchtern Pralinen zu. Helga lächelt glücklich. Sie war buchstäblich mit einem blauen Auge davongekommen. Der Tabakschwindel blieb unentdeckt.
 

strolch

Mitglied
oh ja, ich habe auf meiner arbeit oft, aggression von bewohnern, bis hin zu körperliche angriffe auf mich, weil sie zigaretten haben wollen, aber ihr taschengeld reicht nicht, um ihren zigarettenkonsum zu decken.

ja ich kann die ängste von ihr nachvollziehen, gute verwertung von rübenblatt.

hab es gern gelesen.

lg brigitte
 

strolch

Mitglied
naja alma,

es ist eben eine sucht, hast gut geschildert, wie auch das umfeld - darunter leidet

schönen we noch

lg brigitte
 

Walther

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Hi Elke,

gute Story, aber doch eher eine Kurzgeschichte. Eine Erzählung geht in der Regel über mehrere Seiten, zum Teil mit mehreren Kapiteln und baut den oder die Protagonisten in groben Strichen zur Person bereits aus.

Ich würde den Beitrag verschieben lassen, im anderen Forum würde er evtl. die Aufmerksamkeit erhalten, die er m.E., Strolch hat das zurecht bemerkt, verdient hätte.

Lieber Gruß W.
 



 
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