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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Heldentod
Eingestellt am 27. 07. 2002 21:31


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Antaris
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Heldentod

Ich wusste nicht genau, wie ich an ihn heran kommen sollte. Er hatte sich in Rekordzeit umgezogen, wuselte rastlos zwischen den St├╝hlen herum wo die letzten Musiker ihre Instrumente und Noten wegpackten, und er sah z├Ąnkisch aus. Seinesgleichen neigen dazu, Zeitungsleute nach M├Âglichkeit zu ├╝bersehen, aber er wird wohl ein paar unverf├Ąngliche Worte ├╝brig haben um ein paar Zeilen zu f├╝llen, ├╝berlegte ich. Soll ich Maestro zu ihm sagen ehe ich mich bei seinem sperrigen Namen verhaspele?

Als er sich zu mir drehte ging alles viel schneller als erwartet. Knapp und routiniert beantwortete er meine Fragen und beim Mitschreiben wusste ich schon, dass die Zitate freundlich wirkten wenn sie erst in Druckerschw├Ąrze umgesetzt waren. Der schneidenden Unterton in seiner Stimme lie├č sich nicht zu Papier bringen. Schlie├člich richtete ich das Kameraobjektiv auf das scharfkantige, zerfurchte Gesicht und z├Âgere. Er wirkt ersch├Âpft, seine Augen funkeln gereizt. Brauchte ich das Foto wirklich? Ehe ich die Kamera sinken lie├č entdecke ich einen bronzefarbenen Schimmer auf den verschr├Ąnkten Armen. Gerade als ich mich ├╝ber den unsinnigen Einfall wunderte, den Farbton auf einem Foto festhalten zu wollen, knipste jemand einen Scheinwerfer aus und die Haut auf den Armen schimmerte nur noch grau. „├ťbrigens hat mir das Konzert gefallen,“ warf ich ein. „Was ist Ihr Fachgebiet bei der Zeitung?“ entgegnet er unger├╝hrt. Ich erz├Ąhlte, dass ich von schulschw├Ąnzenden Kindern, Kommunalpolitik bis zu kranken K├╝hen f├╝r alles in der Provinz zust├Ąndig sei, Kulturelles inklusive, und bemerkte, wie sich seine Mundwinkel sarkastisch verh├Ąrteten. „Ich bin kein Musikkritiker,“ schob ich schnell hinterher. Den Saal verlie├č ich gru├člos.

Vielleicht war das Konzert nicht wirklich gut gewesen. Nat├╝rlich w├╝rde ich die Auff├╝hrung nicht ├╝berschw├Ąnglich loben, ich beschloss, alles als einen netten Abend zu beschreiben, und w├Ąhrend ich den Text formulierte bemerkte ich, dass ich meinen abweisenden Gespr├Ąchspartner zu m├Âgen begann. ├ťber viele Jahre galt er als ausgezeichneter Instrumentalist, und als Orchesterleiter war er wohl auch recht gut. Vielleicht kam er w├Ąhrend ich schrieb gerade nach Hause.

Er sah z├Ąnkisch und verlebt aus auf den Fotos die ich am n├Ąchsten Morgen aus dem Labor abholte. „Hat wohl eine harte Nacht hinter sich, der Kerl. Wir nehmen besser eins von den Musikern,“ meinte der Redakteur, der Texte und Fotos in die Zeitung f├╝r den n├Ąchsten Tag einpasste.

Vielleicht hatte ich nur schlecht fotografiert. Ich gab den sperrigen Familiennamen in die Internetsuchmaschine ein, und der Computerbildschirm zeigte eine Handvoll Fotos. Er sah auf allen Fotos z├Ąnkisch aus.

Am n├Ąchsten Tag fragte ich einen Komponist als er die Zeitung aufschlug. „Das Orchester ist eigentlich ganz gut. Ein Genie ist er nicht gerade, aber was er macht ist soweit in Ordnung,“ antwortete der Komponist und bl├Ątterte weiter. Am Konzertabend war er zu Hause geblieben.

Ich kannte die Einstellung des Komponisten. Er ging nicht zu Konzerten, die ihn nicht interessierten, weigerte sich strikt, mit Leuten, die er nicht mochte, zu sprechen, und manchmal weigerte er sich, aufzutreten. „Ehe ich mich von irgendwelchen Politikern, Betriebswirten oder anderen Idioten kaufen lasse, die sich hin und wieder mit einem K├╝nstler schm├╝cken m├╝ssen, verzichte ich lieber auf die Kohle,“ sagte er manchmal wenn er gut gelaunt war.

So kam es, das eines seiner St├╝cke von einem nerv├Âsen Spanier dirigiert wurde, der selbst deutlich weniger Vertrauen in sein K├Ânnen setzte als der Komponist. Mit einem professionell strahlenden L├Ącheln sch├╝ttelte der Spanier dem feisten Festivalintendanten die Hand, verneigte sich schlie├člich auch vor den Kaugummi kauenden Teenagern im Publikum, und die ersten Schwei├čperlen standen schon auf seiner Stirn ehe er anfing.

Ein K├╝nstler braucht ein ziemlich dickes Fell wenn er sich jahrelang in der ├ľffentlichkeit bewegt, ├╝berlegte ich. War es das? Sich tausend Mal verbeugen bis der letzte Ignorant einen fremden Namen beh├Ąlt schl├Ągt sich schnell auf das Gem├╝t. Der Musiker mit dem sperrigen Namen galt viele Jahre als ausgezeichneter Instrumentalist, und auch wenn sie nicht f├╝r den ganz gro├čen Ruhm gen├╝gt hat war seiner Karriere recht beachtlich. Die weniger Begabten verschwinden viel fr├╝her aus dem Scheinwerferlicht, oder betreten gar keine B├╝hne, und die meisten von ihnen tauchen entt├Ąuscht bis verbittert als Musiklehrer an irgendwelchen Schulen wieder auf. Das gro├če Mittelfeld h├Ąlt sich mehr oder weniger lange im Kulturbetrieb. F├╝r die T├Ąnzer ist normalerweise mit Mitte drei├čig Schluss, sp├Ątestens. S├Ąngerkarrieren enden oft fr├╝her als erhofft, die Instrumentalisten halten unterschiedlich lange durch. Manche Pianisten werden steinalt und bleiben zu erstaunlichen Leistungen f├Ąhig, aber bei den meisten Instrumentalisten l├Ąsst die Feinmotorik fr├╝her nach. Einige geben irgendwann das m├╝hselige Unterfangen auf, die Realit├Ąt an die eigenen musikalischen Visionen anzupassen und verlieren schlie├člich die Lust am Musizieren, andere werden einfach krank.

Die St├Ąrksten und Besten kommen vielleicht bis ans Dirigentenpult. Der mit dem sperrigen Namen kam als Orchesterleiter ganz gut zurecht, aber genau darin lag sein Verh├Ąngnis. Durch atemberaubende H├Âchstleistungen wird er kaum auffallen, was ihm Kritiker und Publikum fr├╝her oder sp├Ąter ├╝bel nehmen wird. Die Feuilleton schlucken ihn, die Klatschspalten spucken ihn vielleicht wieder aus ehe er entg├╝ltig verschwindet. Zerrieben wird er auf jeden Fall. Wieder einmal war ich froh, dass meine Lehrer aus mir keinen Musikkritiker gemacht hatten, und ich ertappte mich bei den Wunsch, nicht mehr ├╝ber Konzerte schreiben zu m├╝ssen, oder wenigstens dem Dirigent mit dem sperrigen Namen aus dem Weg zu gehen.

Ein paar Monate sp├Ąter ├╝berredete ich den Komponisten mitzukommen. „Besser geworden ist das Orchester nicht,“ kommentierte er in der Pause. „Irgendwann kommt jemand auf die Idee, Roboter zu programmieren die den Takt schlagen k├Ânnen. Dann fallen wenigstens die Fehler weg und die Konzertveranstalter sparen einen Haufen Geld.“

Ich hatte es schon geahnt. Die T├Âne rieselten routiniert und glatt in den Saal, Ein paar St├╝hle vor mir fr├Âstelte eine ├Ąltere, feingeistig blasse Dame, von hinten hustete jemand in die leise zirpenden Geigen, aber alle klatschten artig nach jedem Programmpunkt, also war es trotzdem ein netter Abend, oder? Das Programm war weit entfernt von Experimentalem, alles schon tausendmal geh├Ârt, und es war offensichtlich, dass Mozart, Bizet und Tschaikowsky nicht ganz so klangen, wie es sich die Konzertbesucher erhofft hatten. Ich konnte mich also nicht herausreden dass ich kein Musikexperte war wenn ich ├╝ber das Ereignis berichtete.

Der Mensch im Frack gab sich alle M├╝he. Er hatte sich auf Gedeih und Verderb in seine Aufgabe gest├╝rzt und wand sich nun in einem unsichtbaren Netz zwischen der Partitur und den Musikern. Schwei├č rann ├╝ber seinen Nacken und ich erinnerte mich an die Haut, die vor einigen Monaten f├╝r einen Augenblick bronzefarben war. Tut es weh, das Scheitern, das Ausgestauscht-Werden, die B├╝hne entg├╝ltig zu verlassen in dem Bewusstsein, fremden und eigenen Anspr├╝chen nicht gen├╝gt zu haben? Ja, und wie! Die Launen untergehender Operndiven, die Bosheit alternder namenloser Theaterleute kommen nicht von ungef├Ąhr. Wenn die Engagements ausbleiben verschwinden nicht automatisch auch die W├╝nsche der Menschen, sie gerinnen manchmal zu Entt├Ąuschungen, welche sich wie ein Fluch an die Gescheiterten haften.

Nachdem der letzte Ton verklungen war, verharrte der Gescheiterte in seiner Position. Sein Brustkorb hob und senkte sich noch einmal, dann setzte der Schlussapplaus doch noch ein. Immerhin gab es keine Buh-Rufe, es gab nie Buh-Rufe wenn K├╝nstler in diesem Saal gastierten.

Widerwillig begab ich mich schlie├člich nach vorne. Die Lokalseiten der Provinzzeitungen z├Ąhlen nicht, sagte ich mir, dann erschien er schon in Stra├čenkleidung im Gardarobengang, und er sah wirklich z├Ąnkisch aus. „Aha, die Presse“, sagte er spitzlippig als g├Ąlte es, einen Bestattungsunternehmer zu begr├╝├čen.

„Erraten“, antwortete ich. „Bringen wir es hinter uns.“


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Esel sei der Mensch, st├Ârrisch und klug

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itsme
???
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......

Sehr gut, von der ersten bis zur letzten Zeile. Eindr├╝cke aus kritisch nachdenklicher Distanz, Aspekte, die dem Konsumenten von Kultur selten nahe gebracht werden. Nicht ganz Erz├Ąhlung, mehr Essay? Irgendwie ein Hybrid aus beidem.

Gr├╝├člinge
itsme
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Life is too short to paint a single kiss

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Antaris
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Hallo itsme,

freut mich, dass Dir der Text gef├Ąllt, gerade auch, weil Du eigentlich wohl eher was f├╝r Krimis ├╝brig hast . Ich hatte schon meine Zweifel, ob der Text, der ja ├╝berhaupt nicht lustig ist, Leser findet. Ein Mittelding zwischen Essay und Erz├Ąhlung siehst Du? In anderen Worten, ich sollte also versuchen, die Gedanken besser mit den Personen und der Handlung zu verkn├╝pfen? Das wird kniffelig, aber wohl nicht unl├Âsbar...

├ťbrigens gef├Ąllt mir der Titel noch nicht, das Wort Heldentod ist eigentlich zu verbraucht und negativ besetzt. Hat jemand eine bessere Idee? Er darf ruhig zwiesp├Ąltig sein.

Mit feurigen Gr├╝├čen

Antaris
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Esel sei der Mensch, st├Ârrisch und klug

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Pasta
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Hallo Antaris!

Ein dickes Lob! Ich finde, man sp├╝rt bis in die kleinste Formulierung hinein, dass hier kein Anf├Ąnger am Werk war - und zum Gl├╝ck ist der Text nicht lustig!

Von der Tonalit├Ąt her ist er genauso richtig, wie du ihn geschrieben hast; er wird auch nicht wehleidig oder dergleichen. Dennoch zeugt dein Text von Einf├╝hlungsverm├Âgen - Empathie -: In arme Musiker- bzw. K├╝nstlerseelen ebenso wie in die des "ganz gew├Âhnlichen" Lokaljournalisten.

Besonders gut haben mir Formulierungen wie "Die Feuilleton schlucken ihn, die Klatschspalten spucken ihn vielleicht wieder aus (...)" gefallen. Das ist treffend skizziert.

Gr├╝├če

Pasta


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Lasst Euch die Kindheit nicht
austreiben! (Erich K├Ąstner)

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Antaris
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K├╝nstlerseelen

Hi Pasta,

genau so war der Text beabsichtigt *freu* Das Scheitern ist wohl die Urangst aller K├╝nstler und hat mich dazu getrieben, den Text zu Papier zu bringen.

Sagt mal, f├Ąllt denn niemandem ein besserer Titel ein? "Stirb langsam" gibt es leider schon lange, " Die Sch├Âne und das Biest" auch, und da mir auch nichts Besseres einf├Ąllt muss ich wohl total urlaubsreif sein . Ich verschwinde also mal f├╝r ungef├Ąhr zwei Wochen, und freue mich schon auf Eure Vorschl├Ąge.

Mit feurigen Gr├╝├čen

Antaris
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Esel sei der Mensch, st├Ârrisch und klug

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Pasta
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Neuer Titel

Spontan f├Ąllt mir noch "Jeder stirbt f├╝r sich allein" ein, aber auch das gibt's ja leider schon!

Hm. Werde weiter dr├╝ber nachgr├╝beln.

Sch├Ânen Urlaub w├╝nscht

Pasta

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